Sonntag, 11. April 2010, 18:22 Uhr

Wahl für Masochisten

Wähler zu sein, ist ein harter Job. Da muss man hart im nehmen und masochistisch veranlagt sein. Nehmen wir zum Beispiel die Bundestagswahl 2009. Da haben die Wähler von CDU und FDP gedacht, sie bekämen eine seriöse Mitte-Koalition und bekamen stattdessen eine unseriöse Murks-Regierung. Da haben die Wähler gedacht, jetzt beginne eine gerechte Steuerpolitik, die hart arbeitende Mittelschichten entlastet, stattdessen wurde erst einmal den Hoteliers eine Milliarde Steuern erlassen.

Oder die Bundestagswahl 2005. Da dachten die SPD-Wähler, mit ihrer Stimme würden sie eine Erhöhung der Mehrwertsteuer verhindern (“Keine Merkelsteuer”), stattdessen wurden sie mit ein Erhöhung um drei Punkte bestraft.

Oder nehmen wir die Wahl in NRW. Da versuchen die Parteien, den Wählern einzureden, es gehe wieder um die große ideologische Schlacht zwischen Links und Rechts. Von “Schicksalswahl”  ist die Rede. CDU und FDP, SPD und Grüne führen einen Lagerwahlkampf wie vor 12 oder 20 Jahren, schlagen wild aufeinander ein – als gäbe es tatsächlich nur die Alternative Schwarz-Gelb oder Rot-Grün (bzw. Rot-Rot-Grün). So, als könne man die Uhr noch einmal zurückdrehen in die Zeit, als die ideologischen Fronten noch klar waren und die Wähler dadurch zu emotionalisieren. 

Das ist aber nicht mehr so. Die Lager haben sich längst aufgelöst – in der Köpfen der Politiker und in den Köpfen der meisten Wähler. Die CDU hat gerade vier Jahre große Koalition hinter sich und wäre genauso wie die SPD auch in NRW dafür offen, die Grünen liebäugeln längst mit der CDU und die CDU mit ihnen. Jeder kann mit jedem. Nur FDP und Linkspartei sind in NRW bei dem Spiel nicht dabei: die FDP kann nur mit der CDU und die Linkspartei sitzt in der Schmuddelecke. Am Ende geht es nur darum, ob das Land von Jürgen Rüttgers oder Hannelore Kraft regiert wird. Und ob die Grundschule vier oder sechs Jahre dauert. Und ob die Studiengebühren abgeschafft werden. Das ist wichtig, aber doch nicht links oder rechts, alles oder nichts. 

Hinter diesem Lagerwahlkampf verbirgt sich der Versuch, die Wähler durch Täuschung zu mobilisieren: die CDU will ihre Stammwähler nicht verlieren, die partout nicht mit den Grünen wollen. Die SPD versucht den Illusionszauber Rot-Grün, um darüber hinwegzutäuschen, dass sie der Linkspartei immer noch keine definitive Absage erteilt hat. Und die Grünen wollen stark in eine Koalition mit der CDU gehen und deshalb auch diejenigen ihrer Wähler noch mitnehmen, die prinzipiell dagegen sind. Über die wahrscheinlichste Alternative will keiner offen sprechen: Schwarz-Grün oder große Koalition. Dabei wäre für die Wähler am wichtigsten, zu wissen, welche Politik dann betrieben würde.

Wieso glauben Parteien eigentlich, dass die Wähler ihre taktischen Spielchen nicht durchschauen? Die Parteien glauben, sie könnten mit den Scheingefechten die Wähler mobilisieren. Tatsächlich wird das Gegenteil eintreten: immer mehr Wähler bleiben zuhause. Es gibt halt immer weniger Masochisten.

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27 Kommentare

1) suki11, Sonntag, 11. April 2010, 20:07 Uhr

Naja, irgendwie müssen sich die Wähler ja auch daran orientieren, was die Parteien machen würden, wenn sie alleien regieren würden. Weil das ist ja auch das, was sie in einer großen Koalition oder schwarz-grün mit in die Koalitionsverhandlungen nehmen würden.

