Dienstag, 06. April 2010, 12:44 Uhr

Wie umsonst ist der Tod?

In der aktuellen Afghanistan-Debatte stört mich ein Wort ganz besonders: “umsonst”. Das entwertete Wort aus der Schnäppchenmarkt-Sprache beherrscht viele der Stellungnahmen nach dem Tod der drei deutschen Soldaten. “Unsere Soldaten sind nicht umsonst gefallen”, sagt Verteidigungsminister zu Guttenberg, “Ihr Tod darf nicht umsonst gewesen sein”, meinen andere. Diese Sätze erinnern in ihrer ganzen politischen Hilfslosigkeit fatal an den Satz: “Umsonst ist nur der Tod und der kostet das Leben”.

Gemeint ist wohl “sinnlos”, der Tod der Soldaten mache, so grausam und endgültig er ist, einen Sinn, er war nicht vergebens. Selbst dann, wenn der Tod nicht sinnlos gewesen sein sollte, setzt diese Rhetorik dennoch einen gefährlichen Kreislauf in Gang: damit 39 Soldaten nicht sinnlos und vergebens gestorben sind, muss weitergekämpft werden, bis immer neue Soldaten “nicht umsonst” sterben. Zumindest bis 2011, denn dann soll der Abzug beginnen. Hat der Sinn des Todes deutscher Soldaten in Afghanistan eine Datumsgrenze?

Und wenn der Tod angeblich einen Sinn hat, dann ist es der Bundesregierung und den Parteien, die den Afghanistan-Einsatz im Parlament tragen, bis heute nicht gelungen, diesen Sinn den Bürgern verständlich zu machen. Wie auch? Weder ist der internationale Terror eingedämmt, noch ist das Land friedlicher geworden, noch hat die Polizei-Ausbildung zu einer funktionierenden Polizeitruppe geführt, noch ist es gelungen, wenigstens einen Hauch von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu implantieren. Im Gegenteil: Wahlfälschung, Korruption, Drogenanbau und Gewaltherrschaft von Warlords haben mehr Konjunktur denn je. Und alle Parteien geben zu, dass der Krieg in Afghanistan ohnehin nicht zu gewinnen ist.

Wenn CDU/CSU, FDP und SPD schon nicht in der Lage sind, aus diesem sinnlosen Krieg auszusteigen, dann sollten sie zumindest “umsonst” aus ihrem Wortschatz verbannen.

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28 Kommentare

1) Hans Hütt, Dienstag, 06. April 2010, 13:28 Uhr

In der Tat ist dieses “umsonst” Indiz für das Politikversagen. Es steht in einem beredten Kontrast zu den Kosten des Afghanistankriegs, den die Amerikaner mit 1 Mrd. $ pro 1000 Soldaten im Jahr beziffern. Die von den Taliban gebrauchten “IED” (improvised explosive devices) kosten dagegen pro Stück weniger als 10 $ und zerstören Panzer, die über eine Millionen kosten. Nun droht sogar der große Verbündete der NATO in Kabul (Präsident Karzai, der sich angeblich kaum aus dem Palast traut), auf die Seite der Taliban zu wechseln.
Gespenstisch schließlich der Trauerappell in Kunduz mit dem Sieg-Gelöbnis des kommandierenden Generals. Diese Lebenslügen rächen sich grausam.

2) max, Dienstag, 06. April 2010, 14:41 Uhr

vollkommen richtig. genauso daneben ist die aussage: “es handelt sich >>umgangssprachlich<< um krieg”. was heißt denn bitte ein umgangsspachlicher krieg?

3) Besserwisser, Dienstag, 06. April 2010, 14:45 Uhr

umsonst verhält sich zu sinnlos wie das von Ihnen genutzte “Sinn machen” zu “Sinn haben”

4) m.spreng, Dienstag, 06. April 2010, 14:50 Uhr

@Besserwisser

Wo der Besserwisser recht hat, hat er recht. Ich habe das geändert. Das war schludrig.

