Sonntag, 18. Juli 2010, 12:13 Uhr

Sag‘ mir, wo die Männer sind

Die Abschiedssinfonie der CDU-Männer geht weiter. Wieder geht einer mitten in der Vorstellung. Wieder verabschiedet sich einer, diesmal Ole von Beust in Hamburg. Er ist der bisher letzte in einer Reihe „starker Männer“, die zu schwach waren, in ihren Führungsämtern durchzuhalten, um ihre Position und um ihre Politik zu kämpfen oder sie bei Wahlen zu verteidigen.

Den Anfang machte Friedrich Merz. Er floh vor Angela  Merkel an die Fleischtöpfe der Wirtschaft. Dann scheiterte Dieter Althaus an seiner Selbstinszenierung nach dem tragischen Skiunfall. Günther Oettinger zog die Brüsseler Höhe der baden-württembergischen Ebene vor. Im Mai verlor erst Jürgen Rüttgers die NRW-Wahl, dann ging Roland Koch. Er sah für sich weder in Hessen noch auf  Bundesebene eine politische Zukunftsperspektive. Schließlich ließ sich Christian Wulff  ins angenehm ruhige Präsidentenamt wegbefördern. Und jetzt Ole von Beust. Fast alle haben eines gemeinsam: gewogen und zu leicht befunden.

Es wäre zu billig, das jetzt alles bei der angeblich männermordenden Gottesanbeterin Angela Merkel festzumachen. Natürlich hat sie den einen oder anderen Abgang befördert, aber gescheitert sind die „starken Männer“ schon selber und an sich selbst. Wer hat denn gesagt, er sei kein „Alphatier“? Wer verkündete, Politik sei nicht sein Leben?  Wer flüchtete denn immer, wenn es zu heiß in der politischen Küche in Hamburg wurde, ins luftige Sylt? Die vermeintlich starken Männer sind am Ende doch auch weiche, verletzliche Seelchen.

Sag`mir, wo die Männer sind. Männer, die auch mal Durststrecken ertragen, die die Phantasie haben, sich aus politischen Karrierefallen zu befreien, denen es neben der Person vielleicht auch noch um die Sache geht. Denen das Wort Pflicht noch etwas bedeutet. Die Zähigkeit, Geduld und Stehvermögen haben? Es geht hier nicht darum, einen politischen Macho-Kult zu beschwören, aber ein bisschen mehr Härte, vor allem gegen sich selbst, kann man von führenden Politikern schon erwarten.

Wobei Ole von Beust ohnehin eine Ausnahmekarriere hatte, die er nicht eigener Kraft, sondern Ronald Schill verdankte. Nach einer verheerenden CDU-Niederlage machte ihn der furchtbare, aber erfolgreiche Populist zum Bürgermeister und verschaffte Ole von Beust mit seinem Erpressungsversuch das Stahlbad, das diesem erst den eigenen Wahlsieg ermöglichte. Jetzt geht Ole von Beust und wird die CDU in Hamburg bei der nächsten Wahl wieder ins politische Nichts befördern. Dorthin, wo die CDU in NRW schon ist. 

Aber das ist nicht so wichtig. Spannender ist die Wahl im nächsten Frühjahr in Baden-Württemberg. Geht auch die für die CDU verloren, dann wird die Überlebende des CDU-Männer-Massakers, Angela Merkel, endgültig zeigen können, ob sie wirklich härter als die „starken Männer“ ist. Oder ob das Land neue Männer braucht. In der CDU sind sie bisher nicht in Sicht.

Sie können Ihren eigenen Kommentar weiter unten abgeben.

18 Kommentare

1) Dingele, Sonntag, 18. Juli 2010, 12:58 Uhr

Was die im Frühjahr anstehenden Wahlen in BW angehen, so kann man den Eindruck gewinnen, dass Mappus damit anfängt, sich von Berlin zu distanzieren (Bp.Gesundheitsreform). Wird er auch müssen, denn wirklich wahrgenommen wurde er bislang nur durch die Absetzbewegungen gegenüber Rössler und Röttgen.
Im Großen und Ganzen wirkt er selbst fürs Ländle eher altbacken und ohne jeden Drive.

