Montag, 08. März 2010, 07:29 Uhr

Die Rettung der A-Klasse

Es kommt im Leben eines Chefredakteurs selten oder gar nicht vor, dass er über den Erfolg einer Milliarden-Investition eines Industrie-Unternehmens mitentscheidet. Mir ist dies 1997 passiert. Wie jedes Jahr stand die Verleihung des “Goldenen Lenkrades” von “Bild am Sonntag” an – einer der bedeutendsten Autopreise der Welt. Für die Autoindustrie ist das “Goldene Lenkrad”  im wahrsten Sinn des Wortes Gold wert, denn es schlägt sich in den Verkaufszahlen nieder. 

Das “Goldene Lenkrad” wird an die besten neuen Autos des Jahres in verschiedenen Klassen verliehen. Darüber entscheidet eine unabhängige Jury aus Fachleuten und prominenten Laien (ohne Beteiligung von Redakteuren der BamS), die zwei Tage lang die Wagen testen. In der kleinsten Klasse hatte sich die Jury für die neue A-Klasse von Merecedes entschieden. 

In der Zeit zwischen Jury-Entscheidung und Verleihung warfen schwedische Autotester die A-Klasse beim sogenannten  “Elchtest” um. Ein Super-GAU für Mercedes, aber auch ein Desaster für BamS, denn die Verleihung drohte zur lächerlichen Veranstaltung zu werden. Die BamS-Jury hatte natürlich keinen Elchtest gemacht, das war in Deutschland nicht üblich. Mercedes reagierte sofort und rüstete die A-Klasse mit dem elektronischen Stabilitätsprogramm ESP nach, aber das Auto blieb das Gespött von Branche und Öffentlichkeit. Ich stand vor der Entscheidung, ob die A-Klasse unter diesen Umständen noch das “Goldene Lenkrad” erhalten kann.

Im Hintergrund munitionierte VW mit seinem umtriebigen Kommunikationschef Klaus Kocks den Springer-Vorstand mit Material gegen die A-Klasse. Denn der neue VW-Golf wäre der automatische Nachrücker gewesen. Ich entschied, dass der finnische Rallye-Profi Rauno  Aaltonen (Jury-Mitglied des “Goldenen Lenkrades”) die A-Klasse mit ESP noch einmal testet.

Am Vorabend der Verleihung kulminierten die Ereignisse: Springer-Aufsichtsratschef Bernhard Servatius rief mich an und erwartete von mir, die A-Klasse nicht auszuzeichnen (“Das werden Sie doch nicht tun?”), Springer-Vorstandschef Jürgen Richter sagte: “Das müssen Sie ganz allein entscheiden. Ich stehe auf jeden Fall hinter Ihnen” – aber mit dem unausgesprochenen Nebensatz: “Sie müssen schon selbst sehen, wie Sie aus dem Schlamassel rauskommen”. Zur selben Zeit kam Aaltonen von dem Test zurück und erklärte, die A-Klasse sei mit ESP jetzt völlig sicher.

Ich entschied also, dass es bei dem “Goldenen Lenkrad” für die A-Klasse bleibt und informierte abends um 22 Uhr Mercedes-Chef Jürgen Hubbert, der mich überglücklich fragte: “Wie können wir Ihnen dafür danken?”. Da der Dank für meine Arbeit mein Springer-Gehalt war, antwortete ich: “Ist schon gut, wenn aber alles vorbei ist, können Sie mich mal zum Elch-Essen einladen”.

Für die A-Klasse war dies die entscheidende Wende. Einige Zeit später traf ich Daimler-Chef Jürgen Schrempp bei einer gesellschaftlichen Veranstaltung. Er stellte mich seiner Frau mit den Worten vor: “Das ist der Mann, der die A-Klasse gerettet hat”.

Von Hubbert habe ich übrigens nichts mehr gehört.

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8 Kommentare

1) Wolfram Wuttke, Montag, 08. März 2010, 20:52 Uhr

Wieso hat man vom Hubbert nichts mehr gehört?