5) marcpool, Dienstag, 06. April 2010, 18:02 Uhr

Ist Afganistan nicht schon längst über das Verfallsdatum hinaus ? Keine Erfolge, Keine demokratischen Entwicklungen ( falls dies überhaupt ein Ziel war ? ) Alles verzettelt, Korruption und kein Ende . Es ist keine Strategie erkennbar, die unseren Soldaten wirklich Rückhalt gewährt. Und von Merkel und Westerwelle kommt dazu viel zu wenig. Stets Mandat verlängern, und doch keine Änderung in Sicht. Noch mehr Geld wie es jetzt durch FDP und Westerwelle eingebracht wurde , löst das Problem überhaupt nicht. Es lässt nur die Korruption weiter wachsen, und die “Karsais dieser Welt” reiben sich die Händchen . Geht doch alles gut auf ! Und wir betrauern wieder einmal Soldaten, die gerade von Leuten wie zG jetzt mit den Worten nicht sinnlos beweint werden ? Wenn es ein Krieg ist, dann sollte der Bundestag darüber neu entscheiden , “umgangssprachlicher” Krieg gibt es nicht . Holt unsere Männer da raus umgangssprachlich – Aufgabe .

6) Jack Bristow, Dienstag, 06. April 2010, 18:06 Uhr

Sie behaupten pauschal der Einsatz der Aliierten hätte bis heute nicht den geringsten Effekt gehabt. Läuft wohl nach dem Motto: “Ich mach’ die Welt, widde-widde-wie sie mir gefällt”. Muss wohl an der verkorksten Peter Scholl-Latour Logik legen… Wir wollen das blöde Afghanistan allerdings überhaupt nicht besetzen, kolonisieren oder sonstwie ausschlachten. Klar, geopolitische Ineteressen (was auch sonst?), hier eine PMF, die einen guten Schnitt macht, dort mal eine Pipeline. Malen wir das jetzt schwarz oder weiß an?

Von vereinzelten Horror-Meldungen abgesehen, geht es den Bürgern in Afghanistan schon besser, Tendenz weiterhin positiv. Wen interessieren denn schon Erfolgsmeldungen? Damit lassen sich selten Aufmacher herstellen. Tod und Vernichtung und der Buchhalter reibt sich die Hände.

Der grundlegende Fehler der (zumindest in Deutschland) permanent zelebriert wird, ist das Einbrechen nach Rückschlägen. Auch Taliban können deutsche Zeitungen lesen. Auch Taliban verstehen sich in (Achtung, Wortwitz!) Guerilla-Marketing in eigener Sache. Die deutsche Unterstützung schwächelt? Gut, schicken wir unsere Kämpfer in die deutsche Zone. Zack, wieder ein Riss im Bündnis. Die Schuld liegt hier klar bei der Politik und ihrem Larifari-Vorgehen. Die Bundeswehr-Soldaten kommen einem öfters fast vor, wie die G.I.s in den letzten Jahren des Vietnam-Krieges (damit ist definitiv nicht die strategische Lage gemeint). Zum Glück ist der gemeine Deutsche zu faul, um zum Anspucken vor die Kaserne zu fahren.

Afghanistan ist nunmal kein Spaziergang. Instant-Kriege und einfache, unkomplizierte Siege gibt es nur in Hollywood. Ein Jahrzehnte lang verkorkstes Land wird nicht über Nacht zur Muster-Demokratie. Mit Geduld und bestimmtem Vorgehen gilt es die Situation zu einem vernünftigen Ende zu bringen.

7) Tharben, Dienstag, 06. April 2010, 20:26 Uhr

@Besserwisser

Ich dachte, es lautet korrekt “Sinn ergeben” anstatt “Sinn haben”.

Schöner Text. Wo ist die Linie, auf der ich meine Unterschrift setzen kann?

8) M.M., Mittwoch, 07. April 2010, 01:32 Uhr

Ein Freund von mir war als Soldat im “Jugoslawien-Krieg” und hat sich danach auskleiden lassen, da er Einsätze der BW ausserhalb Deutschlands für falsch hält.

9) Dierk, Mittwoch, 07. April 2010, 10:12 Uhr

@max

Der Unterschied liegt in den rechtlichen Auswirkungen. Stellt sich heraus, dass wir es in Afghanistan auch völkerrechtlich mit einem Krieg zu tun haben, bedeutet das u.a.

