Mittwoch, 08. September 2010, 12:10 Uhr

Die 50.000-Euro-Trumpfkarte

Zwei Prozentpunkte hat die SPD bei Forsa verloren. Eine Folge der Sarrazin-Debatte, meint Forsa-Chef Manfred Güllner. Auch wenn es nur eine Momentaufnahme ist, für die SPD ist das bitter, denn der vorsichtige Aufwärtstrend wurde gebrochen. Zum erstenmal seit Monaten geht’s wieder abwärts. Dass das so ist, hat nicht nur mit dem beabsichtigten Parteiausschluss Sarrazins zu tun, sondern auch mit der Widersprüchlichkeit und der Halbherzigkeit der SPD-Führung.

Man merkt der SPD-Führung an, dass ihr das ganze Thema unangenehm ist und dass sie das Ausschlussverfahren ungern betreibt. Eine klare Position der SPD ist nicht auszumachen. Das merken die Wähler. Wer sich selbst seiner nicht sicher ist, dies auch noch öffentlich demonstriert, der überzeugt keine Wähler.

Umso unverständlicher ist, dass die SPD in der öffentlichen Diskussion nicht die 50.000-Euro-Trumpfkarte spielt. Sarrazin will Akademikerpaaren, die unter 30 ein Kind bekommen, 50.000 Euro Prämie zahlen. Damit steht er in fundamentalem Gegensatz zur Aufstiegsphilisophie der SPD: Aufstieg durch Bildung. Sarrazin dagegen will aus seiner kruden Sicht von vererbbarer Intelligenz nur die Aufstiegsgewinner belohnen. Verkäuferinnen, AOK-Angestellte, Busfahrer, Facharbeiter sollen leer ausgehen. Geld gibt’s nur  für Akademiker.

Und das fordert Sarrazin als Mitglied einer Partei, die stolz darauf ist, dass der Sohn einer Putzfrau sozialdemokratischer Bundeskanzler werden konnte. Er hat sich mit dieser Forderung als Vertreter einer elitären Bürgerlichkeit enttarnt, die für viele SPD-Mitglieder schlimmer ist als die Ansichten Sarrazins in der Migrantendebatte. Und genau das müsste die SPD-Führung  ihren Mitgliedern deutlich und immer wieder sagen, wenn sie die Meinungshoheit in der eigenen Partei wiedergewinnen will.

Es überrascht auch nicht, dass die Grünen dagegen weiter zulegen. Sie haben im Gegensatz zur SPD eine glasklare Haltung zur Integration. Die SPD sollte sich auch nicht der Hoffnung hingeben, der Atomkurs der Bundesregierung werde es in den Umfragen schon wieder richten. Auch in diesem Fall werden nur die Grünen die Gewinner sein.

Sie können Ihren eigenen Kommentar weiter unten abgeben.

40 Kommentare

1) dissenter, Mittwoch, 08. September 2010, 12:32 Uhr

“Umso unverständlicher ist, dass die SPD in der öffentlichen Diskussion nicht die 50.000-Euro-Trumpfkarte spielt.”

Das ist das schlechte Gewissen.

Denn Sarrazins Akademikerprämie ist die konsequente Fortentwicklung des großkoalitionären Elterngeldes, für das Renate Schmidt – unter Schröder zeitweise Ministerin für “Gedöns” – das Copyright beansprucht.

2) Benjamin, Mittwoch, 08. September 2010, 13:10 Uhr

Interessant ist, dass die Grünen zulegen konnten, die hier recht klare Positionen vertreten und deren Wählerschaft anders zusammengesetzt ist. Ich glaube allerdings schon, dass nicht nur die unsicher wirkende Haltung der SPD der Grund für den kleinen Einbruch verantwortlich ist, sondern dass durch Sarrazin auch bei manchen SPD-Wählern Ängste bedient wurden bzw. mancher Sozialdemokrat die Äußerungen nur als Aufbrechen der PC interpretiert. In der Hinsicht würde ich auch Buschkowsky zustimmen, der einen Parteiausschluss für nicht ungefährlich hält – im Gegensatz zur Bundesbank, hat Sarrazin in der SPD ja außerdem keine Führungsposition inne. Wichtig wäre aber eine gezielte Debatte über die kruden Thesen. Die “Akademikerprämie” ist in der Tat Unsinn, denn nicht wenige kommen aus einem Umfeld, wo vorher keiner oder nur wenige die Universität besucht haben. Wie immer bei Sarrazin: nicht soziale Durchlässigkeit, sondern Abschottung.

