Montag, 19. Juli 2010, 00:46 Uhr

Net den Langhaarigen!

Manche große Männerfreundschaft fängt mit herzlicher Abneigung an. Als zum Beispiel BILD-Chefredakteur Kai Diekmann noch Korrespondent in Bonn war, lange Haare und Zopf trug, konnte ihn Helmut Kohl gar nicht leiden. Wenn es um Kanzler-Interviews ging, ließ Kohl über seinen Vertrauten Eduard Ackermann ausrichten: “Schickt mer aber net den Langhaarigen!” 

Heute ist daraus eine der wunderbarsten Freundschaften zwischen einem Politiker und einem Journalisten geworden. Diekmann ist über die Jahre tief in das Vertrauen Kohls eingedrungen und steht dem Alt-Kanzler inzwischen näher als dessen Söhne – zumindest was die Teilnahme an Familienfeiern betrifft. Und Diekmann ist so taktvoll, das Fehlen der Kohl-Söhne bei Hochzeiten oder Geburtststagen nicht oder nur unauffällig zu thematisieren.

Und BILD wurde unter Diekmann zur einzigartigen Hagiographie eines Politikers. Und da schimpfe noch einer, dass Journalisten Politiker nicht mit der nötigen Demut und dem nötigen Respekt behandeln.

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9 Kommentare

1) Klaus Jarchow, Montag, 19. Juli 2010, 08:31 Uhr

Hä – wieso ist im Umgang von Journalisten mit Politikern “nötige Demut” angebracht?

2) stabil, Montag, 19. Juli 2010, 09:03 Uhr

Ja, Politiker mit Demut und dem nötigen Respekt behandeln. Das können Journalisten der BILD. Wenn es die “richtigen” Politiker von der “richtigen” Partei sind. So ist mein Eindruck.

Doch seit wann gehören Politiker mit Demut behandelt? Und seit wann stünde ein Chefredakteur der BILD für ein demütiges Auftreten gegenüber anderen Menschen?

3) badabing, Montag, 19. Juli 2010, 09:41 Uhr

Ich habe das Gefühl, meine beiden Vorredner brauchen Nachhilfe in Ironie

4) Klaus Jarchow, Montag, 19. Juli 2010, 10:44 Uhr

@ badabing: Nee – wir kommen aus dem dokumentarischen Bereich und drehen einen Naturfilm über das Leben von journalistischen Mikrofonständern (aus der alten Nowottny-Schule: “Herr Bundesbrunzler, dörfte ich Ihnen wohl eine Frage unterbreiten?”).

5) M. Kaufmann, Montag, 19. Juli 2010, 22:47 Uhr

Da halte ich es mit dem BBC-Interviewer Jeremy Paxman (Newsnight). Der meint, dass ein Journalist gegenüber Politikern denselben Grad an Respekt zeigen sollte wie ein Hund gegenüber Laternenmasten.

6) Nachgefragt, Dienstag, 20. Juli 2010, 08:14 Uhr

@M. Kaufmann
“Verpissen” sich deshalb so viele Politiker zur Zeit?

Aber der Journalie kann man es eben nie Recht machen.

Geht man freiwillig, heißt es “Fahnenflucht”; bleibt man heißt es “der klebt an seinem Sessel”.

7) Doktor Hong, Dienstag, 20. Juli 2010, 09:11 Uhr

Zum Laternenpfahl kommen mir folgende Gedanken.

Man kriegt ja scheinbar heutzutage in allen Kommunikationsseminaren eingebleut, dass Rechtfertigung ein Zeichen von Schwäche sei.

Inter pares mag das vielleicht richtig sein, aber stellen Sie sich mal vor, ein Prokurist lässt mehrere Millionen verschwinden, worauf er vom Firmeninhaber zur Rede gestellt wird. Wäre es angemessen, wenn der Prokurist zu seinem Chef sagt: “Sagen Sie mal, was fällt Ihnen eigentlich ein? Meinen Sie, ich sei Ihnen eine Rechtfertigung schuldig?”

Und genau das scheinen ja Politiker heute zu denken, gegenüber denjenigen, die sie wählen und ihnen die Gehälter bezahlen.

Da aber nicht jeder x-beliebige Bürger die Regierenden zur Rede stellen kann, müssen das die Journalisten tun. Aber dazu müssten die Journalisten eine Art “Verschwörung” bilden, nämlich die, dass prominente Politiker von allen Journalisten hart angefasst werden. Sonst kriegen nur noch diejenigen Interviews, die den Politikern Zucker in den Hintern blasen, um mal einen deftigen Anglizismus zu benutzen. Das zu hoffen scheint mir allerdings recht unrealistisch.

@M. Kaufmann
Meine Favoriten sind Jon Stewart (Daily Show) und Keith Olberman (Countdown). Haben Sie gesehen, wie Stewart Jim Kramer komplett auseinander genommen hat, und er am Ende fast heulend zugab, dass er Mist gebaut hat? Dick Cheney traut sich ja nicht in die Show, obwohl Stewart ihn so gerne interviewen würde. 🙂

8) m.oertel, Dienstag, 20. Juli 2010, 19:06 Uhr

Welchen Journalisten fällt denn so etwas ein?

Sigmund und Roland treffen sich im Magen der Kanzlerin.
Frage Sigmund: „Hat dich Angie auch gefressen?“
Antwort Roland: „Nein, ich komme von der anderen Seite!“

Aufgeschnappt bei einem Kneipengespräch zwischen Redakteuren.

9) Matthze, Samstag, 24. Juli 2010, 02:30 Uhr

Der Diekmann ist schon ne geile Sau, man muss ihn nicht mögen aber er hat scho was drauf und ich kann verstehen dass der Kohl in so sehr schätzt!

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