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„Horst warum?“

Dieses Wochenende hat der Bundespräsident kein Interview gegeben. Das ist auch gut so. Denn das letzte hätte er besser auch sein gelassen. Ein bisschen Mäkelei an der Arbeit der Regierungskoalition, ein halbherziges Plädoyer für höhere Benzinpreise. Das ist alles, was von dem Interview hängengeblieben ist. Das ist für einen Bundespräsidenten zu wenig und es sind die falschen Themen. Das erste war wohlfeil und das zweite, die Benzinpreise, eine zu kleine Münze für einen Präsidenten. Sein Neustart nach langen Monaten des Schweigens und der internen Amtsquerelen ist misslungen. Und dann noch der schreckliche „Focus“-Titel: „Köhler rechnet ab“. Der Zorro von Schloss Bellevue? Es dauerte kaum zwei Tage, dann ging das politische Berlin wieder zur Tagesordnung über.

Das ist schade, denn aus dem Amt kann man etwas machen. Richard von Weizsäcker hat es fast beängstigend perfekt vorgemacht, Johannes Rau hatte mit der deutsch-jüdischen Aussöhnung sein Thema und von Roman Herzog ist zumindest die erste Ruck-Rede in Erinnerung, wenn er auch seine Ruck-Reden anschließend etwas inflationierte. Bundespräsidenten haben nur die Kraft der Worte. Damit diese durchdringen, brauchen sie ein natürliche, in langen Jahren gewachsene Autorität, im besten Fall eine besondere Aura, wie sie Richard von Weizsäcker oder Theodor Heuss zueigen war.

Horst Köhler hat leider nichts davon. Das ist nicht seine Schuld: woher sollte er diese Autorität oder gar Aura haben? Die erwirbt man weder beim Sparkassenverband noch beim Weltwährungsfonds. Diese erwirbt man in einem langen politischen Leben, gereift in unterschiedlichen verantwortlichen Positionen des Staates. Horst Köhler aber wurde nur deshalb Bundespräsident, weil Angela Merkel und Guido Westerwelle unbedingt Wolfgang Schäuble als Bundespräsidenten verhindern wollten, weil sie einen Mann suchten, der einerseits für ihre geplante wirtschaftsliberale Reformpolitik stehen und andererseits ihre Kreise nicht stören sollte. So kämpfte Edmund Stoiber 2004 an Westerwelles Küchentisch einen aussichtslosen Kampf für Schäuble. Dass es hinterher mit der großen Koalition sowieso alles ganz anders kam, ist eine Ironie der Geschichte.

Und jetzt also Horst Köhler. Er sitzt in seinem Schloss Bellevue und versucht verzweifelt, die großen Schuhe seiner Vorgänger auszufüllen. Seine erste Amtszeit hat er noch ganz ordentlich und unfallfrei über die Runden gebracht, jetzt aber werden seine Defizite immer offensichtlicher. Er kennt und ihm liegt das politische Spiel nicht, er hat keine Erfahrung im Umgang mit den Medien und der beste Berater hat ihn verlassen. „Horst wer?“ ist jetzt „Horst warum?“. Und es gelingt ihm nicht, diese Frage zu beantworten. Wer immer ihm zur zweiten Amtszeit geraten hat, hat ihm keinen Gefallen getan.

Dabei gäbe es tatsächlich wichtige Themen für einen Präsidenten: Kindesmissbrauch zum Beispiel. Da wäre moralische Autorität gefragt, nachdem die kirchlichen Autoritäten abgedankt haben. Oder die verzweifelte Lage alleinerziehender Mütter und ihrer Kinder, deren Schicksal durch das Hartz-IV-Urteil wieder ins Licht gerückt wurde. Oder die Krise Europas, die den Menschen Angst macht. Ein Bundespräsident mit moralischer Autorität wäre heute wichtiger denn je. Aber Horst Köhler muss an diesem Anspruch scheitern. Dafür reicht es nicht, ein rechtschaffener und sympathischer Mann zu sein.

In den nächsten Monaten wird es noch einige Versuche des Präsidenten geben, durch Reden und Interviews an Autorität und Relevanz zu gewinnen. Es ist aber zu befürchten, dass dies nicht gelingt. Das ist traurig. Das wird noch eine lange, bittere Dienstfahrt für Horst Köhler. Er tut einem leid. Und das sollte ein Bundespräsident nicht tun.