Sonntag, 12. September 2010, 23:12 Uhr

Die Fußballreporter von Berlin

Fußballreporter sind manisch-depressiv. Nicht alle und nicht immer, aber viele und dann oft. Mal sind sie himmelhochjauchzend, mal zu Tode betrübt. An dem einen Wochenende ist ein Spieler “die größte Pfeife”, am anderen ein “Fußballgott”. Mal soll ein Trainer sofort in die Wüste geschickt werden, dann wieder ist er ein begnadeter Motivator. Mal ist eine Mannschaft abstiegsreif, kurze Zeit später ist sie mindestens Uefa-Cup-verdächtig. Bei vielen Fußballreportern gehört das halt dazu – einer Sportart der großen Emotionen, vor denen auch Journalisten nicht gefeit sind.

Inzwischen verhalten sich aber auch viele Politikjournalisten wie Fußballreporter. Die Beurteilungen von Politikern, Parteien und Regierungen schwanken ebenso stark wie Fußballberichte, auch Politikkorrespondenten fallen immer häufiger und schneller von einem Extrem ins andere – so, als würden sich Können und Leistungskraft von Politikern und Regierungen monatlich ändern. In einer Woche rufen sie “Hosiana”, in der nächsten schon wieder “Kreuzigt ihn” – oder umgekehrt.

Gute Beispiele für diese Art der Berichterstattung sind Rainer Brüderle und Angela Merkel. Brüderle war noch vor wenigen Wochen ein Schwachpunkt der Koalition, jetzt gilt er plötzlich als der neue starke Mann. Gestern war er noch ein “Problembär”, heute ist er “der neue Star im Kabinett”, morgen wahrscheinlich wieder ein “Problembär”. Geändert hat sich in der Zwischenzeit nichts – Brüderle ist immer noch derselbe, zum Glück meistens schwer zu verstehen. Passiert ist nur, dass er Opel nicht helfen wollte und dass er als Aufschwungritter versucht, die Steigerung des Bruttosozialprodukts (Bruttoinlandsprodukts) als Erfolg seiner Politik auszugeben.

Noch vor wenigen Wochen galt – bis auf Ausnahmen – unter politischen Kommentatoren als gesichert, dass Angela Merkel führungsschwach ist (beziehungsweise gar nicht führt), dass sie ihre Koalition nicht im Griff hat, dass sie keinen Plan für Deutschland hat, dass unter ihr die CDU geistig verödet. 

Kaum war der Sommer vorbei, musste ein neuer Trend her, das Publikum könnte ja sonst gelangweilt werden. Also fängt ein Leitmedium (in diesem Fall der “Spiegel”) an, den neuen Trend auszugeben: Merkel werde jetzt Führung zeigen, die Zeit der langen Zügel sei vorbei. Prompt wird daraufhin jedes Wort der Kanzlerin, mag es auch noch so nebulös oder ausweichend sein, als Bestätigung der selbst in die Welt gesetzten These gewertet. Und andere – wie der “Stern” – springen auf den Trend auf.

Sagt Merkel, dass sie, wenn sie sich erpresst fühle, genau gegenteilig reagiere, ist das ein scharfer Schuss gegen die Energiekonzerne. Als das Energiekonzept dann aber vorgestellt wurde, stellte sich heraus, dass der Schuss nur ein Knallfrosch war. Die Konzerne können durchaus zufrieden sein können: deutlich längere Laufzeiten, als sie Umweltminister Norbert Röttgen geplant hatte, und eine Zementierung des Energie-Oligopols.

Sagt Merkel, jetzt sei immer noch nicht die Zeit für Steuersenkungen, weist sie Guido Westerwelle energisch in die Schranken.

Streiten sich FDP und CSU ausnahmsweise mal ein paar Tage nicht, gilt das als neuer Umgangsstil und Friede in der Koalition.

Und distanziert sich die Kanzlerin dann noch von Thilo Sarrazin und ehrt wenig später den Mohammed-Karikaturisten Westergaard, dann ist die führungsstarke und mutige Kanzlerin endgültig etabliert.

Geht’s nicht ‘ne Nummer kleiner? Korrekt wäre die Beschreibung, die Koalition versucht, wie eine Regierung zu erscheinen, die an einem Strang zieht. Und die Kanzlerin versucht, ihren Führungsstil ein bisschen zu ändern (oder so zu tun). Bisher “führte” sie die Koalition und die Regierung von hinten, schaute erst einmal zu, wohin die Pferde traben. Jetzt läuft sie offenbar wenigstens nebenher und ruckelt ab und zu mal an den Leinen. Das ist immerhin ein Fortschritt, aber es ist noch ein weiter Weg bis zur neuen führungsstarken Kanzlerin.

