Sonntag, 11. April 2010, 23:49 Uhr

Wie korrupt sind Journalisten?

Journalismus ist ein korruptionsanfälliger Beruf. Redaktionelle Artikel sind nun einmal glaubwürdiger als Anzeigen. Nur man hört wenig davon. In den Nachrufen auf Ferdinand Simoneit, den großen Wirtschafts- und Autojournalisten, wurde jetzt noch einmal die Anekdote vom dem nie eingelösten Blankoscheck erzählt, der gerahmt in seinem Büro hing – ausgestellt von einem Automobilhersteller. Ich selbst wurde schon als Jungredakteur  (1.103 DM monatlich brutto) mit einem Bestechungsversuch konfrontiert: ein Bauträger namens König, der wertloses Ackerland als Bauland mit Komfortvillen verkaufte, wollte mich mit 15.000 DM von der Berichterstattung abhalten. Erfolglos. Der Bericht erschien unter der Überschrift “Ein König ohne Land”.

Den zweiten Versuch erlebte ich als Chefredakteur. Eine Münchner Medienagentur, die Autoren und Artikel anbot, aber auch Serien und Namensbeiträge von Politikern (meist der FDP) in den Zeitungen zu platzieren versuchte, bot mir an, meine “Express”-Kommentare in einem neuzugründenden Pressedienst nachzudrucken – für bis 3.000 Mark Honorar pro Nachdruck. Ich war überrascht, welche bekannte Kollegen in diesem Schein-Pressedienst auftauchten. Er erschien allerdings nur ein paar Wochen. Ein Kollege eines anderen Blattes berichtete mir glaubwürdig, diesselbe Agentur habe ihm angeboten, pro Folge 1.500 DM auf sein Privatkonto zu überweisen, wenn er den Abdruck einer Serie eines FDP-Ministers bei seiner Zeitung durchsetze. Die Serie erschien tatsächlich, aber ohne “Sonderhonorar”. 

Als besonders korruptionsbedroht gelten Auto- und Reisejournalisten. Noch gefährdeter aber sind Medizinjournalisten, weniger durch die Arzneimittelhersteller, sondern mehr durch die Produzenten der (eigentlich überflüssigen) Nahrungsergänzungsmittel. Als ich in meiner Zeit als Chefredakteur einmal einen Redakteur unter Verdacht hatte, aber nichts beweisen konnte, strich ich kurz vor Andruck alle Produktnamen aus seinen Artikeln. Das machte ich noch zweimal, dann war Ruhe und der Journalist bekam wahrscheinlich Probleme mit seinen heimlichen  Auftraggebern.

Heute ist bei vielen Zeitschriften (besonders Frauen- und Klatschblättern) Korruption überflüssig, weil die Redakteure unter dem Druck ihrer Anzeigenabteilungen ohnehin Produktwerbung im redaktionellen Teil machen müssen.

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13 Kommentare

1) Matthias, Montag, 12. April 2010, 09:51 Uhr

Bei den Auto-Journalisten ist es ja ganz offensichtlich, zumindest bei den Kollegen der AutoBild… nicht umsonst ist VW in JEDEM AutoBild-Vergleichstest Sieger… Wegen der guten Autos bestimmt nicht, denn die sind selbst im AutoBild-Dauertest immer auf den letzten Plätzen… Aber vom Sieg gegen BMW oder Audi hält das nicht ab…
Qualitätsjournalismus eben…

2) Jeeves, Montag, 12. April 2010, 10:44 Uhr

Nunja, neu ist das alles nicht. Es sollte aber immer wieder mal gesagt werden. Danke.

3) Camus, Montag, 12. April 2010, 10:48 Uhr

Wie korruptionsbedroht sind die Politikjournalisten?

4) croco, Montag, 12. April 2010, 10:49 Uhr

Kampagnen müssen finanziert werden.
Und sei es dadurch, dass man das Auto um ein Drittel billiger bekommt, mit Presseausweis.
Hatte ich aber keinen.
Seither verstehe ich, warum die Autoindustrie so freundlich behandelt wird.
Zahlt eigentlich die Pharmaindustrie zu wenig, oder etwas garnicht?
Vermute ich.