2) Thomas Maier, Sonntag, 18. Juli 2010, 14:51 Uhr

Ich finde, das wird mir teilweise auch etwas zu stark erhöht. Der Abgang dieser Personen ist in realen zahlen kein Verlust für die CDU. Es sind deren Ziehsöhne nachgerückt und die müssen sich auch erst selbst profilieren. Wie sich Ole von Beust von seinem Vater profilieren musste. Und schwarz-grün ist ebenso wenig tot wie rot-rot-grün.

3) guzolany, Sonntag, 18. Juli 2010, 14:56 Uhr

Köstlich, vielen Dank!! – Wobei das „politische Nichts“ in Hamburg ja schon langjährig sehr erfolgreich von der SPD und ihrem konsequent anticharismatischen Führungspersonal beansprucht wird. Die Lokalpolitiker in den Bezirken zählen da ja erstmal nicht, auch wenn sicher der eine oder andere intrigante seeheimer Rüstungslobbyist schon ganz hibbelig auf seine nächste Chance wartet.

Wirklich verlässlich – wer hätte das in früheren „GALier“-Zeiten je für möglich gehalten – ist nur die „grün angestrichene FDP“ in ihrer mittlerweile bewährten Rolle als regieriges Fähnchen im Wind. Ist es nicht herrlich, wenn man als Grüne ohne jegliche Scheuklappen (wie zeterte Anja Hajduk-Moorburg vor der Wahl noch gegen „Kohle Ole“, um hinterher eigenhändig die Genehmigungen für die Kraftwerksbauten zu unterzeichnen…) mit allen kann – mit schwarz oder rot, mit Mehr- oder Minderheiten. Nur dürfen sie jetzt nicht den berühmten Klaus-Staeck-Ruf überhören: „Achtung, Opportunisten! Jetzt umsteigen!“

Wobei die grüne 2. Bürgermeisterin Christa Goetsch mit ihrer Schulreform aber wohl immerhin ein tragender Sargnagel für Ole von Beusts Hinwerfen war – nur aus Koalitionsräson die eigenen naheliegenden Überzeugungen als Rotherbaumer/Sylter Bessergestellter verleugnen zu müssen, das war für ihn sicher schon SEHR bitter. Und sich dabei ganz hilflos auch noch den Zorn der Nienstedtener Machtelite rund um den unangenehmen Anti-Schulreform-Rechtsanwalt Scheuerl und seiner vorgeblichen „Elterninitiative“ zuzuziehen, mag noch einer der Überlauf-Tropfen für das Fass der von Beustschen Amtsmüdigkeit gewesen sein.

Welch eine Ironie des Schicksals: Hatte er sich beim Verkauf der Hamburger Krankenhäuser noch eiskalt über den via Volksentscheid ausdrücklich erklärten Bürgerwillen hinweggesetzt und die Wirtschaftsklientel wunschgemäß bedient, so erwischt ihn ein neuerlicher „Volksentscheid“ in Gestalt einer von derselben Machtelite gesteuerten multimedialen Manipulations-Kampagne nun selbst. Und das ganz unabhängig von deren Ausgang. Das konservative Establishment frisst seine unartigen Kinder – das ist beinahe tragisch, aber auch nicht inkonsequent. Und die Ole-von-Beust-Gedächtnis-Philharmonie nebst seines Hamburger Pendants zur Berliner „Kanzler-U-Bahn“ sind auch noch lange nicht fertig, aber wenigstens jetzt schon ein echtes Milliardengrab und ganz bittere Symbole für eine Amtszeit in Leichtmatrosenmanier.

Grüße, guzolany

Ganz unabhängig vom Politischen noch ein Tipp für den typografisch anspruchsvollen Blogger: „Sag‘ mir“ bitte am besten mit echtem Auslassungszeichen (‚) und weder mit Accent aigu (´) noch Accent grave (`) – das ist nicht nur korrekter, sondern auch besser für die zusätzlich benötigten Spatien… 😉

4) Gregor Keuschnig, Sonntag, 18. Juli 2010, 15:42 Uhr

Haben Sie in Ihrer Aufzählung Ex-BP Köhler vergessen oder absichtlich nicht genannt? Schließlich war Köhler auch Merkels (und Westerwelles) „Mann“.

Befragt werden muss m. E. dringend das Demokratieverständnis der sich selber ins Nirwana befördernden Ministerpräsidenten. Sie sind respektlos gegenüber ihrem Amt und den Wählern. Das ist eine Frechheit (gilt für Koch, Wulff, von Beust und auch – abgewandelt – Kohler).

