Sonntag, 01. August 2010, 14:47 Uhr

Erbfreundschaft

In Niedersachsen gibt es viele gewachsene Traditionen, von den Schützenfesten bis zum Lüttje-Lage-Trinken, aber eine Tradition ist noch relativ neu, sie gibt es erst seit wenigen Jahren: die Erbfreundschaft. Freundeskreise eines Ministerpräsidenten werden weitervererbt an den Nachfolger – unabhängig von der politischen Couleur. So wurden fast alle „Frogs“ (Friends of Gerd), die Buddys von Gerhard Schröder, auch Freunde von Christian Wulff, seinem CDU Nachfolger – von TUI-Frenzel über RWE-Großmann bis zu AWD-Maschmeyer und den Scorpions. Und viele andere mehr. Und jetzt werden sie wahrscheinlich weitervererbt an Wulffs Nachfolger David McAllister. Und dabei sieht man großzügig darüber hinweg, ob man sich früher bekämpft hat oder nicht.

Eines der interessantesten Erbfreunde ist Carsten Maschmeyer, Gründer des Finanzdienstes AWD, in dessen Prachtvilla auf Mallorca Wulff gerade Urlaub machte, wofür er 5.000 Euro bezahlte. Maschmeyer hatte in jüngeren Jahren ein ziemliches Reputationsproblem, dann damals nannte man solche Firmen noch Drückerkolonnen oder vornehmer Strukturvertrieb. Deshalb beschloss Maschmeyer sein gesellschaftliches Upgrading.

Als ersten Schritt berief er den Aufsichtsratsvorsitzenden eines großen Medienkonzerns in seinen gut dotierten Beirat, der ihm dafür Topkontakte zu seinen wichtigsten Chefredakteuren verschaffte. Und mancher von ihnen wurde nach gemeinsamen Essen schwach und ließ wohlwollende Artikel über Maschmeyer und seine damalige – in Afrika sozial engagierte – Frau verfassen.

Maschmeyers nächster Schritt war ein Stück genialer: mit Hilfe der renommierten Werber Jung von Matt ließ er am Tag vor der Niedersachsenwahl 1998 für viel Geld Anzeigen in den Zeitungen des Landes schalten mit der Aufforderung: „Der nächste Kanzler muss ein Niedersachse sein“. Damit unterstützte er massiv Gerhard Schröders Kampagnenidee, die Landtagswahl zur Volksabstimmung über den SPD-Kanzlerkandidaten umzufunktionieren – und sorgte für eine krachende Niederlage von Wulff. So wurde Maschmeyer Schröders Freund und gehörte fortan zur Clique um den heutigen Altkanzler.

Und so war es auch nur konsequent, Schröders Regierungssprecher Bela Anda nach der Wahlniederlage 2005 zum Kommunikationschef von AWD zu berufen. Der sorgte mit seinen hervorragenden Kontakten sehr professionell für ein gutes Image des einstmaligen „Strukkies“. 

Kaum war Wulff im Jahr 2003 Ministerpräsident, ging fast der gesamte niedersächsische Schröder-Kreis an Wulff über – aber ohne, dass ihn Schröder verlor. Ein schönes Beispiel von Erbfreundschaft, die jetzt ihren vorläufigen Höhepunkt darin fand, dass ein leibhaftiger Bundespräsident bei Maschmeyer seinen Urlaub verbrachte. Aber er hatte Maschmeyer ja auch Veronica Ferres vorgestellt.

Sie können Ihren eigenen Kommentar weiter unten abgeben.

29 Kommentare

1) Andreas, Sonntag, 01. August 2010, 15:18 Uhr

„AWD – Ihr persönlicher Finanzoptimierer“: „damals nannte man solche Firmen noch Drückerkolonnen oder vornehmer Strukturvertrieb“ – schön, dass das jemand offen ausspricht!

2) Alvar Hanso, Sonntag, 01. August 2010, 17:41 Uhr

Nicht zu vergessen, der Subventionskapitalismus von Riester/Rürup zu Gunsten der organisierten Finanzanlagekriminalität, struktur-vertrieblichen Berufsbetrügern und Schneeballsystemikern.
Nicht nur das die umlagefinanzierte gesetz. Rente dadurch gefleddert wurde.
Wir haben jetzt auch noch das Problem, dass jeder noch so prekär beschäftigte, riester-rentnernte Kleinbürger zu einem Teil des internationalen Finanzmarktes gemacht wurde.
So können dann die gelben Plutokraten natürlich argumentieren, dass eine Transaktionssteuer (oder generell sämtliche Maßnahme, die das Finanzwesen auf ein volkswirtschaftlich gesundes Maß zurückstutzen) den „kleinen Mann“ trifft, welcher monaltich ein paar Groschen in seine private, staatlich subventionierte, RV einzahlt.
Man hat – politisch gewollt und von Maschm. & Co nach Kräften unterstützt – Opfer zu Mittätern gemacht.

