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Montag, 31. Mai 2010, 15:16 Uhr

Horst weg!

Erst war er “Horst, wer?”, dann “Horst, warum?”, dann “Horst Lübke” (Der Spiegel) und jetzt ist er “Horst weg!”. Das hat es noch nie gegeben: ein Bundespräsident hat keine Lust mehr, wirft das Amt weg wie einen Anzug, der ihm nie gepasst hat. Die erste Reaktion ist Erstaunen, die zweite Betroffenheit, die dritte Respekt. Horst Köhler hatte einfach keine Lust mehr, sich wie ein Tanzbär am Nasenring durch die Arena von Politik und Medien führen zu lassen. Seine Selbstachtung ließ ihm offenbar keinen anderen Ausweg. Ein integrer, redlicher und sympathischer Mann macht Schluß mit einem Zirkus, in den er nie gepasst hat.

Auserkoren an Guido Westerwelles Küchentisch, um Wolfgang Schäuble zu verhindern – ein Überraschungskandidat, wohl am meisten zu seiner eigenen Überraschung.  Das Kalkül von Angela Merkel und Westerwelle war, ins Schloß Bellevue einen unpolitischen und damit für die beiden ungefährlichen Mann zu entsenden, der keine eigenen politischen Erfahrungen und keine in langen Jahren erworbene Autorität mitbrachte. Merkel und Westerwelle wollten keinen Mann wie von Weizsäcker oder Herzog, der ihre Kreise stören könnte.

Köhler sollte der bequeme, leicht händelbare Herold und Wegbereiter für den marktradikalen Machtwechsel 2005 werden. Das war die erste Fehlkalkulation der beiden Oberstrategen: statt Schwarz-Gelb kam die große Koalition und damit ein Ruck der CDU/CSU zur Mitte und nach links. Der Herold hatte nichts mehr zu verkünden, er wirkte politisch fremd im Amt. Und als Mann, der nie die Höhen und Tiefen der Parteipolitik kennengelernt hatte, war er auch persönlich fremd im Amt und in Berlin. 

Köhlers Reden waren bemüht, aber hölzern, er konnte die einzige Macht, die ein Bundespräsident hat, die Macht des Wortes, nie gebrauchen. Köhler wurde von der politischen Klasse mehr geduldet, als unterstützt – so populär er auch in der Bevölkerung war. Weil er nichts sagen konnte und nicht zu sagen hatte, will er jetzt auch nichts mehr sagen. Ein Präsident hat die Nase voll. Er hat es zwar nie so formuliert wie Gustav Heinemann, aber auch ihm waren seine Frau und seine Familie immer wichtiger als staatliche Würden, Protokoll und Dienstwagen. Er liebt seine Frau, nicht sein Amt. Den größten Fehler hat er allerdings selbst zu verantworten: sich zur Wiederwahl zu stellen, statt beizeiten in Ehren zu gehen.

Der Streit um seine unglücklichen Afghanistan-Äußerungen war nur der letzte Anlass für seinen Rückzug. Er muss schon lange daran gedacht haben. Ausschlaggebender Grund dürfte jetzt die mangelnde Solidarität von Merkel und Westerwelle gewesen sein, die ihn in den letzten Tagen im Regen stehen ließen. Beigesprungen gegen die maßlosen Angriffe der Opposition war ihm nur Karl-Theodor zu Guttenberg. Für zu Guttenberg war das eine Frage des Respekts und des Stils. Aber wer sonst hat in Berlin noch Stil?

Für Merkel und Westerwelle ist Köhlers Rücktritt ein furchtbares Menetekel, das sie an ihre eigene politische Endlichkeit und die Endlichkeit von Schwarz-Gelb gemahnt. Der Herold ist weg, Merkel und Westerwelle sitzen jetzt allein im tiefen Tal ihrer Koalition. Ob sie die Zeichen an der Wand erkennen?

Lesen Sie dazu auch meinen Beitrag “Horst,warum?

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48 Kommentare

1) Kyola Se, Montag, 31. Mai 2010, 15:39 Uhr

> Ob sie die Zeichen an der Wand erkennen?

Man kann es nur hoffen… oder nein, vielleicht sollte man hoffen, dass es sie sie nie erkennen. Die naechste Bundestagswahl (anno 2011) waere auf jeden Fall unterhaltsamer.

2) Nrwbasti, Montag, 31. Mai 2010, 15:39 Uhr

@ Herr Spreng

Das hat mich dann doch sehr überrascht, wo das Thema doch in den Nachrichten gar nicht so präsent war. Seine erste Amtszeit war 3-4 Jahre sehr gut, danach wurde es still um ihn.