2) Dominik Schwarz, Dienstag, 09. März 2010, 09:11 Uhr

@Wolfram Wuttke:
… weil Hubbert das mit dem Elchessen als Scherz aufgefasst hat.

Nette geschichte übrigens. Hat Spaß gemacht.

3) manuel, Dienstag, 09. März 2010, 09:41 Uhr

sie sind so toll

4) pyrrhussieg.wordpress.com, Dienstag, 09. März 2010, 12:38 Uhr

Und ich dachte tatsächlich immer, dass das Goldene Lenkrad einfach nur so eine bezahlte Geschichte ist. Ich hätte es ja nie für möglich gehalten, dass dahinter eine deart seriöse Vorgehensweise steckt.

Aber immerhin: Die A-Klasse bleibt in meinen Augen trotzdem hässlich und langweilig zugleich.

5) jürgen, Dienstag, 09. März 2010, 14:50 Uhr

freut mich doch sehr, an die guten
alten bams-zeiten erinnert zu wer-
den! da ging’s noch offen und vor
allem ehrlich zu…

6) Frank R., Montag, 15. März 2010, 12:25 Uhr

Das erinnert mich an ein kürzliches Ereignis. Nämlich den Wiedereintritt eines gewissen Herrn Schumacher in die Formel Automobilmarketing und den überaus späten Kommentar einer Herr Künast vom Bündnis 2010. Letzterer möchte am liebsten die Formel vom Medienthron gestürzt wissen, um eventuell mal wieder in Sachen 1-DM-pro-Nahverkehr punkten zu können. Deswegen muss der obendrein zu alte Schumacher sehr böse sein, wenn er nun seine Schweizer Liegenschaften (dort) wieder selbst bezahlen möchte (Verkauf und Miete waren wohl leider gescheitert).

Der erstere von diesen beiden Rentnern hat hingegen zu Protokoll erklärt, sein 3jähriger Vertrag sei mit persönlichen Zielen im Zuge der Veränderung der Formel verknüpft, die nun (mitsamt allen ursprünglichen Rivalen als applaudierende Stewards) Effizienz zum Ziel hat. Das schmeckt Herrn Künast offenbar wenig.

Immerhin musste das Know-How zunächst heimlich und direkt von Ferrari, und nun über Honda via Ross Brawn zu Mercedes migriert werden, anstatt einfach direkt bei Siemens über die Telekom abgehört zu werden. Ob nun jemand Abschiebung über Köpenick nun fürchten muss ?

Ferrari hat unterdes sein (Getreide-) Öl angeblich um 90% schadstoffärmer ausgestaltet.

Auf solche Entwicklungen sollten wir selbstverständlich verzichten,
denn auch Du bist Deutschland.

PS: Sollte Elchfleisch auf diese Entwicklung hin günstiger als Getreide werden, melden Sie sich doch mal bei mir, dann gehn wir beide hübsch essen. Vielleicht lädt uns Guido ja zum Schmaus auf Steuergelder ein, es soll sich schließlich ja mal wieder so richtig lohnen. Richten Sie aus, ein Langzeitflug wäre das passende Ambiente, immerhin sind da Sicherheit und Freiheit gegeben.