– ‘Terroristen’ sind Soldaten [mit Guerrillataktik und mglw. ohne reguläre Uniform].
– Deutschland verhält sich GG-widrig.
– Die auswärtigen Truppen sind Besatzer.
– Fehlgeleitete Angriffe wie der auf den feststeckenden Tanklaster nahe Kunduz vor Monaten könnten Kriegsverbrechen sein.
– Es bräuchte eine neues UN-Mandat, da ein Krieg bisher nicht gedeckt ist.

Taktisch ergäben sich keinerlei Unterschiede, die Folgen für alle Beteiligten ändern sich auch nicht [tot ist tot, egal ob im Krieg, im kriegsähnlichen Zustand oder beim Brunnenbohren erschossen], strategisch müssten Ziele, Methoden und Erfolg neu definiert werden. In den Worten der Daily Show: Wir könnten die Kablooey-Strategie anwenden …

10) Falk D., Mittwoch, 07. April 2010, 10:48 Uhr

Meiner Ansicht nach sollten die deutschen Soldaten in Afghanistan bis auf weiteres in Ihrer Kaserne bleiben. Es muss Schluss sein mit Prevention Measures, Power-Projection, Cordons und wie sonst der Krieg verneuspracht wird. Der angedrohte Liebesentzug seitens der Amerikaner und die Aufgabe der schönen Aussicht auf einen Sitz im Weltsicherheitsrat wären Opfer, die die meisten Deutschen gerne erbringen würden.

11) Sprachsynthese, Mittwoch, 07. April 2010, 11:38 Uhr

Ohne das Thema zu weit abgleiten zu lassen: “Besserwisser” hat leider nicht recht. Bastian Sick, der Urheber dieser Diskussion, verzichtete darauf, seinen Unmut über diese Formulierung durch gründliche Recherche auf ein wissenschaftliches Fundament zu stellen. Er wurde daher unter anderem im “Bremer Sprachblog” in einer fünfteiligen Serie widerlegt. Startpunkt hier http://www.iaas.uni-bremen.de/sprachblog/2007/10/01/sinnesfreuden-i/ , bzw. aktueller auch hier http://www.wissenslogs.de/wblogs/blog/sprachlog/sprachkritik/2010-01-28/max-frisch-macht-sinn . Schade, dass sich jeder, der Sicks Bücher gelesen hat, für einen Sprachwissenschaftler hält und Sprachpolizei spielen muss.

12) rudow1, Mittwoch, 07. April 2010, 17:37 Uhr

Dieser “humanitäre Unterstützungs-Einsatz” wurde leider doch zu einem Krieg und dieser Krieg ist nun für uns nicht zu gewinnen. Was machen wir also noch dort, außer zu einer Zusage von dereinst Bundeskanzler Schröder zu stehen ?

Naja, wir stehen eben zu dieser Zusage, wir können uns also als “Bündnistreu” bezeichnen, aber warum denn so lange ?

Oder anders gefragt, bzw. härter gefragt: Was können wir dort im Gegenzug für tote deutsche Soldaten bekommen/erobern/gewinnen/verdienen oder was auch immer erhalten? Gibt es überhaupt irgendeinen (wirklich egal welchen) Profit für Deutschland ? Ich sehe diesen nicht.
Dieser Einsatz/Krieg kostet außer Menschenleben auch sehr viel Geld. Wenn da nicht noch jemand einen (geld) oder sonstwie werten Vorteil nennt machen wir damit nur “Verlust”!

Menschlich / Politisch ebenso wie Kaufmännisch würde ich diesen ehemaligen Einsatz JETZT beenden wollen.

13) Christian S., Donnerstag, 08. April 2010, 01:03 Uhr

Ein platter Text.

“Und wenn der Tod angeblich einen Sinn hat, dann ist es der Bundesregierung und den Parteien, die den Afghanistan-Einsatz im Parlament tragen, bis heute nicht gelungen, diesen Sinn den Bürgern verständlich zu machen.”

Als der Afghanistan-Einsatz 2001 beschlossen wurde, stand die klare Mehrheit der Bevölkerung im Umfragen dahinter. Und wären die Bürger Deutschlands völlig gegen diesen Einsatz, hätten CDU, CSU und FDP bei der letzten Wahl keine Mehrheit erhalten. Denn die FDP hat den Afghanistan-Einsatz auch in der Opposition mitgetragen.