2) MN, Sonntag, 11. April 2010, 20:38 Uhr

… ich bin seit ein paar Wochen in Münster und habe den Eindruck, der Wahlkampf wird kaum wahrgenommen, und die Werbung als eher denkbar schlechte Produktwerbung mehr oder minder übersehen. Man muß gar nicht Masochist sein – man kann dieses Mal ziemlich locker diese Scheingefechte ignorieren. Es ist weit und breit kein Landespolitiker in Sicht, der Format und Statur hat. Mich zieht nichts an. Das alles erinnert mich an die Ansetzung eines Fußballspiels in der Kreisliga. Der Wahlkmapf ist so blaß, die Scheinkämpfe so wenig präsent und der Masochist daher nicht nötig. Der Wähler durchschaut zu allererst diese mangelnde Kompetenz der zur Wahl stehenden Kandidaten.
P.S.. Kommt ein Masochist zum Sadisten und sagt quäl´ mich, sagt der Sadist nein. Insoweit bin ich lieber Sadist und wähle nicht.

3) uk, Sonntag, 11. April 2010, 21:32 Uhr

“Am Ende geht es nur darum, ob das Land von Jürgen Rüttgers oder Hannelore Kraft regiert wird. Und ob die Grundschule vier oder sechs Jahre dauert. Und ob die Studiengebühren abgeschafft werden. ”
Richtig, erst die Themen dann die Farbenspiele. Koalitiert werden sollte mit jedem mit dem sich die eigenen Kernthemen umsetzen lassen egal ob das die “Todesser von der SED” (Volker Pispers) oder sonst wer sind.

4) Eduard, Sonntag, 11. April 2010, 22:35 Uhr

Bei aller Sympathie, Herr Spreng: Ihre Kommentare werden immer abstruser. Was sollten die Parteien in NRW Ihrer Ansicht nach VOR der Wahl sagen/tun/ankündigen, um vor Ihren Augen Gnaden zu finden?
Sollen sie jede mögliche Kombination durchhecheln und die in dieser Kombination mögliche Politik bewerben? Wahlkampf besteht darin, das eigene Angebot ins Schaufenster zu stellen, möglichst etwas aufgehübscht – weil der Wähler die wirkliche Wahrheit eben doch ganz sicher NICHT wissen will.
Weil die Medien (!) permanent nachfragen, wer mit wem denn könnte und wer mit wem nicht, nennt man seine Wunsch-Koalition; was daran sind “taktische Spielchen”?
Sie haben, ausweislich dieses Blogs, gerne und auch erfolgreich solche Spielchen inszeniert; Sie sollten mit Ihren Tiraden etwas weniger populistisch sein und vielleicht etwas tiefschürfender zu Werke gehen; Sie können es doch!

5) M.M., Montag, 12. April 2010, 00:55 Uhr

Wo wollen die Parteien eigentlich im Haushalt sparen? Gibts da zur Abwechslung mal ne Antwort,
von einem der Eliten? Oder muss das nicht sein?

6) Dierk, Montag, 12. April 2010, 08:59 Uhr

@Eduard

Was sollten die Parteien in NRW Ihrer Ansicht nach VOR der Wahl sagen/tun/ankündigen

Keinen Scheiß erzählen.

Möglicherweise stehe ich alleine, wenn ich denke, Koalitionsaussagen sind uninteressant – für Wähler ebenso wie für Tagespolitik. Im günstigsten Fall geht es den Parteien dabei darum, den Marktwert zu testen, nac dem alten Mikado-Motto ‘wer bewegt sich zuerst’. Meist ist es allerdings nur alberne Emulation von Stringenz und Prinzipien – ich nehme das zurück, natürlich muss es Simulation heißen. Dahinter steckt der Irrglaube, das Wahlvolk erwarte starke Führer und keine kompromissbereiten Verhandler.