3) JG, Sonntag, 01. August 2010, 17:44 Uhr

Darf man eigentlich sagen, daß das, was Sie beschreiben, ein schönes Beispiel für charakterliche Verkommenheit ist? Nein, wohl eher nicht. Und Sie sollten sich auch schon mal nach einem Anwalt umsehen, Herr Spreng. Ist AWD nicht dafür bekannt, jeden mit Klagen zu überziehen, der es wagt, sich öffentlich über das Geschäftsgebaren dieses Unternehmens zu äußern? Hat man damit nicht schon diverse Opfer mundtot gemacht?

Merke: In unserem herrlichen Rechtsstaat ist Recht noch immer das, was man sich leisten kann.

4) Wolf-Dieter, Sonntag, 01. August 2010, 18:04 Uhr

Ich weiß immer noch nicht, was ich von Ihnen halten soll, Herr Spreng, aber Ihre Schreibe ist tadellos.

5) Dieter Carstensen, Sonntag, 01. August 2010, 18:24 Uhr

Lieber Michael Spreng,

Ihr Kommentar, sie nennen es „Erbreundschaft“, anderwo würde man es „Seilschaften“ oder in Bayern „Spezis“ nennen, zeigt mir einmal mehr, dass sich die Bundesreublik Deutschland ohne Ansehensverlust auch in Bananenrepublik Deutschland umbennen könnte.

Das Strukturvertriebe wie die von Herrn Maschmeyer als zutiefst unseriös bezeichnet werden können, alleine schon wg. ihrer Personalpolitik, welche überwiegend „Scheinselbstständige“ beschäftigt, hätten auch Schröder und Wulff wissen können.

Aber scheinbar handeln solche Politiker in Umkehrung des Inhaltes eines Zitates.

Für sie scheint zu gelten: Bei Geld fängt die Freundschaft an.

M.f.G.

6) Roger Gerhold, Sonntag, 01. August 2010, 18:33 Uhr

Und wieder hat unser Bundesspießer kein Fingerspitzengefühl bewiesen.
Dass der Chef einer Drückerkolonne zu seinem Freundeskreis zählt, ist ja an sich nichts Schändliches.
Dessen „Dienstleistungen“ zu nutzen, hat allerdings ein Geschmäckle.
Und es ist auch völlig egal, ob er die Ferien und den Charterflieger bezahlt hat.
Es gibt Dinge, die tut man nicht. Mal ganz abgesehen davon, dass er sich vielleicht erst einmal
um seine neue Stelle gekümmert hätte. So wie das jeder normale Angestellte tut.
Man reist auch nicht zu einem bedeutungslosen Fußballspiel nach Südafrika und verteilt Orden.
Man schummelt sich auch nicht in eine PK um dies zu verkünden.
Man fordert auch einen OB nicht zum Rücktritt auf – egal, was passiert ist.
Ein BP hat neutral zu sein.
Das kann dieser Parteisoldat offenbar nicht.
Und seiner Angetrauten sollte man noch einmal etwas über Geschmack, insbesondere
bei Trauerfeierlichkeiten, erzählen.

7) Katzenblogger, Sonntag, 01. August 2010, 19:11 Uhr

Gehört Veronica Ferres womöglich auch zum Thema Erbfreundschaft? Okay, okay, so weit gehen diese erbaren Elitenklüngel dann wohl doch nicht. Aber ich warte schon auf den Tag, wo sich diese Leute bevorzugt untereinander verheiraten – so ähnlich, wie es in deutschen Top-Management-Kreisen schon länger üblich ist. Von wegen:

Standesgemäß.

8) Maren P., Sonntag, 01. August 2010, 22:07 Uhr

Mich interessieren weder Maschmeyer noch Ferres noch Gas-Gerd oder andere B-Promis und Adabeis. Das ist einfach kein Umgang für mich. 🙂
Allerdings meine ich, dass solche Leute auch kein Umgang für den amtierenden Bundespräsidenten und seine Frau sind. Das passiert eben, wenn man einen Provinzler in das höchste Staatsamt wählt. Wer erbarmt sich und arbeitet mit ihm nach?

