Sonntag, 13. Juni 2010, 13:04 Uhr

Die Zombie-Regierung

Zombies sind Untote, scheinbar Lebende, ihrer Seele beraubte, willenlose Wesen. Nach dieser Definition hat Deutschland zum ersten mal eine Zombie-Regierung: es gibt sie, aber sie ist in Wirklichkeit tot. Die schwarz-gelbe Koalition ist nur noch eine K.o.alition. Sie hat keinen Gestaltungswillen mehr, keine politische Kraft mehr. Sie taumelt durch den Ring, aber kein gnädiger Ringrichter nimmt sie aus dem Kampf. Und der Verfall hat inzwischen eine atemberaubende Eigendynamik entwickelt. 

Schwarz-Gelb begann mit einem Fehlstart, mit Klientelpolitik und unsinnigen Steuerversprechen, die Misere ging weiter mit monatelangem Politik-Stillstand wegen der NRW-Wahl und sie kulminierte nach dem Rücktritt Horst Köhlers in dem sogenannten Sparpaket. Statt Neustart ein zweiter Fehlstart. Schon während der Vorstellung des Sparpaketes durch Angela Merkel und Guido Westerwelle war klar, dass Schwarz-Gelb innerhalb von Minuten die Deutungshoheit darüber unwiderruflich verlieren würde. Jeder drittklassige Kommunikationsexperte hätte der Bundesregierung sagen können, dass sie mit ihren einseitigen Kürzungen zulasten der Hartz-IV-Empfänger politisch und medial scheitern würde, und hätte ihr geraten, damit gar nicht vor die Presse zu gehen. 

Wie konnte nur ein einziger Politiker glauben, man könne die Steuerprivilegien für Hotelbesitzer aufrecht erhalten und gleichzeitig den Hartz-IV-Empfängern die Rente kürzen? Und wie konnte nur ein einziger Politiker annehmen, die Wähler würden ein Sparpaket ohne Belastung der Besserverdienenden akzeptieren? Der Realitätsverlust ist nur noch mit dem Tunnelblick einer Regierung zu erklären, die inzwischen einer perversen Logik folgt, in der Hoffnung, sich zu stabilisieren: sie  fährt einfach immer weiter in die falsche Richtung. Dass die sogenannte bürgerliche Regierung dabei auch alle bürgerlichen Tugenden verliert – wie Verlässlichkeit, Berechenbarkeit, Stil, Benehmen, Verantwortung für das Gemeinwohl – ist wohl eine unausweichliche Begleiterscheinung.

Die Kombination aus Führungsverweigerung von Angela Merkel und verzweifelter Klientelpolitik Guido Westwerwelles ist verhängnisvoll. Mit Erlaubnis der Kanzlerin darf Westerwelle nach der FDP jetzt die zweite Partei ruinieren – die CDU. Die Vetomacht der FDP gegen eine sozial ausgewogene Konsolidierungspolitik zerstört den Markenkern der CDU, nämlich die Partei der sozialen Marktwirtschaft zu sein, die wirtschaftliche Vernunft und soziale Gerechtigkeit  ausbalanciert. Die FDP hat dank Merkel die Lizenz, auch die CDU zu erledigen. Dabei täuscht sich Westerwelle schon bei seinen eigenen (kaum noch vorhandenen) Wählern: sie sind nicht so selbstsüchtig, so verantwortungslos, so asozial, wie er offenbar meint. Auch Unternehmer und Besserverdienende wissen, dass es die Spaltung der Gesellschaft vertieft, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zerstört und das System grundsätzlich infrage stellt, wenn die Lasten nur den Ärmeren aufgebürdet werden.

Normalerweise würde man jetzt sagen, lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende. Aber selbst das wird den Wählern nicht vergönnt. Denn eine neue Regierung, eine neue große Koalition, wird es ohne Neuwahlen nicht geben. Und bei Neuwahlen würde die FDP atomisiert und die CDU würde, wenn die SPD so klug wäre, Peer Steinbrück als Kanzlerkandidat zu nominieren, nur noch auf Platz 2 landen. Deshalb wird der Schrecken weitergehen. Einen zweiten Neustart wird es nicht geben. Und auch die deutsche Fußball-Nationalelf wird Schwarz-Gelb keine Atempause bescheren. Nur eine Implosion von Schwarz-Gelb könnte daran etwas ändern: wenn Christian Wulff bei der Wahl zum Bundespräsidenten scheitern würde. Die Wahlmänner (und Wahlfrauen) entscheiden, ob der Schrecken bald ein Ende hat.

Schwarz-Gelb war leider ein furchtbarer Irrtum.

Sie können Ihren eigenen Kommentar weiter unten abgeben.

70 Kommentare

1) M.M., Dienstag, 15. Juni 2010, 00:27 Uhr

Hier das neue Begrüssungslied für Frau Merkel bei CDU Parteitagen
The Hooters — All You Zombies

Holy Moses met the Pharaoh
Yeah, he tried to set him straight
Looked him in the eye
„Let my people go“

Holy Moses on the mountain
High above the golden calf
Went to get the Ten Commandments
Yeah, he’s just gonna break ‚em in half

All you zombies, hide your faces
All you people in the street
All you sittin‘ in high places
The pieces gonna fall on you

No one ever spoke to Noah
They all laughed at him instead
Working on his ark
Working all by himself

Only Noah saw it coming
40 days and 40 nights
Took his sons and daughters with him
Yeah, they were the Israelites

All you zombies, hide your faces
All you people in the street
All you sittin‘ in high places
The rain’s gonna fall on you

Holy Father, what’s the matter?
Where have all your children gone?
Sitting in the dark, living all by themselves
You don’t have to hide anymore

All you zombies, show your faces
All you people in the street
All you sittin‘ in high places
The pieces gonna fall on you

All you zombies, show your faces (I know you’re out there)
All you people in the street (Let’s see you)
All you sittin‘ in high places
It’s all gonna fall on you

2) Meyer, Dienstag, 15. Juni 2010, 00:50 Uhr

@ Der Unternehmer

Sie haben in allem, was Sie da sagen, recht.

Allerdings verkennen Sie den Blick, den Spreng auf die Politik hat. Es ist nicht der funktional-zweckmäßig-gutmeinende, sondern der messerscharf erfolgsorientierte. Erfolg in der parlamentarisch-indirekten Mediendemokratie (die – nebenbei bemerkt – keine Demokratie ist, keine sein sollte und keine mehr werden wird).