Wird die Kanzlerin jetzt wohl eher den Konsens mit der FDP oder eine Entscheidung unter Einbeziehung der SPD suchen?

3) Z, Montag, 31. Mai 2010, 15:41 Uhr

Jede Form der Stabilisierung wirkt sich positiv auf die Wirtschaft aus. Und wenn wir in Afghanistan sind, um dort eine stabile Lage zu schaffen, dann trifft sein Satz sogar darauf zu. Dass ausgerechnet der langweilige Horst über so eine Äußerung stolpert, hätte ich mir aber auch nie erträumt. Vermissen werde ich ihn aber nicht. Wobei…das natürlich darauf ankommt wer sein Nachfolger wird. Hoffe der Blogvater lässt sich hier in naher Zukunft zu Spekulationen hinreissen.

4) Benjamin, Montag, 31. Mai 2010, 15:56 Uhr

Ich muss gestehen, dass ich kein so großes Verständnis für den Rücktritt habe, wenngleich man diesem sehr ungewöhnlichem Schritt absolut Respekt zollen muss. Ich stimme zwar zu, dass Köhler auf die eigene Integrität bedacht war und wahr ist sicherlich auch, dass Merkel (wie so oft) und Westerwelle keinen Finger rührten, um sich vor Köhler zu stellen. Aber ich würde von einem Bundespräsidenten, der schließlich keine potestas, sondern nur auctoritas besitzt, erwarten, die Kritik auszuhalten und durchaus dagegen Stellung zu beziehen; einen Rücktritt finde ich aus dem Anlass doch nicht wirklich gerechtfertigt. Aber das ist wohl das Kernproblem: Das Wort war Köhlers Sache nie, ebenso gilt er ja als recht dünnhäutig. Dennoch hat er ja durchaus auch eigene Positionen gegen die Regierung vertreten, nur in der Wirtschaftskrise hat er weitgehend geschwiegen – dabei wäre das doch sein Feld gewesen.

Köhler wird sicherlich nicht als starker Bundespräsident in Erinnerung bleiben, keine größere Idee ist mit ihm verbunden. Einen solchen Abgang hat er aber m. E. nicht verdient – und dieser ist zwar selbstverantwortet, aber doch wohl zu einem Stück mit der Katastrophenpolitik in Berlin verbunden. Die schwarz-gelbe Regierung (wenn man sie so noch nenne will) hat jetzt ein neues Problem, es werden ja schon alle möglichen Namen in der Presse gehandelt, ohne dass einer wirklich überzeugen kann; viel Zeit bleibt ohnehin nicht.

5) Irreversibel, Montag, 31. Mai 2010, 16:05 Uhr

Soso, Guttenberg also als tapferer Streiter an der Seite des Bundeshorstes gegen die maßlosen Vorwürfe der Opposition…..So kann man das natürlich auch sehen wenn man beharrlich die Augen davor verschließt, was Köhler klipp und klar (und nicht “unglücklich”) gesagt hat. Dass er damit nicht Afghanistan gemeint hat und sich zudem ganz auf der (unsäglichen) politischen Linie des Weißbuchs 2006 bewegt macht es auch nicht besser.

6) Juergen, Montag, 31. Mai 2010, 16:16 Uhr

Vielen Dank für die schnelle Reaktion bzw diesen Beitrag und die gute Analyse. Das sind jetzt ein zwei Fragezeichen weniger über meinem Kopf.

7) Adler, Montag, 31. Mai 2010, 16:31 Uhr

Der Bundeshorst hat sich in vielen Bereichen zum Fürsprecher der Neoliberalen gemacht, und vermutlich hat er sogar für die Mehrheit dieses Landes gesprochen. Integrierend war er nie, und sein afrikanischies Hobby letztendlich auch nur heiße Luft. Ich habe von ihm nicht einen so klaren Satz, wie von Heinemann fast jeden, gehört.Gespannt, wer als nächstes für das untergehende Schwarz-Gelb aus dem Hut gezaubert wird und Schaumschagen darf.

8) Jonas Schaible, Montag, 31. Mai 2010, 16:34 Uhr

Darf ich auf meinen Kommentar zum Thema verlinken?
Vielleicht bedauerlich, aber nötig“.

9) dissenter, Montag, 31. Mai 2010, 16:36 Uhr

Ich bitte darum, das Amt im Rahmen der anstehenden Sparanstrengungen abzuschaffen und seine Befugnisse dem jeweiligen Präsidenten des Bundesrates zu übertragen.

