Sonntag, 27. Juni 2010, 12:46 Uhr

Der Zuckerwatte-Präsident

Geht Ihnen das auch auf den Geist? Dieses zuckersüße Lächeln? Dieses unendlich Sanftmütige? Dieser unschuldige Blick? Diese leise, wahnsinnig freundliche Stimme? Dieses Pastorale? So kann man alten Damen Kapitallebensversicherungen oder Lehman-Zertifikate verkaufen, aber wollen wir so einen Bundespräsidenten?  Genau das ist aber sein Auftrag: er soll den Wählern etwas verkaufen, was nichts mehr oder nicht mehr viel wert ist –  die schwarz-gelbe K.o.alition. Christian Wulffs Wahl zum Bundespräsidenten soll sie stabilisieren, Angela Merkel fürs erste den Kopf retten. 

Christian Wulffs Wahlkampf ist eine Beleidigung für den Geist. Einschmeicheln statt mit klaren Positionen zu werben, einlullen statt aufklären, schönreden statt kritischer Haltung, Anpassung statt Widerspruch. So anspruchslos können die Bürger nicht sein. Wenn Wulff wirklich so ist wie sein Wahlkampf, dann darf er nicht Bundespräsident werden, unabhängig davon, dass sein Gegenkandidat Joachim Gauck heißt. Nein, dreimal nein. Ein Bundespräsident soll kein parteiischer Präsident sein, aber er darf eine klare, nicht verschwiemelte Meinung haben. Bundespräsident Wulff – das wäre „Bruder Johannes“ als Karikatur, Rau in schwer erträglicher Potenz.

Allein schon sein Satz: „Die Zukunft gehört den Sanftmütigen“. Das  ist nicht nur falsch, sondern auch süßlich-ekelhaft in einer Zeit, in der sich die Schere zwischen arm und reich immer weiter öffnet, in der die internationale Finanzwirtschaft, die die Welt an den Abgrund geführt hat, ungeschoren davonkommt. Die Zukunft gehört den Zornigen, Politikern, die sich noch aufregen können, die eine klare Sprache sprechen, die Probleme benennen und nicht beschönigen, die zu echter Empathie fähig sind und nicht an ihrer selbst produzierten Zuckerwatte ersticken. Das gilt auch für Präsidenten.

Im Vergleich zu Wulff ist ein glattgeschliffener Kiesel ein Stein mit Ecken und Kanten. Auf die Frage nach der Schere zwischen arm und reich fällt ihm nur ein Loblied auf den Mittelstand ein. Damit kommt man vielleicht bei den Wahlmännern und Wahlfrauen durch, aber auch fünf Jahre bei den Bürgern?

Ich will hier kein Loblied auf Joachim Gauck singen, aber er schmeichelt sich wenigstens nicht ein, er zeigt Ecken und Kanten. Er will auch keine Grundüberzeugung opfern, um sich bei der Linkspartei anzubiedern, die er auf Bundesebene für nicht regierungsfähig hält. Vielleicht fehlt ihm noch eine Portion soziale Sensibilität, vielleicht überhöht er etwas seinen Freiheitsbegriff, aber er ist wenigstens ein Typ, ein Kerl, kein Zuckerwatte-Verkäufer. Sigmar Gabriels Polemik, Gauck habe ein politisches Leben, Wulff eine politische Laufbahn, war wahrscheinlich doch nicht so falsch.

Auf jeden Fall hat Deutschland mehr verdient als einen Zuckerwatte-Präsidenten.

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60 Kommentare

1) Jokus, Dienstag, 29. Juni 2010, 15:44 Uhr

Gratulation. „Ein Sprengsatz“ von allerbester Klasse. Den Wahlmännern aller Parteien bitte zur Pflichtlektüre. Mit einem Zusatz: Wieso soll es eigentlich, wie die Auguren so laut flüstern, wirklich der Regierung Merkel so sehr schaden? Falls der nette Wulff nicht gewählt werden sollte? Wenn, dann hat sich die gegenwärtige Regierung durch die Auswahl ihres Kandidaten und die sehr viel bessere Gegen-Auswahl – schon jetzt genug geschadet..!
Die sonst doch so gescheite Bundeskanzlerin hätte jedenfalls klug gehandelt, wenn sie auf Gauck umgeschwenkt wäre…Ein Kandidat, wie sie einen besseren gar nicht kriegen kann!
Dass sie solchen Schwenk nicht zu tun wagt, schwächt sie ganz besonders…

2) badabing, Dienstag, 29. Juni 2010, 23:26 Uhr

Also, ich gebe Ihnen bei ihren Tiraden gegen Wulff schon recht. Allein, einen Pastor als Staatsoberhaupt möchte ich mir nun gar nicht vorstellen müssen. Wulff ist dann schon das kleinere Übel.