Herr Spreng analysiert Parteien, Medien und Organisationen streng nach ihrem Erfolgsverhalten. Das ist „politisch“ im engen Sinne des Wortes, im rein machtpolitischen.

Sie machen den gleichen Fehler, wie viele. Sie sind der Ansicht, „die Politik“ diente gemäß grundgesetzlichem Eid Staat und Volk. Ein Irrtum. Eide hin oder her: In der ganzen langen Weltgeschichte diente die Politik immer nur einem Zweck, der eigenen Macht, also sich selbst.

Dumm ist nur, wenn man die einfachsten Grundregeln der Macht nicht kennt. Borgia-Kanzlerinnen haben es offenbar nicht nötig Machiavelli zu lesen oder gar zu versuchen, ihn zu verstehen. Deswegen werden sie scheitern. Wären wir Deutsche nicht so treudumm und naiv und auch ein bißchen feige, würden wir „die Politiker“ zum Teufel jagen – ohne sie vorher über „Los“ zu schicken und 4.000 Euro einnehmen zu lassen. Und ganz heimlich glaube ich auch daran, daß es passieren wird.

Mir ist völlig egal, welche Machtspielchen „die Politiker“ spielen, wer die Wahlen gewinnt und wer den dickeren Dienstwagen hat und so weiter. – Das gilt allerdings nur so lange, wie der Laden läuft. Und das tut er seit jahrzehnten nicht. Und dafür bin ich jederzeit bereit, Quittungen zu verteilen.

@ alvar hanso
Das kann doch kein Mensch ernst nehmen, was Sie da äußern. Legen Sie mal Ihre eigenen Kriterien an Ihr eigenes Geschreibsel an.

Gute Nacht!

3) Wolff Horbach, Dienstag, 15. Juni 2010, 10:11 Uhr

Brillante Analyse!

4) Daniel, Dienstag, 15. Juni 2010, 10:32 Uhr

„wirtschaftliche Vernunft und soziale Gerechtigkeit ausbalanciert“

Lieber Herr Spreng, Ihre Analyse ist ja in vielen Punkten treffend. Aber wirtschaftliche Vernunft, wenn sie denn wirklich existierte, brauchte nicht mit sozialer Gerechtigkeit ausbalanciert zu werden. Wo wirtschaftliche Vernunft herrscht, stellt sich die soziale Gerechtigkeit automatisch ein. Und genau so hat übrigens Ludwig Erhard die Soziale Marktwirtschaft verstanden, nicht als ein eine Balance zwischen den angeblichen Gegensätzen Wirtschaft und Soziales, sondern als Primat des Marktes, um das Soziale überhaupt zu ermöglichen: „Ich meine, dass der Markt an sich sozial ist, nicht dass er sozial gemacht werden muß.“

Wenn die FTP nun drastisch an Zustimmung verliert, dann nicht, weil sie angeblich die soziale Kälte hat ausbrechen lassen, sondern weil es ihr gründlich mißlungen ist, eine vernehmbare und wirksame ordoliberale Position in diese Koalition einzubringen.

5) Black-Jack, Dienstag, 15. Juni 2010, 10:52 Uhr

Wie weit sind wir in Deutschland bereits gesunken, das die allermeisten der 660 Volksvertreter, die ja eigentlich im Sinne der Bürger hauptsächlich gemeinwohlorientiert zu handeln hätten, in diesen Zeiten auf allen parlamentarischen Ebenen einfach nur abtauchen? Haben wir nur noch feige Karrieristen, die möglichst lange von Abgeordnetenstatus (und der damit üppig verbundenen Diäten und Altersversorgung) sowie persönlich weiteren Berufschancen auf noch mehr Geld und Einfluss profitieren wollen. Die in den vergangenen Jahrzehnten immer stärker verfolgte Klientelpolitik (auch von bestimmten abgeordneten) gerade in Bezug zum freien, ungezügelten Wettbewerb, aber ständig steigendem Subventionsansprüchen, hat doch eindrucksvoll bewiesen (z.B. Finanzsektor, Krankenkasse, Rente, Hotels, Flugbenzin, Steuerbetriebsprüfung, Telekommunikation, Verkehrspolitik, uvm.) das sie nicht die Herausforderungen unserer Zeit bewältigen kann.
Wo sind die Querdenker und Mahner aus Regierung und Opposition, die argumntativ aus dem Kadervergehorsam des ungesetzlichen Fraktionszwang ausbrechen, der sich immer mehr in Richtung eines Volkskammerverhalten entwickelt.
Die zunehmende Reduktion des politischen Gestaltungswillens auf nur noch generische Schlagworte, in Verbindung mit einer unausgegorenen oder gar schlampigen Gesetzgebung (mit Verlagerung von Grundsatzlösungen auf den Rechtsweg auf Basis einer gesetzlichen Regelungskonzeption aus dem 19.Jahrhundert) wird immer mehr Bürger von der Wahl abhalten, weil sie ja eh nach der Wahl nicht mehr mit ihren Problemen wahrgenommen werden.
Außerdem stellen die jeweils anderen zur Wahl stehenden Parteien über ihre „Spitzenleute“ keine wirkliche Alternative (Sprechblasenmaschinen, Beschwichtiger, interlektuelle Zwerge, etc.) dar.
Wenn sich allerdings die heutigen Mehrheiten, auch in Form von Minderheitenregierungen (Warum eigentlich nicht), sich nicht bald um die wirklichen Probleme und berechtigten Alltagssorgen von immer größeren Minderheiten kümmert (also nicht nur ablenkende Fensterreden in der Tagenschau); ist der Tag nicht mehr fern, wo sich diese Minderheiten (über immer mehr Partikularinteressen) neue Mehrheiten suchen. Dies wird bei immer geringer werdender Wahlbeteiligung zunehmend wahrscheinlicher. Das hatten wir vor achtzig Jahren schon einmal; mit den leider bekannten Konsequenzen.
Derzeit ist der Erfolg von zunächst kleinen Parteien (auch unter der 5%-Hürde) ein sicheres Indiz dafür, dass die Altparteien dieses Potential seit mehren Legislaturperioden vorsetzlich vernachlässigen. Am Abend von Wahlen gibt es immer nur Gewinner. Nicht nur im Fernsehen wagt es kein Moderator mehr, nachhaltiger diese zweifelhafte Demokratieentwicklung zu hinterfragen.
Erschreckend ist das Verhalten auch der anderen Medien, diesen fragwürdigen Politikbetrieb über unzureichende Recherchen, durch abenteuerliche Schlussfolgerungen oder wenig zielorientierte Vereinfachungen mit hoher Drehzahl allerdings im Leerlauf ständig über banale „Meldungen“ in die falsche Richtung anfachen. Wo es nicht mehr um irgendwelche substantiellen Zusammenhänge oder Handlungsalternativen geht, sondern das die eine politische Farbe oder gar einzelne Vertreter sich möglichst gut auf Kosten der anderen Feldpostnummer darstellen darf. Selbst beim allergrößten Mist wird nicht mehr redaktionell differenziert oder gar nachgehakt. Politische Staatements erhalten so faktisch den Ritterschlag als zielführende Weisheit, was leider von einem anwachsenden Teil der verunsicherten Bevölkerung nicht mehr halbwegs objektiv nachvollzogen werden kann.