Und bitte, Herr Spreng, keine Dolchstoßlegenden: Horst Köhler ist nicht an der “maßlosen” Opposition gescheitert (Trittin soll ihn gemeuchelt haben, war irgendwo zu lesen), sondern an seinem fragwürdigen Amtsverständnis. Auch ein Bundespräsident muss Kritik aushalten, zumal dann, wenn er Wegweisendes sagen will und bestenfalls Missverständliches zu Stande bringt.

10) Christian, Montag, 31. Mai 2010, 16:43 Uhr

Zu Guttenberg hat Stil? Dieser Blender? Zieht er sichdenn jetzt weiße Handschuhe an, bevor er Untergebene als Bauernopfer für eigene Fehler feuert?

11) Surprise2011, Montag, 31. Mai 2010, 16:50 Uhr

Ich frage mich ernsthaft, wie man einer solchen Entscheidung Respekt zollen kann. Wir haben in diesem Land schon genug Leute, die plötzlich hingeschmissen haben, von Lafontaine über Koch bis Köhler. Respekt hat sich nur jemand verdient, der für seine Überzeugungen eintritt, aber nicht jemand, der beleidigt hinschmeisst.

12) armer Moldavier, Montag, 31. Mai 2010, 16:53 Uhr

Herr Bundespräsident a.D. ich zolle Ihnen meinen Respekt.

Möge ein Ruck durch die politische Kaste gehen, auf dass
auch andere Rückgrat zeigen! Und das bevor Deutschland untergeht.

13) Steuereintreiber, Montag, 31. Mai 2010, 16:54 Uhr

Ich müßte @dissenter eigentlich recht geben: Im Rahmen des heutigen Politikbetriebes ist das Amt des Bundespräsidenten so entwertet worden, daß man es abschaffen sollte. Die Kosten, die uns zumal die Alt-Bundespräsidenten genußvoll oder wider Willen aufhalsen, sind absurd. Leider würde eine solche Änderung des Staatsaufbaus eine solche Stärkung des Kanzleramtes zur Folge haben (der letzte Kanzler, der das Amt des Staatsoberhauptes an sich zog, hieß Hitler), daß ich sie letztlich aber doch nicht empfehlen kann.

Ich tippe auf Lammert.

14) Stefan, Montag, 31. Mai 2010, 16:55 Uhr

Na, das kann ja heiter werden. Neben Finanzkrise und schwarz-gelber Krise steht nun auch noch die Enberufung der Bundesversammlung innerhalb von dreißig Tagen auf der politischen Agenda.
Im Eilverfahren müssen nun Nachfolgekandidaten für das Präsidialamt gesucht werden, Vertreter für die Bundesversammlung berufen und Mehrheiten in der Nachfolgefrage organisiert werden.
Schnell haben wir den Taschrechner ausgepackt und gerechnet. Sollte sich wie erwartbar keine überparteiliche Kandidatenlösung finden, kann sich schwarz-gelb weiterhin auf eine Mehrheit in der Bundesversammlung stützen (http://www.kuechenkabinett.org/2010/05/das-wars-horst-kohler-ade.html).

15) Doktor Hong, Montag, 31. Mai 2010, 17:17 Uhr

Viel mehr als Achselzucken fällt mir zu dem Rücktritt nicht ein.

In Deutschland haben wir keine imperiale Tradition wie in Großbritannien, das wie selbstverständlich Kanonenboote um den halben Globus schickte, um seine Handelsinteressen durchzusetzen.

Die deutschen Kolonialeskapaden arteten dazu auch immer gleich in Größenwahn und Massenmord aus, angefangen bei den Hereros, über die kolonialen Aspekte in Polen und der UdSSR brauche ich mich vermutlich nicht sonderlich auszulassen.

Wer solche geschichtlichen Empfindlichkeiten und kollektiven Erinnerungen ignoriert, indem er sich äußert, als sei Deutschland eine Militärmacht vom Range der USA, die mal eben ein Land besetzen können, um ihre Handelsinteressen durchzusetzen, braucht sich über eine solche öffentliche Reaktion nicht wundern, ob nun Afghanistan gemeint ist oder nicht.

Es gibt immer wieder Leute, die sagen, irgendwann müsse doch mal Gras über die Sache gewachsen sein. Dem kann ich nur zweierlei entgegnen. Erstens, auch heute noch wissen wir von Alexander dem Großen, Hannibal, Julius Cäsar und ihren Taten – und diese ollen Kamellen sind etwas länger her als der Zweite Weltkrieg.

Auch Karl der Große war noch 1000 Jahre später als “Sachsenschlächter” bekannt, im Zuge der deutsch-französischen Aussöhnung aber schwand dieser Begriff aus den Geschichtsbüchern und wurde durch einen dezenten Hinweis auf kleinere Meinungsverschiedenheiten zwischen Sachsen und Franken ersetzt.