Ob Merkel ihren Politikstil wirklich ändern kann und will, ob Schwarz-Gelb wirklich Tritt fasst, das kann erst nach dem Herbst der Entscheidungen beurteilt werden, wenn die Bundeswehrreform, die neue Hartz-IV-Regelung, das Energiekonzept, das Sparpaket und die Gesundheitsreform endgültig verabschiedet sind. Und dann zählen nur die Inhalte. Bis dahin wäre es besser, die Fußballreporter blieben beim Fußball und die Politikkorrespondenten bei der Politik.

P.S. Wahrscheinlich wird es nur noch wenige Tage dauern, bis es über Merkel wieder heißt, sie habe weder ihre Partei noch die Koalition im Griff.

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23 Kommentare

1) Tharben, Montag, 13. September 2010, 06:37 Uhr

Wieso “Energie-Oligopols”? Die vier Monopolisten haben das Bundesgebiet in die s.g. vier “Besatzungszonen” aufgeteilt. In jeder Zone gibt es nur einen Energiekonzern. Insofern handelt es sich noch nicht einmal um Oligopolisten, sondern ganz einfach um waschechte Monopolisten.

Was ist das eigentlich für ein Marktverständnis, wenn die Regierung nach Kräften stinkreiche Energie-Monopolisten mit Steuermitteln mästet?

2) Kirkd, Montag, 13. September 2010, 09:28 Uhr

Die Wende ist schon eingetreten. Aufgrund der Steinbach-“Krise” wird bereits wieder geschrieben, die Union begehre gegen merkel auf.

3) Thomas B., Montag, 13. September 2010, 09:31 Uhr

Zustimmung. Eine Unterscheidung zwischen Schwarz und Weiß lässt sich wunderbar in Überschriften kurz und pointiert vermitteln. Will man Grautöne vermitteln braucht man dafür Zeit und Platz beim Medium als auch beim Konsumenten. Da der überwiegende Teil der Konsumenten diese Zeit immer weniger aufbringt und gerade in den Zeiten von Web 2.0 sich überwiegend über Headlines informiert fallen Inhalte nicht weg, sie treten aber in den Hintergrund. Es sind dann mitunter zwei bis drei Klicks nötig um zu den Details zu gelangen. Und eben diese Zeit wird immer weniger aufgebracht. Daran haben sich die Journalisten angepasst.
Trotzdem kann man diese Zwischentöne die einem das “grau” der Politik erklären wollen immer noch finden man muss nur danach suchen. Daher finde ich die Situation nicht so problematisch wie sie beim lesen ihres Beitrages erscheint.
Ich persönlich freue mich auf die Haushaltswoche im Bundestag.

Grüße und einen schönen Start in die Woche.

4) Chat Atkins, Montag, 13. September 2010, 10:04 Uhr

Es könnte ja auch daran liegen, dass viele Journalisten gar keine eigene Meinung haben. Oder ersatzweise jede Meinung, je nach Nachrichtenlage. Opportunismus heißt wohl der Fachausdruck dafür, in den Personalabteilungen spricht man von ‘Flexibilität’.

5) Marco Sch., Montag, 13. September 2010, 10:19 Uhr

Sie sprechen mir aus der Seele. Genau die gleichen Gedanken hatte auch ich gestern beim “bericht aus berlin” 🙂

6) Peleo, Montag, 13. September 2010, 10:38 Uhr

Wie zur Bestätigung Ihrer Prognose: Unter der Überschrift “Merkel trotzt dem Druck von rechts” der folgende Text: SPON 13.09.10

Eigentlich wollte Angela Merkel endlich in Ruhe regieren. Doch statt neuer Geschlossenheit gibt es schon wieder Ärger: Der Atomkompromiss wird immer mehr zum PR-Desaster, in der Union bricht die alte Profildebatte wieder auf. Die Kanzlerin bemüht sich, Kurs zu halten. Von Philipp Wittrock mehr… [ Forum ]

7) Doktor Hong, Montag, 13. September 2010, 10:59 Uhr

Sehr schön beschrieben, genau so sehe ich das auch. Das geht allerdings schon ziemlich lange so!

Und genau das stört mich auch so sehr, dass ich die meisten politischen Stellungnahmen nicht mehr zur Kenntnis nehmen mag, weil sie so grob verzerren, entweder in die eine oder die andere Richtung. Allerdings hatte ich immer die Vermutung, dass dies im deutschen kulturellen Raum insgesamt weit verbreitet ist und nicht nur bei den Journalisten. Sonst würden diese doch kaum soviel Anklang finden damit.