Je schärfer der Ton eines Politikers ist, desto weniger ehrlich meint er, was er sagt. Zumindest beobachte ich das seit ca. 35 Jahren [ich war sehr früh politisch interessiert]. ‘Ohne mich wird es keine Regierung mit der SPD geben’ – nur wenige Tage später war der Jobwechsel von Regierungschef zu Gaswerk vollzogen. ‘Auf keinen Fall mit der LINKEN!’ – das kostete die SPD ein wohlverdientes Hessen, noch dazu gegen einen Ministerpräsidenten, den selbst die Anhänger seiner Partei nicht mögen.

Übrigens, es gibt wohl kaum eine einfachere Möglichkeit, die eigene Verhandlungsposition zu schwächen, als lauthals raus zu posaunen ‘mit denen niemals’. Wir haben zwar ein paar mehr Parteien als z.B. die Briten oder die US Amerikaner, aber doch zu wenige, um leichtfertig eine Nie-Aussage zu treffen.

7) Erika, Montag, 12. April 2010, 10:27 Uhr

Bundestagwahl 2005. Schröder wollte die Zustimmung für seine Reformen und hatte dazu die Aussage: Mit mir (als Kanzler) wird es keine Mehrwertsteuererhöhung zum damaligen Zeitpunkt geben. Schröder hat die Wahl nicht gewonnen und wurde auch nicht Kanzler und mir ihm hat es auch keine Mehrwertsteuererhöhung gegeben.

Merkel wollte auch 2005 schon die Kopfpauschale und ein einfacheres Steuersystem., ‘Ausstieg aus dem Atomausstieg und überhaupt die Umsetzung ihres Leipziger Programms. Sie ist Kanzlerin geworden und realistisch betrachtert hat sie außer der Mehrwertsteuererhöhung nichts umgesetzt. Selbst bei der Mehrwertsteuererhöhung hat sie ebenfalls gelogen, es waren nämlich nur 2 % angekündigt aber es wurde um 3 % erhöht. Aber komischerweise wirft man nur der SPD das Brechen von Wahlverspechen vor.

So lässt es sich gut leben als “bella figura”.

8) M.M., Montag, 12. April 2010, 11:04 Uhr

Heute weichen Politiker jedem Protest aus, indem sie bereit sind “im Ernstfall” sich einer Demo gegen sich selbst anzuschliessen. Was kann der Wähler vor einer LW bei dieser Haltung der Eliten erwarten??? – Lieber Nichts. Dann gibt auch keine Enttäuschung!

9) Chat Atkins, Montag, 12. April 2010, 11:09 Uhr

Das liegt vielleicht auch daran, dass wir statt auf haltbare Versprechen haltlosen Versprechern begegnen.

10) Chris, Montag, 12. April 2010, 11:30 Uhr

Wenn ich mich schon mit der Simulation einer Demokratie abfinden muss, dann gebe ich meine Stimme nie mehr irgend einer dieser sogenannten etabliereten Parteien. Die Politik dieser selbstverliebten Elite ist eine Beleidigung an den Intellekt der Bürger, diese “taktischen Spielchen”, wie sie hier schon so richtig schreiben habe ich sowas von satt und es wundert mich, dass nicht noch mehr Menschen entweder gar nicht wählen oder nicht mal über Alternativen aus den “sonstigen Parteien” nachdenken, ich bin kein Masochist ich wähle mich doch nicht selber kaputt … schöne Grüße aus dem Mittelstand!

11) Xpomul, Montag, 12. April 2010, 13:33 Uhr

Wieso die Parteien glauben das die Wähler ihre Spielchen nicht durchschauen ?
Weil die Parteien glauben das die Wähler blöd sind.
Das ist so und das bleibt so.
Ein Irrglaube.
Gleich ob Unter-, Ober- oder Mittelschicht.

Politik sollte für das Volk sein und nicht der Selbstzweck zu dem sie seit zumindest vielen Jahren mutiert ist.
Und, man muß es nicht erwähnen, Politik sollte von Politikern gemacht werden.
Doch wo sind sie ?
Die Politker. Nicht diese Herrschaften ( und Damenschaften ) die wir da so haben.