Wie dem auch sei, wenn man in Afghanistan über mangelhafte Ausrüstung klagt und andererseits mit militärischer Gewalt seine Handelsinteressen durchsetzen will, dann passt das einfach nicht. Die Zeit ist eben noch nicht reif dafür, “unverkrampft” darüber zu reden, deutsche Männer und Frauen der Verstümmelungs- und Lebensgefahr auszusetzen, damit ein paar Eliten mehr Geld verdienen können.

Dazu muss man abwarten, bis sich die soziale Lage hierzulande so weit verschärft hat, dass die einzige Hoffnung für Menschen aus der Unterschicht für ein Auskommen darin besteht, sich für militärische Einsätze zu verpflichten – in den USA und Großbritannien funktioniert das soweit ja ganz gut.

Man verzeihe mir meinen Sarkasmus.

16) Lars Offermann, Montag, 31. Mai 2010, 17:38 Uhr

Ich finde den Zeitpunkt des Rücktritts unglücklich gewählt. Horst Köhler war wohl nie ganz warm geworden mit seinem Amt und fühlte sich anscheinend nicht genügend von Merkel und seinen eigenen Angestellten unterstützt. Er war weder wortgewaltig noch sonderlich einflussreich. Seine Amtsführung war auch nicht gerade dazu angetan den Ruf des Amtes zu verbessern. Er polemisierte auch gegen die Politik, was ihm zwar Punkte in der Bevölkerung einbrachte aber ihm nun nicht unbedingt positiv angerechnet werden sollte.
Das er aber ihn einer politischen und wirtschaftlichen Krise hinwirft ist einfach fahrlässig. Es wäre seine Aufgabe gewesen, den Menschen Sicherheit und moralische Unterstützung zu geben. Da die Politik es versäumt, ihr handlungsweise oder auch nur die Probleme zu erklären, hätte Köhler dies tun müssen.

Was wir jetzt brauchen, in unruhigen Zeiten, ist eine integre Persönlichkeit, die in der Lage ist, den Menschen halt zu geben. Daher halte ich Frau Käßmann geradezu prädesteniert für dieses Amt.

17) deraxel, Montag, 31. Mai 2010, 17:56 Uhr

so langsam gehen der merkel die kerle aus… ;-)

18) Detlef Obens, Montag, 31. Mai 2010, 18:02 Uhr

Guter Artikel!
Siehe auch hier:

http://www.demokratisch-links.de/der-prasident-geht

19) JG, Montag, 31. Mai 2010, 18:23 Uhr

Wohl kein politischer Amtsträger hat in Deutschland eine solche Freiheit wie ein Bundespräsident, zumal in seiner zweiten Amtszeit, nach der er sowieso nicht wiedergewählt werden kann: Er kann zwar wenig mehr als reden, aber dabei darf er das sagen, was andere nicht zu sagen wagen. Freilich übernimmt diese Funktion inzwischen Helmut Schmidt, derweil Horst Köhler in den letzten Monaten ein Totalausfall war – genauer: ziemlich genau, seitdem uns die Kapitalmärkte dank ihrer auch von H.K. immer wieder beschworenen “Liberalisierung” in den Schlamassel geritten haben. Daß es womöglich besser war, daß er geschwiegen hatte, schwante einem allerdings in der letzten Woche…

Zwischendurch war Köhler übrigens – das haben Sie in Ihrer Aufzählung vergessen, Herr Spreng – auch mal “Super-Horst”. Zumindest ist er dazu von unseren mittlerweile durchgreifend boulevardisierten Medien hochgejubelt worden. Nun hat er sich doch noch einen Platz in den Geschichtsbüchern verschafft – als der Bundespräsident, der den Lafontaine gemacht hat. Allerdings mit weniger guten Gründen als der Herr von der Saar.

Im übrigen gilt: “If you can’t stand the heat, stay out ot the kitchen!”

20) JG, Montag, 31. Mai 2010, 18:30 Uhr

@ Stefan

DIe Frage ist doch müßig: Schwarz-Gelb hat in der Bundesversammlung eine satte Mehrheit. Alles andere als die Wahl eines Kandidaten, den Mutti und Guido nun schnell auskungeln, würde zumal in der momentanen Situation der Bundesregierung als Ouvertüre zu deren Abgang im Herbst (spätestens, wenn man sich über die “Haushaltskonsolidierung” und die zu erwartenden Steuererhöhungen zerstreitet) verstanden werden. Abgesehen davon ist es egal, wer den Gruß-August macht.