3) marcpool, Mittwoch, 08. September 2010, 13:52 Uhr

” Ich bin jetzt 65 – aber es war schon als Kind so, das meine Eltern mich nicht verstanden haben ” – O-ton Sarrazin . Irgendetwas ist schief gegangen bei der Entwicklung dieses Mannes. Auf jeden Fall stimmt sein” Wording ” nicht – es ist auch nicht strebsam ,solche Gene , mit einer 50Tsd Prämie auch noch zu vervielfältigen . Wenn er sich selbst schädigt ist das seine Sache aber er schadet seiner Partei, – die ohnehin noch ” wund ” daliegt. Das Konzept aus der Sommerpause heraus in den Konflikt mit der Atomlobby und deren parteilichen Förderer , weitere Punkte zuzulegen geht somit wieder in die ” Hose ” . Bin mir aber sicher das es den Regierungsparteien auch nicht viel Zulauf bringen wird ! Denn die sind ja nun vollends ” auf dem Weg zum Mond ” – wenn sie mal nach einem Jahr eine
( wiederum falsche ) Entscheidung treffen – von Merkel Revolutionär bis Guido Epochal ausruft ! Was ist denn passiert ? Sie wollen die Atomlobby segnen – mit Vertragsverlängerung – wo bitte ist da die epochale Revolution. Gehts vielleicht noch ? Da hätte man es lieber , sie würden weiterschlafen – nichtstun – oder sich gegenseitig die Torten ins Gesicht schmieren .

4) uniquolol, Mittwoch, 08. September 2010, 13:56 Uhr

“…Sarrazin dagegen will aus seiner kruden Sicht von vererbbarer Intelligenz nur die Aufstiegsgewinner belohnen…”

Lesen Sie bitte das Buch!

5) esal, Mittwoch, 08. September 2010, 14:02 Uhr

Ich dachte die Sarrazin Debatte im sprengsatz wäre am Sonntag beendet worden? So ganz aber dann doch nicht.

Lassen Sie uns dann doch lieber über einen “abgetauchten” Bundespräsidenten sprechen, der offenbar in einer Zwickmühle steckt oder über Angela Merkels Risiko der Ehrung von Herrn Westergaard (wie die FAZ heute schreibt).

Wirklich spannend wäre es aber den Atom- Deal vom Sonntag oder aber das sich abzeichnende Scheitern der Finanztransaktionssteuer zu erörtern. Eine Finanzmarktreform scheint offenbar vom Tisch zu sein und das ist m.E. der wirkliche Skandal.

6) Alexej Danckwardt, Mittwoch, 08. September 2010, 14:17 Uhr

@uniquolol:

Entscheidend ist nicht der Wortlaut, sondern die Rezeption in der Öffentlichkeit und die Reflexe, die Sarrazin weckt. Und eins können Sie mir glauben: Sarrazin hat bewusst so formuliert, wie er formuliert hat, um genau die Reflexe zu wecken, die er geweckt hat, und genau die Thesen in den Mittelpunkt zu rücken, die jetzt im Mittelpunkt stehen. Er ist Profipolitiker genug, um zu wissen, welcher Halbsatz Aufsehen erregt und sich zur Ideologie steigert. Die tausenden Sätze drumrum um diese Halbsätze haben nur Alibifunktion, damit er, Sie und andere Verehrer sagen können: aber in dem Buch steht doch auch was anderes drin.

7) Chat Atkins, Mittwoch, 08. September 2010, 14:51 Uhr

Dass die SPD bei der Sarrazin-Debatte verlieren würde, hat ja schon der Siggi Gabriel vor drei Tagen vorausgesehen. Zu überzeugend reist unser Hugenotten-Migrant auf dem populistischen Endlich-sagt-es-mal-einer-Ticket. Insgesamt aber ist Schwarzgelb doch erneut um einen weiteren Prozentpunkt zusammengeschmolzen, während die Opposition einen weiteren Punkt gewann. Mit Staunen verfolge ich dabei allerdings, wie die Grünen ganz sutje piano zur dritten Volkspartei heranwachsen. Gut, sie haben als einzige mt ihrer ökologisch-sozialen Marktwirtschaft ein vorzeigbares Zukunftsprogramm, und dazu vier oder fünf satisfaktionsfähige Köpfe (die Ein-Frau-Lärmkapelle Claudia Roth jetzt mal ausgenommen). Trotzdem bleibt es erstaunlich – alles debattiert über eine mögliche sechste Partei von rechts, während faktisch doch gerade das linke Lager in der Summe unaufhörlich wächst.

