Donnerstag, 08. April 2010, 13:29 Uhr

BILD ruft, Merkel springt

Jetzt also doch. Angela Merkel nimmt an der Trauerfeier für die drei in Afghanistan gefallenen deutschen Soldaten teil. Erst wollte sie nicht. Dafür sei nach Absprache der Verteidigungsminster zuständig, wie das bürokratenmäßig heißt. Der Hintergrund ist banaler und brutaler: Merkel will nicht mit dem Krieg und den toten Soldaten identifiziert werden. Wenn aber BILD ruft, springt die Kanzlerin. Plötzlich ist ihr das ein „persönliches Anliegen“. Getreu dem Motto ihres Vorgängers Gerhard Schröder. Wichtig seien nur „BILD, BamS und Glotze“.

Und das ging ganz schnell. Morgens fragte BILD „Warum gibt die Kanzlerin den toten Soldaten nicht das letzte Geleit?“, mittags kam die Zusage Merkels. Und das ist in wenigen Monaten schon das zweite mal. Das erste mal war, als BILD sie auf Seite 1 ultimativ aufforderte, die CD mit den Daten der Steuersünder zu kaufen. Das wollte sie erst auch nicht, dann sprang sie. Von heute auf morgen. Dafür wurde sie für ihre Haltung im Griechenland-Streit der EU von BILD mit dem Bild der „eisernen Kanzlerin“ und dem Vergleich mit Otto von Bismarck belohnt.

Gegen BILD spricht das nicht: große und plakative Schlagzeilen, Kampagnen-Überschriften sind ihr Geschäft. Aber dass die entscheidungsschwache, moderierende Kanzlerin nur dann ganz schnell wird, wenn BILD sie dazu auffordert, offenbart ein merkwürdiges Amtsverständnis. Hat sie keine eigenen Entscheidungsmaßstäbe, keine eigene Haltung – unabhängig von BILD? Wenn sie mal so schnell würde, wenn die eigene Partei oder die Oppostion sie rufen – oder gar die Probleme.

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23 Kommentare

1) M.M., Donnerstag, 08. April 2010, 13:59 Uhr

Das Amtsverständnis kennt sie so aus der DDR. Zudem hat sie den Kontakt zur Basis der Bevölkerung verloren. Deshalb „hilft“ BILD jetzt nach.
Im Radsport sagt man zu so jemandem, der immer nur im Windschatten fährt und keine Führungsarbeit leisten will und kurz vor der Ziellinie den Führenden dann im Spurt überholt: HINTERRADLUTSCHER.

2) W.B., Donnerstag, 08. April 2010, 14:21 Uhr

> Hat sie keine eigenen Entscheidungsmaßstäbe, keine eigene Haltung […]

Das ist doch längst keine Frage mehr – es sollte inzwischen klar sein, das dies bereits die Antwort ist …

3) nona, Donnerstag, 08. April 2010, 15:12 Uhr

Das, was gemeinhin das „Geschäft“ von Bild ist, spricht sehr wohl gegen Bild. Ob die Kanzlerin springt oder nicht ist eine Sache, aber eine andere Sache ist es, wenn Medien ihre warum auch immer vorhandene Macht und Einfluss auf Politiker so dermassen plakativ, einseitig und häufig propagandistisch auch einsetzen, anstatt journalistische Neutralität zu wahren. Aber vielleicht kann man das nicht mehr objektiv sehen, wenn man irgendwann mal dort gearbeitet hat.

4) viktor baku, Donnerstag, 08. April 2010, 16:16 Uhr

„Gegen BILD spricht das nicht: große und plakative Schlagzeilen, Kampagnen-Überschriften sind ihr Geschäft.“
doch, es spricht gegen die bild. nicht alles, was ein geschäft ist, ist richtig und vertretbar. die selbe argumentation ließe sich sonst auch auf drogenhandel, bestechung oder auftragsmord erweitern.

die zynische und ethikfreie journalismus-parodie der bild richtet mindestens ebenso viel schaden an, wie haltungslose politiker vom schlage merkelwelles. ihr artikel beschreibt ja sogar die wechselwirkung dieser beiden demokratie-schädlinge.

