Mittwoch, 28. April 2010, 13:05 Uhr

Der Grieche in uns

Die fast stündliche Verschärfung der Griechenland-Krise hat auch deutsche Ursachen und deutsche Verantwortliche. Die Schuldigen sitzen nicht allein in Athen und in den Zentralen internationaler Hedgefonds, sondern auch in Berlin und in jedem deutschen Dorf, in jeder deutschen Stadt. Die Krise wird verschärft durch die deutsche Selbstüberschätzung und die daraus resultierende populistische Haltung aller Parteien.

Wir Deutsche glauben nach wie vor, wir seien besser, fleißiger, steuerehrlicher und disziplinierter als die Griechen und könnten uns deshalb erlauben, mit chauvinstischem Hochmut auf das Mittelmeer-Volk herabzusehen und ihm seine Politik vorzuschreiben, statt Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Dabei steckt auch in Deutschland ein Stück Griechenland und in jedem Deutschen auch ein Grieche.

In Deutschland ist Korruption zwar nicht so weit verbreitet wie in Griechenland, aber sie ist größer als die Strafverfahren und Berichterstattung glauben machen.

In Deutschland ist die Steuerehrlichkeit zwar größer als in Griechenland, aber in fast jedem Deutschen steckt auch ein kleiner oder großer Steuerhinterzieher – die einen mogeln bei der Strecke, die sie zum Arbeitsplatz fahren, oder bei der Größe des heimischen Büros, die anderen haben Milliarden ins Ausland gebracht. Die immer neuen CDs mit den Namen der Steuersünder sind nur die Spitze des Eisbergs.

In Deutschland sind zwar Schulden und Schuldenlast geringer als in Griechenland, aber auch die Deutschen (und jahrzehntelang ihre Politiker) bürden nachfolgenden Generationen unverantwortlich hohe Schulden auf.

In jedem Deutschen steckt ein Grieche – zumindest ein kleiner. Deshalb wird es Zeit, vom hohen Ross herunterzukommen und endlich die Bürgschaften für die Kredite der KfW-Bank an die Griechen zu gewähren, bevor weitere Länder, der Euro, die Europäische Währungsunion und am Ende auch Deutschland in den Strudel gezogen werden.

Das wäre auch möglich, wenn nicht in zwölf Tagen in Nordrhein-Westfalen gewählt würde. Alle Parteien haben Angst vor dem Zorn der Wähler, dabei haben sie den Zorn durch unverantwortliche Äußerungen („Die Griechen sollen ihre Inseln verkaufen“) und durch ihr Abwarten selbst geschürt. Die ehemalige „eiserne Kanzlerin“ Angela Merkel lässt sich mangels eigenem Kompaß von BILD mit den Angst-Schlagzeilen als Stimmungsbarometer beraten. Auch die SPD macht angesichts der NRW-Wahl eine traurige Figur und die FDP wird mit sachlich falschen und politisch dummerhaften Äußerungen („Für die Griechen ist Geld da, aber nicht für die Entlastung der Steuerzahler“) zum Chefanheizer des Volkszorns. Wer hofft, aus der Griechenland-Krise parteipoltischen Profit zu schlagen, wird am Ende selbst Opfer der von ihm geschürten Stimmung. Der Zorn frisst seine Verursacher.

Der Zustand Griechernlands ist trostlos, trostlos ist aber auch die deutsche Politik. Wenn ich als Politiker weiß, dass ich am Ende die Kredite im eigenen Interesse ohnehin gewähren muss, dann ist jede Stunde Abwartens verantwortungslos, weil jede Stunde Zögern die Krise verschärft und neuer Treibstoff für das populistische Feuer ist.

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