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Erbfreundschaft

In Niedersachsen gibt es viele gewachsene Traditionen, von den Schützenfesten bis zum Lüttje-Lage-Trinken, aber eine Tradition ist noch relativ neu, sie gibt es erst seit wenigen Jahren: die Erbfreundschaft. Freundeskreise eines Ministerpräsidenten werden weitervererbt an den Nachfolger – unabhängig von der politischen Couleur. So wurden fast alle “Frogs” (Friends of Gerd), die Buddys von Gerhard Schröder, auch Freunde von Christian Wulff, seinem CDU Nachfolger – von TUI-Frenzel über RWE-Großmann bis zu AWD-Maschmeyer und den Scorpions. Und viele andere mehr. Und jetzt werden sie wahrscheinlich weitervererbt an Wulffs Nachfolger David McAllister. Und dabei sieht man großzügig darüber hinweg, ob man sich früher bekämpft hat oder nicht.

Eines der interessantesten Erbfreunde ist Carsten Maschmeyer, Gründer des Finanzdienstes AWD, in dessen Prachtvilla auf Mallorca Wulff gerade Urlaub machte, wofür er 5.000 Euro bezahlte. Maschmeyer hatte in jüngeren Jahren ein ziemliches Reputationsproblem, dann damals nannte man solche Firmen noch Drückerkolonnen oder vornehmer Strukturvertrieb. Deshalb beschloss Maschmeyer sein gesellschaftliches Upgrading.

Als ersten Schritt berief er den Aufsichtsratsvorsitzenden eines großen Medienkonzerns in seinen gut dotierten Beirat, der ihm dafür Topkontakte zu seinen wichtigsten Chefredakteuren verschaffte. Und mancher von ihnen wurde nach gemeinsamen Essen schwach und ließ wohlwollende Artikel über Maschmeyer und seine damalige – in Afrika sozial engagierte – Frau verfassen.

Maschmeyers nächster Schritt war ein Stück genialer: mit Hilfe der renommierten Werber Jung von Matt ließ er am Tag vor der Niedersachsenwahl 1998 für viel Geld Anzeigen in den Zeitungen des Landes schalten mit der Aufforderung: “Der nächste Kanzler muss ein Niedersachse sein”. Damit unterstützte er massiv Gerhard Schröders Kampagnenidee, die Landtagswahl zur Volksabstimmung über den SPD-Kanzlerkandidaten umzufunktionieren – und sorgte für eine krachende Niederlage von Wulff. So wurde Maschmeyer Schröders Freund und gehörte fortan zur Clique um den heutigen Altkanzler.

Und so war es auch nur konsequent, Schröders Regierungssprecher Bela Anda nach der Wahlniederlage 2005 zum Kommunikationschef von AWD zu berufen. Der sorgte mit seinen hervorragenden Kontakten sehr professionell für ein gutes Image des einstmaligen “Strukkies”. 

Kaum war Wulff im Jahr 2003 Ministerpräsident, ging fast der gesamte niedersächsische Schröder-Kreis an Wulff über – aber ohne, dass ihn Schröder verlor. Ein schönes Beispiel von Erbfreundschaft, die jetzt ihren vorläufigen Höhepunkt darin fand, dass ein leibhaftiger Bundespräsident bei Maschmeyer seinen Urlaub verbrachte. Aber er hatte Maschmeyer ja auch Veronica Ferres vorgestellt.