P.S.:Vielleicht haben wir sie verdient ?

12) Cato, Montag, 12. April 2010, 16:08 Uhr

Wer diesen Parteienzauber noch ernst nimmt ist selber schuld. Prof. Schachtschneider sagte:
Wir haben keine Demokratie mehr sondern eine Oligarchie…..!
Die Verblödung der Bevölkerung dieses Landes sprengt jede Vorstellung! Und wer heute noch
glaubt daß der Osterhase die Eier bringt ist nicht nur kindlich, sondern manipuliert!
So, Deutsche, schlaft weiter und laßt euch einlullen durch die “Kinderlieder” der Angela M.

13) infi, Montag, 12. April 2010, 16:13 Uhr

Deshalb steht meine Wahl auch seit Freitag fest: Die PARTEI.
“Die nehmen mich nicht ernst, also muss ich sie auch nicht ernst nehmen” 😉

14) Nrwbasti, Montag, 12. April 2010, 16:28 Uhr

Hallo Herr Spreng,
Hallo alle anderen,
ich werfe meine eine Frage gerne nochmal “in den Ring” und ergänze diese um eine zweite:

1. Ein anderer Blog hat heute die Möglich von SPD-Grüne und FDP aufgeworfen. Angeblich können Frau Kraft und Herr Pinkwart gut miteinander. Für wie realistisch halten Sie diese Konstellation?

2. Werden die Grünen nur dann mit der NRW CDU koalieren, wenn sich NRW in Sachen Verlängerung von Atomlaufzeiten enthält, sprich, das Projekt wahrscheinlich somit kippen wird

Viele Grüße

15) Mehrheitsmeiner, Montag, 12. April 2010, 16:35 Uhr

Zu Ihrer Frage: Wieso glauben Parteien eigentlich, dass die Wähler ihre taktischen Spielchen nicht durchschauen?

Bitte entsprechend ankreuzen:

1. Weil Wähler an notorischer Amnesie leiden
2. Weil Wähler sich ideologisch eingebuddelt haben
3. Weil Wähler einfach nur doof sind
4. Das war schon immer so

Nur ich nicht. 😉

Ahoi

16) Peter Kunde, Montag, 12. April 2010, 18:18 Uhr

Die Wähler durchschauen natürlich jeden Schwindel – es wäre ja ein Armutszeugnis, wenn sie nach Jahrzehnten nicht diese Routine gewonnen hätten.
Aber das Erstaunliche ist doch, dass sie trotzdem immer wieder die gleichen Schwindler wählen.

17) Doktor Hong, Dienstag, 13. April 2010, 00:54 Uhr

“Da haben die Wähler gedacht, jetzt beginne eine gerechte Steuerpolitik, die hart arbeitende Mittelschichten entlastet, stattdessen wurde erst einmal den Hoteliers eine Milliarde Steuern erlassen.”

Wieso sollte das denn jemand gedacht haben? Es war doch immer von Leistungsträgern die Rede, nicht von hart arbeitenden Mittelschichten.

18) Skeptiker, Dienstag, 13. April 2010, 02:20 Uhr

Und die Piraten bedanken sich immer mehr:)

Auch bei einer inkompetenten FDP Bundesregierung, (die Union verliert ja nun in diese Richtung eher weniger)
wie von Parteien,die in Lagern denken,auch wenn das den Wählern zu Hals raushängt.

An sich gings ja in der Politik mal um Inhalte,und nicht um Machterhalt bzw. Machtverhinderung.

Wenn man das nicht begreift,hat man eben Murks,wie wir ihnen in den letzten Jahren erlebt haben,und eine neue politische Kraft,wird sich aus diesem Elend erheben bzw. wir werden in eine Systemkrise wie in Weimar schlittern,die sich in Europa langsam aber sicher auf breiter Basis bemerkbar macht
(Holland,Ungarn,Österreich)

19) Meyer, Dienstag, 13. April 2010, 20:20 Uhr

Nun ja.