6) Gregor Keuschnig, Dienstag, 15. Juni 2010, 11:51 Uhr

Auch Kohl wurde mehrfach runtergeschrieben; es hat dann lange gedauert, bis es soweit war. Sicherlich kam ihm 1989 die Einheit „dazwischen“, aber auch damals gab es personell keine Alternative zu ihm.

Die Parallelen sind verblüffend. Die FDP wird ja nicht 8wie 1966) die Koalition verlassen und den Weg zu Schwarz-Rot freimachen. Dafür hängen die Jüngelchen zu sehr an ihren Posten. Neuwahlen sind ausgeschlossen, da es eines konstruktuiven Mißtrauensvotums bedarf und dafür gibt es keine Mehrheit. So wird die Regierung bis 2013 erlitten werden müssen. Dann gibt es Kanzlerkandidat Wowereit und Rot-Rot-Grün.

Was sagen Sie, Herr Spreng, eigentlich zur SPD in NRW? Von wegen „Hidden Agenda“! Man hat aus Ypsilanti nichts gelernt. Erbärmlich.

7) m.spreng, Dienstag, 15. Juni 2010, 12:29 Uhr

@Gregor Keuschnig

Wieso? Meine Analyse, Frau Kraft steuere heimlich auf Neuwahlen zu, ist doch weiterhin nicht falsch. Noch ist Frau Krafts Agenda nicht bis zu letzten Punkt abgearbeitet.

8) Gregor Keuschnig, Dienstag, 15. Juni 2010, 14:14 Uhr

@m. spreng
Ihre These bestand aber unter anderem darin, dass Frau Kraft den jeweiligen Schwarzen Peter für das Scheitern der Koalitionen den anderen zuspielen kann. Das klappte bei den Linken und der FDP. Das ist bei der CDU gründlich misslungen, da die SPD nun selber Koalitionsverhandlungen mit der CDU abgelehnt hat. Kraft will Rüttgers (wie weiland Ypsilanti Koch) jagen und nimmt dabei in Kauf, dass Schwarz-Gelb die Bundesratsmehrheit bis auf weiteres behält.

9) Was nun?, Dienstag, 15. Juni 2010, 14:41 Uhr

> Dabei täuscht sich Westerwelle schon bei seinen eigenen (kaum noch
> vorhandenen) Wählern: sie sind nicht so selbstsüchtig, so
> verantwortungslos, so asozial, wie er offenbar meint.

Tja, was soll ich dazu sagen? Also meine eigene Erfahrung bei Diskussionen mit FDP Anhängern spricht da eine deutlich andere Sprache. I.A. sind das Menschen, die den Tod anderer billigend in Kauf nehmen würden wenn dabei ’n Euro rumkommt. Natürlich ist das nur meine eigene Erfahrung aber nach der ist „asoziales Pack“ immer noch ein beschönigender Begriff für diesen Wählerkreis.

Meine Erfahrung ist halt, dass diese Wähler anderen Menschen nicht den Dreck unter dem Fingernagel gönnen. Ein von Neid und Gier zerfressener Teil der deutschen Bevölkerung. Die würden auch einen Esel wählen solange er kräftig nach unten tritt und dafür sorgt, dass das eigene Portemonnaie gefüllt wird.

Der einzige Grund, aus dem die FDP im Moment Wähler verliert liegt darin begründet, dass die vertrottelte FDP Wählerschaft langsam verstanden hat, dass sie gar nicht zur „Leistungselite“ nach FDP Lesart gehört. Das sie selbst gar nicht zu dem Kreis gehören der mit FDP Hilfe „dick Kohle“ machen kann. Würde sie dazugehören, dann würde sie nach wie vor das Hohelied des Neoliberalismus singen und sich dabei einen Dreck um die Opfer kümmern.

10) Doktor Hong, Dienstag, 15. Juni 2010, 16:11 Uhr

Nehmen wir einmal an, die Volkswirtschaft bestehe aus 100 Leuten, die alle 1000 Euro verdienen.

Nehmen wir weiter eine Arbeitslosenquote von 1% an, also einer ist ohne Arbeit. Damit der arme Kerl nicht verhungert, schmeissen alle anderen soviel in den Topf, dass er 500 Euro bekommt.

Also müssten die anderen 500/99 = 5.05 Euro im Monat zahlen, und zwar so lange, bis der arme Kerl wieder Arbeit findet.

Angenommen, die Arbeitslosenquote stiege jetzt auf 2%, dann müssen 98 Leute 1000 Euro aufbringen, also zahlt jeder 10.20 Euro.

Bei einer Arbeitslosenquote von 10% müssten 90 Leute 5000 aufbringen, also jeder 55.56 Euro.

Natürlich sind die realen Verhältnisse ein klein wenig komplizierter, aber selbst an diesem einfachen Modell kann man sehen, dass die Sozialbeiträge genau dann absinken, wenn die Arbeitslosigkeit sinkt.

Je mehr Leute in Arbeit sind, desto mehr Leute zahlen in den Topf, desto weniger Leute müssen durchgebracht werden. Diese Beziehungen nicht-linear, d.h. die Beiträge sinken in diesem Beispiel stärker als die Arbeitslosigkeit: wenn die Arbeitslosigkeit auf ein Zehntel sinkt, (das 0.1-fache des vorigen Wertes), sinken die Beiträge auf das 5.05/55.56 = 0.09-fache.

Es ist also logisch einwandfrei nachgewiesen, dass die Beiträge sinken (können), wenn die Arbeitslosigkeit sinkt.

Die FDP behauptet nun, dass die Arbeitslosigkeit sinkt, wenn man die Beiträge absenkt.