“Weder ist der internationale Terror eingedämmt, noch ist das Land friedlicher geworden, noch hat die Polizei-Ausbildung zu einer funktionierenden Polizeitruppe geführt, noch ist es gelungen, wenigstens einen Hauch von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu implantieren.”

Das ist Fatalismus.

1. Gab es seit dem Afghanistan-Einsatz einen Anschlag in der Größenordnung 11. September? Nein.
2. Zu behaupten, Afghanistan sei nicht friedlicher geworden, ist schlichtweg absurd. Man lese eine Reportage, bspw. über “Skateistan” im aktuellen “chrismon”.
3. Die afghanische Polizei ist nicht so stark/gut, wie sie sein sollte. Sie pauschal als unfähig abzutun ist aber einfach nur arrogant.
4. Das afghanische Parlament hat die von Karsai vorschlagenen Minister nicht alle bestätigt, sondern einige dezidiert abgelehnt. Das ist in Deutschland noch nicht einmal möglich. Keine Demokratie? Alles klar. Es gab Wahlbetrug. Ja. Aber unter den Taliban war an Wahlbetrug noch nicht einmal zu denken, da es noch nicht einmal Wahlen gab. (Die USA haben übrigens eine reiche Tradition von Wahlbetrug, reichte bis weit in die Mitte dieses Jahrhunderts hinein.)

Die USA haben Afghanistan nach der Vertreibung der Sowjets schon einmal im Stich gelassen. Dass geschichtsblinde Menschen diesen Fehler wiederholen wollen, ist erschütternd.

14) vera, Donnerstag, 08. April 2010, 01:05 Uhr

tss, wieso nur erwähnt wieder niemand die blendenden waffengeschäfte, die weder umsonst noch vergeblich, noch, je nach blickwinkel, sinnlos sind –

15) nur mal so, Donnerstag, 08. April 2010, 12:03 Uhr

“Als der Afghanistan-Einsatz 2001 beschlossen wurde, stand die klare Mehrheit der Bevölkerung im Umfragen dahinter.”

aus welcher allensbach umfrage haben sie denn diesen interessante fakt abgeleitet ?

ihre 4 beweislegungen sind genauso erschütternd naiv wie durchsichtig.

gestern las ich in der zeitung mit den grossen buchstaben “wie weit kann der westen karsai noch trauen”. es stellt sich doch da gleich eine ganz andere frage: wie weit konnte der westen diesem bürgermeister von kabul überhaupt trauen ? und dann fragt man sich ganz beschämt, ob der sinn des bundeswehreinsatzes darin besteht, eine korrupte elite an der macht zu halten ?

16) Frank, Donnerstag, 08. April 2010, 15:09 Uhr

“Und wären die Bürger Deutschlands völlig gegen diesen Einsatz, hätten CDU, CSU und FDP bei der letzten Wahl keine Mehrheit erhalten.”

Ach, stand der Afghanistan-Einsatz zur Wahl? Das ist mir gar nicht aufgefallen.

17) Sven, Donnerstag, 08. April 2010, 20:44 Uhr

Hallo, Ihren Kommentar zur Wortwahl finde ich richtig.
Aber ich würde mich einmal für ihre Meinung zu den gesamten EInsatz interessieren.
Sind sie wirklich für einen Abzug der Soldaten? Und sehen Sie hier keine Gefahren, vorallem in Bezug auf die Stabilität Pakistans?

Grüße

18) viktor baku, Donnerstag, 08. April 2010, 22:30 Uhr

besser noch als “umsonst” gefällt mir in diesem kontext immer: “feige”. – wurde bei diesem ereignis immer gerne benutzt. auch hier ist den betroffenen wahrscheinlich egal, ob sie feige oder mutig umgebracht wurden.
taliban, terroristen oder widerstandskämpfer begehen stets “feige” anschläge, während nato-soldaten stets voller mut und todesverachtung aus 1000 meter höhe die fernlenkwaffe ausklinken.