3) JG, Mittwoch, 30. Juni 2010, 00:08 Uhr

Wow, Sie waren ja richtig in Fahrt, Herr Spreng!

Aber Sie wie ich und alle, die es wollen, wissen natürlich: Wulff wird durchgewunken, höchstwahrscheinlich im ersten Wahlgang. Und viele von denen, die jetzt noch zweifeln oder gar zetern, werden ihn bald hochschreiben. Bis sie ihn wieder runterschreiben.

(Mir gefällt jetzt schon der Hinweis auf Wulffs relative Jugend. Als würde er dank dieser nicht spätestens mit sechzig Politrentner. Bis dahin kann er „sanftmütig“ darüber schwafeln, daß die Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 67, 68, 75, 82 unerläßlich wäre. Die letzten deutschen Staatsoberhäupter, die noch jünger waren, waren übrigens Adolf Hitler und Wilhelm II.)

4) Alvar Hanso, Mittwoch, 30. Juni 2010, 02:40 Uhr

@Doktor Hong
„Es ist richtig, dass wir auf ein möglichst hohes Bildungsniveau setzen sollten. Kann Gauck das im Alleingang erreichen? Kann Wulff die Zauberhand ausstrecken und aus bildungsschwächeren Menschen Genies machen?“
Ja, doch, Wulff kann das offenbar.
Deswegen hat er wohl auch bei sich in Niedersachsen die Lernmittelfreiheit abgeschafft, das Hochschulwesen zusammengekürzt und G8 eingeführt.
Es spielt keine Rolle wie grottig das Bildungswesen ist, denn Wulff kann ja zaubern!
Ein Abrakadabra von Christian dem Sanftmütigen und schon sind die Kinderchen PISA-fest gebildet.
Nur bei den Blinden scheiterte seine Magie, die komplette Streichung des Blindengeldes konnte er dementsprechend auch nicht mehr durchsetzen.
Aber dafür hat er jede Menge hochqualifizierte Arbeitsplätze in nachhaltigen sozialen und ökologischen Branchen geschaffen – z.B. bei der subventionierten Massentierhaltung und den zugehörigen Großschlachtanlagen, jene „Exportweltmeister“ die so toll wettbewerbsfähig sind, das die selbst in Afrika noch jeden Kleinbauern vom Markt drängen.
Und einfühlsam ist er ja auch, ich bin mir sicher das Wulff – und vorallem seine Frau – beim medial eskortierten streicheln halbverhungerter, namibischer Kinder richtig aufblühen werden.
Und wie er zukünftig dann dem unwissenden kleinen Michel erst die große Welt erklären will, diese ganzen total komplizierten Sachen die man ja nur den Spezialexperten der elitären Kreise anvertrauen darf und warum es unnötig ist, selbst nachzudenken wenn man eine allwissende Parteien in der Regierung hat die immer Recht behalten.
Und dann kann er auch erklären warum Vattenfalls Gammelreaktoren so eine dufte Zukunftsinvestition sind oder warum es sich lohnt fürs Alter privat vorzusorgen.
Spannende Zeiten.

5) F. Buiza, Mittwoch, 30. Juni 2010, 11:13 Uhr

Es ist schon Typisch Deutsch!!!! da bekommt das Volk einen Vorgesetzt und Deutschland nimmt es hin.

Der Wulf wird ein Gelb Schwarzer Bundespresident das ist wieder mal eine Ohrfeige nicht nur fürs Amt !
Raffen die Deutschen den nicht mit was für eine Arroganz und Selbstverstendlichkeit sie Marioneten der Politik sind???
Schande fürs Land und Demokratie!!