21) Sabine Zielke-Esser, Montag, 31. Mai 2010, 18:43 Uhr

Jetzt haben wir also noch einen weiteren Alt-Bundespräsidenten finanziell zu versorgen. Horst Köhlers persönlicher Beitrag zum Sparprogramm.

Und auch die Bundesversammlung muss in einem Affentempo einberufen werden. Nach den letzten Ermächtigungs-Eil-Sofort-Alternativlos-Gesetzen droht der Planet Berlin aus dem Orbit zu schleudern. Tschüss Angie, Tschüss Guido!

22) Peter H., Montag, 31. Mai 2010, 18:54 Uhr

Was war denn an Herrn Köhlers Äußerung unglücklich? Sie war recht klar und eindeutig. Dass militärische Gewalt schon immer mindestens auch, oft sogar überwiegend, der Durchsetzung und Sicherung militärischer Interessen diente und auch heute noch dient, ist doch weder überraschend noch neu.
Es bliebe zu fragen, ob er sich bewusst war, was er da sagte, aber ich mag nicht annehmen, dass er unbedarft plapperte. Das würde seinem Bildungshintergrund und seiner Erfahrung kaum gerecht werden.

Ich finde seinen Rücktritt schwach. Wenn er schon unbequeme Dinge ausspricht, muss er auch die Souveränität besitzen, die entsprechenden Reaktionen auszuhalten und auf sie zu reagieren. Sich einfach zurückzuziehen ist eine billige Lösung. Es wirkt beleidigt.

Ob er überhaupt allzu geeignet war, das Amt zu bekleiden, mag man bezweifeln. Das Amt des Bundespräsidenten ist im wesentlichen machtlos ausgestattet – umso mehr erfordert es von seinem Träger die Fähigkeit und den Willen zum starken Wort, ohne zu sehr in Parteidenken zu verfallen.
Ein mit mutmaßlich hoher Intelligenz begabter Mann wie Köhler hätte wissen können, dass er kein Mann der großen Rede ist und vermutlich nie sein würde und dementsprechend die ihm zugetragene Kandidatur für das Amt eher ablehnen sollen. Auch sein 2004 unverblümt geäußerter Wunsch nach einer CDU-Mehrheit nach der nächsten Bundestagswahl war dem Amt unangemessen.

Sein größtes Versäumnis aber war, dass er ganz klare Stellungnahmen und Forderungen an die Politik zur Wirtschaftskrise und sich den daraus ergebenden Konsequenzen vermissen ließ. Mehr als ein paar Reden, die aber kaum nachhaltig Eindruck machen konnten und meinem Eindruck nach alle innerhalb weniger Tage vergessen waren, war nicht zu vermerken.
Schade, denn genau in diesem Bereich liegt doch seine Sachkompetenz. Aber vielleicht fehlten dafür dann doch einfach die starken rednerischen Fähigkeiten.
Mal sehen wie es weitergeht.
Altbischof Huber vielleicht? Oder ist der nicht mehrheitsfähig?

23) Bredenberg, Montag, 31. Mai 2010, 19:52 Uhr

Ich unterstütze die Kommentatoren, die für die Abschaffung des Amtes des Bundespräsidenten eintreten. Wir sparen nicht nur Geld, sondern auch Nerven.

24) M.M., Montag, 31. Mai 2010, 19:57 Uhr

Warum nur ist er zu Wiederwahl angetreten, wenn er die Periode nicht durchhält? Ich verstehe solche Männer nicht!

25) Jost Kremmler, Montag, 31. Mai 2010, 21:44 Uhr

Er war in der Bevölkerung populär, aber vor allem weil er populistisch die Politiker schlechtredete, statt Politik zu erklären. So hat er die Politikverdrossenheit noch geschürt. Eine Amtszeit hätte absolut ausgereicht. Wenigstens hat Köhler sich und uns weitere vier Jahre erspart.

26) vera, Montag, 31. Mai 2010, 23:02 Uhr

und jetzt kriegen wir käßmann, um die brutalstmöglichen einsparungen nett zu verpacken.

27) Tiberius, Montag, 31. Mai 2010, 23:08 Uhr

Koch und Köhler werden nicht die letzten sein, die in diesem Jahr, aber vor allem in 2011 ihre Plätze räumen. Es rüttelt an den Machtstrukturen des alten Europa: “Götterdämmerung” in Böhmen … Mit einem historischen Stimmenverlust für die Volksparteien und dem Rücktritt von gleich vier Parteichefs hat Tschechien am Wochenende ein politisches Erdbeben erlebt.