5) m.spreng, Sonntag, 18. Juli 2010, 16:26 Uhr

@gregor Keuschnig

Horst Köhler habe ich weggelassen, obwohl sein Rücktritt in die Reihe passen würde. Ich bin aber nicht sicher, ob er nicht doch gesundheitliche Gründe dafür hatte. Außerdem gehört er nicht zur CDU-Abschiedssinfonie.

6) mambo, Sonntag, 18. Juli 2010, 19:24 Uhr

viel wichtiger wäre es ,wenn Frau Merkel sich endlich ins Privatleben zurückziehen würde ,
aber wahrscheinlich hat sie ein solches gar nicht.Sie ist mit der Macht verheiratet ,
und die Zwangsscheidung wird erst dann kommen,
wenn die CDU bei 22% angekommen ist.

7) Helmut Mederle, Sonntag, 18. Juli 2010, 20:29 Uhr

Ja, mei… Die Politiker gehen, die Verwaltungen bleiben bestehen.
Zum „Generalthema Machtinhaber und Volk“ darf ich die Wochenendausgabe der „Süddeutschen Zeitung“ empfehlen, die sich – auch am Beispiel Hamburg – mit der Frage beschäftigt, welche Auswirkungen es für „die Politik“ haben kann, wenn „das Volk“ sich via Volksentscheid zunehmend einmischt. Da läppert sich schon was zusammen: Radikales Rauchverbot in Bayern, Oberammergau will von Winter-Olympia 2018 nichts wissen, Dresden und seine Brücke, Hamburg und seine Schulen…
Es ist ja immer die Rede von der neuen Unübersichtlchkeit durch das Fünf-Parteien-System. Aber wie gehen wir damit um, wenn jetzt ein 16-Bundesländer-Volksabstimmungssystem entsteht?

8) EStz, Sonntag, 18. Juli 2010, 20:39 Uhr

Frau Merkel hat sicherlich viel aus den „Erfolgen“ Helmut Kohls gelernt, aber wenig aus seinen Fehlern. Ole von Beust wird nicht der letzte sein, der das sinkende Schiff verlässt. Jetzt geht die CDU Stück für Stück den Weg nach, den die SPD vorangegangen ist. Nur ist der SPD-Niedergang durch den Abgang von Gerd Schröder ausgelöst bzw. beschleunigt worden, und bei der CDU ist es der Verbleib von Angela Merkel.

9) albertus28, Sonntag, 18. Juli 2010, 21:04 Uhr

Bisher galt,Angela Merkel „entsorgt“ die Männer,die nichts anderes im Sinn haben, ihr die Macht streitig zu machen ,nun stellt sich heraus,dass diese pflichtvergessene Kerle nur arme Würstchen sind , Warmduscher,Armleuchter,Sylturlauber..

Lieber Herr Spreng,ich bin mir sicher,Deutschland sollte froh und glücklich sein,eine solch wunderbare Frau an der Spitze zu haben–Sie werden die letzte Auslandreise der Kanzlerin mitbekommen haben.
Viele Länder wären dankbar ob solch einer Regierungschefin.

10) Benjamin, Sonntag, 18. Juli 2010, 22:27 Uhr

Schöner Kommentar Herr Spreng. Ich finde es (als diesbezüglich Neutraler) offen gesagt unfassbar, dass von Beust ausgerechnet am Tag des Volksentscheids beschließt, dass das alles doch ein bisserl zu viel gewesen sei, aber dies angeblich nichts mit dem Entscheid zu tun haben soll. Unglücklicher geht es nimmer. So verliert die CDU Leute auf allen Positionen: Koch auf der einen Seite des Spektrums (die mir nicht nahe steht, aber die in einer so genannten „Volkspartei“ ja besetzt sein muss), den bürgerlich-liberalen (im wirklichen Sinne des Wortes, im Angesicht der FDP sollte man das wohl immer hinzufügen) von Beust auf der anderen Seite, der für eine wesentlich offenere CDU stand. Rüttgers daneben auch noch, der es als Pseudo-Rau schaffen wollte. Vielleicht muss Merkel bald in Personalunion noch andere Posten übernehmen…