9) Doktor Hong, Sonntag, 01. August 2010, 23:27 Uhr

Hehe, und ich dachte, sowas gäbe es nur im Rheinland. 🙂

10) Recht Unbedeutend, Montag, 02. August 2010, 05:24 Uhr

Ich kann Wolf-Dieter gut verstehen, ich würde aber sogar so weit gehen, zu behaupten:
Ihre Schreibe ist tadellos!
Vielen Dank für diesen herrlichen Kommentar aus dem fernen RLP.

11) M.M., Montag, 02. August 2010, 07:37 Uhr

Danke für die aktuelle Beschreibung der Demokratie in Deutschland.

12) Sabine Zielke-Esser, Montag, 02. August 2010, 08:28 Uhr

Einen haben Sie noch vergessen: Professor Bert Rürup, der Erfinder der Rürup-Rente. Die Rürup-Rente ist das „Produkt“, das AWD den Dummköpfen andreht, die ernsthaft glauben, sie könnten damit eine hinreichende Rente für sich generieren. Wie Rürup und Maschmeyer verbunden sind, lesen Sie bei Wikipdia unter „Bert Rürup“. Wie sagt doch der Kabarettist Urban Priol so schön: „Es gibt so viele Laternen in Deutschland…“

13) Gerd S., Montag, 02. August 2010, 10:05 Uhr

Der höchste Repräsentant dieser Republik repräsentiert den Zustand ihrer Vertreter auf unübersteigbare Art und Weise.

14) Horst P., Montag, 02. August 2010, 10:15 Uhr

Beim Thema Seilschaften zwischen Politik und Strukkibuden bitte auch AWD-Wettbewerber DVAG nicht vergessen – mit Verdienstkreuzträger (von Initimus Altkanzler Kohl verliehen) Dr. Pohl an der Spitze, Außenminister Westerwave im AR und Bundeskanzler Merkel als wohlmeinendem Cheerleader, der vor zehntausenden Drückervertrieblern Motivationsreden hält.

Bei Frogs/AWD/Hannover-Sumpf sind auch Hells-Angels-Chef Hanebuth und sein Anwalt und Schröder-Spezl, dessen Name hier im Interesse des Blogbetreibers unerwähnt bleiben sollte, von Interesse.

15) Politikverdruss, Montag, 02. August 2010, 10:41 Uhr

Politiker als nützliche Idioten der Wirtschaft. Könnte man das auch so interpretieren? Oder ist das bereits struktureller Teil einer Klientelpolitik, die das Gemeinwohl abgelöst hat.

16) Benjamin, Montag, 02. August 2010, 10:44 Uhr

Gute Beziehungen von Politikern zu bestimmten Kreisen (seien es Medien, „die“ Wirtschaft, think tanks etc.) halte ich pauschal für nicht zwingend verwerflich, in der heutigen Zeit ist es oft eher usus (ob man es mag oder nicht) und mag bisweilen sogar sinnvoll sein, das muss man im Einzelfall untersuchen. Die Frage ist aber immer der Grad der Verquickung hinter dem Vorhang und andererseits die mediale Präsentation. Zum ersten Punkt wird diesbezüglich wohl eher ein MP im Verdacht stehen, vielleicht unsachliche Geschäfte zu betreiben, was dann auch angeprangert gehört. Zum zweiten Punkt war es für den BP Wulff aber ungeschickt, im exklusiven Domizil „Paradise Castle“ Quartier zu beziehen. Man kann auch anders ungestört Urlaub machen, so bleibt aber ein gewisses Geschmäckle hängen, was einfach unnötig ist.

17) Alexander Schwarzkopf, Montag, 02. August 2010, 11:05 Uhr

…tolle Personalpolitk:

Da wählt man nun einen Berufspolitiker, da man dem Amtsvorgänger Ungeschicktheit im Umgang mit der politischen Elite unterstellt hat. Herr Köhler war zumindest ein tadelloses Vorbild für das ganz Volk.

Dafür, dass der aktuelle Amtsinhaber sich stets allglatt präsentiert hat, zeigt er jetzt erstaunliche Schwächen in der Selbstdarstellung.