28) anne, Montag, 31. Mai 2010, 23:19 Uhr

Tja, die Arbeitsministerin will Langzeitarbeitslose dazu bringen, Parks zu säubern und da hat ein Mensch einen gut dotierten Job, zack und weg und das aus der Schmollecke, soll das Volk doch denken was es will, mein Ruhestand ist gesichert. Rücksichtslos und stillos, welch ein Hohn für Mobbingopfer, die aus Angst in ihren Jobs bleiben müssen, was für Politiker…

29) weißer Ritter, Dienstag, 01. Juni 2010, 00:01 Uhr

Statt als eisenharter Verfechter unserer Verfassung aufzutreten, betrachtet Herr Köhler sie offenbar als relativ. Das ist allein schon bemerkenswert. Und die absolute Krönung ist dann, wenn man Kritik daran aufgrund seines Amtes als Beleidigung und nicht legitim auffasst. Was für ein lupenreiner Demokrat !

30) Gregor Keuschnig, Dienstag, 01. Juni 2010, 08:42 Uhr

Ich verstehe nicht, wie man dieser Entscheidung Köhlers mit Respekt begegnen kann. Mit dieser Desertion vor den Problemen hat dem Land und dem Amt einen Bärendienst erwiesen. Wenn jemand Angst vor Schlägen hat, darf er nicht Boxer werden.

Köhlers Aussagen entsprachen den Richtlinien, die die Große Koalition im Weißbuch 2006 beschlossen hatte. Er formulierte nur sehr unglücklich und mißverständlich. Er hätte dies selber klarstellen müssen und die Diskussion führen müssen. Stattdessen wirft er mimosenhaft hin.

Im Grunde war die Präsidentschaft Köhlers ein Mißverständnis. Merkel und Westerwelle wollten einen pflegeleichten Präsidenten. Der sah sich aber – vollkommen seine Möglichkeiten verkennend – in der Nachfolge eines Gustav Heinemann und Richard von Weizsäckers. Diese Schuhe waren einiges zu groß für ihn. Seine Rede zur Neuwahlenfestsetzung war hysterisierend; etliches, was er dort sagte, träfe eher heute zu. Und da schmeißt er das Amt nieder als ei es ein gebrauchtes Kleidungsstück. Davor habe ich keinen Respekt.

Heuchlerisch jedoch die Reaktionen insbesondere gestern von Frau Nahles. Das ist fast widerlich, wie sie die Krokodilstränen da vergießt. Diese Klasse der mediokren Politikschauspieler – sie nehmen immer mehr Überhand – ist erbärmlich.

31) Gregor Keuschnig, Dienstag, 01. Juni 2010, 08:44 Uhr

@Lars Offermann
Warum hat sich Herr Köhler denn dann noch wiederwählen lassen, wenn er nie “ganz warm” mit dem Amt wurde?

Und Frau Käßmann als integer zu bezeichnen ist wohl die höchste Form des Zynismus. Oder ist es etwa ernst gemeint?

32) Hannes, Dienstag, 01. Juni 2010, 08:56 Uhr

Ich kann nicht glauben, dass dieses Interview und die Kritik daran der wirkliche Grund für den Rücktritt Horst Köhlers sind. Eher denke ich, dass ihm klar vor Augen seht, dass die auch von ihm ein Berufsleben lang vertretene, weltweit betriebene neoliberale Wirtschaftspolitik gegenwärtig scheitert, also sein Weltbild zerstört wird.

Die in immer kürzeren Abständen geforderten Unterschriften unter, wie weiter oben treffend bezeichnete, Ermächtigungs-Eil-Sofort-Alternativlos-Gesetze, die er mit seinem wirtschaftlichen Sachverstand wohl im Innersten allesamt für völlig falsch hält, was er ja in Nebensätzen immer wieder mal zu erkennen gab, ließen Ihn möglicherweise resignieren.

Er sieht wohl keinen Ausweg mehr aus der sich anbahnenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Katastrophe, da ist der Rücktritt vielleicht nicht die schlechteste Alternative.

33) Meine Meinung bild ich mir.., Dienstag, 01. Juni 2010, 09:32 Uhr

Lieber Herr Spreng,

wäre es nicht ehrlicher, die wahren Gründe der Berliner Grabenkämpfe ins Blitzlicht zu rücken?

Rücktritt Koch,
Rücktritt Köhler -
das alles innerhalb weniger Tage!

Das stinkt doch zum Himmel!
Was läuft in Berlin wirklich?