19) scheinriese, Freitag, 09. April 2010, 13:10 Uhr

genauso schön oder schrecklich auch das reflexhafte “hinterhältiger und feiger anschlag”. als ob der kriegsgegner nur im entferntesten vergleichbare waffen besitzt wie die internationalen soldaten. es ist ein akt im krieg der zwar schrecklich ist – aber sind mörsergranaten weniger schreklich und feige? ist das überhaupt eine passende kategorie? nein, aber es klingt gut für die heimatfront.

20) nur mal so, Freitag, 09. April 2010, 18:05 Uhr

was passierte mit pakistan, zöge man jetzt die soldaten aus afghanistan ab?
antwort: nichts anderes als jetzt auch. die kochen munter ihr eigenes süppchen weiter.

21) Oliver, Freitag, 09. April 2010, 23:30 Uhr

Was genau soll die NATO in Afghanistan erreichen? Es gibt zwar einen klaren Grund in Afghanistan Krieg zu führen, aber kein Ziel.

22) Sam Vimes, Samstag, 10. April 2010, 00:30 Uhr

Ach, der “Krieg” in Afghanistan. Alles nicht so wichtig für die Mehrheit der Bevölkerung, sage ich. Warum? Ca. 1000 Leute haben den toten Soldaten die letzte Ehre erwiesen. Wieviele jedoch kamen zur Trauerfeier des Selbstmörder Robert Enke? 35.000!

So, und nun stellen wir diese Zahlen mal gegenüber.

– Sam

23) KDV, Mittwoch, 14. April 2010, 23:30 Uhr

Zunächst: Sehr treffender Artikel!
Zur Diskussion: nach meiner Auffassung vermischen sich hier, wie derzeit oft in Deutschland, mehrere Themen, was schade ist, weil alle wichtig sind, aber nur durch das Schlagwort “BW in Afghanistan” zusammengehalten werden.
Oliver hat es gut auf den Punkt gebracht: Es gibt einen Grund, nur kein Ziel.
Es gibt sogar mehrere Gründe. Wer ein Schelm oder leicht verschwörungstheoretisch veranlagt ist, mag an die Turkmenistan-Afghanistan-Pakistan-Pipeline denken, wer geopolitisch besorgt ist, will es zumindest erschwert wissen, dass sich in Pakistan Radikalislamisten mit einschlägigen Verbindungen nicht nur einflussreicher Ämter, sondern gleichzeitig auch noch der pakistanischen Atomwaffen bemächtigen könnten. Man könnte auch einen Appell an die Selbstachtung des Westens darin sehen, die nicht-radikalen Afghanen nicht noch länger im Stich zu lassen, und aktiv für all die Werte einzutreten, für die das Wort “Westen” steht, und die ja 9/11 so abscheulich angegriffen wurden, und für deren Missachtung “Ihnen” gegenüber uns radikale Islamisten schmähen und Heuchler nennen. ( Feindesliebe, sag ich mal, kategorischer Imperativ, Noachidische Gebote, Bergpredigt, Humanismus…)
Alles gute Gründe. Ob jemand der Meinung ist, sie reichten als Rechtfertigung dafür, die BW unter der NATO in ein fremdes Land zu schicken, ist eine andere Diskussion.
Ob es angezeigt ist, jetzt, da die Lage schwierig wird, sofort alles stehen und liegen zu lassen und “unsere Jungs” (und Mädels, nebenbei!) da rauszuholen, ist nochmal ganz was anderes.
Aber: Ist jemals dem Volkssouverän (und damit auch den Dienstgraden im Einsatz) transparent bis zum Ende vermittelt worden, was das definierte Ziel der Kampagne ist, wie seine Erfolgsaussichten sind, auf welchem Weg es erreicht werden soll, in welchem rechtlichen und infrastrukturellen Rahmen, mit welchem Einsatz, welchen Opfern? Ist das überhaupt ausgearbeitet worden? Mag sein, ich wüsste es nicht. Wie es ausgehen kann, wenn man statt, wie vormals, 2Jahre (Besetzung und nation building in Westdeutschland ´45) für eine Planung ähnlicher Reichweite 50 Tage veranschlagt, darf man seit acht Jahren im Irak bewundern, oder auch in der guten Doku ” No End in Sight”. Afghanistan riecht langsam genauso. Aus den gleichen Gründen. Schon Sun-Zu und Clausewitz fragten zuerst ” Was willst Du genau erreichen?”, dann “Ist es möglich?” und, wenn ja, ” Wie und zu welchem Preis?” Von Überlegungen dieser Art ist bei mir als Wähler und Medienkonsumenten die letzten Jahre wenig angekommen. Und das, das empfinde ich als eine bodenlose Unverschämtheit, Respektlosigkeit und Verantwortungslosigkeit gegenüber sowohl den Afghanen, denen wir ja an scheinend (scheinbar?) helfen wollen, als auch den pflichtbewussten Soldaten, die dafür ihr Leben riskieren und auch verlieren. Ohne eine realistische Zielvorstellung und die adäquate Ausstattung der Mittel sowie die konsequente Durchführung der zielführenden Maßnahmen ist jeder Tote auf jeder Seite sinnlos gestorben. Damit wird von dem, der ihn in diese Situation gebracht hat, das Leben des Opfers auf eine Art und Weise gehandhabt, für die ich weder in “unserem Wertekanon”, was immer das sein soll, noch in der europäisch-amerikanischen Geistesgeschichte, noch vor allem im Grundgesetz irgendeine Grundlage oder Rechtfertigung sehe. Krieg oder nicht, Kampfhandlungen sind unschön und verlangen Härte, und richtig sauber bleibt dabei nie jemand, es bleiben immer Gründe für Zweifel. Deswegen liegt zum Glück die Hemmschwelle so hoch. Trotzdem wird man sie nicht von der Welt verbannen können. Die Zeit titelte schon 1991: ” Die westlichen Industrienationen wünschen sich den folgenlosen Krieg”. Allein, er ist nicht zu finden, weil es ihn nicht gibt, sobald man seiner schrecklichen Wahrheit ins Gesicht sieht. Die Frage ist, wann und wie man sich dieser Situation stellen oder sie heraufbeschwören sollte.
So sicher nicht.

