Dienstag, 01. Juni 2010, 15:57 Uhr

“Aufs allerhärteste”

Er habe das Amt beschädigt, dem Staat geschadet, er sei geflüchtet, er sei ein Null-Bock-Horst, er sei beleidigt, es sei beschämend, er halte keine Kritik aus, es sei ein schwacher Abgang gewesen, das hätte er nicht tun dürfen. So lautet die Zusammenfassung der Kommentare aus Politik und Medien zu Horst Köhlers Abgang. Selten war sich die politische Klasse so einig wie bei der Bewertung von Horst Köhlers Rücktritt.

Was ist Köhler doch für eine Mimose, meinen die Leitartikler. Warum ließ sich der Präsident nicht von Jürgen Trittin bepöbeln wie der letzte Hinterbänkler? Warum lässt sich Köhler nicht vom “Spiegel” mit dem dementen Heinrich Lübke vergleichen?  Das ist aber ein dünnhäutiger Mann, meinen diejenigen, die ihn erst dünnhäutig gemacht haben. Alle sind sich einig: sie bedauern, wie Angela Merkel, “aufs allerhärteste”. Dieser Freudsche Versprecher steht als große Überschrift über dem Tag nach Köhlers Rücktritt.

Selten aber auch lag die Bewertung der politischen Klasse so neben der Bewertung der normalen Menschen. Die fragen sich nämlich: Was ist das eigentlich für eine Politik, an der ein anständiger Mann wie Horst Köhler nicht mehr teilnehmen will? Welches Niveau regiert eigentlich Berlin? Wollen wir diese Politiker und diese Medien mit ihrer gemeinsamen Abgehobenheit und Menschenferne eigentlich noch haben? Die alle unter einer gemeinsamen Käseglocke fernab der Bevölkerung leben? Darf ein Mensch, der den Staat mit Würde repräsentieren soll, selbst keine Würde mehr haben?

Horst Köhler, sicher ein unglücklicher Mensch in seinem Amt, hat das Recht, seine Selbstachtung selbst zu definieren. Darüber entscheiden weder Frau Merkel, noch Herr Westerwelle, noch Frau Nahles, noch Herr Trittin. Man mag von seinem Rücktritt halten, was man will, aber Köhler hat Anspruch auf menschlichen Respekt. Wenigstens jetzt, wenn es schon zu seiner Amtszeit keinen Respekt mehr gab.

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70 Kommentare

1) Allons!, Donnerstag, 03. Juni 2010, 10:22 Uhr

Der Rücktritt und seine persönliche Bewegung dabei passt irgentwie nicht zu normaler Amtsmüdigkeit oder Resignation. Es muss eher etwas erschütterndes gewesen sein.

Ich vermute als Grund etwas ganz anderes: Hörst Köhler wurde von einer Handleserin vorhergesagt, wer seine Nachfolgerin werden würde..

2) Frank, Donnerstag, 03. Juni 2010, 10:30 Uhr

Nicht der Abgang war sein Fehler, sondern der Beginn. Köhler ist als Marionette in dieses Amt hineingetragen worden, obwohl ihm nahezu ALLES fehlt, was man dazu braucht. DAMALS hatte er nicht die Traute, zu sagen: “Ich bin keine gute Wahl!” – vielleicht hat er es auch selbst nicht bemerkt oder bemerken wollen, wem würde dieses Amt nicht schmeicheln?

Die Zuneigung und das Wohlwollen der “normalen Menschen” basiert zu einem Teil einfach auf dem Mitleid mit diesem Typen, der sich dort vorne fortwährend zum Horst macht. “Da scheitert einer täglich an seinen Aufgaben – so wie wir anderen auch!”

Die Taten, die nun (durchaus zu Recht) als Köhlers Verdienst gepriesen werden, sind einige wenige Leuchttürme in einer insgesamt missglückten, einschläfernden Amtszeit.

Dass Köhler weg ist, ist für uns (normale Menschen!) ein Segen. Dafür darf ihm keiner böse sein. Wie er seinen Abgang begründet, ist schlichtweg unverschämt – Amt hin oder her. Wenn ihn Kritik persönlich verletzt hat, dann soll er das auch so sagen. Reicht der Mut gegenüber uns normalen Menschen dazu nicht aus, dann soll er eben kein Bundespräsident sein.

Wir können doch trotzdem Freunde bleiben.

3) ErnstH, Donnerstag, 03. Juni 2010, 11:55 Uhr

@Jack Bristow – das zitat im weißbuch lautet:

Die Sicherheitspolitik Deutschlands wird von dem Ziel geleitet den freien und ungehinderten Welthandel als Grundlage unseres Wohlstands zu fördern und dabei die Kluft zwischen armen und reichen Weltregionen überwinden zu helfen.

die förderung des freien welthandels durch entsprechende politik legitimiert nicht der einsatz von militär um “negative Rückschläge” auf unsere wirschaft zu kurieren – was köhler empfohlen hat. das wäre der imperialismus der vergangenen jahrhunderte.

köhler hat sich in einer art und weise offenbart, die seinen rücktritt durchaus rechtfertigt.

dass es leute gibt, die kritik an staatsoberhäuptern als majestätsbeleidigung empfinden, ist traurig und gefährlich. die deutsche obrigkeitshörigkeit ist eine untugend, die uns erst sehr spät zu halbwegs vorzeigbaren europäern gemacht hat.

