Samstag, 07. August 2010, 14:53 Uhr

Merkels Aushängeschild

Am 11. August hat Steffen Seibert seinen ersten Arbeitstag als Sprecher der Bundesregierung, als neuer Herold von Angela Merkel. Einen ungünstigeren Zeitpunkt hätte sich der ZDF-Mann kaum aussuchen können, denn als Begrüßungsgeschenk gab es einen verheerenden Deutschland-Trend: noch nie standen die Regierungskoalition und die Kanzlerin in den Umfragen so schlecht da wie heute. Zum erstenmal seit der Bundestagswahl gäbe es eine Mehrheit für Rot-Grün. Da hätte Seibert auch gleich zu BP gehen können.

Auf den sympathischen Mann aus Mainz wartet eine Herkulesaufgabe, die er kaum bewältigen kann. Nicht nur deshalb, weil die Regierung im Keller ist. Das wird schon schwer genug werden, die schwarz-gelbe Bruchbude als Traumappartment zu verkaufen. Seiberts fast noch größeres Problem: der anerkannte, aber in der Hauptstadt unerfahrene Journalist fängt in Berlin bei Null an. Er kennt das politische Berlin kaum. Er muss gleichzeitig eine 460-Mann-Behörde leiten, die verminten Wege zwischen Regierung, Parteizentralen, und Fraktionsführungen erkunden und mit einer ziemlich gnadenlosen Pressemeute zurecht kommen, die noch ihrem Robert Redford aus Bayern nachtrauert.

Und das Schwierigste: er muss seine Chefin, die Kanzlerin, erst einmal kennenlernen, ihr Vertrauen erwerben, ihre Art von Führung verstehen. Und er muss seinen Platz finden im Küchenkabinett Angela Merkels. Wird ihn die mächtige Büroleiterin Beate Baumann auch dann noch akzeptieren, wenn er kecker und selbstbewusster wird, wenn er den Platz als Berater an Merkels Seite beansprucht? Wie funktioniert die Arbeitsteilung zwischen ihm und Merkels bei Berliner Journalisten beliebten Medienberaterin Eva Christiansen?

Das größte Problem für Seibert wird Ronald Pofalla sein, der Kanzleramtsminister. Ein Mann, der den Journalisten fast noch mehr misstraut als Merkel, der in der Koalition als Minusmann gilt, der schwer angeschlagen ist. Es werden immer Leute – formal oder aus Gewohnheit – zwischen Seibert und der Kanzlerin stehen und tiefer im Ohr Angela Merkels sitzen.

Regierungssprecher können nicht besser sein als die Politik, die sie verkaufen müssen. Deshalb müssen sie auch politisch mitreden dürfen, nicht die Steuersätze festlegen, aber an den politisch-strategischen Entscheidungen teilnehmen. Darf Seibert das, kann Seibert das? Andernfalls kann er nur verlieren. Große Regierungssprecher gab es bisher nur wenige. Einer der besten Regierungssprecher war Klaus Bölling, der virtuos für Helmut Schmidt sprach. Er hatte das uneingeschränkte Vertrauen des Kanzlers, war auch sein politisch-strategischer Berater, sein alter ego. So wie es Felix von Eckardt war, Konrad Adenauers Regierungssprecher. Seit Bölling hat das Amt an Bedeutung verloren.

Es wäre unmenschlich, von Seibert zu erwarten, dass er unter diesen Vorzeichen das Amt zu neuer Blüte und Bedeutung führen kann. Vielleicht will Merkel das auch gar nicht. Vielleicht suchte sie nur ein attraktives und sympathisches Aushängeschild für ihren heruntergekommenen schwarz-gelben Laden, dessen Waren unattraktiv sind, dessen Personal sich streitet, statt die Kunden zu bedienen, dessen Produkte deshalb kaum noch Abnehmer finden. Seibert ist nicht zu beneiden. Aber er hat ja eine Rückkehrgarantie vom ZDF.

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22 Kommentare

1) M.M., Samstag, 07. August 2010, 15:20 Uhr

Diese Personalauswahl von A.Merkel “Seibert” ist rein taktischer Natur.
Sie will einen zum Katholizismus übergetretenes “Aushängeschild” installieren ohne über ihre Parteitagsbeschlüsse reden zu müssen. Diese offene Flanke zu schliessen ist das Ziel. Ob Seibert das nicht durchschaut hat?

2) Doktor Hong, Samstag, 07. August 2010, 15:47 Uhr

“Persönlichkeiten werden nicht durch schöne Reden geformt, sondern durch Arbeit und eigene Leistung.” – Albert Einstein

Passt irgendwie, finde ich.