Die Fragen für mich Nichtmasochisten lautet also:
1. Wählen?
2. Wenn ja: Etwa eine Partei aus dem Links-Blockflötenbereich CDUSPDFDPGrüneLinke?
3. Wenn nein: Welche dann?

Ich bin eher leicht sadistisch veranlagt. Also werde ich wählen. Und zwar keine Blockflötenpartei, sondern eine Partei, die jetzt oder später eine kleine, aber feine Chance hat, den Düsseldorfer Landtag zu sprengen. Und die Piraten sind es nicht. Es wird eine Nichtlinkspartei. Linksparteien haben wir ja schon fünf. Eine sechste braucht niemand. Eigentlich braucht man nur eine. Die Blockflöten könnten ja fusionieren. Aber dann glauben die wohl, fiele den Wählern der Betrug auf.

Ach was, liebe Blockflöten-Parteipolitiker. Das tut es schon längst. Schaut mal auf die absoluten Wählerzahlen. Und so wird es weitergehen. Und euer Ende naht. Wie in allen anderen europäischen Staaten auch. Selbst ich werde euch Camouflage-Linke von CDU und FDP nicht mehr wählen. Die Erkenntnis kam spät, aber sie kam!

Gruß nach Ungarn. Ein traditionell mutiges Volk!

20) Meyer, Dienstag, 13. April 2010, 20:23 Uhr

@ Skeptiker

Genau so wird es kommen. Mit meiner Unterstützung.

21) marcpool, Dienstag, 13. April 2010, 21:24 Uhr

Masochist ist der,der Lust oder Befriedigung dadurch erlebt, dass er Schmerzen zugefügt bekommt oder gedemütigt wird. Das kann bei schwarz gelb nur bedeuten das sie mindestens 10 % verlieren werden ! Deshalb wählen gehen in NRW …. nie war die Chance so gross der politischen Führung unseres Landes eine wirkliche Denksportaufgabe in die Hand zu legen .

22) Dierk, Mittwoch, 14. April 2010, 09:39 Uhr

Herr/Frau Meyer, interessante Wortwahl mit Anklängen an den Reichstagsbrand. Sie halten Gewalt also für ein probates Mittel, Politik zu ersetzen?

23) Doktor Hong, Mittwoch, 14. April 2010, 10:03 Uhr

Was ist eigentlich der Kern der Unzufriedenheit?

Womöglich, dass wir ein Volk sind, in dem Arbeit sehr viel zählt?

Dass seit Jahrzehnten die Arbeitslosigkeit sehr hoch ist?

Dass Arbeitslosigkeit einen Menschen gewöhnlich hart trifft? Dass viele von uns, die noch Arbeit haben, jene mit Verachtung strafen, die sie verloren haben, und sie beschuldigen, auf unsere Kosten zu leben?

Dass ein “Leistungsträger” versucht, dieses dumpfe Gefühl zu schüren und für seine politischen Zwecke zu missbrauchen? (“spätrömische Dekadenz”)

Dass seit Jahrzehnten die Wirtschaftsführer unseren Politikern ihre Wunschliste diktieren, stets mit dem Versprechen, dann werde die Arbeitslosigkeit wie durch ein (Wirtschafts-)wunder verschwinden? Und nichtsdergleichen passiert?

Dass die Politik seit Jahrzehnten machtlos ist, großen Teilen der Bevölkerung das zu verschaffen, was ihrem Leben einen Sinn gibt: Arbeit?

Dass jene Leistungsträger sofort mit dem Verlust von hunderten Millionen von Arbeitsplätzen droht, wenn man ihre Milliardengewinne, die sie auf Kosten staatlicher Systeme von uns hart arbeitenden Mittelschichtleuten abgreifen (z.B. Pharma/Krankenversicherung), ein wenig beschneiden will, um die Belastung für Mittelschichtler zu senken? Dass die Politik dann jedesmal sofort kuscht?