Dies ist ist ein typischer Fall der Unfähigkeit, elementare logische Beziehungen zu begreifen, sehr verbreitet auch bei Leuten, die über einen Hochschulabschluss verfügen und sich daher für besonders gebildet halten.

In der Mathematik kann man lernen, dass A=>B eben NICHT impliziert, dass B=>A.

Oder, in anderer Form:
1. Christian Wulff kommt aus Niedersachen. Daraus folgt:Christian Wulff kommt aus Deutschland.

2. Christian Wulff kommt aus Deutschland. Daraus folgt NICHT: Christian Wulff kommt aus Niedersachsen. Wenn wir NUR wissen, dass er aus Deutschland ist, könnte er auch aus Bayern sein.

Diese falschen Syllogismen sind seit der Antike bekannt. Ein Beispiel: Eine Katze hat zwei Augen. Sokrates hat zwei Augen. Ergo ist Sokrates eine Katze.

Genau diese Art von Logik verfolgen die Chefideologen des Zentralkommittees des Generalsekretariats für Marktradikalismus der FDP.

Dass diese Art von Logik seit den 1980er Jahren in der Realität so gut wie gar nicht funktioniert hat, braucht ja niemanden zu stören, der wie ein Wirtschaftsprofessor verbeamtet ist oder wie unsere Politiker ihre Transferleistungen abzocken können. Denn nichts anderes sind Diäten.

Dass es für Menschen mit gesundem Menschenverstand und elementarer, unverbildeter Intelligenz ziemlich schwierig ist, die oben beschriebene Herangehensweise ernst zu nehmen, sollte ebenfalls einleuchten.

Wenn klar ist, dass Steuerlast und Sozialabgaben (wie eben auch die Renten) absinken können, wenn die Beschäftigung wächst, dann sollte eigentlich klar sein, welches Ziel eine Wirtschaftspolitik zu verfolgen hat.

11) Doktor Hong, Dienstag, 15. Juni 2010, 16:44 Uhr

Es müsste im letzten Absatz natürlich heißen „Rentenbeiträge“, und außerdem habe ich weiter oben einem der Sätze sein wohlverdientes Prädikat vorenthalten.

12) sacherworte, Dienstag, 15. Juni 2010, 17:20 Uhr

Die Geschichte einer Wunschkoalition

Es war einmal – vor sehr langer Zeit – eine Wunschkoalition. Als die beiden Parteien endlich gemeinsam die Regierung im deutschen Lande bilden konnten, waren alle überaus glücklich. Und der Champagner floss in Strömen. Das ganze Land wartete gespannt darauf, was nun kommen sollte. Doch ach! Die Parteien stritten mehr, als dass sie regierten, und bald schon ging die Regierung des ersten Ministers verlustig. Die kleine Partei meinte, alle ihre Träume nun endlich durchsetzen zu können, und weigerte sich stur, irgendwelche Kröten zu schlucken. So kam es, wie es kommen musste: Die Umfragewerte der beiden Parteien sanken und bei Landtagswahlen wurden sie bitter abgestraft. Die Medien spekulierten, wie lange diese Wunschkoalition noch halten würde.

Doch nach einem Jahr besannen sich die Regierungsmitglieder, denn inzwischen hatten sie zwei weitere Minister verloren. Die kleine Partei lernte tatsächlich noch Kröten zu schlucken, und in den folgenden Jahren wurden einige wegweisende Reformen verabschiedet. Auch wenn heute davon keiner der Beteiligten mehr etwas wissen will. Heute – nach fast einem Jahrzehnt – tun sie wieder, was sie am besten können: Wünschen und Träumen – und ein ganz kleines bisschen Kuscheln mit den Linken.

http://einminutentexte.wordpress.com/2010/06/15/die-geschichte-einer-wunschkoalition/

Grüße
PhS

13) Bienban, Dienstag, 15. Juni 2010, 17:30 Uhr

Ja, das Ende mit Schrecken würde ich auch vorziehen! Deutschland hatte noch nie eine so derart schlechte Regierung. Leider kann das Volk von dieser unsäglich schwarz-gelben Regierung nicht zurücktreten. Meine Hoffnung beruht auf eine Rest-Vernunft genannter Koalition bzw. Teile von ihnen, dass sie Herrn Gauck mit zum neuen Bundespräsidenten wählen. Deutschland braucht eine väterliche Symbol-Figur, er steht für alle Deutschen und kann Hoffnung in dieser Krise geben. Sie formulieren trefflich die „Königin“, in der ehemaligen DDR war das der Staatsratsvorsitzende, die Parallelen beider Führungsstile bereiten mir zunehmend mehr Angst, wie konnte die gesamte Journaille diese Frau M. so hochjubeln, welches Kalkül steckt da dahinter. Nennen Sie mir, lieber verehrter Herr Spreng nur eine einzige Großtat von Frau Merkel für Deutschlands Bürger, …mir fällt da wirklich gar nichts zu ein. Zu Frau Merkels Lebenslauf würde mir eine Menge einfallen, man hat das damals als linientreu bezeichnet, denn man konnte nicht z.B. einfach mal so in der damaligen Sowjetunion studieren, daß können sie glauben. In den Fünfzigern ist auch niemand ohne Not in die ehemalige DDR umgesiedelt. Viele Frage keine Antworten.

14) Was nun?, Dienstag, 15. Juni 2010, 19:34 Uhr

> Meine Hoffnung beruht auf eine Rest-Vernunft genannter Koalition
> bzw. Teile von ihnen, dass sie Herrn Gauck mit zum neuen
> Bundespräsidenten wählen. Deutschland braucht eine väterliche
> Symbol-Figur, er steht für alle Deutschen und kann Hoffnung in dieser
> Krise geben.

Für mich und für einen vielleicht kleinen aber nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung steht Herr Gauck mit Sicherheit NICHT(!).

Klar, wenn man die Wahl zwischen Pest und Cholera hat, dann mag die Cholera erstrebenswert erscheinen aber ansonsten? Herr Gauck (Stasi-Name „Larve“) steht für eine kriegerische Aussenpolitik. Er steht für weiteren Sozialabbau und damit für das Recht des Stärkeren. Er steht für alles was ich verabscheue. Aufschlussreich ist hier ein Artikel des „Freitags“ aus dem Jahre 2000. „Auf Wiedersehen, Herr Gauck“. Stichwort: „Terpe-Dossier“. Der gute Herr Gauck ist wohl eher ein Wendehals denn ein aufrechter Demokrat oder wie erklärt sich sonst, dass er ausreisewilligen DDR-Bürgern unterstellte sie besäßen „nur eine Unterentwicklung im Punkt Heimatgefühl“!

http://www.freitag.de/politik/0018-wiedersehen-herr-gauck

15) Meyer, Dienstag, 15. Juni 2010, 23:16 Uhr

@ Doktor Hong

Ihre Beiträge sind Satire. Freiwillig oder unfreiwillig.