Ich würde niemandem vorwerfen, dass er öffentlichen Umgang mit Schnäuzerträgern pflegt;-), aber ob Oberdrücker Maschmeyer sich als Urlaubsspezi für den amtierenden Bundespräsidenten eignet, darf wohl mit Fug und Recht hinterfragt werden.

18) Frank66, Montag, 02. August 2010, 18:28 Uhr

Ich finde die Überschrift des SPIEGEL: „Staatsfreund Nummer eins“ noch etwas gelungener als „Erbfreundschaft“. Sowohl Herr Spreng als auch der SPIEGEL haben scheinbar Wulffs Urlaub auf Mallorca zum Anlass für einen Artikel genommen. Beide Beiträge sind lesenswert und erhellend!

19) Erster Karl, Montag, 02. August 2010, 19:35 Uhr

Eine hervorsagende Beschreibung der Zustände in Deutschland.Aus diesem Grund traue ich in Deutschland niemanden mehr, den solche Seilschaften sind doch Alltag in Deutschland.
Rückblende: Mit großen Aufwand wurde die Göttinger Gruppe Mitte der 90ziger Jahre installiert.
Mayer- Vorfelder, damals Finanzminister und Chef des VFB Stuttgart, MP Vogel,damals in Thüringen und der allgegenwärtige Lothar Späht, Ex MP und Experte für alle wirtschaftlichen Belange suggerierten in der meist überfüllten Liederhalle in Stuttgart bei verschiedenen Großveranstaltungen die hervorragenden Eigenschaften und Perspektiven des Unternehmens GG.
Ungeahnte berufliche Perspektiven für einen Neuanfang wurden von Späht euphorisch den meist arbeitssuchenden Teilnehmern der Veranstaltung offeriert. Die anderen lobten ebenso die für Deutschland noch nie dagewesene Unternemensstrategie der GG. Endlich bietet ein Unternehmen Beteiligungen für jedermann an und auch der kleine Mann kann nun Steuern sparen, Die Altersvorsorge der Zukunft, den die GRV ist ja ein Auslaufmodell.
Ergebnis: GG ist Pleite – Tausende Anleger verloren ihr Geld- der kleine,endlich mit einen neuen Arbeitsplatz ausgestattet Mitarbeiter mit Miniprovision wurde bezüglich Regressforderungen vor die Gerichte gezogen, die Macher nicht. Späht hält weiter seine Vorträge Entschuldigungen an die Geprellten Fehlanzeige. Maschmayer- AWD- Schröder und nun Wulff, mir wird schlecht, wenn ich an unsere Politiker denke.Übrigens ist Rürup auch der Erfinder der unsäglichen Riesterrente und damit im Gefolge mit Miegel, Raffelrüschen und Co.einer der Sargnägel der GRV.

20) MN, Montag, 02. August 2010, 21:55 Uhr

… vielleicht zieht es Maschmeyer noch in die Politik, die Schauspielerei wird ihm seine Frau schon ausreden können. Für einen Bundespräsidenten erscheint es mir geradezu erbärmlich, bei Maschmeyer Urlaub zu machen. Wulff hat KEIN Gespür für das Amt, jedenfalls nicht in dieser Anfangszeit, Südafrika war daneben, die unrealistische, allenfalls populistische Forderung in DU ebenso. Dem PB Wulff fehlen zur Zeit die rechten Themen.
Und: Wieso Urlaub?
Vor Ablauf von 6 Monaten??
Ob er den Mumm hat, nach Afghanistan zu reisen???

21) darkhorse, Dienstag, 03. August 2010, 08:32 Uhr

nur mal zur klarstellung: ist selbst bezahlte urlaub in merschmeiers villa jetzt zu verurteilen oder nicht (abgesehen davon, das die unterbringung völlig überpreist ist, da gibt es auf mallorca schöneres und besseres….)??? dass wulff und maschmeyer befreundet sind – gut, sie und ich müssen ja mit dem AWD chef nicht befreundet sein. aber hier wurde ordentlich bezahlt und damit gut. ich kann – ausser schlechtem umgang- hier beim besten willen kein wie auch immer zu sanktionierendes fehlverhalten zu erkennen.