24) Martina, Donnerstag, 15. April 2010, 22:41 Uhr

Afghanistan ist eine Sackgasse – nicht umsonst hat das mittlerweile auch schon einen Appell gegen den Krieg nach sich gezogen:

http://www.afghanistanappell.de/
http://bangemachen.com/

25) Monstablogaaaa93, Samstag, 17. April 2010, 13:36 Uhr

Sehr geehrter Herr Spreng,
im Großen und Ganzen kann ich mich Ihnen anschließen. Auch ich sehe denn Afghanistan-Einsatz mehr als kritisch, da das damals definierte Erfolgsziel (Aufbau einer rechtstaatlichen Demokratie, Eindämmung des internationalen Terrors) bis heute nicht erreicht ist. Die bisher gebrachten Opfer unsererseits sind nicht zu rechtfertigen, selbst wenn uns unsere Kanzlerin scheinbares Verständnis nach den neuesten Gefechten (15. April 2010 – 4 Tote auf deutscher Seite) entgegenbringt, so ist sie doch nicht von ihrem Plan abzubringen, das Mandat und den Einsatz bis zum Schluss durchzuziehen.
Ein Definitionsproblem ist zudem die Frage des Kriegszustandes, weil sobald wir uns offiziell im Krieg befinden, ist das Mandat nicht mehr gültig. Die militärischen Aktionen wären zwar gleich, die rechtlichen Konsequenzen daraus aber ganz andere, die Folgen für die Soldaten deutlich härter.
Vielleicht sehen wir als einfache Bürger den Sinn der militärischen Intervention Deutschlands im Afghanistankonflikt nicht, aber man muss auch das Ganze in größerem Zusammenhang betrachten: so stehen wir als Bündnispartner in der Pflicht (!), unseren Teil zu leisten. Und dieses Bündnis ist nicht vergleichbar mit einem Abonnement der Auto-Motor-Sport, das sich nach Kündigung des Vertrags einfach durch Ausbleiben der Zeitschrift kennzeichnet. Unser militärischer und politischer Verlust wäre ungleich herber als für jede neue Ausgabe an den Kiosk zu gehen statt sie bequem im Wohnzimmer zu haben. Schließlich muss uns die USA als Bündnispartner im Kriegsfall Schutz bieten. Ohne diesen Schutz der militärisch ausgewachseneren Amerikaner stünde Deutschland im Fall einer internationalen Krise auf schwachem Posten. Vielleicht ist deswegen der Gebrauch des Wortes „umsonst“ in der Politik geläufiger, weil der bisherige Schutz durch die USA großteils von der Duldung ihrer Außenstützpunkte in Deutschland gezahlt wurde – also umsonst war. Dabei brachten die hier stationierten Soldaten und ihre Angehörigen zusätzlich Geld in die Staatskassen durch ihre Kaufkraft. Sollten die Amerikaner allerdings diese Stützpunkte aufgeben, so wäre der Schutz dahin. Als Bündnispartner aber können wir diesen Service weiterhin „kostenlos“ (also für umsonst) in Anspruch nehmen.