Eine amüsante und ereignisreiche Woche wünscht,

7) Wolfgang H. Inhester, Montag, 19. April 2010, 17:47 Uhr

Lieber Herr Spreng,
mit genussvollem Interesse verfolge ich Ihren wunderbaren Blog, nicht ahnend, dass ich auch einmal indirekt Teil einer Ihrer Geschichten werde. Als der Elch auf die schwedische Lichtung trat und die A-Klasse aufs Dach kegelte, war ich der verantwortliche Kommunikationschef bei Mercedes-Benz. Wir hatten in der heißen Krisenphase zwei Hauptprobleme: 1. Bei unseren “Elchtests”, die die Mercedes-Ingenieure und auch teilweise ich (als ehemaliger Motorsportler) praktisch rund um die Uhr fuhren, kipte die A-Klasse trotz extremster Belastungen auf den Teststrecken in Papenburg, Stuttgart und Barcelona nicht um. Erst nach 15 Tagen kamen wir zu der Erkenntnis, dass es den sehr rauhen Asphaltbelag eines Flughafens bzw. einer Rennstrecke bedurfte, um den Wagen zu kippen. Dies geschah seinerzeit auf dem kleinen Flughafen von Malmsheim bei Stuttgart, wo wir anschließend auch zahlreiche Modelle anderer Hersteller ohne besondere Anstrengungen umwarfen. 2. Das “Goldene Lenkrad” sollte für uns der kommunikative Wendepunkt in der Krise werden, zumal wir nach dem “erfolgreichen” Eigentest endlich den Beleg für den Fehler hatten und das umfangreiche Maßnahmenpaket feststand. Im Gegensatz zu den Wolfsburger Kollegen haben wir in dieser für Sie zweifelsohne auch schwierigen Phase weder bei Ihnen noch beim Aufsichtsrat interveniert oder in irgendeiner Form versucht, Druck auszuüben (Sie werden sich erinnern). Wir taten dies übrigens weder bei Springer noch bei irgend einem anderen Verlag, ganz im Gegensatz zu anderen Wettbewerbern. Wir haben auch weder die Fotos noch das Video der im “Elchtest” umgekippten Fremdfabrikate jemals einer Publikation zugespielt. Als ehemaliger Journalist selbst oft von Interessenvertretern bedrängt, habe ich mich stets für einen sachlich fairen und respektvollen Umgang mit den Medien eingesetzt. “Überzeugen statt Überreden!” Deshalb ist es in der Krisenpahse im Oktober/November 1997 auch zu keinem direkten Kontakt mit Ihnen als BamS-Chefredakteur gekommen, sondern lediglich mit dem damaligen Ressortchef Peter Maahn. Ihm machte ich den Vorschlag, kurzfristig einen Nachtest mit der überarbeiteten A-Klasse mit ESP zu fahren, wie sie dann drei Monate später auf den Markt kommen sollte. Mein einziger Wunsch war, diesen Test nur vom Jury-Mitglied Rauno Aaltonen dürchführen zu lassen, der einer der anerkanntesten Fahrwerksspezialisten im Automobilbereich ist und für seine Unabhängigkeit geschätzt wird. Der Test fand drei Tage vor der “Goldenen Lenkrad-Verleihung” auf einer Teststrecke in München statt – und er wurde vollständig per Foto und Film dokumentiert. Dazu hatten wir extra auch einen Notar beauftragt, den ordnungsgemäßen Ablauf zu überwachen. Aaltonen bewegte die A-Klasse mit einer Vehemenz durch die Pylonengasse, das wir Angst hatten, der Wagen könnte doch noch kippen. Aber nach zahlreichen Versuchen war sein Urteil eindeutig: Diese “neue” A-Klasse ist absolut sicher. Wir wußten, wie schwierig die Situation für die Redaktion und besonders für Sie war. Umso sicherer konnten Sie anschließend Ihre Entscheidung treffen, die für viele überraschend war, aber den Tatsachen entsprach und bis heute nicht revidiert werden musste. In der Tat war das “Goldene Lenkrad” gemeinsam mit unserer einen Tag zuvor großflächig bekanntgegebenen Information “Wir haben die Lösung” der entscheidene Wendepunkt der kurzen, aber dramatischen Krise, deren Lösung bis heute als Musterfall für ein gutes und kundenorientiertes Krisenmanagement gilt. So wurde das “Goldene Lenkrad” für uns zum Rettungsanker und für das Auto zum Gütesiegel. Jetzt, nach zwölfeinhalb Jahren möchte ich die Gelegenheit nutzen, Ihnen dafür nochmals zu danken.
Beste Grüße
Wolfgang H. Inhester

8) gece, Donnerstag, 22. Juli 2010, 00:16 Uhr

@ Wolfgang H. Inhester

Tja, das menschliche Gedächtnis ist ein eigen Ding und so hat auch jeder seine persönlichen Erinnerungen an diese – recht extraordinaire – Begebenheit.

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