Ich frage mich nebenbei auch, ob nicht jetzt die Stimmen wieder lauter werden, die auf die so genannten CDU-Stammwähler schielen, wobei ja nicht ganz sicher ist, ob es die in der Form so noch gibt und ob man diese Wähler so einfach zurückholen kann. Man darf es ruhig bezweifeln. Wenn ich mir aber manche Kommentare in Foren der FAZ (von Springer fange ich gar nicht erst an) lese, bin ich doch wieder froh, dass unter Merkel die CDU ein Stück weit das alte Denken aufgegeben hat und teils durchaus moderner geworden ist. Nur als rheinisch-katholischer Wahlverbund kann die CDU auch nicht überleben, ebenso wenig wie die SPD als „Minderheits-Linksbündnis“ überleben kann, Es wird eine spannende Zeit für die beiden Mittelparteien.

11) Doktor Hong, Sonntag, 18. Juli 2010, 22:51 Uhr

Vielleicht hat Angela Merkel ja damals die Schwarzen Kanäle angehört und wurde inspiriert von dem Song aus den 1980ern, in dem die Sängerin an jede Wand sprühen wollte, dass das Land neue Männer brauche.

12) Gregor Keuschnig, Montag, 19. Juli 2010, 13:06 Uhr

@albertus28
„Sylturlauber“ als Invektive muss ich mir merken.

13) Johannes, Montag, 19. Juli 2010, 17:53 Uhr

Aber hat die CDU denn nicht sehr fähige, moderne, weit denkende Führungskräfte, die auch die Partei von morgen verkörpern? Was fehlt denn der Union, wenn sie statt den lauten und schwerfälligen Oettingers, Kochs und Wulffs, junge und pragmatische Politiker wie Röttgen, von der Leyen, MacAllister oder Guttenberg hat? Hier steht eine junge, undogmatische Riege an Politikern in den Startlöchern, die ich, als Nicht-Unionist, um einiges spannender und attraktiver finde als diese alten schwerfälligen Walrosse. Jedenfalls sehe ich nicht, dass die CDU neue Männer (oder Frauen) braucht. Die hat sie bereits! Was jetzt wegfällt ist der überfällige Ballast der alten CDU.

14) Wolf-Dieter, Montag, 19. Juli 2010, 20:43 Uhr

Ihre Politikkommentare, Herr Spreng, stellen jeden Fußballkommentar in den Schatten. Es wäre absolut unterhaltsam …

… wenn nicht unsereins von jenen Kreaturen regiert würde.

15) EStz, Montag, 19. Juli 2010, 23:37 Uhr

>>ich bin mir sicher,Deutschland sollte froh und glücklich sein,eine solch wunderbare Frau an der Spitze zu haben–Sie werden die letzte Auslandreise der Kanzlerin mitbekommen haben.
Viele Länder wären dankbar ob solch einer Regierungschefin.<<

@albertus28: Aussenpolitisch ist Diplomatie gefragt. Das Frau Merkel das drauf hat, wird wohl kaum einer bestreiten wollen. Innenpolitisch ist auch Führung gefragt. Da bestreitet der eine oder andere schon sehr….

16) Camus, Dienstag, 20. Juli 2010, 08:36 Uhr

Die spannende Frage ist, wer wird jetzt Merkel als mögliche Nachfolger(In) gefährlich werden können? Mein Tipp: haltet Koch im Auge, der wird wieder auftauchen wenn das Volk ihm ruft.

17) R Horn, Dienstag, 20. Juli 2010, 19:23 Uhr

Täusche ich mich oder ist ein rhetorischer Schwenk in den Worten der Schreiberlinge zu hören? Zuerst war es eine Schwäche der Frau, dass die Männer von dannen zogen. Jetzt höre ich eine Schwäche der Männer heraus.
Die Frau kann so schwach sein wie sie will. Die Männer sind nicht stark genug, ihr zu folgen.

RH

18) Christian, Donnerstag, 22. Juli 2010, 10:34 Uhr

Ja, Herr Spreng, alles richtig, aber auch alles schon seit langem vorhersehbar. Warum habt Ihr (Journalisten) dieses Strebermädchen so hoch geschrieben? „Die große Physikerin, die die Dinge vom Ende her denkt“?

Wie ist Ihre Meinung?

Kommentar schreiben


Ihr Kommentar *


* Pflichtfelder


granny - the social agency from Berlin