Sonntag, 11. Juli 2010, 23:54 Uhr

Teufel und die Sahnetorten

Als ich vom Tod Fritz Teufels hörte, musste ich an einen milden Sommertag des Jahres 1968 in Frankfurt denken. Im Audimax der Uni tagte der Bundeskongress des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), als die Nachricht die Runde machte, in einem nahegelegenen Café sei ein Ausländer nicht oder schlecht bedient worden. Dankbar für die willkommene Abwechslung von den ermüdenden SDS-Ideologiedebatten zog ein Trupp zur Stätte des Unrechts, darunter Fritz Teufel, und besetzte das Café Laumer in der Bockenheimer Landstraße – zum Schrecken der gutbürgerlichen Kaffetanten.

Als die Polizei anrückte und die Räumung forderte, ging Teufel zum Angriff über: eine Sahnetorte nach der anderen flog in Richtung Polizei – einige trafen auch unbeteiligte Passanten. Aber es hatte In Frankfurt wirklich schon schlimmere Wurfgeschosse gegeben. Und die Torten waren wirklich lecker. Nach einer Stunde war der Spaß vorbei, der Caféhausbesitzer versprach Besserung und Teufel und seine Unterteufel zogen wieder zum SDS-Kongress zurück. Der unterhaltsame Ausflug war vorbei.

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6 Kommentare

1) Alex, Montag, 12. Juli 2010, 02:23 Uhr

Man stelle sich vor, sowas würde sich ein Café Betreiber heute trauen. Eine Veröffentlichung im Sprengsatz, ein Querverweis bei Niggemeier und Charta, und der Laden könnte schließen, weil drei Wochen lang mindestens 20 Leute eine Mahnwache dort halten würden.
Solllte sich die Welt doch manchmal einen Teufel zurück wünschen?

2) R Horn, Donnerstag, 15. Juli 2010, 11:16 Uhr

Sehr geehrter Herr Spreng,

Bewertungen sind immer eine Frage der Zeit, also des Kontextes. Deshalb ändern sich meistens Bewertungen und Darstellungen von ein und der selben Person über ein und denselben Sachverhalt schrittweise im Laufe der Zeit.

Hand aufs Herz: Haben Sie damals über Herrn Teufel so gedacht, wie Sie heute schreiben?

Grüße aus Berlin
R. Horn

3) m.spreng, Donnerstag, 15. Juli 2010, 12:39 Uhr

@R.Horn

Ja, auch wenn ich damals noch Mitglied der Jungen Union war. Er war mir sympathischer als die fanatisch ernsten Ideologen.

4) Christian, Donnerstag, 22. Juli 2010, 10:14 Uhr

Das betuliche Cafe Laumer gibt es übrigens heute noch, und die Torten sind lecker. Sonst ist’s da aber mittlerweile sterbenslangeweilig, die Zeiten, wo im Westend Leute wie Teufel oder Fischer für Stimmung sorgten, sind ja vorbei. Obwohl, Michel Friedmann wohnt um die Ecke. Könnte mir vorstellen, dass in dessen Bude immer noch eine spontimäßige Superstimmung herrscht…

5) Thom, Donnerstag, 05. August 2010, 11:54 Uhr

Die Torten sind wirklich immer noch hervorragend. Aber heute werden nicht mehr Ausländer schlecht behandelt, sondern man wird von Ausländern schlecht bedient.

6) Christian, Donnerstag, 05. August 2010, 14:13 Uhr

@ Thom

Ja, stimmt. Die Kellnerin, an die Sie vermutlich denken, ist mir auch schon unangenehm aufgefallen. Ich habe mir gesagt, vermutlich ist’s ne überforderte Studentin, die das Geld braucht. Osteuropäische Eltern werden ja vermutlich keine gewaltigen Summen fürs Studium in Frankfurt rüberrollen.

Ist doch ne hübsche Pointe, oder? Wer hätte das ’68 gedacht?

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