3) marcpool, Samstag, 07. August 2010, 16:38 Uhr

Die Chance auszuschlagen, wäre sicher auch dumm gewesen. Kann er aber wirklich diesem ” Zankladen” ein sympathischeres Gesicht geben ? Das hängt ganz von A Merkel ab. Ich glaube nicht das Merkel sich einem Seiteneinsteiger voll und ganz anvertraut . Er soll verkaufen können – das kann er keine Frage . Nur was ? Er läuft dabei Gefahr selbst ” vermahlt ” zu werden – sollte diese Regierung die Legislatur nicht durchstehen – ist er ein Verlierer. Da hilft dann auch die Drehtür zum ZDF nichts . Gescheiterte haben zunächst mal schlechte Karten . Aber er ist ja ein Mann der gerne was Neues macht – vielleicht wird er danach Papst – Katholisch ist er ja schon .

4) Recht unbedeutend, Samstag, 07. August 2010, 16:52 Uhr

Seibert hat bisher keine Ambitionen gezeigt, die über das hinausgehen, was er kann. Und seine Domäne ist augenscheinlich das geschniegelte Telepromptern. Warum sollte er die verlassen? Um wie Bela Anda als “Bild-Leserreporter” zu enden? Das, was er kann, nimmt ihm kein wandelnder Aschenbecher Christiansen und auch kein Pofalla weg. Und je mehr er sich aus dem Berliner Sumpf heraushält, desto länger kann er den strahlenden Junior geben. Die sind immer gefragt, vor allem wenn sie sich einwandfrei als undogmatische Söldner positioniert haben.

5) armerMoldavier, Samstag, 07. August 2010, 17:35 Uhr

Sehr geschätzter Spreng,

was meinten sie damit?

“Und das Schwierigste: er muss seine Chefin, die Kanzlerin, erst einmal kennenlernen, ihr Vertrauen erwerben, ihre Art von Führung verstehen.”

Habe ich geschlafen, oder warum fühle/sehe/spüre keine Führung von Merkel und Anhängsel?

6) MedienModul, Samstag, 07. August 2010, 19:38 Uhr

Zu: Diese Personalauswahl von A.Merkel “Seibert” ist rein taktischer Natur.
Sie will einen zum Katholizismus übergetretenes “Aushängeschild” installieren ohne über ihre Parteitagsbeschlüsse reden zu müssen. Diese offene Flanke zu schliessen ist das Ziel.
________________________
Finde ich durchaus realistisch diese Einschätzung mit der offenen Flanke.
Franzi

7) m.spreng, Samstag, 07. August 2010, 19:43 Uhr

@armerMoldavier

Das war ein Euphemismus. Ich dachte, durch die Formulierung “ihre Art” sei das klar.

8) Erika, Samstag, 07. August 2010, 21:08 Uhr

Ist Herr Seibert schwanger? oder warum hat er eine Rückkehrgarantie vom ZDF? Als was will er denn wiederkommen als freier, unabhängiger Journalist beim freien und unabhängigen ZDF?

9) Frank66, Sonntag, 08. August 2010, 08:20 Uhr

Hanns-Joachim Friedrichs würde sich im Grabe rumdrehen wenn er wüßte, dass ein Präsentator der Nachrichten eines öffentlich-rechtlichen Senders Regierungssprecher wird und sich auch noch die Option auf eine Rückkehr geben läßt.
Was ist das für ein journalistisches Selbstverständnis?

10) Ekkehard von Weiher, Sonntag, 08. August 2010, 12:04 Uhr

Als Gewinner der Goldenen Kamera für seine Moderation der Sondersendungen zum Anschlag auf das World Trade Center ist Steffen Seibert prädestiniert als Katastrophen-Berichterstatter eines schwarz-gelben Regierungs-Netzwerkes 🙂

11) Maren P., Sonntag, 08. August 2010, 12:09 Uhr

Zu Seibert fällt mir nichts ein – außer dem unübertroffenem Berliner Volksmund: “Der trägt ‘n Arsch anner Strippe.” (pardon!)
Kein Typ also, der gestandenen Frauen Probleme bereiten dürfte. Und Schwarz-Gelb wird sich auf jeden Fall in die reguläre Bundestagswahl 2013 hangeln. Anders als Seibert, haben viele Politiker kein Rückkehrrecht irgendwohin. Schön, dass jetzt klar ist, dass ZDF und ARD weniger unabhängiger, staatsferner Journalismus, als viel mehr Öffentlicher Dienst bedeuten.

12) dissenter, Sonntag, 08. August 2010, 12:16 Uhr

@Frank66

Die Amerikaner nennen das “embedded journalism”.

13) Nrwbasti, Sonntag, 08. August 2010, 17:02 Uhr

Hallo Herr Spreng,
ist so eine Rückkehr Option, wie sie Herr Seibert anscheinend hat, ungewöhnlich oder gängige Praxis, was Journalismus und politisch-journalistische Ämter angeht?