Wenn ich hier die überwiegende Anzahl an Beiträgen lese, so wundere ich mich langsam über nichts mehr in diesem Land. Ich habe das Auswandern (wohin?) bisher als eine Art Fahnenflucht gesehen, nicht zuletzt vor sich selbst. Und ich hielt mich vor kuzem noch für einen glühenden Patrioten.

Nach Lektüre dieser Kommentare, gerate ich ernstlich ins zweifeln. Wenn unsere Gymnasien, Gesamtschulen , Fach- und Hochschulen solche Leute hervorbringt, ist es wohl um die Zukunft dieses Landes, dieser Nation geschehen.

Kant hat Recht, mit der einfachen Feststellung, warum Menschen unaufgeklärt sind. Unrecht hat er, als er glaubte, das würde sich jemals ändern.

16) Mogran, Mittwoch, 16. Juni 2010, 05:01 Uhr

Das Fatale ist nur . . . Rot / Grün (z.B.) wäre ebenfalls ein furchtbarer Alptraum. Ein vorsätzlicher und eiskalter Lügner wie Trittin der schauspielerisch gekonnt sein Betroffenheitsgesicht in Talkshows abrufen kann und dabei seine Unkenntnis der deutschen Geschichte kundtut ( oder verdreht er sie absichtlich wie es ihm passt?) gepaart mit einer gesichtslosen SPD Führung mit kleinbürgerlicher Dummdreistintelligenz lässt einen schaudern. Diese Herrschaften , denen ebenfalls jegliches Charisma und Ehrlichkeit fehlt, werden Deutschland ebenfalls konsequent weiter in den Ruin treiben. Ich sehe bei diesen Alternativen auch nur Egostreber, Berufsjuppies und Kleingeistamateure die die Armen weiter noch ärmer machen werden. Bis auf ganz wenige Ausnahmen halten unsere Politiker das deutsche Volk für dumm ( ein grosser Fehler) und genehmigen sich gleichzeitig ab und zu eine Gehaltserhöhung.
Niemand dieser Konsorten ist auch nur ansatzweise in der Lage die sicherlich vorhandenen Energien im Volk zu mobilisieren um Krisen zu bewältigen. Dazu bräuchte man Ehrlichkeit. Aber das ist ein gehasstes Fremdwort unserer Politiker.

17) m.spreng, Mittwoch, 16. Juni 2010, 08:34 Uhr

@Mogran @Meyer und to to whom it may concern

Die Debatte im sprengsatz zeichnet sich durch eine Diskussionskultur aus, die sich von manch anderen Blogs wohltuend abhebt, weil sie auf Verbalinjurien gegenüber Politikern und persönliche Beschimpfungen der anderen Kommentierer verzichtet, Ich hätte gerne, dass das so bleibt.

18) Peter Groschupf, Mittwoch, 16. Juni 2010, 13:15 Uhr

Der Systemfehler der Demokratie ist, dass Politiker nicht tun, was richtig wäre, sondern das, was ihnen Wählerstimmen bringt. Den Spitzensteuersatz zu erhöhen wäre falsch, weil er noch mehr gut verdienende Leistungsträger in andere Länder treibt. Das ist nur richtig, wenn man die öffentliche Meinung betrachtet. Das Schlagwort von den breiten Schultern , die mehr tragen können, lässt außer Acht, dass diese schon die Hauptlast der Steuern tragen.

Aber was ist das für ein Maßstab, dass „Spitzenverdiener“ bei 4500 Euro Monatsbrutto beginnen? Der Spitzensteuersatz wird immer falsch dargestellt, denn er greift viel zu früh, trifft also auch den gut verdienenden Angestellten. Und der zählt sich sicher nicht zu den Superreichen.

Und ich verstehe auch nicht, wie man Steuererhöhungen als Sparpaket bezeichnen kann. Wenn die schwäbische Hausfrau spart, dann gibt sie weniger aus und setzt nicht auf eine Erhöhung ihres Einkommens. Die Terminologie der die Tatsachen verbal verdrehenden Politiker wird leider auch in den Medien übernommen. Steuererhöhungen sind nun mal kein Sparpaket.

Die Politik macht es sich einfach, wenn sie immer betont, dass wir über unsere Verhältnisse leben würden. Sie ist es doch, die ihre Wähler mit Wahlgeschenken beeindrucken will, und wenn es ans Zahlen geht,wird auf eine „brisante Finanzlage“ der öffentlichen Haushalte verwiesen. Seit Bestehen unserer Republik gehen die Steuersätze und Einnahmen ständig nach oben. Irgendwann werden sie dieser Entwicklung folgend bei einem Steuersatz von 90 und mehr Prozent sein.Dann wird man mit Hartz IV besser gestellt sein als mit einem Arbeitseinkommen.

Paul Kirchhofs 25-Prozent-Flatrate ohne Ausnahmen ist der richtige Ansatz. Nur die Steuerberater wären dann arm dran. Aber steuerpolitisch würde diese Regelung langfristig zu einer Entfesselung ökonomischer Kräfte führen. Der Professor aus Heidelberg ist einer der klügsten Köpfe in unserem Lande. Leider hat unsere Führung nicht die Größe, wirklich Großes zu wagen.

19) Alvar Hanso, Mittwoch, 16. Juni 2010, 15:19 Uhr

@Meyer
Bitte antworten sie doch einfach auf meine Fragen, wenn ihre Denkansätze derart fundiert sind, sollte dies doch kein Problem darstellen.
Gibt es Belege oder historische Beispiele die mit der derzeitigen Lage vergleichbar wären, wonach Steuersenkungen (v.a bei höheren Einkommen zu Lasten von niedrigeren Markteinkommen, welche durch staatliche Leistungen ergänzt werden) einen derart starken Investitions- bzw. Wachstumsimpuls geben könnten, wie (v.a. von FDP-Seite) suggeriert?
Wo waren dementsprechende Effekte in den letzten 20 Jahren, in denen Steuersätze und Staatsquote kontinuierlich heruntergefahren wurden, vorallem zu Gunsten der oberen 10% der Bevölkerung?