8) Dierk, Mittwoch, 08. September 2010, 15:47 Uhr

@uniquolol

Lesen Sie auch mal andere Bücher!

9) Politikverdruss, Mittwoch, 08. September 2010, 18:08 Uhr

@uniquolol,
hier noch eine Leseempfehlung: H.Rindermann, Kultur und Kognition sowie D.Rost, Intelligenz: Fakten und Mythen.

10) kamikaze, Mittwoch, 08. September 2010, 19:03 Uhr

Was spricht gegen diese Prämie? Akademiker unter 30 Jahren haben die meiste Zeit ihres erwachsenen Lebens studiert. In dieser Zeit haben Verkäuferinnen, AOK-Angestellte, Busfahrer und Facharbeiter mehr verdient als die angedachten 50.000 Euro Prämie. Die Eltern dieser so geförderten Studenten können übrigens aus allen sozialen und ethnischen Gruppen kommen, da in Deutschland jeder studieren kann, der über die Hochschulreife verfügt.

11) Doktor Hong, Mittwoch, 08. September 2010, 19:38 Uhr

Ach Herr Spreng, wann hat denn die SPD das letzte Mal überhaupt irgendeine Trumpfkarte gezogen?

Wie war das mit dem Wahlrecht, das CDU/FDP durch Überhangsmandate Vorteile verschaffte und vom Bundesverfassungsgericht kassiert wurde, aber wegen der Gegenstimmen der SPD nicht geändert wurde?

Was ist mit dem Einknicken der Regierung vor der Atomlobby?

Was ist mit dieser unerträglichen Klientelpolitik der FDP, die sich einen PKV-Manager als Staatssekretär geholt haben und jetzt die ach so unglaublich effizienten PKV’s in den Genuss der Pharma-Rabatte kommen lassen will, die die gesetzlichen Krankenkassen aushandeln?

Dass man mit einem solchen Weicheiertum nicht über 30% kommt, scheint denen nicht klar zu sein. Ernst nehmen kann man die SPD nur mit klaren Positionen, die sie eben nicht hat – mit Ausnahme von Karl Lauterbach in der Gesundheitspolitik. Die SPD hat aber Angst, von den Leitmedien als Partei der wirtschaftlichen Unvernunft gebrandmarkt zu werden – durchaus nicht zu Unrecht, seit der SPIEGEL zu einem neoliberalen Hetzblatt verkommen ist, das die unerträgliche Flachköpfigkeit der vorigen Ausgabe noch mit der neuen zu unterbieten sucht – jede Woche auf’s neue.

Aber es ist an sich nett von Ihnen, dass Sie der SPD einen Tipp freihaus mitgeben. 🙂 Bin mal gespannt, ob einer von denen überhaupt Ihren Gedankengang versteht.

12) Doktor Hong, Mittwoch, 08. September 2010, 19:46 Uhr

@ Chat Atkins

Dass die Grünen so stark zulegen, finde ich kaum überraschend, denn sie hat eine beständige Entwicklung von der reinen Umweltprotestpartei zu einer Partei genommen, die die wahren bürgerlichen Werte vertritt – und nicht die Klientelpolitik, die dieser unerträgliche Karrieristenverein als bürgerlich zu verkaufen versucht.

Ich denke, dass es auch hilfreich ist, dass grüne Spitzenpolitiker mit Abstand am wenigsten Unsinn sabbeln und ihre Positionen oft auch als wohlüberlegt darstellen können – vermutlich, weil sie wohlüberlegt sind.

Ich erinnere mich an dieses lächerliche Geschrei 1999 seitens der CDU und FDP in bezug auf die Ökosteuer. Machte sich Schäuble nicht lustig darüber, dass energieintensive Unternehmen davon ausgenommen werden sollten, und zog Alkoholikervergleiche? War aber gerade das nicht ein Ausdruck von wirtschaftlichen Pragmatismus? Und was sollte die Häme, dass die Einnahmen aus der Öko-Steuer zur Absenkung der Rentenversicherungsbeiträge verwendet wurde? Schließlich haben die Grünen genau damit Wahlkampf gemacht!