Beste Grüße

14) m.spreng, Sonntag, 08. August 2010, 17:05 Uhr

@Nrwbasti

Das gab es schon häufiger, auch in der Privatwirtschaft. Allerdings nie für die alte Funktion. Das gilt auch für Seibert.

15) Lars Günter, Montag, 09. August 2010, 01:46 Uhr

Wenn die “gnadenlose Pressemeute” mit Herrn Seibert ähnlich umgeht wie mit Frau Merkel und Herrn Westerwelle, als diese mit einer derartigen Bilanz und “Nichts” vor die Bundespressekonferenz getreten sind, kann der neue Regierungssprecher ruhig schlafen.

“Der Euphemismus bezeichnet Wörter oder Formulierungen, die einen Sachverhalt beschönigend, verhüllend oder verschleiernd darstellen.” Muss es den Sachverhalt, also Führung von Frau Merkel, nicht wenigstens schon einmal gegeben haben, um ihn euphemisieren zu können?

Sehr schmunzeln musste ich bei dem Gedanken an Klaus Bölling als Regierungssprecher von Frau Merkel, und in diesem Zusammenhang den Worten virtuos, alter ego, politisch-strategisch oder gar intellektuell.

16) Andreas Wollin, Montag, 09. August 2010, 08:24 Uhr

“Warum hat er eine Rückkehrgarantie vom ZDF? Als was will er denn wiederkommen als freier, unabhängiger Journalist beim freien und unabhängigen ZDF?” (#erika Samstag, 07. August 2010, 21:08 Uhr) — exzellent formuliert.

17) Frank66, Montag, 09. August 2010, 09:31 Uhr

@dissenter

Ich dachte immer das ZDF wird von der Regierung unterwandert und infiltriert und nicht umgekehrt!
Seltsam, sehr seltsam!

18) Mehrheitsmeiner, Montag, 09. August 2010, 12:35 Uhr

ich frage mich seit dem Tag des Announcements, was Herrn Seibert wohl geritten hat, als er diesen Job annahm. Geld? Karriere? Ansehen? Wahrnehmung?
Nichts von dem – ich vermute, er will einfach nur Kanzler werden!

19) Sven, Dienstag, 10. August 2010, 13:01 Uhr

Glückwunsch, Herr Spreng, Ihr Artikel hat es heute in die Welt geschafft. Die bzw. dpa haben offenbar fleißig bei Ihnen abgeschrieben. habe heute ein deja-vu erlebt, als ich in der Welt den Bericht zu Herrn Seibert las….

20) Anton Bauer, Mittwoch, 11. August 2010, 10:18 Uhr

Voll zutreffend Ihr Kommentar Herr Spreng!!!

Es ist wohl kaum vorstellbar, dass der von der CDU -unter Federführung des “Demokraten” Roland Kochs – abgesägte integre Chefredakteur Nikolaus Brender Herrn Seibert eine Rückfahrkarte ausgestellt hätte.

Welche Rolle spielte dabei der neue Chefredakteur Peter Frey???

Warum GEZ Gebühren für einen regierungsnahen Sender?

21) Thomas B., Mittwoch, 25. August 2010, 11:18 Uhr

Herr Seibert macht in seiner neuen Funktion einen recht “blassen” Eindruck und das im wahrsten Sinne des Wortes. Irgendwie ist das Licht da schlecht. Sollte man mal dran arbeiten. Dann kommt auch Herr Seibert etwas besser rüber.

Seine anfängliche Fragestunde hatte was vom Fremdschämen, dass man aus Kastingshows kennt. Soll man doch einfach mal akzeptieren, dass ihn der Job gereizt hat und er Frau Merkel “attraktiv” findet. Es gibt Männer die Frauen mit Macht anziehend finden. Und mal ehrlich: Ich glaube keiner von uns hätte den Job in der Nähe der Kanzlerin abgelehnt. Egal was man vorher gemacht hat.

22) Christine Staffler, Donnerstag, 09. September 2010, 14:17 Uhr

Ihr Bericht zu Steffen Seibert ist sehr treffend, besonders der letzte Absatz beschreibt absolut die Situation und die Gedanken von Merkel. Sie brauchte eine Person auf die man schaut und die was hergibt, denn in ihrem Umfeld sind ja die bedeutenden Männer abhanden gekommen. Allerdings kann ich nicht verstehen, warum ein Mann wie Seibert solch einen Job macht. Er hat doch bei der Politik, die von Merkel und ihren Leuten gemacht wird, gar nicht gewinnen. Er kann ja nichts beeinflussen und auch nichts Gutes verkünden. Ob er diesen Schritt schon bereut?

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