5) dissenter, Donnerstag, 08. April 2010, 17:56 Uhr

Wer sich auch nur dem Hauch eines Verdachtes aussetzt, gegen den Afghanistan-Krieg zu sein, muss sich anhören, er stehe nicht nur nicht hinter den Soldaten und ihren Familien, sondern falle ihnen sogar böswillig in den Rücken.
Was macht Ihre Majestät die Kanzlerin? Urlaub auf Gomera! Urlaub auf Gomera, den sie nun auf Anraten ihrer Popularitätsberater aus dem Hause Springer kurzzeitig zu unterbrechen geruht.
Was soll daran brutal oder banal sein? Es ist doch einfach verlogen!

6) Irreversibel, Donnerstag, 08. April 2010, 19:11 Uhr

Man sollte aber nicht vergessen, dass exakt diese Profillosigkeit zu hohen Beliebtheitswerten und gewonnen Wahlen führt/geführt hat. Und um mehr geht es Frau Merkel ja erkennbar nicht, insofern handelt sie völlig logisch.

7) Benjamin, Donnerstag, 08. April 2010, 19:38 Uhr

Dass die BILD oft Politik-bild-ung betreibt, ist kein Geheimnis, aber das weiß Herr Spreng ja nur zu gut. 🙂 Aber es steht hier glaube ich vor allem Merkels Verständnis von Außenpolitik im Weg: Merkel konnte durch symbolische Bilder und Schönwetter-Außenpolitik punkten, während sie innenpolitisch immer abtauchte. Afghanistan stört da unangenehm – man will die Öffentlichkeit ja nicht erinnern, dass dort Menschen sterben und auch deutsche Soldaten und Aufbauhelfer den Hals riskieren. Kurz vor NRW will man auch keine unschönen Bilder produzieren.

Merkel kann sich offenbar nicht ganz entscheiden und laviert herum. Dass sie nun doch wegen BILD einknickte (anders ist das kaum zu bezeichnen), zeigt die Nervosität und möglicherweise auch die fehlende politische Standfestigkeit. Machtpolitik kann Merkel in einigermaßen ruhigen Zeiten, alles andere lässt zu wünschen übrig.

8) Meine Meinung bild ich mir.., Freitag, 09. April 2010, 08:23 Uhr

Erstaunlich ist die Tatsache, dass nun selbst linke Medien den Vorstoß unterstützen.

Traurig, wenn die Medien den Part übernehmen, der eigentlich den grauen Eminenzen vorbehalten sein sollte.

Hier scheinen alle miteinander große Probleme zu haben.

Das Bild, BamS & Glotzen- Niveau scheint im Beraterkreis der Bundesregierung Einzug erhalten zu haben.
Nur eben als Leser & Zuseher, denn als Produzenten..

9) H.H.Schmidt, Freitag, 09. April 2010, 10:58 Uhr

Wenn ein Presse-Imperium schon die schützende Hand über jemanden hält, also dann ist es schon mehr als „gerecht“ oder besser folgerichtig, wenn das Beschützende – auch in Person von Friede Springer – die Verhaltensregeln vorgibt.

Transparenz wird immer nur gefordert, hier wird sie geradezu gelebt. Jetzt weiß der Bundesbürger wenigstens, wer hier im Lande eigentlich „mitregiert“, denn da sind noch ungenannte „Beschützer“

Doch will er, der deutsche Michel, es überhaupt wissen?

Mehr Interesse wäre schon wünschenswert.

10) Toni, Freitag, 09. April 2010, 12:02 Uhr

Hm, wer weiß eigentlich, ob die Geschichte so herum stimmt? Es kann schließlich auch sein, dass die Bild aus dem Kanzlerinnen-Umfeld Wind von der Sache bekommen hat, dass die Kanzlerin teilnehmen will, und dann schnell auf den Zug aufgsprungen ist.

11) Matthias, Freitag, 09. April 2010, 12:51 Uhr

Nun ja, vielleicht gibt es noch einen anderen Grund.

In Friedenszeiten kümmert sich um solche Belange, ebenso wie um Ordensverleihungen etc. der Verteidigungsminister.

Im Kriegsfalle geht dieser Job per Gesetz auf den Kanzler über.