Dass vielen Menschen aus der Mittelschicht langsam dämmert, dass sie in Wahrheit gar nicht zu jenen vielbeschworenen Leistungsträgern gehören, zumindest nicht in den Augen jener, die den Begriff definierten?

Dass der Mittelschichtler jederzeit seine Arbeit verlieren kann, selbst wenn er sie gut erledigt, und ihm dann Hartz 4 blüht, der Verlust seiner Lebensersparnisse, und dazu die Verachtung jener, die noch Arbeit haben?

Dass der Leistungsträger ein Unternehmen komplett in die Wand fahren und Milliardenverluste verursachen kann, und dafür eine Millionenabfindung erhält?

Dass Unternehmensführer immer schön von Kostensenkungen reden, indem sie “Arbeitskräfte freisetzen”, aber diese Kosten eben von jener Mittelschicht getragen werden, die für ihr Geld arbeiten muss, zumal sie für sich und ihre Unternehmen stets Steuersenkungen fordern und auch bekommen? Alle senken sie Kosten, Arbeitsplätze entstehen schon irgendwo anders. Wo denn, wenn das alle so machen?

Dass das von vielen Menschen als ungerecht empfunden wird?

Dass eine hohe Arbeitslosigkeit in Wahrheit im Interesse der Leistungsträger sein könnte, weil man dadurch Löhne und Gehälter drücken und Mitarbeiter viel besser unter Druck setzen kann?

Das kann ja alles völlig falsch sein – der Laden hier läuft in Wahrheit ganz wunderbar und ich sehe das alles nur zu eng, aber als Hypothesen würde ich obige als Fragen formulierte Aussagen dann doch gerne im Raum stehen lassen. Vielleicht aber ist es ja ein Angriff auf die Mittelschicht, der hier gerade läuft? Und die ganze Hartz-4-Debatte soll davon ablenken?

Denn mal ganz ehrlich: Wer aus der Mittelschicht möchte gerne mit einem Hartz-4-Empfänger tauschen? Das soll doch ein ganz tolles, wundervolles und sorgenfreies Leben sein, habe ich von der Bild-Zeitung gehört.

24) Xpomul, Mittwoch, 14. April 2010, 12:40 Uhr

Danke Doktor Hong.
Es ist wahr.
Man mag hierzu noch ein “leider” einfügen, je nach eigener Lage oder absehbarer Lage.
Jeder, auch die Leistungsträger und nicht nur die Unterschichtler, können ziemlich jederzeit ihre Arbeit verlieren.
Ab einem gewissen Alter ist es dann nahezu unmöglich eine neue zu finden.
Selbst mit drastischen Verzichtsabsichten und -erklärungen nicht.

Und, die bisherige Leistung zählt dann nichts.
Eigentlich sogar noch weniger als Nichts, nämlich überhaupt gar nichts.
Dafür bekommt man dann die Verachtung umsonst und die Almosen sogar geschenkt.
Beinahe schon toll, doch eher doll.

Und, nicht alles, eigentlich sogar wengi bis gar nichts, stimmt was diese Zeitung von sich gibt.
Bidl dir deine Meinung !
Vertrau nicht dier Bild Zeitung !!!

25) Meyer, Donnerstag, 15. April 2010, 15:32 Uhr

@ Dierk

“Herr/Frau Meyer, interessante Wortwahl mit Anklängen an den Reichstagsbrand. Sie halten Gewalt also für ein probates Mittel, Politik zu ersetzen?”

Politik ist Machtpolitik. Nichts in der “Politik” geschieht ohne den reinen Machtzweck. Im Rahmen des Machtkampfes ist Gewalt objektiv ein manchmal funktionierendes mittel, manchmal kontraproduktiv.