13) Alexej Danckwardt, Mittwoch, 08. September 2010, 20:49 Uhr

@kamikaze:

Sicher ist was dran an dem, was Sie schreiben. Was allerdings auf keinen Fall sein darf (und eben dem Selbstverständnis der SPD widerspricht) ist, dass man den Eindruck erweckt, Kinder von Akademikern seien willkomener als Kinder von Nichtakademikern. Außerdem ist es ja nicht gerade so, als wären Akademiker durch die Bank von Armut bedroht oder als wäre die Entscheidung für ein Kind / gegen ein Kind für Studierte eine Frage des Geldes. Was da mehr helfen kann sind Betreuungsangebote, auch an Hochschulen, damit Kind und Studium und Kind und Karriere besser in Einklang gebracht werden können.

Außerdem, lassen Sie sich das doch auf der Zunge zergehen, soll es diese Prämie geben, wenn BEIDE Elternteile Akademiker sind. Wow. Verschlägt es Ihnen da wirklich nicht die Sprache???

14) Alexej Danckwardt, Mittwoch, 08. September 2010, 21:02 Uhr

Uund überhaupt, als Akademiker, erlaube ich mir Herrn Sarrazin mit Erich Kästner zu antworten, die fünfte Strophe möge er besonders beherzigen:

Hast du, was in der Zeitung stand, gelesen?
Der Landtag war mal wieder sehr empört
Von wegen dem Geburtenschwund gewesen.
Auch ein Minister fand es unerhört.

Auf Tausend Deutsche kämen wohl pro Jahr
Gerade neunzehn komma null vier Kinder.
Null vier! Und sowas hält der Mann für wahr.
Dass das nicht stimmen kann, sieht doch ein Blinder.

Die Kinder hinterm Komma können bloß
Von ihm und anderen Ministern stammen.
Und solcher Dezimalbruch wird mal groß
Und tritt zu Ministerien zusammen.

Geburtenrückgang, hat er noch gesagt,
Sei, die Geschichte lehrt es, Deutschlands Ende.
Und deine Fehlgeburt hat er beklagt
Und dass er, dass mann abtreibt, gräßlich fände.

Nun frag´ ich dich, was kümmert das den Mann?
Er tut, als käm´er für uns auf und nieder.
ES GEHT IHN EINEN FEUCHTEN KEHRICHT AN.
Mit schläft der Arm ein. So, nun geht es wieder.

Aus: Patriotisches Bettgespräch

Immer wieder erschreckend, wie aktuell Kästner immer noch (oder schon wieder) ist.

15) uniquolol, Mittwoch, 08. September 2010, 21:03 Uhr

@dankwardt:
„…Entscheidend ist nicht der Wortlaut…“

Danke für Ihre klaren Worte – genau das ist das Problem!
Zur (Vor)verurteilung genügen vermeintliche Gefühle, die der Autor vermeintlich auslösen wollte, da er ja vermeintlich nicht das geschrieben hat, was er vermeintlich „wirklich“ sagen wollte.

Hoffentlich leben Sie nicht in der Illusion, eine solche Einstellung wäre mit Demokratie bzw. Rechtsstaat vereinbar…

@dirk, politikverdruss:

Empfehle dringend:
Joachim Fest: „Ich nicht“
Joachim Fest: „Begegnungen“

16) M.M., Mittwoch, 08. September 2010, 21:47 Uhr

Sarrazin ist Pariot. Er sieht die Gefahr , dass der “deutsche Akademiker” sich in Zypern oder den Kanalinseln ein Haus kauft und bei einer Tochter einer deutschen Landesbank oder ähnlichen Konstrukten seine ersten Brötchen verdient und dort seine Familie gründet. Erstaunliche Weitsicht nenne ich das!
Denn hier in Deutschland würde solch ein Akademiker ja gar keine Steuer mehr bezahlen, warum ist das so schwer zu verstehen? Die SPD sollte mal ihre eigenen Mitglieder aufklären zu gewissen Sachverhalten. Wieviele SPD-Mitglieder arbeiten eigentlich im Ausland? Und zahlen deshalb nicht ins deutsche Rentensystem ein?

17) sausi, Mittwoch, 08. September 2010, 21:51 Uhr

@Kamikaze
Das ist leider ziemlicher Unfug, den Sie da schreiben:
1) werden Akademiker im Laufe ihres späteren Lebens in der Regel deutlich mehr verdienen als die “Verkäuferinnen, AOK-Angestellte, Busfahrer und Facharbeiter”. Zumal letztere mit ihren Steuern den ersteren den Studienplatz finanzieren
2) Stimmt es zwar, dass prinzipiell jeder mit Hochschulreife studieren kann. Studien zeigen aber, dass die Akademikerkinder an den Hochschulen dann doch weitgehend unter sich sind.