4) Karin Kammann, Donnerstag, 03. Juni 2010, 12:28 Uhr

Lieber Herr Spreng – wie heisst das so schön:

Wie heißt es so schön: Die Lücke, die er hinterlässt ….

… wird ihn voll und ganz ersetzen !!!

Im Ernst: populistisch hin oder her. Gute Präsidenten waren die, die unbequeme Wahrheiten aussprachen und das mit ihrer Biographie beglaubigen konnten. Gustav Heinemann hat den Preis seiner Entscheidungen auf sich genommen, hat damals vehement gegen die Wiederbewaffnung agiert, die GVP gegründet und ist später dann als Präsident dennoch unparteiisch geblieben. Ein von Weizäcker konnte die Rede zum 8. Mai halten, weil seine Biographie das aushalten und beglaubigen konnte.

Horst Köhler konnte das ebenso – beglaubigen, dass in der virutellen Finanzwelt der Nexus zum Bürger nicht mehr da war, sondern nur in populistischen Gefasel sich erschöpfte. Dafür wurde er geliebt. Aber dort, wo er Akzente setzen wollte, lag er meist erschreckend falsch oder konnte es biographisch nicht bestätigen oder verifizieren: ein Strick, der sich innerlich so verdreht hat, dass es grotesk aussah, wenn er vom “Monster” der Finanzmärkte redete.

Eigentlich war und blieb er ein Systemagent, der nichts ändern konnte oder wollte und sein Wort als billigen Reflex missbraucht hat. Denn merke: man kann mit dem Handwerkzeug des Herren nicht das Haus des Herren abreißen (Audre Lourde).

So blies er seine Seifenblasen munter weiter in die Luft – unfassbar und ungreifbar. Sein Bedeutungsverlust hat er selber zu zu schreiben. In Köln nennt man das schon länger – Bypass Kommunikation – wenn der Bischof residieren, aber nichts mehr mitbekommen darf.

siehe: mental-backup.blogspot.com

5) Smuf McFudel, Donnerstag, 03. Juni 2010, 13:49 Uhr

Horst Köhler als “bodenständig” zu bezeichnen ist blasphemisch.
“Machen wir doch einfach das Benzin teurer!” Ja genau!
Horst Köhler war der erste, der mir ins Gedächtnis kam, als ich ihre letzte Anekdote der Woche gelesen hatte.

6) Thomas Maier, Donnerstag, 03. Juni 2010, 15:38 Uhr

@ Herr Spreng:

Ich hätte noch ne direkte persönliche Frage zu hart aber fair:

Was ist daran niveaulos, wenn man wiedergibt, dass sie Chefredakteur der Bild am Sonntag waren. Was stimmt doch, oder nicht?

7) m.spreng, Donnerstag, 03. Juni 2010, 15:59 Uhr

@Thomas Meier

Eine solche Äußerung wäre natürlich nicht niveaulos, aber Herr Trittin hat aus meiner früheren beruflichen Tätigkeit (sie endete am 13.10.2000) abgeleitet, dass ich nicht das Recht hätte, seine unqualifizierten Angriffe gege Horst Köhler zu kritisieren. Das ist billige Polemik. Leo Kirch und Helmut Kohl hatten übrigens schon seit 1997 verlangt, mich abzulösen, weil ich wegen des politisch unabhängigen Kurses der BamS eine Gefahr für den CDU-Wahlkampf 1998 sei.

8) nurmalso, Donnerstag, 03. Juni 2010, 16:12 Uhr

horst köhler.
pah …

waren es nicht dieser sparkassendirektor und konsorten, die dem dicken aus oggersheim eingeflüstert haben, die deutsche einheit wäre problemlos aus den sozialversicherungskassen zu bezahlen ?

man kann ja vielen eine träne hinterher weinen, man muss aber auch nicht.

9) Politikverdruss, Donnerstag, 03. Juni 2010, 16:23 Uhr

Sehr geehrter Herr Spreng,

diesen politischen Eliten und dieser undifferenzierte Presse ist jedes Gefühl für Anstand und Würde abhanden gekommen. Vielen Dank für Ihren treffenden Kommentar.

