Sonntag, 21. März 2010, 12:40 Uhr

Eine Samtpfote fährt die Krallen aus

Erfunden hat den Begriff der Meinungsforscher Matthias Jung: “Asymmetrische Mobilisierung”. Gemünzt war er auf den Wahlkampfvermeidungswahlkampf Angela Merkels 2009. Nicht die eigenen Anhänger sollten in erster Linie mobilisiert, sondern die Wähler der konkurrierenden Parteien demobilisert werden. Sie sollen eingeschläfert werden, zu Hause bleiben. Deshalb keine Konfrontation, keine Polarisierung, wenig Konturen.

Das Risiko dabei: auch die eigenen Wähler werden nicht mobilisiert. Merkel hat diese Strategie früher einmal genannt: “Auf Samtpfoten an die Macht” – oder an der Macht bleiben. So geschah es 2009: die SPD-Wähler blieben zu Hause, Merkel wurde wieder Kanzlerin, aber um den Preis von 14,6 Prozent FDP-Wählern, nur 33,8 Prozent für die CDU und weiter sinkender Wahlbeteiligung. 

Jetzt scheint die “asymmetrische Mobilisierung”, kaum dass sie zum Begriff geworden ist, wieder ihrem Ende entgegenzugehen. In Nordrhein-Westfalen hatte Jürgen Rüttgers zwar lange Zeit auch damit geliebäugelt, aber auf dem CDU-Landesparteitag hat er das Ruder herumgerissen, polarisiert und polemisiert wie lange nicht mehr. Seine SPD-Gegenspielerin  Hannelore Kraft sei “nicht ehrlich”, “nicht verlässlich”, SPD-Chef Sigmar Gabriel “charakterlos”, die Grünen “machtgeil” , die Linkspartei wolle “dem kleinen Mann die Immobilien wegnehmen”. Das ist Mobilisierung pur – der eigenen Leute, aber auch der Wähler der gegnerischen Parteien. Samtpfote Rüttgers hat die Krallen ausgefahren.

Rüttgers konnte wohl nicht mehr anders: nach den schlechten Umfragen für Schwarz-Gelb und die CDU speziell, nach der Sponsering-Affäre musste er sich erst einmal wieder der Gefolgschaft der eigenen Leute versichern. Und er muss gegen die von Berlin ausgehende Demobilisierung der CDU-Wähler ankämpfen. Das geht nicht lauwarm.

Außerdem hatte Guido Westerwelle mit seinen Hartz-IV-Tiraden den Ton für den NRW-Wahlkampf vorgegeben und dafür gesorgt, dass  “Die Linke” wieder ein Feindbild bekam und vor der Fünf-Prozent-Hürde nicht länger zittern musste. Und auch Westerwelle getrieben von der Angst, in Zeiten dramatisch sinkender Umfragezahlen nicht einmal mehr den harten Kern der FDP-Wähler mobilisieren zu können.

Jetzt wissen die Wähler in NRW am 9. Mai, woran sie sind. Es wird wieder symmetrisch mobilisiert. Die Parteien unterscheiden sich wieder. Es gibt Gründe, zur Wahl zu gehen.

Sie können Ihren eigenen Kommentar weiter unten abgeben.

19 Kommentare

1) JG, Sonntag, 21. März 2010, 16:10 Uhr

Wie gut wird es ankommen, wenn Herr Rüttgers am 9. Mai ab zirka 19 Uhr Koalitionsverhandlungen anbahnen wird mit den machtgeilen Grünen oder auch, insbesondere falls es nicht mal mehr für Schwarz-Grün reichen sollte, der unehrlichen, nicht verläßlichen Frau Kraft (schon um zu verhindern, daß ganz NRW, CDU, FDP und Co. zufolge, in einen Gulag umgewandelt wird, in dem zudem das pure Chaos herrscht, merke: “Deutsche Arbeiter! Die Linke will Euch Eure Villen im Tessin wegnehmen!”). Dann werden die gewaltigen Unterschiede zwischen den Parteien, welche man jetzt dem Publikum zuliebe mal wieder inszeniert, ganz schnell verschwunden und der Demokratische Block der BRD wird wieder geschlossen sein. Aber auf ein bißchen mehr Politikverdrossenheit kommt es jetzt auch schon nicht mehr an.

Wie wäre es noch mit ein paar abstrusen Wahlversprechen?

2) Marqu, Sonntag, 21. März 2010, 16:22 Uhr

Nur mal so, wenn ROT-GRÜN in den Umfragen vorne bleibt und es gelänge die LINKE aus dem Landtag rauszuhalten, dann wäre Herr Rüttgers ganz schnell ganz leise.

ABER, sobalt SPD und CDU etwa auf einem Niveau sind, was die Stimmen betrifft, dann wirds richtig kriminell.

Will sagen: Vielleicht wir dieser Wahlkampf ja ein WahlKAMPF.

3) MartinR, Sonntag, 21. März 2010, 16:46 Uhr

Hui, dass jetzt langsam böse Worte fallen, wo sich der Wahltag langsam nähert – davon habe ich trotz extensiver Mediennutzung bislang wenig mitbekommen. Und das, obwohl ich mittendrin wohne, in NRW.