Ich sehe nichts, was eine solche auf Akademikerkinder beschränkte Prämie rechtfertigen könnte.

18) impulshund, Mittwoch, 08. September 2010, 21:58 Uhr

Sarrazins Ton ist die Botschaft.

19) Maren P., Mittwoch, 08. September 2010, 23:36 Uhr

Soeben das Medienmagazin ZAPP im NDR gesehen: Ein besserer Beitrag über die Inszenierung der Medien zum Stichwort “Meinungsfreiheit für Sarrazin” ist mir derzeit nicht bekannt.Um die Entlarvung der Methoden hat sich dort auch Michael Spreng verdient gemacht. Vielen Dank!
http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/zapp3713-epgdetail_sid-828077.html
Schauen Sie sich den Livestream an, bevor der NDR seine Internet-Beiträge löschen muss!

20) Doktor Hong, Donnerstag, 09. September 2010, 00:48 Uhr

Wieso soll es eigentlich keine Prämie geben, wenn ein Kind von Arbeitern Akademiker wird? Oder wird die dann nachgezahlt?

Und wieso soll nicht mehr für die Chancengleichheit in der Bildung getan werden (was auch Geld kostet), anstatt mit solchen Prämien die soziale Selektion in Deutschland noch weiter zu zementieren?

Achja, die Genetik.

Lassen Sie mich aus einem Buch von Linus Torvalds zitieren, dem Menschen, der Linux programmiert hat:

“Mein Urgroßvater mütterlicherseits war ein ziemlich armer Bauer aus Jappo, einer kleinen Gemeinde in der Nähe Stadt Vasa. Er hatte sechs Söhne, von denen fünf promovierten. Das sagt eine Menge über die Aufstiegschancen in Finnland aus. Ja, man bekommt Winterdepressionen und man zieht seine Schuhe aus, ehe man ein Haus betritt. Aber man kann umsonst studieren. Das ist ganz anders als hier in den USA, wo so viele Kinder mit einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit aufwachsen. Tatsächlich wurde einer dieser sechs Söhne Präsident der finnischen Zentralbank.”

Nun gut. Muss ich jemanden daran erinnern, wie Finnland und Deutschland bei PISA im Vergleich miteinander abgeschnitten haben?

Etwas weniger Herrenmenschendünkel, den Sarrazin hier wieder unterfüttert hat, und etwas mehr Realismus könnten dieses Land vielleicht voranbringen.

21) Doktor Hong, Donnerstag, 09. September 2010, 01:16 Uhr

Nächste Frage: was ist eigentlich daran liberal, wenn der Staat Prokreationspolitik betreiben und sich in das Gebärverhalten einzelner Frauen einmischen soll?

Da bin ich voll auf einer Linie mit Alexej Danckwardt, dessen Zitat ich sehr hübsch finde.

22) Alexej Danckwardt, Donnerstag, 09. September 2010, 01:20 Uhr

@uniquolol: Sarrazin hat genau das geschrieben, was er sagen wollte, nur eben verpackt und versteckt unter vielen, vielen Allgemeinplätzen. Dass die kontroversen Thesen bei seinen Gegnern Wellen schlagen und bei seinen Fans auf Entzückung stoßen werden, war geplant. Der Rest wurde geschrieben, damit Sie uns hier vorwerfen können, dass wir über die 10 kontroversen Stellen reden und nicht über die 990 weniger kontroversen.

Sarrazin ist ein alter Politikfuchs, seien Sie doch bitte nicht so naiv. Dementis hat man von ihm bisher jedenfalls nicht gehört und die Entschuldigung wegen des “Juden-Gens” war mehr als halbherzig. Stattdessen antwortet er auf jeden Vorhalt, dass er mit seinem Buch was anderes gemeint hat und dass die gerade zitierte Stelle nicht zur Kernaussage gehört, sondern ein kleiner Exkurs ist. Raffiniert hat er sich das ausgedacht, man kann ihn auf nix festnageln. Im Grunde besteht das ganze Buch – wenn man ihn so in Talkshows hört – nur aus Exkursen, die nichts mit Migranten zu tun haben, und auch der Titel ist rein zufällig und hat mit Migranten nichts zu tun.