22) Dr. Schuko, Dienstag, 03. August 2010, 18:50 Uhr

Herr Spreng,

ich gratuliere Ihnen zu Ihrem Rückgrat! Es ist mir ein Vergnügen Ihren Blog zu lesen. Jede Zeile kann ich unterstreichen und ich bin voll Ihrer Meinung über Herrn Maschmeyer, AWD und die sogenannte „Erbfreundschaft“. Herr Wulff ist das Fähnlein im Winde- was man ihm per se nicht vorwerfen kann. Ich bin auch der Meinung, dass man Menschen nicht über ihre Schwächen definieren sollte. Was aber überaus ärgerlich und verabscheuenswert ist: Die Loyalität des Herrn Wulffs als Privatperson gegenüber Herrn Maschmeyer: einfach nurenttäuschend!!! Ich frage mich, ob sich Herr Maschmeyer so geändert haben muss!?!

23) horst, Mittwoch, 04. August 2010, 09:04 Uhr

Es scheint mir, als ob selbiger Artikel unter ajp.blogsport.de/2010/08/01/ ohne Quellenangaben von Dritten nochmals veroeffentlicht wurde. Nur zur Information, falls Sie rechtliche Schritte unternehmen moechten…

24) EStz, Mittwoch, 04. August 2010, 10:53 Uhr

—- nur mal zur klarstellung: ist selbst bezahlte urlaub in merschmeiers villa jetzt zu verurteilen oder nicht (abgesehen davon, das die unterbringung völlig überpreist ist, da gibt es auf mallorca schöneres und besseres….)??? dass wulff und maschmeyer befreundet sind – gut, sie und ich müssen ja mit dem AWD chef nicht befreundet sein. aber hier wurde ordentlich bezahlt und damit gut. ich kann – ausser schlechtem umgang- hier beim besten willen kein wie auch immer zu sanktionierendes fehlverhalten zu erkennen. —-

Es gibt Geschichten, die kann man nicht trennen. Wenn beispielsweise ein niedersächsischer Ministerpräsident sich zum Thema Volkswagen äußert und anschließend meint, er habe nur als Aufsichtsrat-Mitglied und nicht als Ministerpräsident gesprochen etc., oder eine Bundeskanzlerin, die dann „nur“ als Parteichefin spricht. Man ist immer auch das andere, auch als Finanzdienstleister oder Bundespräsident.

Ich bin mir sicher, dass sich die Herrn Wulff und Maschmeyer nicht kennengelernt hätten, wäre der eine nicht Ministerpräsident und der andere nicht Chef einer zahlungskräftigen Finanzgruppe.

25) duscholux, Freitag, 13. August 2010, 09:21 Uhr

FAZ Artikel vom 11.08.2010 11:37 und am 13.8. schon wieder samt aller Kommentare aus dem Netz genommen !!

Titel: FAZ: Die Erbfreundschaften von Hannover
________________________________________

Carsten Maschmeyer, Veronica Ferres, Christian Wulff, Götz von Fromberg, Gerhard Schröder – in Niedersachsens Landeshauptstadt pflegt die Prominenz eine Kumpanei hart an der Grenze zur Anrüchigkeit. Man sieht sich. Ständig.

Von Robert von Lucius, Hannover

In Erbfreundschaften geht es um das Genießen von Glanz, Aufmerksamkeit und Prominenz, aber immer auch um Zweckgemeinschaften. Diese beiden Kreise, der gesellschaftliche und der geschäftliche, überschneiden sich in der niedersächsischen Landeshauptstadt auffallend häufig.

Erst kürzlich erregte dieses Geflecht der Erbfreunde öffentliches Interesse: Bundespräsident Christian Wulff und seine Frau verbrachten ihren Urlaub in der Villa von Carsten Maschmeyer auf Mallorca. Zur Debatte standen weniger mögliche Einflussversuche – dafür gibt es weder Belege noch erkennbare Ansätze -, sondern Stilfragen. Wo verlaufen die Grenzen zwischen Freundschaft und Kumpanei? Wo beginnt das Anrüchige?

Unter einem Ministerpräsidenten tut es Maschmeyer nicht

Es sind vor allem zwei Namen, die in Hannover immer wieder genannt werden, wenn es um die Erbfreundschaften geht: der Gründer des Finanzdienstleisters AWD, Maschmeyer, und der Rechtsanwalt Götz von Fromberg. Beide gelten als große Plauderer und begnadete Netzwerker. Sie umgeben sich mit Prominentenärzten, den Rockmusikern der „Scorpions“, aber auch Politikern.