6) Tommy, Mittwoch, 30. Juni 2010, 16:46 Uhr

Fest steht, dass wenn Wulf die Wahl gewinnt, was ich nicht hoffe, dass er der teuerste Bundespräsident der Bundesrepublik wird … der ist zu jung und braucht nach 5 Jahren nie wieder arbeiten … wenn er 90 wird!? Ist doch geil, oder? Wieviel Bundespräsidenten im Ruhestand leistet sich Deutschland zur Zeit und wieviel Geld wird dafür ausgegeben? Soetwas sollte bei der Wahl auch berücksichtigt werden !!!

7) Alvar Hanso, Mittwoch, 30. Juni 2010, 20:10 Uhr

Hätte das echt nicht für möglich gehalten, aber sowohl SPD (v.a. Poß und Thierse) als auch Grüne (Höhn) schaffen es tatsächlich in Interviews NOCH negativer aufzufallen als die Kollegen von Schwarz-Geld.
Wenn es Rot-Grün machtpolitisch genutzt hätte, hätte man wahrscheinlich auch Friedrich Merz als BP-Kandidat zur Wahl gestellt.

8) Hanns Binder, Donnerstag, 01. Juli 2010, 10:41 Uhr

Die Wahl ist gelaufen, ganz anders als vorhergesagt. Aber hochpolitisch: Die Bundesversammlung hat vieles gezeigt:
– 1. Wahlgang: vermutlich ein Ergebnis der Überzeugungen
– Fraktionssitzungen (Inhalte nur zu vermuten)
– 2. Wahlgang: ein Denkzettel für Merkels Fehler seit Schwarz-Gelb und das Nominierungs-Chaos
– Fraktionssitzungen (lt Meldungen mit einem kämpferischen Appell von Koch)
– 3. Wahlgang: die Signale waren gesetzt, jetzt konnte man das eigene Lager weitgehend
schließen.
Was wir alle nicht wissen, wieviel davon von Machern in der ersten Reihe geplant und umgesetzt wurde.
Sehr entlarvend waren die statements danach, vor allem von den Strippenziehern Gabriel, Trittin und Künast.
Respekt kann ich nur der konsequenten (ablehnenden) Haltung gegenüber den Kandidaten, der Aufstellung einer eigenen Kandidatin und im 3. Wahlgang der Eanthaltung durch die Linken zollen.
Ich hoffe die Begleitumstände dieser Wahl befördern die Diskussion um die Wahl des Bundespäsidenten durch die Bürger, aber bitte mit Wahlpflicht, damit nicht eine Minderheit ihren Kandidaten durchsetzt. Das wäre schon deshalb wünschenswert, damit uns in 5 Jahren eine Schlacht mit Zitaten aus 2010 erspart bleibt.

Entlarvend: die statements danach.

Diese Wahl und ihre Begleiterscheinungen und Befrachtungen sollten den Weg ebnen für eine Direktwahl des Bundespräsidenten in der Zukunft. Schon deshalb, um in 5 Jahren die „Zitatenschlacht“ aus 2010 sich zu ersparen.

9) nurmalso, Donnerstag, 01. Juli 2010, 17:02 Uhr

das volk hat bisher noch jeden präsidenten „überlebt“. so wird es auch bei diesem sein.
ob der nun zuckerwatte lutscht oder morgens mit reißzwecken gurgelt, kann den bürgern so ziemlich egal sein.

10) Alexej Danckwardt, Donnerstag, 01. Juli 2010, 22:58 Uhr

Sind Sie eigentlich Christ?

„Selig sind die Sanftmütigen,
denn sie werden das Erdreich besitzen.“

Kommt Ihnen das nicht bekannt vor? Bergpredigt? Klingelt´s immer noch nicht?

Wenn Wulff das sagt, dann schreiben Sie: „Das ist nicht nur falsch, sondern auch süßlich-ekelhaft“.

Merkwürdig.

Ich sage: Jesus hat Recht und Wulff hat Recht, wenn er sich an diesen Spruch erinnern. Die Sanftmütigen werden das Erdreich besitzen und die Zukunft.