Also bitte, veräppeln muss ich mich weder von Ihnen, noch von Sarrazin lassen. Und Geld werfe ich diesem Menschen ganz bestimmt nicht hinterher. Wozu? Damit Sie mir dann erlauben mitzureden?

Und was hat diese Feststellung denn bitte mit den Themen Demokratie und Rechtsstaat zu tun? Zur Demokratie und zur Meinungsfreiheit gehört es auch, dass ich meine Meinung über Herrn Sarrazin und seine Thesen sagen darf. Übrigens, auch ohne mir den gesamten Schund antun zu müssen.

23) Recht Unbedeutend, Donnerstag, 09. September 2010, 02:59 Uhr

Danke für den Kästner, es tut immer wieder gut zu sehen, daß die Menschen die Selben bleiben, egal wie viel Zeit vergeht. Wir können uns auch alle gerne von unseren Eltern lösen. Tendenziell sollten sowieso alle immer klüger werden und mehr anteilige Prozentsätze aller Kinder studieren. Aber wenn das nicht klappt? Genetik hin oder her? Wenn wir die Standards senken müssen? Immer weiter senken? Ich kann nicht verstehen, wie man diese Sorge verspotten kann. Einfachste logische Zusammenhänge. Angeblich werden wir dieses Jahr Fachkräfte importieren müssen und ähnlich viele junge hochqualifizierte Absolventen und Frühgutverdiener verlieren. Und dabei ist angeblich Bildung unsere Ressource.
Der Widerspruch ist so evident, ich brauch dazu keine Genetik und erst recht kein rechtes Gedankengut. Ich brauche ein “Bestandsmanagement” mit “Evidenzorientierung” und marktgerechtem return of investment in human resources. Früher hieß das “Regierung”, glaube ich. Und da traue ich der SPD leider nichts mehr zu, obwohl sie in meinem Bundesland die Fahne einigermaßen hochzuhalten weiß, aber dort auch schon personell am Stock geht. (Exkurs: wer Claudia Roth als besonders glaubwürdige unter den Spitzenpolitikern bezeichnet, der hält auch nen Abreißkalender für die Tageszeitung, befürchte ich fast). Und letztlich würden ein paar Akademikerkinder nichts schaden, nur die Prämie ist wohl kein sonderlich kluger Vorschlag. Wer von den ganzen Illusionsgläubigen ohne reiche Eltern ein Kind an der Uni hatte – reicht das kritische Bewußtsein so weit, nachzuzählen? Lassen Sie es uns doch einfach als “Menschenrecht aufs Kinderkriegen auch ohne Zeit und Geld während man sich zum Wohle der Menschheit mit den Wissenschaften auseinandersetzt” deklarieren, dann werden die Widersprüche bestimmt geringer. Kinderbetreuung an der Uni ist beileibe keine Domäne der Konservativen – kommen Sie doch alle mal auf nen Besuch vorbei!

24) uniquolol, Donnerstag, 09. September 2010, 10:59 Uhr

@danckwardt:
„…Sarrazin hat genau das geschrieben, was er sagen wollte, nur eben verpackt und versteckt unter vielen, vielen Allgemeinplätzen…“

Woher wollen Sie das wissen? Erst lesen, dann rezensieren!

„…Dass die kontroversen Thesen bei seinen Gegnern Wellen schlagen…“

Die sog. Gegner beziehen sich doch niemals auf Argumente, wie man auch an Ihren Beiträgen sehen kann.

„…die Entschuldigung wegen des “Juden-Gens” war mehr als halbherzig…“

Er kann doch nicht die Ergebnisse der internationalen Genforschung dementieren, nur weil diese den deutschen Gutmenschen nicht ins Konzept passen.

http://www.welt.de/kultur/article9307900/Teilen-alle-Juden-wirklich-ein-bestimmtes-Gen.html
http://en.wikipedia.org/wiki/Genetic_studies_on_Jews

„…Zur Demokratie und zur Meinungsfreiheit gehört es auch, dass ich meine Meinung über Herrn Sarrazin und seine Thesen sagen darf…“

Richtig! Dazu sollten Sie diese Thesen aber auch kennen.