Mir fehlt vorläufig etwas der Glaube, dass in den zitierten Rüttgers’schen Worten schon – im Doppelsinne – rechte Kraftsprüche steckten, die zur Polarisierung (und damit ja auch nur sehr eventuell zur Mobilisierung) beitrügen:

# Lörchen Kraft ist nicht ehrlich? – Sie hätte wohl den Beruf verfehlt, wenn sie es wäre. Fragt sich höchstens, ob sie im alleinstellungsmerkmalenden Ruf der Ehrlichkeit steht. Ist das ihr Image, das jetzt angekratzt wird, ja hat die SPD-hüstel, hüstel-Spitzenfrau überhaupt schon eines?
(Ypsilanti als Lichtfigur ließ sich m.E. nur als solche ankratzen, weil Koch so viel Schatten produzierte.)

# Gabriel ist charakterlos? – Mir ist nicht bekannt, dass die Falstaff-Figur in NRW zur Wahl stünde. Und eine Kursvorgabe, die hier vom Wahlvolk korrigiert oder bestätigt werden könnte, hat er (oder ein SPD-“Führer” nach Schröder) eine solche je publik gemacht?
(Im Übrigen haben Dicke schon grundsätzlich eine Charakterschwäche, wie ich selbst beim Blick auf die Waage feststellen muss.)

# GRÜNE sind machtgeil. Aha. Wie gut, dass es in der Politik um gute Taten, das Gemeinwohl und nie, nie, nie um Macht geht. Man darf kichern. Der Spruch würde funktionieren, wenn die CDU (die SPD konnte das vielleicht mal unter Helmut Schmidt) das Gemeinwohl oder eine ähnliche rhetorische Zaubertüte monopolisieren könnte. Kann sie aber nicht. Gegen welches positive Politikbild zeichnet sich denn böse Machtgeilheit ab?
Politiker, die Politikern Machtgeilheit vorwerfen, gleichen Kindergartenkindern, die Kindergartenkindern vorhalten, spielsüchtig zu sein.

# Linke wollen dem kleinen Mann die Immobilien wegnehmen? – Mir sind als tendenziell grün-schwarzem Liberalen die Linken ja soooo sympathisch, dass ich jedem Kandidaten aus dem Westen wünsche, er würde einmal ein Big-Brother-Wochenende im “Gelben Elend” von Bautzen zu Original-Hege & Pflege-Bedingungen machen, damit er weiß, mit welchen Genossen er da so gemeinsame Sache macht.
Dass aber CDU/FDP-Politiker es sind, die ganz real “kleinen Leuten” die Wohnungen madig machen, indem sie öffentlichen Wohnraum an windige Risikokapitalunternehmen vekaufen, dem Kampf dagegen haben sich die Linken wohl am deutlichsten verschrieben.

Es darf gewettet werden: Polarisierungsversuche verpuffen, die Wahlbeteiligung bleibt in NRW bei 50 Prozent oder darunter. Und die Bundesbienenkönigin findet es sogar klasse. Denn:
Ein möglichst heterogener Bundesrat, was kann sich eine langfristig denkende Physikerin (zu deren Freundeskreis ein kluger Ex-McKinsey-Chef zählen soll) denn schöneres wünschen, dieses weitgehend dysfunktionale Gremium langsam zu entmachten?

4) Dierk, Sonntag, 21. März 2010, 18:04 Uhr

Tja, Herr Rüttgers, wer nichts zu sagen hat, der schreit.

Gilt natürlich auch für all die anderen Knallchargen, die meinen, Wahlkampf muss so schmutzig und eklig sein wie Ultimate Fighting.

5) suki11, Montag, 22. März 2010, 08:13 Uhr

Statt so einer positiven Formulierung “Eine Samtpfote fährt die Krallen aus” könnte man auch formulieren
“Ein Papiertiger spitzt seinen Bleistift”, oder sowas in der Art. 🙂

6) Chat Atkins, Montag, 22. März 2010, 08:58 Uhr

Getretene Hunde beißen eben …

7) JTB, Montag, 22. März 2010, 13:04 Uhr

Schön wär’s, wenn mal wieder richtig Wahlkampf wäre. In der Theorie ist die Wahlentscheidung des Wählers eine Auswahl zwischen mehreren Politikangeboten. Bei Stammwählern habituell, nur gibt es die ja immer weniger. Alle anderen möchten sich gerne ein Bild machen, was die Parteien sich für die nächsten Jahre vornehmen. Wenn das mehr oder minder kunstvoll verborgen gehalten wird, haben die Wähler es schwer. Und die Demokratie auch. So erfolgreich der Nichtwahlkampf unter taktischen Gesichtspunkten für Frau Merkel auch gewesen sein mag, es sollte bitte zukünftig wieder Wahlkampf geben. Schlimmer als gebrochene Wahlversprechen sind gar keine Aussagen.