@Peter Groschupf
Nicht wenige Einkommensbezieher zahlen jetzt schon eine 25% Flattax (Abgeltungssteuer) oder anderweitig weit weniger als sie aufgrund ihres Einkommens eigentlich müssten, dank der diverser Steuerschlupflöcher.
Wo fand hier die Entfessung ökonomischer Kräfte statt – außer einer weiteren Marktmachtverschiebung zu Lasten weiter Teile der Bevölkerung (>Reallohnentwicklung)?
Wenn die „hohen“ Spitzensteuersätze (die die letzten Jahre immer weiter gesenkt wurden) wirklich so schädlich sind und die Besserverdienenden derart schröpfen, wie ist es zu erklären, das ebenjene trotzdem immer vermögender werden?
Das ist ein Widerspruch.
Desweiteren, warum sollte die Gesellschaft, Einzelpersonen, die z.B. als Dienstleister mit extrem großen Hebeln weitgehend haftungsfrei arbeiten, oder Unternehmern welche ihren Angestellten qua Marktmacht ihre Wertschöpfungsanteile vorenthalten, höchste Einkommen zugestehen?
Einkommen die letztlich nicht aus eigener Wertschöpfung stammen sondern aus der Übervorteilung anderer.
Warum sollte die Gesellschaft hier den moral hazard derart fördern?
Warum sollte z.B. ein Broker gemeinwohlorientiert und nachhaltig handeln, wenn er nach 3 oder 4 Jahren harter Arbeit, sich seine Privatinsel kaufen kann von der aus der die Konsequenzen seiner Arbeit aus sicherer Entfernung beobachten kann?
Die letzten Jahre haben doch hervorragend belegt, das der strikte und ausschließliche Eigennutz einiger eben nicht zum Wohle aller taugt.

20) anonymous, Donnerstag, 17. Juni 2010, 08:10 Uhr

Es geht um Parteien-, nicht Politikverdrossenheit wie unzählige Beiträge in Internetforen wie diesem beweisen. Vielleicht kann ein Stück Wahrheit ein kränkelndes System kurieren, in dem Politikern nur allzu gern Schuld zugewiesen wird, obwohl sie schon lange nicht mehr über die Entscheidungsgewalt verfügen, für die sie gewählt wurden.

Wer regiert wirklich?

Globale Konzerne:
http://thecorporation.com/index.cfm?page_id=2

Das Unterbewusstsein machtgieriger Menschen:
http://www.suesske.de/wirth.htm

Zeit für flächendeckende Bildung und neue Regelwerke zur Organisation des Zusammenlebens.

21) Meyer, Donnerstag, 17. Juni 2010, 10:41 Uhr

@ Spreng

Ich wollte niemanden beleidigen. Meine generelle Aussage über die Unaufgeklärtheit in vor allem den ökonomischen Fragen — SELBST HIER (!) — ist nichts als Verzweiflung. Ich bin nicht der Ansicht, daß Tatsachenbehauptungen beleidigen können. Diese Wertung kann man den §§ 185 ff StGB entnehmen.

Und ich glaube, Sie nicht persönlich beleidigt zu haben, als ich äußerte, daß Ihre überwiegenden Analysen den wirklich politischen Bereich stattfinden: Der Kampf um die Macht in einer parlamentarischen Mediendemokratie. Daß die Fragen, wie man einen Staat idealer Weise zu leiten oder zu oranisieren hätte, kann danach nur als Unterkategorie zu dem eigentlichen Zweck bewertet werden. Nur das ist gedanklich als einziges konsequent.

@ Alvar Hanso, u.a.
Sie forderten mich zum Beleg meiner Aussagen auf. Ich bin aber nicht naiv genug zu glauben, daß ich Sie jemals überzeugen könnte.
Es ist jedermanns eigene Aufgabe, sich die Inhalte der Theorien zur Funktionsweise der Wirtschaft anzueignen und diese dann aufrgund erworbener Kritikfähigkeit einem KENNTNISREICHEN und nur dann auch EIGENEM Urteil zu unterwerfen. Zudem: Meines Erachtens basiert ein ökonomisches Weltbild auf dem Menschenbild, das man bewußt oder unbewußt hat. Zu einem sinnvollen Gespräch zwischen uns über Wirtschaft und „Wirtschaftspolitik“ könnten wir daher wohl nur dann gelangen, wenn wir uns wenigstens inzidenter über „den Menschen“ unterhält.
Vermutlich sind unsere Menschenbilder aber grundverschieden, eine weitergehende Diskussion daher sinnlos.

Aufklären und bilden kann man NUR sich sich selbst. Und das ist mit Offenheit, Fleiß und Mut verbunden. Daß in der Geschichte, und zwar in allen Epochen, in allen Herrschaftsformen, Tatsachen meine Behauptung belegen, wenn nicht gar beweisen, können sie auch ohne meine Anleitung herausfinden, wenn Sie es mit Ihrer eigenen Wissenvermehrung ernst meinen. Ihre eigene anderweitige Bewertung der Tatsachen schließt das ja nicht aus.

22) Doktor Hong, Donnerstag, 17. Juni 2010, 11:14 Uhr

Was ist denn eigentlich heute der soziale Konsens in Deutschland?

Vollbeschäftigung anzustreben oder es einzelnen Individuen ermöglichen, möglichst viel Geld zu verdienen, da sich dann ja alles andere angeblich von selbst ergibt?

@Peter Groschupf
„Paul Kirchhofs 25-Prozent-Flatrate ohne Ausnahmen ist der richtige Ansatz. Nur die Steuerberater wären dann arm dran. Aber steuerpolitisch würde diese Regelung langfristig zu einer Entfesselung ökonomischer Kräfte führen.“

Woher wissen Sie das so genau? Wie genau funktioniert denn der Mechanismus, aufgrund dessen man diese Vorhersage machen kann? Gibt es historische Präzendenzfälle, die diese Behauptung belegen?

23) Alvar Hanso, Donnerstag, 17. Juni 2010, 18:53 Uhr

@Meyer
„Meine generelle Aussage über die Unaufgeklärtheit in vor allem den ökonomischen Fragen — SELBST HIER (!) — ist nichts als Verzweiflung. Ich bin nicht der Ansicht, daß Tatsachenbehauptungen beleidigen können.“
Woher wollen sie denn bitte wissen, das gerade ihr Verständnis von Ökonomie den Tatsachen entspricht?
Von welchem Standpunkt sehen sie die Dinge, welche Ziele hat die Wirtschaft in ihren Augen, argumentieren sie gar aus betriebswirtschaftlicher Sicht und nicht aus volkswirtschaftlicher?