25) Alexej Danckwardt, Donnerstag, 09. September 2010, 12:06 Uhr

@Recht unbedeutend: Wenn Ihre Sorge der stetig sinkenden Standards denn bloß eine Widerspiegelung in der Realität hätte… Vergleichen Sie doch mal einen Realschüler von heute mit einem Gymnasiasten von vor hundert Jahren. Ok, der Realschüler heute kann kein Latein und wird Ihnen sicherlich auch nicht aus Homers “Illias” rezitieren können. Aber im übrigen, schauen Sie doch mal, wie viele gänzlich neue Kompetenzen ein junger Mensch heute erfolgreich erlernt: Internet, Datenverarbeitung, Autofahren. Das Problem ist eher, dass die Schulprogramme überfrachtet sind mit altem Ballast, weil irgendwelche geistig alten Studienräte meinen, die Welt würde zusammenbrechen, wenn die Schüler heute nicht mehr das lernen, was er lernen musste…

Und was die Anforderungen der Wirtschaft angeht. Da haben wir zunächst das Ingenieursproblem. Selber schuld, kann ich nur sagen. Wer keinerlei, auch nicht die vorsichtigste Steuerung der Berufswahl zulässt, der wird eben das ernten, was wir heute haben: 1 Anwalt pro 400 Einwohner sowie Tausende Arbeitsloser Sozialwissenschaftler auf der einen und Ärzte- und Ingenieursmangel auf der anderen Seite. Auf die Vernunft des Marktes zu setzen, halte ich für verrückt. Neulich rief mich ein junger Mensch an, der wie prädestiniert für ein Ingenieursstudium wäre, sogar mit einer Ausbildung im technischen Bereich. Aber partout will er Jura studieren.

Außerdem ist ein Teil des Genörgels auf überzogene Erwartungen zurückzuführen. Ein, sicherlich extremes, Beispiel: Vor etwa 5 Jahren suchte eine chemische Reinigung (sprich: Wäscherei) einen Auszubildenden. Anforderungen: mindestens Realschulabschluss, Mathe, Deutsch und Chemie mindestens eine 2. WOZU? Zum Beladen von Automaten?!!!!

Ich habe dagegen einen Realschüler mit Mathe 5 und Deutsch 4 mit Migrationshintergrund als Auszubildenden zum RA-Fachangestellten angenommen. War riskant, ich musste viel eigene Zeit in Nachhilfe und Examensvorbereitung investieren. Aber es hat sich gelohnt: bestanden und zwar relativ gut. Und in der praktischen Tätigkeit war der junge Mann schon im zweiten Lehrjahr weitaus hilfreicher, als eine ausgebildete Angestellte mit langjähriger Berufserfahrung, die ich zur selben Zeit hatte. Eine Zeit lang führte er das Sekretariat sogar ganz allein, einen Unterschied habe ich nicht gemerkt. Die Moral aus der Geschicht´: Es lohnt sich, Menschen nicht aufzugeben.

26) Maren P., Donnerstag, 09. September 2010, 13:08 Uhr

Sorry, hier der korrekte Link für den Beitrag im Medienmagazin ZAPP:
http://www.ndr.de/flash/zapp/interactivePlayer.html?xml=zappsendung227-interactiveBroadcasts.xml&sr=zapp

27) John Dean, Donnerstag, 09. September 2010, 14:30 Uhr

Der faule sarrazynische Medienzauber

Ob eine 2-Prozent-Schwankung in den Meinungsumfragen (mit einer Stichprobengröße von rund 1000) viel aussagt, kann man auch gut anzweifeln. Ich finde SPD-Sarrazyn-These (SPD hat wg. Sarrazyn-Streit Probleme) allerdings plausibel, und denke, dass die die SPD in der kommenden Woche noch etwas stärker einbricht. Man müsste vielleicht mal diejenigen befragen, die sich im Rahmen der Sarrazyn-Debatte von der SPD verabschiedet haben, woran genau das lag.

Bemerkenswert finde ich, dass sich die FDP-Spitze in die biogenetische Debatte nicht einmischt – und zwar weder in die eine Richtung, noch die andere. Das Eisen scheint zu heiß zu sein – und umso stärker ist imho zu loben, dass die Kanzlerin hier eindeutige Worte gefunden hat. Es hat ihr bzw. der CDU jedenfalls nicht geschadet.

Meine Vermutung ist, dass man sich in vier Wochen nicht mehr an diese abstrus-missverständliche Biogenetik-Diskussion erinnern wird, mit Ausnahme wohl der SPD, die durch das Parteiverfahren gegen Sarrazin kontinuierlich in die Schlagzeilen kommt und davon Schaden nemen wird.