Gerhard Schröder (SPD) ist als Rechtsanwalt in einer Bürogemeinschaft mit Götz von Fromberg. In gutem Kontakt zu von Fromberg steht auch „Erbfreund“ Christian Wulff, in minderem Maße galt das auch für den heutigen SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel – doch dessen Amtszeit in der Staatskanzlei in Hannover war zu kurz.

Unter einem Ministerpräsidenten tut es Carsten Maschmeyer nicht. Aus ihnen können ja noch Bundeskanzler, Parteivorsitzende oder Bundespräsidenten werden. Fachlich begründete Gesprächswünsche „einfacher“ Bundestagsabgeordneter lässt Maschmeyer hingegen als uninteressant abgleiten – das gäbe keine Fotos in der „Bild“-Zeitung, der Regionalpresse oder den bunten Zeitschriften.

Nicht nur Spötter rätseln nun darüber, ob die prominenten Prominentenfreunde auch den neuen Ministerpräsidenten David McAllister (CDU) als „Erbfreund“ gewinnen werden. Dagegen spricht allerdings dessen Wesen – und dessen Freundeskreis, der eher aus alten Kumpeln (aus denen auch „etwas wurde“) besteht als aus neuen und kameratauglichen Interessengemeinschaften.

Atomkraftwerke an der Bar
Dass nicht jeder anfällig ist für Charme und Chuzpe, musste just der RWE-Vorstandsvorsitzende Jürgen Großmann erfahren, der ebenfalls zum „engen“ Freundeskreis von Schröder wie auch Wulff zählt. Bei der China-Reise McAllisters – unmittelbar nach dessen Amtsantritt – versuchte Großmann dem Ministerpräsidenten kumpelhaft-herablassend an der Bar zu „erläutern“, dass dieser sich nun für eine deutliche Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken einsetzen möge.

Es kam anders: Eine der ersten bundespolitischen Festlegungen McAllisters war, für eine nur kurze Laufzeitverlängerung zu werben, abweichend von der Mehrheitsmeinung seiner Partei und dem Werben des Erbfreundes seiner Vorgänger.

Kapital, Politik und Prominenz
Ein vergleichbares Netz aus Erbfreundschaften gebe es in anderen Landeshauptstädten nicht, glauben manche. Der Kreis von Unternehmern mit genügend eigenem Geld sei klein. Und in Hannover, im Vergleich etwa zu Hamburg oder München, verteile sich weniger Glanz auf noch weniger Raum.
Fotolegende
Gerne umgibt sich der Finanzexperte mit Frau Ferres und den Scorpions ( hier Gitarrist Rudolf Schenker und dessen Freundin Tatyana Sazonova)
In Hannover begegnen sich Kapital, Politik und Prominenz beim Ball des Sports, bei Empfängen des die Nachrichten in der Region beherrschenden Verlagshauses Madsack, beim Opernball, bei den Sommerpartys von Maschmeyer und beim Saisonabschluss von Hannover 96.

Überhaupt kreist vieles um Sport, um Sponsoring, vor allem um den Bundesligaverein Hannover 96. Die größte Veranstaltungsarena der Stadt trägt – noch – den Namen von Maschmeyers früherem Unternehmen AWD, von dem er sich rechtzeitig vor der Finanzkrise trennte. Götz von Fromberg wiederum war zeitweise Präsident von Hannover 96.

Vieles kreist um Sport und Sponsoring: Der Vorstandschef von Hannover 9 und Hörgerätehersteller, Martin Kind, ftreut sich über das Engament des TUI-Vorstandsvorsitzenden Michael Frenzel
In der VIP-Lounge von Hannover 96 treffen sich während der Bundesligaspiele manche aus dem Kreis der „Erbfreunde“ (ein Begriff übrigens, den wohl der frühere „Bild am Sonntag“-Chefredakteur Michael Spreng das erste Mal auf Hannover anwendete).

Dass es auch anders geht, zeigt der hannoversche Oberbürgermeister Stephan Weil (SPD), der zwar kurz auch dort auftaucht, aber als Fußballfan einen Platz in der Kurve bevorzugt und selten auf den Listen der Partygäste steht.

Pssst…! Aller Anschein von politischer Einflussnahme ist zu vermeiden
Bei seinem Vorgänger mag das noch anders gewesen sein: Als Herbert Schmalstieg (SPD) am Ende seiner 34 Jahre als Oberbürgermeister einen Festband erhielt, tauchen als Autoren neben anderen fast alle jene auf, die man als Erbfreunde einstuft oder die zumindest zu deren Dunstkreis zählen – Schröder, Wulff, Maschmeyer, Martin Kind (Hörgerätehersteller und Hannover-96-Präsident), der Scorpions-Sänger Klaus Meine, der TUI-Vorstandsvorsitzende Michael Frenzel (SPD). Hier fehlen nur Großmann und Fromberg.