Deshalb sollte man die Bundesregierung sowie die Oppositionsparteien nicht zu hart ins Gericht nehmen, sie können uns einfach nicht den Sinn vermitteln. Dies ist dann mehr ein Problem der Informations- als der Verteidigungspolitik, aber es ist auch immer eine Gradwanderung, wie viel die Bevölkerung wissen darf, damit solche Operationen nicht gefährdet werden. Und seien wir einmal ganz ehrlich: Wer gesteht sich schon gerne Abhängigkeit ein?
Ob man dann von „umsonst“ oder „sinnlos“ spricht ist hinfällig, solange man nicht alle Aspekte eines Konflikts kennt, dessen Informationsbasis bisher etwa so vertrauenswürdig und fundiert ist wie die Sicherheit eines Flugzeugs garantiert wäre, das heute in Reykjavík starten wolle. Aber das ist ein Thema, das wieder an andere Stelle zu besprechen ist.

Mit freundlichen Grüßen,
Monstabloggaaaa93

26) m.spreng, Samstag, 17. April 2010, 13:46 Uhr

@Monstablogaaaa93

Ich sehe Ihr Argument der Bündnistreue (in beide Richtungen), aber es hätte von der Bundesregierung offensiv vertreten werden müssen, um überhaupt eine gewisse Wirkung zu entfalten. Jetzt ist es zu spät.

27) KDV, Sonntag, 18. April 2010, 14:51 Uhr

@Martina:

Vielen Dank für die links!

Sehr lesens- und bedenkenswert.
Es ist in der Tat ganz schön gruselig, was da vor unseren Augen und hinter unseren Rücken abläuft.
Was ich mit meinem Redeschwall ausdrücken wollte, war mein Gefühl, dass die ganze Geschichte auch dann noch offensichtlich stinkt, wenn man zu allen offiziellen Rechtfertigungen und Erklärungen ” Ja” und “Amen” sagt. Dazu fehlt mir aber persönlich inzwischen die moralische Dehnbarkeit und der Willen zum Glauben. Meiner privaten Meinung muss ich unterstellen, dass sie schlecht informiert ist, nicht ändert und niemandem nützt, aber für mich steht das BW-Engagement in A-Stan als bislang bitteres Ende an einer langen Reihe von Ideen, die ich ganz und gar nicht großartig finde. Dazu gehören der “global War on Terrorism” genauso wie die Einrichtung der KSK und ihr Dienstauftrag.
Was Krieg und Armee angeht, war mir die GG-Fassung von 1949 entschieden lieber.
Aber wie gesagt, das hilft keinem erschossenen afghanischen Familienvater und keinem in die Luft gejagten Hauptgefreiten, und ich kann grundsätzlich das Leben des Einen nicht weniger ernst nehmen als das des anderen. Nur: Von zwei Panzerhaubitzen verspreche ich mir auch keine große Verbesserung…..Abzug? Hmm, kommt sehr drauf an, was dann. Einfach kommen, Kollateralschaden veranstalten, und dann die Toten und die Trümmer liegenlassen, La Paloma pfeifen und sich sagen “Geht mich nix mehr an” fühlt sich irgendwie auch zynisch an.

28) KDV, Sonntag, 18. April 2010, 14:52 Uhr

Schöne Grüße in die Runde, hatte ich vergessen.

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