8) panther, Montag, 22. März 2010, 13:50 Uhr

Zu Herrn Rüttgers fallen mir viele Assoziationen ein, die der Samtpfote sicherlich nicht.Er geriert sich gern als Volkstribun und selbst die gereckten Arme Richtung Delegierte auf dem CDU Parteitag in Münster spiegeln sein narzisstisches Eigenbild .Sein hemmungsloser Populismus, ohne einen Funken Vision und echter Menschennähe, rücken ihn in die gleiche Liga wie Herrn Westerwelle.
Was Malcolm Gladwell in seinem Buch Blink-die Macht des Moments- so treffend über Warren Harding, einen nach Meinung der Historiker miserablsten Präsidenten der USA schreibt:… tat er nichts, was ihn in irgendeiner Weise ausgezeichnet hätte. Einer seiner politischen Gegner beschrieb seine Reden einmal als” eine Armee pompöser Phrasen, die auf der Suche nach einem Gedanken durch die Gegend irrt”,
gilt ungebremst für die beiden.

9) Doktor Hong, Montag, 22. März 2010, 14:01 Uhr

Soso, ein krakelender Dr. Rüttgers ist auf einmal ein Grund, zur Wahl zu gehen.

Was hat man mir damals bloß erzählt, als man meinte, verantwortlich und informiert zu wählen sei eine staatsbürgerliche Pflicht?

Ich vermute, genau diese Auffassung ist es, die in heutigen Zeiten das Wählen eines Parlaments zu einem so frustrierenden Geschäft machen.

Vielleicht wird es ja mal wieder besser, wer weiß. Auch in Fußball-Nationalmannschaften fluktuiert bekanntlich die Qualität des Personals, und manchmal bewegt uns das mehr als die Qualität unserer Führungsschichten (von “Eliten” kann man bei dieser armseligen Leistung wohl kaum sprechen).

10) Doktor Hong, Montag, 22. März 2010, 14:05 Uhr

@suki11

Ich finde Ihre Beobachtung ganz treffend, die markigen Sprüche des Herrn Dr. Rüttgers, der so gerne nassforsch rüberkommen möchte, passen irgendwie nicht.

11) M.M., Montag, 22. März 2010, 14:49 Uhr

Würgt er wieder die männlichen Chinesen?

12) Marqu, Montag, 22. März 2010, 18:09 Uhr

Stiiiiimmt! Richtig lustig wird der Wahlkampf der pseudo-konservativen CDU Ministerpräsidenten ja erst, wenn sie über Ausländer oder Jugendliche schimpfen. Sowas wird sich Rüttgers aber so schnell nicht trauen …

13) PeterM, Dienstag, 23. März 2010, 08:31 Uhr

Auch halte Herrn Sprengs Bild für nicht zutreffend, wenn nicht sogar pathetisch. Ich persönlich finde die Beschreibung ‘Bettvorleger’ besser.

14) Christian, Dienstag, 23. März 2010, 11:51 Uhr

Lieber Herr Spreng,

War der Begriffe nicht asymmetrische DEmobilisierung? Oder erinnere ich mich da falsch?

PS: Sie beschreiben schön die Strategie. Was mich interessieren noch mehr würde: Was glaubt der alte Wahlkämpfer Spreng: Wird sie funktionieren und warum bzw. warum nicht?

15) m.spreng, Dienstag, 23. März 2010, 13:00 Uhr

@Christian

Beide Begriffe geistern durch die Landschaft. “Asymmetrische Mobilisierung” scheint mir mehr Sinn zu machen und so wird er auch in den Berliner Diskussionen in der Regel benutzt. Ich halte übrigens gar nichts davon, es wäre ja auch 2009 für Merkel beinahe schiefgegangen. Wählkämpfe heissen Wahlkämpfe, weil mit Unterscheidbarkeit, Konfrontation und auch Polarisierung gekämpft werden soll. Die “asymmetrische Mobilisierung” schläfert auch die eigenen Leute ein und eine Partei kann so auch scheitern. Deshalb hat wohl auch Rüttgers umgeschaltet.

16) vera, Dienstag, 23. März 2010, 13:39 Uhr

also, ich frach mich ja schon wieder: geht’s eigentlich bloß um wahlkampf und geliebt werden, oder irgendwie auch so ‘n bißchen ums regieren? volk? bürger? war nur so ‘ne idee.

17) Doktor Hong, Dienstag, 23. März 2010, 19:20 Uhr

@panther:

Ja, aber er SAH HALT AUS wie ein Präsident 😉

Passt auch gut auf Gutenberg 😉

18) Daniel Leisegang, Dienstag, 23. März 2010, 20:54 Uhr

Heißt es jetzt “asymmetrische Mobilisierung” oder “asymmetrische Demobilisierung”? (vgl.: http://www.bpb.de/publikationen/DFDWND,3,0,Regierungswechsel_ohne_Wechselstimmung.html)

Viele Grüße
Daniel Leisegang

19) Daniel Leisegang, Dienstag, 23. März 2010, 20:55 Uhr

Zu spät gesehen: Ist ja bereits beantwortet.

Wie ist Ihre Meinung?

Kommentar schreiben


Ihr Kommentar *


* Pflichtfelder