„Graue Eminenz von Hannover“
Der Anwalt Götz von Fromberg erhält prominente Mandanten dank seines Netzwerkes und des Rufs als „graue Eminenz von Hannover“. Die bösen Zungen berichten von früheren angeblichen Mandantenaufträgen aus Berlin, „obwohl“ Schröder zur Kanzlei gehört. Wenn Schröder prüfen lässt, ob seine Persönlichkeitsrechte durch Zeitungsberichte verletzt werden, hält er sich natürlich an seinen Kanzleipartner.
Fotolegende
Ende eines „Rockerkriegs“: Der Anführer der hannoverschen Hells Angels, Frank Hanebuth (l.) und das Mitglied der Bandidos, Peter M. (r.) schließen Frieden in der Kanzlei von Anwalt Götz von Fromberg (M.

Zu dessen Mandanten zählt Frank Hanebuth, den Fromberg als Freund bezeichnet und mit dem er gerne feiert. Hanebuth, Präsident der hannoverschen „Hells Angels“, gilt als einflussreichster Vertreter der Motorradrockerbande in Deutschland. Diese kontrolliert das Rotlichtmilieu von Hannover um das Steintor herum. Fromberg besitzt dort Immobilien.

Wenn er zu seinem sechzigsten Geburtstag lädt, kommen Schröder, Gabriel, Maschmeyer, Klaus Meine, Udo Lindenberg, die Brüder Gottschalk. Zu den in Hannover legendären Herrenabenden in Frombergs Partykeller, abgebildet in der „Bild“-Zeitung, die zum Erbfreundeskreis bevorzugten Zugang hat, kommt zum Tischfußball (“Krökeln“) auch, aber erst spät, Hanebuth. Irgendwie schwebt Fromberg selbstbezogen über den Dingen. Wenn es mal Probleme gibt, kann er diese ja mit einem Telefongespräch ausräumen. Und sich gegenseitig in der Patina der Prominenz wohl fühlen.

Wohltätige Zwecke und günstige Zufälle
Carsten Maschmeyer genießt die Aufmerksamkeit ebenso wie von Fromberg. Anders als Fromberg setzt Maschmeyer sein Vermögen allerdings auch für wohltätige Zwecke ein, und das nicht nur symbolisch. Sein Vermögen ist deutlich größer als das Frombergs, doch er zeigt es nicht derart ostentativ durch Luxuswagen und Zigarren. Maschmeyers umstrittenes Unternehmen AWD mag zu Zeiten, als noch die SPD in Berlin und Hannover regierte, profitiert haben von Reformen wie der Riester-Rente und vom Verhindern von zu großer Regelungsdichte im Finanzgewerbe.

Das mag Zufall sein. Jedenfalls war 1994 in Berlin aufgefallen, dass sich ausgerechnet die Niedersächsische Landesregierung unter Gerhard Schröder über den Bundesrat um einen Gesetzentwurf zum Finanzvertrieb bemühte. Zufall war nicht, dass Schröders früherer Regierungssprecher Bela Anda nach seinem Ausscheiden in Berlin Sprecher von Carsten Maschmeyer bei AWD wurde. Die Wege sind eben kurz in Hannover.

Zu den „Freunden“, die Wulff von Schröder erbte, zählt neben Grossmann, Frenzel und den Scorpions vor allem Maschmeyer. Wulff soll ihn und die Schauspielerin Veronica Ferres am Rande der Berlinale miteinander bekannt gemacht haben.

Keine umkomplizierte Freundschaft
Nun sind diese ein Paar, und Bettina Wulff trifft sich häufig mit Frau Ferres. Dabei begann die Freundschaft nicht unkompliziert, da Maschmeyer 1998 mit einer anfangs anonymen Zeitungsanzeige „Der nächste Kanzler muss ein Niedersachse sein“ Wulffs politischen Gegner Schröder unterstützte. Diese Anfangsirritation endete allerdings rasch nach dem Wahlsieg Wulffs 2003.