„Meines Erachtens basiert ein ökonomisches Weltbild auf dem Menschenbild, das man bewußt oder unbewußt hat.“

Und das Menschenbild sieht wie aus – Homo Oekonomicus – der Profitmaximierer, welcher des eigenen Vorteils wegen andere Leute über die Klinge springen lässt?
Der bedingungslose Opportunist der moralisch unreflektiert all das tut, was ihm Gewinn bringt?
Und wenn alle nur genug an sich selbst denken, ist an alle gedacht?
Richtig?
Falls sie es nicht mitbekommen haben sollten:
Genau nach diesem Prinzip fährt hier langsam aber sicher alles gegen die Wand.
Alles was nicht ausdrücklich verboten ist, ist erlaubt, alles was ich kriegen kann, nehme ich mit.
Und es ist völlig in Ordnung wenn ich meine schäbigen Partikularinteressen auf Kosten anderer durchsetze. Die anderen könnten ja prinzipiell genauso rücksichtslos sein wie ich. Selbst Schuld wenn sie das nicht tun.
Diese asoziale Denke wurde in den letzten Jahr medial sattsam vermittelt und gefördert, ja geradezu gefordert, um als Unternehmer seiner Arbeitskraft am Markt – der immer Recht hat, wie eine gewisse, aufgelöste Partei – „erfolgreich“ zu sein.

Sofern dies den wirtschaftlichen Output denn wirklich vergrößert hätte(durch eine materialistische Gier getrieben) zum Nutzen aller oder wenigstens der Mehrheit , hätte ich dafür im gewissen Rahmen Verständis – der Zweck heiligt manchmal die Mittel.
Aber das was wir hier mittlerweile erleben, schafft keine Wohlstandsgewinne mehr.
Es ist die reine Simulation von Wertschöpfung, welche in gewissen (bestbezahlten) Branchen stattfindet, eine dekadente Selbstreferenzialität, die nichts mehr mit Arbeit im Sinne gemeinschaftlicher, arbeitsteiliger Wertschöpfung zu tun hat – ergo eigentlich überflüssig wäre.

Und der einzige Grund warum hier nicht alles in Trümmern liegt, ist der, das das seitens der herrschenden neoklassischen Lego-Land-Ökonomie aufgestellte Menschenbild falsch ist bzw. nur auf eine Minderheit der Gesellschaft zutrifft und eben nicht alle nach der Maxime handeln „nach mir die Sintflut“.

Darüber hinaus:
Welche Ziele hat „Wirtschaft“?
Ist das etwa ein Selbstzweck?
Und was hätte die Bevölkerungsmehrheit denn davon, wenn sich aufgrund er eklatanten Marktmachtdisparitäten die Gesellschaft immer weiter spaltet, in Arm und Reich.
Meinen sie, wir bräuchten hier in Deutschland auch eine völlig von der Restbevölkerung abgehobene „Elite“ in ihren eingezäunten Kristallpalästen, nur weil das dank regelloser Globalisierung gerade „in“ ist?
Warum ist ein Investmentbanker ungleich viel mehr „wert“ als ein Postbote oder ein Bundeskanzler?
Wegen der Verantwortung die er trägt? Ich bitte sie.

Vielleicht könnten sie mir ja kurz erläutern wie sie das sehen.

„Daß in der Geschichte, und zwar in allen Epochen, in allen Herrschaftsformen, Tatsachen meine Behauptung belegen, wenn nicht gar beweisen, können sie auch ohne meine Anleitung herausfinden, wenn Sie es mit Ihrer eigenen Wissenvermehrung ernst meinen. Ihre eigene anderweitige Bewertung der Tatsachen schließt das ja nicht aus.“

Bitte: Welche Tatsachen sollen das sein, die ihre Behauptungen (die, so meine Auffassung, im Kern den Ansichten der FDP-Führung entsprechen) belegen würden?
Natürlich kann sich eine Steuersenkung prinzipiell positiv auf Investitionen oder Konsum auswirken, die Frage ist aber ob das die entstehenden Mindereinnahmen wirklich kompensiert, und wie sich das volkswirtschaftlich und gesellschaftlich auswirkt, was vorallem mit der Höhe der (weniger) besteuerten Einzeleinkommen und deren Sparquote zusammen hängt.
Und hier liegt der Knackpunkt. Nicht bei irgendwelche Trivialitäten.

Ginge man z.B. nach abstrakten Werten, wie die BIP-Wachstum und dergleichen, ließen sich ihre Behauptungen sicher auch statistisch „belegen“, nur sollte ihnen doch auch klar sein, das solcherlei Zahlenrabulistik keinesfalls die Lebenswirklichkeit wiederspiegeln kann.
Wenn ihr Pferd im Graben ersoffen ist, ist ihnen die Erkenntnis das der Graben durchschnittlich nur 30cm tief war, wohl herzlich egal…

24) Blind, Freitag, 18. Juni 2010, 17:15 Uhr

Ohne Neid und Vorwurf, nehme ich an sie sind mit ihrem derzeitigen Verdienst vollkommen zufrieden. Aber für diese Artikel möchte ich bezahlen. Vielleicht wäre ja Flattr was für sie. Sie können das geld ja auch spenden.

http://flattr.com/

mfg

25) Helmut Mederle, Freitag, 25. Juni 2010, 17:44 Uhr

Lieber Herr Spreng,

jetzt hock´ ich also hier mitten in Bayern und lese bei Ihnen mitten in Berlin, daß Schwarz-Gelb im Bund ein „furchtbarer Irrtum“ war. Jetzt haben wir ja im Freistaat auch Schwarz-Gelb und damit ist es nix mehr mit dem altbayerischen politischen Lieblingswunsch, Sie wissen schon: „Am liabst´n is mir die Anarchie – und a möglichst starker Anarch!“ Als politisch interessierter Mensch frage ich mich, welch unvorstellbare Zeitverschwendung diese immerwährende Koaliererei sein muß: Da sind ganze Heerscharen hoher und höchster Politiker nur noch damit beschäftigt, die möglichen Folgen einer möglichen Bundespräsidentenwahl für mögliche neue Machtverhältnisse „zu checken“, was das obere Fußvolk (Journalisten, Experten und Busladungen von Kaffeesatzlesern) dem gemeinen Fußvolk wiederum bis zum Exzess verklickert. Und wenn dann alles ganz anders ausgeht, geht alles wieder von vorne los.
Wahrscheinlich ist es doch so, daß es uns prächtig gehen m u s s, auch wenn wir es nicht merken: Wenn das unsere größten Sorgen sind …
Wenn wir wirklich andere Probleme hätten, dürfte „die Politik“ sich gar nicht trauen, die von Ihnen so schlüssig beschriebene Nicht-Politik zu betreiben. Aber vielleicht bin ich einfach zu naiv…

26) Dieter Ackermann, Mittwoch, 07. Juli 2010, 07:15 Uhr

Immer wieder interessant zu lesen…

Die politischen Begriffsbildungen wie Sparpaket und Gesundheitsreform gehören als besonders perfide Volksverdummung in die unterste Schublade.