34) uniquolol, Dienstag, 01. Juni 2010, 12:04 Uhr

Sehr gute Analyse des Themas – u.a. mit Michael Stürmer – vom SWR:

SWR2 Forum
Weggetreten – Zum ersten Rücktritt eines deutschen Bundespräsidenten

http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/swr2-forum/rueckschau/-/id=660194/nid=660194/did=6277958/nc16mh/index.html

35) Barbara Niedner, Dienstag, 01. Juni 2010, 12:32 Uhr

Aufmerksamkeit um jeden Preis. Die Rhetorik unser Politiker hat sich in den letzten Jahren sehr gewandelt. Respektvoller Umgagng miteinander, Höflichkeit etc. das ist ein Fremdwort.
Tretin: „eine lose rhetorische Deckskanone an der Spitze des Staates“ und Äußerungen von Westerwelle “spätrömischer Dekadenz” etc.

Kritik ist wichtig, aber bitte mit Respekt und Stil.
Muss Politik verbal so entarten?

In der Schule gäbe es für vergleichbare Äußerungen einen Schulverweis. Schüler werden für so ein Verhalten sanktioniert. Westerwelle, Tretin & Co dagegen prägen als Vorbild der Nation unseren Umgangston miteinander.

Wie können solche Politiker …
… noch Vorbild für die Jugend sein?
… für gemeinsames handeln stehen?
… unser Land vertreten?

Ich hätte mir von Horst Köhler gewünscht, darüber eine Diskussion zu führen statt zurück zutreten. Wer soll sonst so eine Diskussion über alle Parteien hinweg führen?

36) Philipp Sacher, Dienstag, 01. Juni 2010, 13:07 Uhr

Es war einmal ein Köhler

Er war der bescheidenste Mann im ganzen Land. Geboren wurde er als vorletztes von acht Kindern sehr bescheidener Eltern mitten im Zweiten Weltkrieg. Bevor er zehn Jahre alt war, musste seine Familie noch zweimal fluchtartig ihr Zuhause verlassen. Dennoch taten seine Eltern alles, damit es die Kinder einmal besser haben könnten. Und der junge Köhler durfte schließlich in Behelfsbaracken der Universität Tübingen Volkswirtschaft studieren. Er war immer ein sehr guter Arbeiter und deswegen auch sehr beliebt bei denen, die selber gut arbeiten.

So kam es, dass er in seiner beruflichen Laufbahn bis zum Direktor des Internationalen Währungsfonds aufstieg. In vielen Ländern der Welt konnte er sich mit seiner Bscheidenheit gute Freunde machen. Und als er plötzlich zum Bundespräsidenten gewählt wurde, war er auch sehr schnell im eigenen Land beliebt. Alle bescheidenen Menschen liebten ihn sehr. Aber die Großsprecher der Nation, die nur sich selbst lieben, mochten ihn gar nicht und mäkelten immer mehr an ihm rum. Das beunruhigte den bescheidenen Mann so tief, dass er sich keinen Ausweg mehr wusste – und unter Schmerzen sein Amt niederlegte.

http://einminutentexte.wordpress.com/2010/06/01/es-war-einmal-ein-kohler/

Grüße
PhS

37) Bernhard, Dienstag, 01. Juni 2010, 13:36 Uhr

Ich bin für Franz Beckenbauer als nächsten Bundespräsidenten !

38) Kristin, Dienstag, 01. Juni 2010, 15:38 Uhr

“maßlose Angriffe?” Ich frage mich eher, wer zugelassen hat, dass Köhler sich so dumm verhält. Die erste Reise nach AFG, ein Zwei-Stunden-Stopp in Mazar? Die Soldaten haben ohnehin schon genug von Politikern, die sich dort die Klinke in die Hand geben. Dann auch noch im Freizeitlook? Jeder Hinterbänkler geht erstmal ins Klamottengeschäft, um in AFG angemessen gekleidet zu sein. Da wird man wohl Kritik üben dürfen. Ahnt ja keiner, dass der Mann gleich komplett einschappt und durchdreht. Er jedenfalls hat keinen Anstand.

39) Titanic, Dienstag, 01. Juni 2010, 16:30 Uhr

Noch eine -ziemlich alte- Idee: Horst Köhler (Berlin) durch Horst Köhler (Trier) ersetzen. Im Gegensatz zu Lena hat er das Mindestalter.
http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,289123,00.html

40) Opposto, Dienstag, 01. Juni 2010, 17:45 Uhr

Kann es sein, dass man demnächst als Opposition einen “ungeliebten” weil der falschen Partei/Koalition zuzuordnenden Präsidenten durch einfaches Kritisieren aus dem Amt drängen kann? Das wäre doch einfach und böte sich in manchen Konstellationen an.

