Montag, 19. April 2010, 08:44 Uhr

Steuerkritiker Nr. 1

Spektakuläre Äußerungen von Politikern entstehen häufig nicht dadurch, dass sie etwas sagen wollten, sondern dadurch, dass sie nach etwas gefragt werden. So erregte Bundespräsident Roman Herzog im Sommer 1994, als er gerade wenige Wochen im Amt war, großes Aufsehen durch seine scharfe Kritik am deutschen Steuersystem.

Und das kam so: ich hatte einen 20minütigen Termin bei Herzog, um mich als Chefredakteur der “Bild am Sonntag” vorzustellen. Zur Verblüffung des Präsidenten funktionierten mein Kollege Friedemann Weckbach-Mara und ich diesen Höflichkeitstermin zu einem Interview über das deutsche Steuersystem um. Herzog ließ sich überrumpeln und autorisierte später das kurze, aber spektakuläre Interview. Sein zentrales Zitat erschien als Schlagzeile auf Seite 1 der BamS: “Unser Steuersystem ist ungerecht”. Im Text gestand der Bundespräsident:”Ich kann unser Steuersystem nicht mehr verstehen”.

So wurde Roman Herzog zum Steuerkritiker Nr. 1. Das Interview wurde noch jahrelang zitiert.

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3 Kommentare

1) Thom, Montag, 19. April 2010, 23:37 Uhr

Ich glaube kaum, daß dieses Interview der Ursprung für die älteste Plattitüde des Steuerstaats sein sollte. Gleiches ließen die Lakaien des Kapitals schon 1861 verlauten.

2) dissenter, Dienstag, 20. April 2010, 12:26 Uhr

Und was ist das Ergebnis, nach 16 Jahren Phrasendrescherei? Eine Umverteilung der Lasten von oben nach unten und eine permanente Verhöhnung des Grundsatzes der Besteuerung nach Leistungsfähigkeit. Nichts also, worauf man stolz sein müsste.

3) Hilde, Donnerstag, 22. April 2010, 18:04 Uhr

Herr Spreng,

immer wieder bewundere ich Sie. Wie großartig Sie sind. Warum aber bemerken Sie als Einziger stets Ihr journalistischen Glanztaten? 🙂

MfG

HF

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