8) Dierk, Montag, 13. September 2010, 13:06 Uhr

Solange Journalisten und deren Lehrer meinen, Hanns Joachim Friedrichs Diktum, ein Journalist dürfe sich mit keiner Sache gemein machen, auch nicht eine guten, hieße, sie dürften keine Position beziehen, wird es so bleiben. Denn dann gewinnen immer die Zahlenpanscher, die erklären: ‘Macht mich mehr Auflage, sonst wir euch feuern!’

Und Auflage wird durch Skandalisierung erreicht, dafür schreiben wir heute jemanden hoch – z.B. zum ‘Volkshelden’ -, damit die Fallhöhe erreicht wird, und morgen wieder runter. Dann wird der Volksheld zum Volksverhetzer. Nur der Spiegel schafft das in einer einzigen Ausgabe und dort gleich auf dem Titel, vom Volkshelden zum Rattenfänger innerhalb eines Zeilenwechsels. Respekt.

Nun setzt eine Position immer voraus, dass jemand weiß, wozu er wie seine Haltung einnimmt. Er müsste somit recherchieren, dann einordnen, was wiederum Bildung benötigt und analytische Fähigkeiten. Bildung hat im humanistischen Ideal nur am Rande mit Wissen zu tun, es geht tatsächlich um die Formung des Charakters, der einem dann ermöglicht, nicht aus einer Befindlichkeit heraus ‘er hat ja irgendwie Recht’ zu sagen, wenn nachgewiesenermaßen weder die Details stimmen noch die Prämissen. Gan zu schweigen von der menschenverachtenden Grundidee.

9) jw, Montag, 13. September 2010, 13:42 Uhr

Ganz schlimm (oder besser: noch schlimmer) wird’s, wenn die vermeintlichen Politikexperten den Laien raushängen lassen und die so genannte Fußballsprache verwenden. Sie finden das sehr witzig, irgendwie volksnah wahrscheinlich, dabei ist es nur: dämlich. Habe gerade wieder ein so genanntes Interview auf Inforadio gehört, wo Politik in infantiler Weise in Fußballbegriffen abdiskutiert wurde (Führungsspieler, Doppelpass, Abseits, Heimspiel etc). Gähn.

10) M.M., Montag, 13. September 2010, 14:12 Uhr

Es werden Infos aus vertraulichen CDU Vorstandssitzungen von einem Bambi-Verleiher an Journalisten weitergegeben. Die Partei-Eliten sind selber Schuld an solchen Berichten!

11) Doktor Hong, Montag, 13. September 2010, 15:16 Uhr

@ Dierk

Bildung und Wissen sind durchaus keine antagonistischen Konzepte, sondern bedingen einander.

Am besten bringt es eines meiner Lieblingszitate von Immanuel Kant zum Ausdruck:

“Nie kann man ohne Kenntnis ein Philosoph werden, aber nie machen Kenntnisse allein einen Philosophen aus.”

Besser kann man es einfach nicht auf den Punkt bringen.

Sicher ist es richtig, dass blindes Auswendiglernen nicht weit führt, aber der Umkehrschluss, dass es demnach unnötig sei, sich möglichst viele Kenntnisse anzueignen, ist, mit Verlaub gesagt, reinster Schwachsinn, und eine Spielart des Schwarz-Weiß-Denkens, das die vorliegende Kolumne beschreibt.

12) Doktor Hong, Montag, 13. September 2010, 15:34 Uhr

@ Dierk

Ich möchte noch anfügen, dass ich nicht Sie mit dem Schwachsinn meinte, sondern die Proponenten des “nur wissen, welche Adresse google.de hat”-Ansatzes. Ich habe das sicher etwas missverständlich formuliert.

Ansonsten teile ich durchaus Ihre Auffassung, dass es zur kritischen Einordnung der Geschehnisse robuster Bildung bedarf.

13) marcpool, Montag, 13. September 2010, 17:25 Uhr

… ja nächste Woche wird Merkel dazu aufrufen , das einige auf dem Schiff jetzt mal nach “Steuerbord ” gehen muessen, wenn alle “Backbord” stehen , sind wir in Gefahr zu kentern … – das ist dann wirkliche Führungsarbeit !

14) vera, Montag, 13. September 2010, 18:16 Uhr

öhm – liest das eigentlich noch irgend jemand? ernsthaft?

15) Dierk, Montag, 13. September 2010, 18:22 Uhr

@Doktor Hong

Ich sehe Bildung und Wissen nicht antagonistisch oder auch nur binär, habe das aber auch nicht geschrieben. Ganz im Gegenteil, Recherche steht im wesentlichen Satz ganz vorne, wenn auch im Prozess ganz hinten – durchaus im Sinne Kants.