12) redpirate37, Freitag, 09. April 2010, 20:03 Uhr

Jaja, die Friede Springer und ihr Medienimperium , immer im Dienst der Körperschaft des öffentlichen Rechts, evangelisch – lutherische Kirche Deutschlands, Moment, war da nicht was?
Da gabs doch mal so ne Pfarrerstochter, aber egal, jetzt ist es ja die Kanzlerette.

Kann einem schon richtig übel werden wenn Nächstenliebe gepredigt wird und der Krieg propagandiert.

Und der sog. ,, Deutsche Michel ,, der noch zur Wahlurne geht, besser geschrieben schleicht;
hat keine Zähne mehr im Mund, will nur das alles so bleibt wie es mal war, seine Pension pünktlich auf dem Konto ist und ist weit über 55 Jahre alt ohne Internet.

Stammwähler nent man das, 20 % SPD, 30 % CDU, bis ins Grab. Auch ins Soldatengrab…

13) marcpool, Freitag, 09. April 2010, 20:49 Uhr

Ob mit Bild oder ohne …. sie hat zu spät den Kopf gesenkt ! Es sind schon so viele Tote aus Afghanistan zurückgekehrt, ohne das Frau Merkel einer Mutter in die Augen gesehen hat! Schlimm das sie zu dieser traurigen Veranstaltung erst getragen/ geschubst werden muss ! Den “ Kosenamen Mutti “ hat sie für mich absolut vergeigt!

14) JG, Samstag, 10. April 2010, 00:20 Uhr

Ich erinnere mich gut an die Einlassungen vieler politischer Kommentatoren nach der Wahl 2005, die auf die Richtlinienkompetenz des Kanzlers hinwiesen und ganz genau wußten, nun, mit dieser stahlharten Frau an der Spitze der Regierung, dieser deutschen Margaret Thatcher, werde knallhart „durchregiert“, streng nach den Programmen von CDU und CSU, und die SPD habe als „Juniorpartner“ zu spuren. Eine Vorstellung, welche wahrlich von fundierter Kenntnis der bundesrepublikanischen Geschichte zeugt. Von der realistischen Einschätzung der Fähigkeiten und des Wesens Angela Merkels ganz zu schweigen.

Die Pointe: Diese Topweltklassepremiumqualitätsjournalisten sitzen in der Regel immer noch auf ihren gutbezahlten Posten, halten sich für kritisch und kompetent, sondern weiterhin Dinge in solcher Qualität ab, taugen aber immerhin dazu, eindrucksvoll das Ausmaß der geistigen Erosion zu demonstrieren, welche Deutschland seit längerem ergriffen hat. Weshalb man Kommentare wie die Ihren, verehrter Herr Spreng, nur selten andernorts liest oder hört.

15) Jupp, Samstag, 10. April 2010, 11:14 Uhr

Ist es nicht Frau Merkel, die regelmäßig mit
Liz Mohn und Friede Springer Kaffee trinkt?

Wer lenkt dieses Land wohl?

16) Mirage, Samstag, 10. April 2010, 13:58 Uhr

Ist doch prima, wenn ein Medium es schafft, den Mitgliedern des Raumschiffes Berlin etwas Erdung zu vermitteln…

@JG
„geistige Erosion“
Es ist beruhigend, dass wenigsten Sie sich mit aller Macht dagegen stemmen.

@Jupp
Vermutlich alle, mit denen Merkel regelmäßig Kaffee trinkt.

17) Sigmund, Samstag, 10. April 2010, 15:53 Uhr

POPULISMUS!

Sie ist eine Populistin, das ist es, ganz banal.
Nur, im Unterschied zu Lafo ist sie eine erfolgreiche Populistin, deshalb ist sie so beliebt.

18) Schattenwächter, Sonntag, 11. April 2010, 16:40 Uhr

<>

Womit entgültig feststehen dürfte, dass wir uns im Krieg befinden und zwar einem der nachweislich völkerrechtswidrig ist, doch weil man das Volk hierzulande nicht mit unangenehmen Wahrheiten „belasten“ möchte (demnächst ist schließlich wieder eine Wahl in NRW) sagt das niemand ganz offen.