So zählte Maschmeyer wie Großmann zu den wenigen Gästen seiner Hochzeit mit Bettina Wulff. Und als die Universität Hildesheim Maschmeyer die Ehrendoktorwürde verlieh, hielt Wulff die Rede. Sein Freund stehe, sagt er, für Optimismus, Motivationsvermögen und Mut. Damit hat er sich ein geschätztes Vermögen von einer halben Milliarde Euro verdient.

Wer psychologische Deutungen schätzt, mag bemerken, dass alle vier aus dem Kern der Erbfreunde – Schröder, Wulff, Maschmeyer, von Fromberg – von einer schweren Kindheit berichten. Drei der vier wuchsen vaterlos auf. Das mag sie aneinander binden, die gemeinsame Erfahrungswelt und der Respekt, es dennoch „geschafft“ zu haben.

Wulffs Affinität zur Welt des Glamours
Diese Vergangenheit ist auch Teil der Erzählung des Politikers Christian Wulff. Seine Affinität zur Welt des Glamours gibt es erst seit seiner zweiten Hochzeit. Mit seiner Frau badet er dort im Licht der Öffentlichkeit, wo zuvor sein Vorgänger Gerhard Schröder anzutreffen war.

Zwar geht es bei der Kritik an der Urlaubsreise des Ehepaars Wulff nicht um den Vorwurf der politischen Einflussnahme, denn anders als Mitte der neunziger Jahre ist Maschmeyer kaum mehr unternehmerisch aktiv, außer in der Beratungsfirma „MaschmeyerRürup AG“, in der er mit Schröders früherem Rentenberater Bert Rürup (SPD) zusammenarbeitet.

Anschein, Außenwirkung und Abtrennung
Auch Vorwürfe über mögliche Vorteilsnahme stehen eher am Rande, denn Wulff hatte für die Miete einen nennenswerten Betrag bezahlt (wobei eine solche Wohnung auf Mallorca angeblich sonst deutlich mehr kosten soll).

Der Bundespräsident flog zudem mit einem Charterflugzeug „auf den hinteren Sitzen“, obwohl er die Flugbereitschaft der Bundeswehr hätte nutzen können – Wulff ist vorgewarnt durch Probleme mit einer Hochstufung eines Urlaubsfluges vor einem Jahr.

Das Unverständnis – das auch von bürgerlichen Politikern in Wulffs alter Heimat Hannover geäußert wird – richtet sich eher auf die mögliche Außenwirkung des Verhaltens von Wulff. Der Anschein ist zu vermeiden; es gibt den Wunsch nach klaren Abtrennungen. Da Wulff den Urlaub schon vor der Wahl zum Bundespräsidenten vereinbart hatte, hat er vermutlich nicht damit gerechnet, dass die „Mallorca Zeitung“ in allen Einzelheiten von der Villa und dem Eigentümer Maschmeyer berichten würde, der sich hinter einem neutralen Handelsregistereintrag verbirgt.

26) Wurst, Sonntag, 15. August 2010, 00:08 Uhr

Ja, habs auch bemerkt, mein eigener Kommentar bei der FAZ ist auch einfach so verschwunden. Schön hier nochmals den Wortlaut zu finden, auch der ist mit klassischen Methoden nämlich nicht mehr im Netz auffindbar. Ganze Arbeit …

27) Klaas Störtebeeker, Dienstag, 17. August 2010, 07:32 Uhr

Ist das nicht eine Urheberrechtsverletzung, wenn Dein Kommentar einfach so gelöscht wird?

Einen ähnlich gelagerten Fall hat Mario Sixtus gerade erlebt und juristisch abgewendet:
http://sixtus.cc/in-sachen-gvu
http://sixtus.cc/raubloscher-geben-unterlassungserklarung-ab

Gottes Freund und jedermanns Feind,
Klaas

28) M. Linke, Samstag, 09. April 2011, 00:07 Uhr

Am 9.6. kommt Herr Ehrensenator (!) Maschmeyer an die Uni Hannover, um über seine Karriere zu berichten. Die Veranstaltung ist offen für alle Interessierten und bietet die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Wie wärs mit einem Ausflug nach Hannover?
http://www.karriere-koepfe-konzerne.de

29) Thomas, Samstag, 07. Januar 2012, 11:53 Uhr

warum bleibt unerwähnt, dass Hr. Anda vor seiner Zeit als Regierungssprecher BILD-Redakteur in Hannover war und Schröder hochgeschrieben hat?

Wie ist Ihre Meinung?

Kommentar schreiben


Ihr Kommentar *


* Pflichtfelder