5) Wolfgang, Montag, 12. April 2010, 10:51 Uhr

Zum Thema Motorjournalismus und seine Irrwege hätte ich auch noch was aus eigenen Erfahrungen beizutragen:
http://fastvoice.net/2009/06/28/wer-gut-schmiert-der-gut-fahrt/

Der Schuss mit der Produktwerbung im redaktionellen Teil geht für die Verlage langfristig heftig nach hinten los. Wieso sollte ein Unternehmen noch teure 4-C-Anzeigenseiten bezahlen, wenn’s den ähnlichen Werbeeffekt nun auch (fast) gratis gibt? Und damit entfällt irgendwann die Geschäftsgrundlage der werbefinanzierten Medien; vom Glaubwürdigkeitsverlust ganz zu Schweigen.

6) Olaf Dudek, Montag, 12. April 2010, 11:13 Uhr

solange die “Honorare” für freie Kournalisten 0,05,010, oder 0,20 Cent pro Zeile betragen wird man immer sehen, dass man zu seinem geld auf anderen Wegen kommt.
Olaf Dudek
freiber. Journalist

7) m.spreng, Montag, 12. April 2010, 12:15 Uhr

@camus

Politikjournalisten sind durch eine andere Form der Korruption bedroht – Korruption durch Nähe, durch Information. Aber man muss ihr ja nicht erliegen.

8) Wolfgang, Montag, 12. April 2010, 14:20 Uhr

@Olaf Dudek: Bringen Sie die Verleger nicht auf dumme Gedanken. 10 oder Cent pro Zeile sind schon verflixt wenig, aber ihre 0,10 Cent klingen eher nach Bangalore…
😉

9) XfrogX, Montag, 12. April 2010, 15:55 Uhr

Also gerade bei den auto zeitungen gibts noch ein problem, die hersteller wissen genau was wieviele punkte in deren wertung bekommt und gerade vw die eigentlich kein wirkliches image oder ziel für ihre autos haben bauen genau die passenden autos und gewinnen somit die tests. Andere marken wie bmw setzt auf sportlichkeit, das wird ihnen fast immer den sieg vermasseln, mercedes setzt auf entspanntheit ruhe udn luxus auch wieder sachen die keine punkte bekommen. VW baut ein auto nach den regeln der test. Dazu noch ein paar vergünstigungen und man gewinnt diese tests doch immer.

10) Christian, Montag, 12. April 2010, 18:36 Uhr

Und was sagen Sie zu der berühmt-berüchtigten sogenannten “Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft”?

11) Nick Name, Dienstag, 13. April 2010, 19:41 Uhr

… und die Sportjournalisten
… und die Musikjournalisten (Redakteure)
… und die Wissenschaftsjournalisten
… und die Kulturredakteure
also die ganze Redaktion: Willkommen bei BILD!

12) Kand.in.Sky, Mittwoch, 14. April 2010, 23:15 Uhr

Der nächste der nachher sein Gewissen von vorher entdeckt… bitte hinten anstellen.

#k.

13) Elisabeth Putz, Montag, 10. Februar 2014, 09:28 Uhr

Mir ist etwas Ähnliches passiert. Ich schickte eine Mail an einige österreichische Zeitungen, denn ich wollte die Medien um Hilfe bitten, weil ich gegen die österreichische Justiz nicht mehr ankam. Und voila, es schrieben mir einige Redakteure zurück und boten mir einen Zeitungsartikel zur Veröffentlichung an. Allerdings sollte ich unter anderem einer bestimmten Partei beitreten, und in einem Fall sollte ich sogar einen lobenswerten Artikel über einen bestimmten Pharmakonzern auf meinem Blog veröffentlichen. Aha, so kommt man in Österreich in die Zeitung, dachte ich. Wo hört die Korruption auf? Danke, dann verzichte ich lieber auf die Hilfe der Medien.

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