Ich bin da völlig illusionslos, ohne zynisch zu sein. Gewalt wird dann genutzt werden, wenn es irgendeine Macht-Partei gibt, die glaubt, davon zu profitieren.
Ich gehe davon aus, daß dies in diesem Falle wohl von den lebenden Toten, den heutigen Block-Enheitsparteien ausgeht. Natürlich über deren machtmittel, den Staat. und wie sie bereits in berlin-Neukölln oder zum 1. Mai überall sehen können, hat der überschuldete Staat auf Dauer gar kleine Mittel, das durchzuhalten. Die Deeskalationsstrategie der Polizei NRW ist bereits dem Umstand geschuldet, der hundertfachen Übermacht der Straftäter, vor allem fremder Ethien, nichts mehr entgegenzustzen. Das gleiche gilt für die Strafgerichtsbarkeit. Einen Möchtgern-Gangster schocken sie nicht mit 30 Tagessätzen à 10 € (Harzt-IV-Einheitssatz).

Der Staat hat schon verloren. Mitten in diesem Epochenwandel sollte man sich dessen möglichst schnell bewußt werden. Jeder Mensch wird mit Gewalt konfrontiert werden. Besser Sie akzeptieren dies und handeln danach. Ein Schock wäre die beste Aufklärung für die kleinen unschuldigen Lämmchen. Vielleicht fangen sie dann endlich an, sich um die wenigen Schäferhunde zu scharen, die ihnen zwar unsymphatisch sind, aber ihr einziger Schutz gegen die Wölfe, um bei diesem Bild zu bleiben. Alternativ wäre, sich selbst die Zähne zu schärfen und die Beißmuskeln zu trainieren.

Ein Besuch bei der Fußball-WM dürfte Ihnen wohl die Augen öffnen.

Also kurz und in Ihrer Sprache: Die Gewalt WIRD die Politik ersetzen, wenn sie dazu probat wird.
Und das war schon seit der Genesis immer nur eine Frage der Zeit.

26) Dierk, Donnerstag, 15. April 2010, 19:16 Uhr

@Meyer Sie halten sich wirklich nicht für menschenverachtend? Das ist ja nicht mal ein interessantes Psychogramm.

Ich gehöre zu jenen, die schon seit einiger ganzen Weile immer wieder – äußerst ungern übrigens – darauf hinweisen, dass der seit einem Vierteljahrhundert unter Artilleriebeschuss liegende deutsche Sozialstaat nicht alleine betriebswirtschaftlich gesehen werden kann. Er war auch nie Selbstzweck, es ging auch weder Bismarck noch Erhardt darum, irgendwelchen armen Menschen Almosen zu geben. Der auf Ausgleich angelegte deutsche Sozialstaat diente [und sollte dienen] dem inneren Frieden.

Wenn die pekuniären Extreme gestärkt werde, die Unterschiede zwischen Reich und Arm oder gar Reich und Noch-Nicht-Arm unverhältnismäßig ansteigen, dann wird es immer mehr und immer stärkere Gewalt geben. Das fängt mit brennenden Mülltonnen in Hamburgs Schanze und bei Berlins 1. Mai an, geht zu immer mehr und immer längeren Streiks und am Ende werden echte Straßenkämpfe stehen.

Bis zu Beginn der 1980er war das den meisten Politkern klar – und sie wollten genau das verhindern. Nicht zuletzt, weil sie es in den 1920ern selbst erlebt haben oder zumindest durch das Endergebnis kämpfen “durften”.

Gewalt ist kein probates Mittel, nie. Und ich habe keinerlei Verständnis für jene, die sich einen kruden ideologischen Überbau zimmern, der ihnen Gewalt gegen andere erlaubt.

27) Meyer, Freitag, 16. April 2010, 11:04 Uhr

Die letzte Antwort scheint nicht das Wohlwollen des Blogbetreibers gefunden zu haben.
Deswegen verkürzt.

1. Die Schanzen-Revoluzzer sind nicht arm.
2. Die Schanzen-Revoluzzer spielen nur Gewalt.

Und die Antwort wird sicher noch gegeben werden. Dann ist es vorbei mit “spielen” und dann werden Lateinamerikanistik-Studenten auch wirklich sehen, was Armut ist. Ich wüßte nicht, warum man denen ihren Privat-Dschihad über BaFöG oder Hartz-IV finanzieren sollte.

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