Wie meinte einst Willy Brandt richtig: „Von deutschem Boden darf nie wieder ein Krieg ausgehen.“
Regierungssprecher würden darauf wohl folgendermaßen reagieren: „In diesem Fall ist er das ja auch nicht, wir leisten nur unseren Verbündeten Beistand im Kampf gegen den internationalen Terrorismus.“

Und weil wir gerade bei Zitaten und Floskeln sind, fällt mir da noch eine ein, an die ich in letzter Zeit aus „unerfindlichen Gründen“ immer öfter denken muss:

„Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um mein Schlaf gebracht.“ – Heinrich Heine

19) Janissary, Montag, 12. April 2010, 07:09 Uhr

Der Propagandafeldzug des Springer-Verlags und der übrigen Verlage bzw der Medien für die Angela Merkel stellt alles bisherige in den Schatten!
Ich glaube in der Nach- und Vorkriegsgeschichte dieses Landes hat es keinen anderen Kanzler (oder doch?) gegeben, der so von der Presse bzw von den Medien hochgeschossen und hochgelobt worden ist. Die Frage die sich stellt ist doch wie folgt: Was hat denn die Merkel grosses geleistet um so hochgeschossen und hochgelobt zu werden? Alleine die Darstellung der Merkel als „eiserne Kanzlerin“ ist schon traurig und lächerlich und zugleich eine Beleidigung für Bismarck.

20) H.H.Schmidt, Montag, 12. April 2010, 17:12 Uhr

@ Janissary

Sehen Sie und genau diese Frage könnte, wenn er – Michael Spreng – wollte, beantworten. Er könnte, wenn er wollte, aus dem Nähkästchen plaudern. Er könnte gerade in diesem Fall Merkel etwas mehr Licht einbringen, wenn er wollte.
Aber er will nicht. Nur warum nicht? Nun, Verständnis kann man dieser Haltung in gewisser Weise schon entgegenbringen. Vorausgesetzt, seine beruflichen Interessen decken sich mit seinen privaten.

Sollte allerdings unser Gemeinwesen, unsere Demokratie, die der von „Masochisten“ getragenen, weiterhin Schaden nehmen, wäre eine solche Haltung, Einstellung nicht mehr so einfach hinnehmbar.

Doch – und das hoffen wir doch alle gemeinsam – soweit sind wir noch nicht oder doch ?

21) m.spreng, Montag, 12. April 2010, 18:47 Uhr

@janissary
@ H.H.Schmidt

Ich habe die Zeiten der Kampfpresse – links wie rechts – noch erlebt, als „Spiegel“ und „Stern“ sich als Vorfeldorganisation der sozialliberalen Koalition verstanden und der Springer-Verlag als rechte Gegenformation. Als ich bei „Welt“ arbeitete, war es der Zeitung nur eine kleine Meldung auf Seite 1 wert, dass Willy Brandt den Friedensnobelpreis bekam. Dagegen sind die heutigen Zeiten harmlos.

22) H.H.Schmidt, Montag, 12. April 2010, 19:21 Uhr

Danke für ihre Antwort Michael Spreng. Nur auf einen doch nicht unerheblichen Unterschied zwischen damals und der Jetztzeit muss schon hingewiesen werden.

Heute verkommt fast alles in einer Einheitssoße. Die „Fronten“ (welche „Fronten“ müsste man fragen) sind im Gegensatz zur damaligen Zeit verwischt, wenn überhaupt noch mehr als marginale Gegensätze vorhanden sind.

Damals wurde derjenige wenigstens noch erkannt, der eine/die so genannte montägliche „Spiegelmeinung“ von sich gab. Was noch nicht einmal despektierlich gemeint war. Schlimmer war es als ein „Opfer“ intensiver „Springerberieselung“ bezeichnet zu werden. Aber immerhin.
Aus diesem Grunde glaube ich jedenfalls nicht, dass die heutige Zeit harmloser sein soll. Aber sicherlich haben Sie es so auch gar nicht gemeint.

23) Peter Manske, Donnerstag, 22. April 2010, 03:18 Uhr

Die Bildzeitung ist nur deswegen die auflagenstaerkste Zeitung in Deutschland weil sie dem Geschmack der deutschen Leser am besten entspricht. BILD bloed darf es daher nicht heissen da ja sonst auch Deutsche bloed sein muessen.

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