Nirgends wird gespart, ganz im Gegenteil.

Unsere Berliner Oberen begeben sich ein weiters mal auf einen Raubzug durch die untersten Bevölkerungsschichten, den Sozialkassen wird Tür und Tor zur Bereicherung geöffnet, ohne das irgendeine Institution ihre Karten auf den Tisch legen muss.
Krankenkassen, mit ihren oppulenten Vorstandsgehältern und Glaspalästen wird eine Selbstbedienung ohne Gleichen ermöglicht.

„Sozial ausgewogen“ sollte als Begriff aus allen deutschen Lexika gestrichen werden, oder zumindest die Bedeutung umdefiniert werden zu Diebstahl, Vorteilsnahme und Lobbyismus politischer „Würdenträger“.

Die Väter unserer Demokratie würden sich ob dieser Machenschaften, dieses Unvermögens und Kleingeistigkeit im Grabe umdrehen, so dass den möglich wäre.

Würden unsere Volksvertreter ihre Hausaufgaben machen, anstatt in irgendwelchen Vorstandsetagen zusätzliche Gelder für sich einzustreichen, mal im Bundestag sitzen und ihrer durch den Wähler bestimmten Aufgabe nachkommen, wäre bestimmt schon vieles gewonnen.
Normal sterblichen Bewohnern dieses Landes ist es nicht erlaubt, eine zweite und gar dritte Tätigkeit zu übernehmen. Sie sind ihrem primären Arbeitgeber verpflichtet. Nicht so unsere hohen Herren in den Staatsämtern, die einen Eid für das Volk geleistet haben.

Und dann setzt sich irgend so ein studierter Voksvertreter hin und tut derartige Auslassungen als „Stammtisch-Gefasel“ ab. Dabei entspricht dies genau dem Volksverständnis von ordentlicher Politik.

27) Enrico F., Dienstag, 10. August 2010, 14:14 Uhr

Hallo,
ich arbeite in einem Projekt „Beschäftigungspakt 50+“, vom Staat finanziert und habe gerade nichts zu tun, weil es hier in Sachsen/Thüringen eh keine Arbeit für die aus meiner Sicht Alten gibt, außer sie lassen sich für 401€ knechten und geißeln, und so surfe ich im Netz und komme über Umwege auf diese Seite.
Zunächst, lieber Herr Spreng, meine Hochachtung vor Ihnen und dieser Seite(anglizismenverweigernd an dieser Stelle fragend:“Ist das hier ein Blog“?)
Ich könnte hier zu einigen Beiträgen meine Meinung schreiben, nur habe ich gar nicht so viel Zeit…
Nur soviel:
Schön zu wissen, dass es rege Beteiligung an Ihren Beiträgen gibt. Mir gefällt explizit die Kultur der Meinungsdarsteller und die Verhaltensweise von der ich denke, dass sich der ein oder andere Staatslenker locker eine Kommunikationsscheibe abschneiden darf,muss.
Sehr oft wird geschrieben, gleich zu dem vorangegangenen Beitrag oder anderen auf dieser Seite und ähnlich gearteten Pages, dass das Volk ja so gewählt habe und es sich durch Denken in vielerlei Hinsicht schöner hätte organisieren können, was aus diesem einst so represantativen Land geworden ist.
Das jedoch sehe ich anders, denn, und ich gehe zuerst nur von mir aus, es ist bei der Argumentierung bitte darauf zu achten, dass die Menschen in diesem Land, aber sicher auch in jedem anderen von der Eurapapolitik betroffenen Staat, es einfach nur leid sind dem Geschwindel der Großen zuzuhören. Bitte glauben Sie mir, es ist in der Tat so, dass die sogenannte Masse überhaupt nicht versteht, was hier politisch diskutiert und entschieden wird, geschweige dass ein Ausgang prognostiziert werden kann. Ein bestes Beispiel dafür ist doch der Wahlausgang im vergangenen Jahr. Ich frage mich ernsthaft als 36 Jahre lebender Erdenbürger, der 16 Jahre in der DDR leben durfte und 20 in Deutschland, was die Motivation für die Wahl einer Partei wie FDP sein kann. Es bleibt meinem Verstand verschlossen, warum Menschen ernsthaft glauben, die da oben würden dem „VOLK“ etwas gutes tun.
Ich habe tagtäglich mit denen zu tun, die dieses System ausgekotzt hat, die mit rufmordähnlichen Parolen beschimpft werden, die ein nichtzahlendes Eitergeschwür in der Leistungsgesellschaft darstellen, nämlich mit bedauernswerten H4 Empfängern Ü50, die in diesem Land soviel Chancen bekommen wie Schulabgänger der 9ten Klasse, nämlich keine oder unbefriedigende. Bitte sind Sie sich dessen bewußt, dass diese Klienteel, gleich ob bilungsfern oder hochgradig intelligent, einfach vor sich hin lebt,gerade so noch mitbekommt, was in der bildzeitung steht oder was gleichmäßig streichfähig rtl und co zu bieten haben.Richter Hold und Pseudosozialarbeiter stilisieren sich zu neuen Helden in Köpfen, die Timur und sein Trupp oder Huck Finn lange aus dem Gedächtnis gestrichen haben. Die einzige Hoffnung besteht in einer fast utopisch anmutenden Illusion, dass irgendwer eines Tages kommt und das gesamte Ruder rumreißt. Mir macht es Angst, denn solch letargische Denkweise begünstigt falsche Propheten und Diktaturen.
Weil aber zum Glück nicht alle Menschen so denken, möchte ich mich an dieser Stelle bedanken und vor allem dafür, dass ich wieder einmal die Chance habe festzustellen, dass ich in meiner Denkweise nicht allein bin.

Einen schönen und kritischen Tag wünscht

Enrico

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