16) Norbert, Montag, 13. September 2010, 21:26 Uhr

@Dierk
Ich glaube nicht, dass Friedrichs meint, ein Journalist dürfe keine Position beziehen. Der Kommentar, zuweilen auch die Reportage lebt von Meinung.
Ich verstand es so, dass ein Journalist nicht mit wehenden Fahnen durch Redaktionsräume ziehen, sondern stets eine kritische Distanz zu Themen behalten soll.

Eine solche Distanz zeichnet nicht aus, dass Analysen mit einer Halbwertszeit von zwei Wochen zwischen “Merkel hat die Koalition nicht im Griff” und “Merkel führt!” schwankt.

Solche Pseudo-Analysen sind Tribut an des Lesers Gier nach Neuem, nicht an Friedrichs Diktum.

17) JG, Montag, 13. September 2010, 22:20 Uhr

Daß Ihre Beschreibung stimmt, ist einer der Gründe dafür, daß es mit den Auflagen der Printmedien seit Jahren abwärts geht – auch und gerade mit jenen der “Leitmedien”. Für hysterisches Gegacker eignen sich die elektronischen Medien eben noch viel besser, allen voran das Internet. Zudem gibt es das Geschrei, die Oberflächlichkeit, die Kampagnen dort kostenlos. Und: Es müssen keine unschuldigen Bäume dafür sterben. Weshalb es auch sein Gutes hat, wie sich die Printmedien beständig ihr eigenes Grab schaufeln.

18) Frank Reichelt, Dienstag, 14. September 2010, 08:53 Uhr

Noch niemand hat darauf hingewiesen, dass der Uefa-Cup nunmehr Euroleague heißt und es nicht “Hossiana”, sondern “Hosiana” heißen muss.
Dann mache ich das auch nicht, bin ja schließlich kein Besserwisser!

19) Michael A. Nueckel, Dienstag, 14. September 2010, 17:30 Uhr

Lieber Herr Spreng, mir ist dieser Artikel zu lang und nicht knackig genug, Sie haben mit diesem Beitrag das Spiel von 90 Min auf 180 Min. verlängert, um beim Beispiel Sport zu bleiben. Wie heißt es im akademischen Bereich: “Man kann nie das Thema, sondern nur seine Leser erschöpfen”. Sorry!

20) m.spreng, Dienstag, 14. September 2010, 19:36 Uhr

@Michael A. Nueckel

Zu lang – das stimmt.

21) Recht Unbedeutend, Mittwoch, 15. September 2010, 03:42 Uhr

Kommentar zu lang? In der Kürze liegt die Würze- einfach alles weglassen? Finde ich nicht. Dear Customer, please serve yourself, thank you. The management. Das ist nicht unsere Kultur, Herr Michael “middle initial” Nueckel. Vielleicht möchten Sie sich auf twitter umtun, wenn Ihnen hier die Sätze lang werden? Schade, daß Herr Spreng seine Kombination aus abstrakter Beobachtung und konkretem, aktuellem Beleg nicht verteidigt. Klar ist das ein selbstreferentieller Presseartikel. Aber gelten da auch nur medieninterne Gesetze? Ist die Wahrheitsfindung auf 1200 Zeichen täglich zu beschränken?

Ich warte sowieso auf den Tag, wo spiegel-online Blindtext einführt nach den Überschriften und deren Untertiteln. Ich überfliege seit Jahren diese “Schlagzeilen” nur noch mit Amüsement.
Wir haben es damit geschafft, den Rhythmus des Wissenschaftsjournalismus zu überflügeln, immerhin auch eine kulturelle Leistung (“neue Studie enthüllt: Milch macht muntere Männer müde” + Gegenmeldung kürzeste Zeit später). Wir werden den politischen Journalismus vielleicht auf Horoskop-Niveau beschleunigen können, wo man quasi alles gleichzeitig hat. Die Fallhöhe entsteht dann wie gewohnt: wenn im einen Horoskop steht “machen Sie Ihr Testament, wenn Sie noch können”, schmeißen wir das weg und greifen zu “positive Veränderungen im Beruf kündigen sich an”.
(Exkurs: Horoskope werden auch mit zunehmender Länge nur noch von echten Hardcorefans gelesen, aber die Breitenwirkung hat mit 9live neue Dimensionen erreicht. Herr Kant stand ja damals eher auf Kriegsfuß mit Veränderungen. Wann kommt endlich das EU-Entschleunigungsgesetz ??)

22) Gideon, Mittwoch, 15. September 2010, 13:11 Uhr

mir fällt dazu nur ein:

wir drinken wenig, aber oft und dann viel

23) Doktor Hong, Mittwoch, 15. September 2010, 21:52 Uhr

Ich finde den Artikel nicht zu lang.

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