11) sacherworte, Freitag, 02. Juli 2010, 00:20 Uhr

Willkommen in der Entertainment-Demokratie

Auch wenn es vielleicht noch nicht jeder mitbekommen hat: Die Medien haben die Macht im Lande übernommen. Und ihr erstes Opfer heißt SPD. Noch einmal Gesine Schwan aufstellen? Niemals – die ist durch. Ein neuer Kandidat? Muss aber unbedingt das Potenzial haben, die Regierungskoalition ganz empfindlich zu irritieren – und nebenbei auch noch die Linken in eine Zwickmühle laufen zu lassen. Kompliment! Da war Gauck absolut der richtige Mann. Entertainment-Faktor 10. Und alle haben sie mitgespielt: Bild am Sonntag, FAZ, Spiegel …

Allmählich dämmert’s jetzt sogar der SPD selbst. Wen wollen die denn in der Zukunft noch als Kandidaten aufstellen? Diese Rollmops-Truppe – mit ihrem Harzer Roller an der Spitze – hat doch einfach keinen Entertainment-Faktor. Wie sagte Gabriel über sich selbst: Der Gauck hat ein Leben, während ich nur eine politische Laufbahn habe. Und mit dieser Leidenschaft für einen überparteilichen Kandidaten zu streiten, das muss doch auf ihn selbst zurückfallen. Da werden wir – d.h. die Medien – demnächst sicher auf Kandidaten wie Günther Jauch oder Harald Schmidt ausweichen müssen. Und das Thema SPD – ist dann durch.

MfG
PhS – http://www.einminutentexte.de

12) Alexej Danckwardt, Freitag, 02. Juli 2010, 14:04 Uhr

@ Jeff Kelly,

also zunächst ist es merkwürdig, wie schnell intelligente und respektable Menschen in Unsachlichkeiten abgleiten, wenn ihnen was nicht in ihr politisches Kalkül passt. Nun, von mir werden Sie keine Begriffe wie „albern“ hören.

Zur Sache: Natürlich wollen die Wähler der Linken auf mittlere Sicht, dass sie ihre Positionen durchsetzen kann. Aber setzt man seine Positionen durch, indem man für das genaue Gegenteil dieser Positionen stimmt? Zwei prinzipielle Standpunkte in der Tagespolitik haben sowohl die Linken, als auch ihre Wähler: 1) kein weiterer Abbruch des Sozialstaats, nach Möglichkeit auch eine Umkehr der bisherigen Fehlentwicklungen in diesem Bereich; 2) raus aus Afghanistan. Das sind zwei Positionen, die weder für die Linke, noch für ihre Wähler zur Disposition stehen. Kompromisse kann man in anderen Bereichen eingehen, wenn man aber diese Grundsätze auch noch Kompromissen opfert, dann trete auch ich sofort aus der Linken aus. Wer braucht die dann noch, wenn die genau dasselbe machen, wie die Grünen? Dann kann man auch gleich die konformistischen Grünen wählen.

Und Gauck zu wählen, der in diesen zwei prinzipiellen Fragen eine andere Meinung hat, das wäre untragbar.

13) mambo, Montag, 05. Juli 2010, 10:05 Uhr

Danke für Ihren ausgezeichneten Artikel !
Dazu kommt jedoch noch :
Das Amt des Bundespräsidenten ist überflüssig und viel zu teuer .
Herr Wulff erhält nach Ende seiner Dienstzeit sein Gehalt von 200000 Euro
plus Büro plus Dienstwagen lebenslänglich weiter.
Hier leben wir wirklich über unsere Verhältnisse ,Sparen wäre angesagt .
Auch beim Sparen sollte gelten :
Die Treppe muß von oben nach unten gefegt werden,
und nicht umgekehrt.

14) M.M., Donnerstag, 08. Juli 2010, 20:28 Uhr

Die Lena M. Landrut Abholshow am Hannoveraner Flughafen wird am Samstag vom jetzt NEUEN
Bundespräsidenten noch getoppt werden: Er reist extra zum Spiel um Platz 3 nach Südafrika um sich mit unseren Fussballhelden zu umgarnen. „Bring them home“ Yeahhhh!!

15) M.M., Samstag, 10. Juli 2010, 14:28 Uhr

Interessant auch der Kommentar in der Weltwoche unter der Überschrift:
Dr. Wulff hilft bei Angstneurosen

http://www.weltwoche.ch/onlineexklusiv/details/article/dr-wulff-hilft-bei-angstneurosen.html

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