Wo kommen wir denn dahin, wenn wir eine derartige Instabilität zulassen?

41) Thomas Maier, Dienstag, 01. Juni 2010, 21:39 Uhr

Jeder bekannte Mensch muss damit leben, von irgend jemanden in die Pfanne gehauen zu werden. Die frage ist: Lässt man sich darauf ein.

42) Doktor Hong, Dienstag, 01. Juni 2010, 21:46 Uhr

Ach ja.

Mahnt Leute aus der Finanzwirtschaft zu mehr Moral.

Und das, nachdem er als IWF-Chef die Deregulierung mit forciert hat.

Wer soll das ernst nehmen? Aber was soll’s, in seinem Amt konnte er eh keinen großen Schaden anrichten. Nun ist er halt beleidigt, weil er für seine imperialen Äußerungen kritisiert worden ist. Meine Güte, wen interessiert’s denn.

Was die Kostenersparnis angeht, finde ich das Argument ziemlich blödsinnig. Als souveräner Staat braucht man in europäischer Tradition auch einen völkerrechtlichen Repräsentanten. Und dieser kostet eben auch Geld. Soviel Geld sollte die drittgrößte Volkswirtschaft dieses Planeten vielleicht noch übrig haben. Oder hat China uns schon überholt? Dann halt die viertgrößte.

Ich gebe zu bedenken, dass es auch in der freien Wirtschaft sinnvolle Positionen gibt, die wichtig sind, auch repräsentative. Das Geld ist dann zum Fenster rausgeschmissen, wenn die Position durch jemanden besetzt ist, der dafür inkompetent ist. Das ändert aber nichts daran, dass die Aufgabe an sich, die an jener Position erledigt werden muss, sinnvoll und wichtig ist. Manchmal muss man eben differenzieren.

43) Peter Manske, Mittwoch, 02. Juni 2010, 08:34 Uhr

Die gleichgeschalteten Medien sollten gerichtlich gezwungen werden diesen Artikel zu veroeffentlichen damit die Bildbloedleser mal etwas zum Nachdenken haben.

44) nurmalso, Mittwoch, 02. Juni 2010, 18:27 Uhr

die macht der warmen worte …

selten wurde so schonungslos offengelegt, wie unnütz dieses amt und sein träger ist.
unwahrscheinlich, dass irgendjemand vom einfachen wahlvieh davon sonderlich betroffen ist.
er wird immer der kandidat sein, der in guido westerwelles küche ausgekungelt wurde.

45) Heinz-R. Scheika, Donnerstag, 03. Juni 2010, 07:31 Uhr

Sehr geehrter Herr Spreng, lieber ehemaliger WELT-Kollege,
kann es sein, dass der Berater einen Berater braucht? Der Abend bei Plasberg zählt nicht zu Ihren besseren Auftritten. Ihre Aufgeregtheit über das Niveau von Trittin wäre auch nicht glaubhafter gewesen, wenn Sie Chefredakteur bei Zeit oder Spiegel gewesen wären. Was wirkliche Analyse betrifft, hat es nur Frau Höhler geschaftt, den Zuschauern etwas mitzugeben. Da wundert es auch nicht mehr, wenn alle “bravo” rufen, dass wahrscheinlich eine Frau Präsident wird.

46) Andreas, Donnerstag, 03. Juni 2010, 08:32 Uhr

Die “Hart aber Fair” Diskussion hat gezeigt wie unnütz diese Amt ist. Horst war ein Guter, war zu hören, weil er in Afrika so erfolgreich war. Da bleiben nur “??” übrig. Vielleich hat er einfach nur hingeschmissen, weil er es satt hatte mit diesen “Profis” zu arbeiten.

47) nurmalso, Donnerstag, 03. Juni 2010, 09:17 Uhr

natürlich hat er nicht wegen der reaktionen auf seine bundeswehr statements hingeworfen.
dass mit den freien handelswegen ist so ein alter hut und im denken der strategen längst usus.
er hat wohl einfach eingesehen, auf was für einem (abschiebe)posten er da sitzt.

48) Ronald – Einhornnews, Donnerstag, 10. Juni 2010, 09:34 Uhr

Ich denke, Köhler hatte auch keine Lust mehr nur Sprechblasen abgeben zu dürfen. Sobald er etwas Substantielles oder “Gott bewahre” etwas Kritisches – vielleicht sogar zur aktuellen Regierungskoalition – sagt, wurde er doch postwenden von führenden Politikern und den Medien zurückgepfiffen.
Insofern Respekt vor Köhler, der sich diesen “unsichtbaren” Maulkorb einfach nicht mehr bieten lassen wollte.

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