10) Frank66, Donnerstag, 03. Juni 2010, 17:20 Uhr

Ich finde die mediale Aufregung über den Rücktritt von Horst Köhler maßlos übertrieben. Die Bundesversammlung wird am 30. 06. einen Nachfolger wählen. In der Zwischenzeit wird Herr Böhrnsen als Präsident des Bundesrates die Amtsgeschäfte souverän wahrnehmen. Von Staatskrise weit und breit keine Spur! Wir müssen uns in Deutschland mal dieses “das hats ja noch nie gegeben” Geschrei abgewöhnen. Irgendwann passiert eben etwas zum ersten Mal. Diesmal der Rücktritt eines Bundespräsidenten, ob gerechtfertigt oder nicht. Es gibt doch in Deutschland zwei Ämter die wirklich wichtig ist und wo eine Vakanz echte Probleme hervorruft. Das eine ist der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank und das andere der Bundestrainer der Fußball-Nationalmannschaft. Über die Nachfolge des zweiten müssen wir uns erst in ein paar Wochen Gedanken machen!

11) Christian, Donnerstag, 03. Juni 2010, 17:35 Uhr

Welches Niveau in der Politik herrscht? Jenes, dass uns nun voraussichtlich Christian Wullff als Bundespräsidenten bescheren wird. Ich könnte schreien. Von Wulff halte ich nichts, er ist so intellektuell wie eine Scheibe Knäckebrot und bieder bis ins Mark. Nichts an ihm ist frisch, originell oder spannend. So langsam nehme ich es Köhler wirklich übel, dass er uns mit dieser politischen Klasse allein lässt.

12) ErnstH, Donnerstag, 03. Juni 2010, 18:02 Uhr

@ m.spreng wg ThomaMeier

möglicherweise war ja auch ihr vorangeganger satz “Warum ließ sich der Präsident nicht von Jürgen Trittin bepöbeln wie der letzte Hinterbänkler?” äußerst preiswerte polemik. das is doch nu wirklich ringelpietz mit anfassen, was sie da betreiben.

§1 des grundgesetztes bestimmt: köhler, trittin und spreng können kritisiert werden. die würde der herrschaften wurde bisher nicht im geringsten angetastet.

unseriöses aufmascheln ohne inhalt gibt es im TV genug. das sollten sie nicht in ihr blog tragen.

13) ph28, Donnerstag, 03. Juni 2010, 18:20 Uhr

Das Kommentargeplapper zu Ihrem guten Beitrag Dienstag, 01. Juni 2010, 15:57 Uhr
“Aufs allerhärteste” zeigt einen interessanten Querschnitt von Meinungen. Deutschland scheint wirklich ein Land von Oberschlaubergern zu sein, es kann einem Angst und Bange werden.

14) Frank, Donnerstag, 03. Juni 2010, 19:07 Uhr

Ich muss immer so lachen, wenn Leute wie Sie moralisch argumentieren. Mann, Sie waren bei Springer!

15) m.spreng, Donnerstag, 03. Juni 2010, 19:27 Uhr

@Frank

Offenbar war es ehrenwerter, beim Kommunistischen Bund (KB) zu sein.

16) KBH, Donnerstag, 03. Juni 2010, 21:05 Uhr

Ich schließe mich ohne Einschränkung der Meinung von Frau Höhler an – Sendung Plasberg -, die da besagt, dass man einem Präsidenten keinen Schutz zu zollen hat, wenn er selbst nicht in der Lage ist, sich als Bundespräsident durch Persönlichkeit, Intellekt, Können, Unangreifbarkeit usw. darzustellen.

17) J.Schiffmann, Freitag, 04. Juni 2010, 00:02 Uhr

“aufs allerhärteste”. ist kein Freudsche Versprecher, sondern Lenasprech! Das Gegenteil von “Ich freu mich so hart…”! 🙂

18) vera, Freitag, 04. Juni 2010, 05:02 Uhr

geht’s hier um werte? früher hieß das geschacher.

19) westernworld, Freitag, 04. Juni 2010, 18:05 Uhr

fragen sie die bewohner der länder die der anständige horst köhler in armut und verderben stürtze mit seinen neoliberalen roßkuren als weltbankpräsident, fragen sie die die ihre existenz verloren weil der anstädige herr köhler in verschiedenen funktionen ganz vorne dabei als die finanzmärkte in völliger verantwortungslosigkeit dereguliert wurden.

herr köhler vergoß verlogene krokodilstränen als es zu spät war, darin bestand sein ganzer anstand.

20) KBH, Freitag, 04. Juni 2010, 22:35 Uhr

KBH
So wie es mit Horst Köhler angefangen hat, geht es nun mit Chr. Wulff weiter.
Frau Merkel wollte Deutschland dienen. Sie bedient zuerst einmal ihre eigenen Vorstellungen, sie dient ihrer möglichst unwidersprochenen Amtsführung, ihrem Machterhalt, ihrer Partei. Die parteipolitischen Rochaden, das Geschacher um Posten und Personen sind unerträglich – ich halte Herrn Gauck für den besseren, weil unabhängigeren Kandidaten. Vielleicht kapieren es manche in der Regierungskoalition auch noch und wählen nach eigenem Gewissen die Person, die das Amt des Bundespräsidenten gut ausfüllen kann – unabhängig von Parteizugehörigkeit und die eine gute Entscheidung in schwierigen Zeiten für Deutschland (und nicht hauptsächlich für die CDU) wäre.

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