(Gabriel scheint mit seiner Vorhersage richtig zu liegen)

Für die übrigen Parteien aber gilt: Es wird neue und gänzlich anders gelagerte Probleme geben. Trotz z.Zt. gut laufender Konjunktur scheint die Zeit gegen Schwarzgelb zu ticken. Wenn das stimmt, geraten dann Merkel und Westerwelle innerparteilich zur Disposition – und die nächste Bundestagswahl ist dann für die schwarzgelbe Koalition so gut wie verloren, wenn sie auch noch mehrere interne Parteikräche auszuhalten hat. Insofern halte ich die Zeit bis zum Jahresende für eine Schlüsselperiode von Schwarzgelb. Wird man den internen Streit unter der Decke halten können? Wird man die Bürger ausnahmsweise auch einmal begeistern oder erfreuen können? Ob Schwarzgelb noch einmal von jemanden wie Sarrazyn wirksame Wahlkampfhilfe erhält, das kann man bezweifeln.

Allein schon der Umstand, dass die schwarzgelbe Koalition in Höhe mehrerer Milliarden vor einer Anzeigenkampagne der Atomwirtschaft eingeknickt ist, könnte für einige Probleme sorgen – und zwar auch seitens derjenigen Bürger, die einer Laufzeitverlängerung eigentlich offen gegenüber stehen.

Den Sarrazyn-Effekt mag es also geben, und vielleicht noch einige Wochen lang. Aber das löst die Probleme von Schwarzgelb nicht. Es sorgt eher für eine Umschichtung von SPD-Wählern in grüne Wähler, sowie eine gewisse Demobilisierung der SPD-Wählerschaft. Demobilisierung ist ein schönes Stichwort – interessant ist z.Zt. auch zu beobachten, dass sich bestimmte bürgerliche Millieus (sichtbar z.B. in der FAZ) zunehmend von Schwarzgelb lösen – sofern mich meine Beobachtung nicht trügt.

Das würde bedeuten: Die schwarzgelbe Erosion setzt sich fort, und zwar völlig unabhängig vom sarrazynischen Medienzauber.

28) Doktor Hong, Donnerstag, 09. September 2010, 15:08 Uhr

@ Alexej Danckwardt

Mit der Steuerung der Berufswahl könnten Sie in verfassungsrechtliche Probleme geraten:

So heißt es in Artikel 12, Absatz (1) des Grundgesetzes:

Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen. Die Berufsausübung kann durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes geregelt werden.

Schneeschipper-Guido würde ich ebenfalls die Lektüre der beiden folgenden Absätze empfehlen.

Ansonsten teile ich Ihre Auffassung, dass die Erwartungen zuweilen ziemlich überzogen ausfallen. Für 90% der Arbeitstätigkeiten sind empirische Regeln mehr als ausreichend, und genau diese sollte der Ausbilder eigentlich vermitteln.

29) EStz, Donnerstag, 09. September 2010, 15:21 Uhr

@ A. Danckwardt:

Was die Reinigung angeht: Wenn die einen Azubi suchen, muss der bestimmte Kriterien erfüllen (Vorgaben durch IHK, Bildungsministerien etc). Für das Beladen einer Waschmaschine braucht sicherlich niemand einen Schulabschluss. Aber wenn der Betreffende mal an der Kasse aushelfen soll, ist ordentliches Benehmen, ein vernünftiger Wortschatz, fehlerfreies Schreiben und das Beherrschen der vier Grundrechenarten sicherlich nicht verkehrt.

Ein Freund von mir ist auch Notar. Er hat lange nach Azubis gesucht, innerhalb von ein paar Monaten fünf oder sechs ausprobiert, und alle wieder entlassen müssen. Nicht, weil er so ein mieser Kapitalist ist (im Gegenteil), sondern weil die jungen Damen und der junge Herr überfordert waren mit Ablage nach Datum oder Aktenzeichen, ordentlicher Meldung am Telefon, der Grundrechenart Addieren, Termine so eintragen, dass sie sich nicht überschneiden und dergleichen. So hat jeder “seine” meinungsbildenden Beispiele, die trotzdem für den anderen nicht gelten müssen. Trotzdem Hut ab für Ihren Mut! Schön, wenn es bei Ihnen geklappt hat.

Was die blöde Bemerkung (These ist dafür sicherlich ein zu großes Wort) von Herrn Sarrazin angeht: Er spricht ja durchaus ernste Probleme an, aber seine Lösungsvorschläge…..

Gerade Deutschland ist ein Land, indem sich “Intelligenz” und “Dummheit” stärker vererben als in anderen Ländern. Wem es gut geht und wer gebildet ist, hört in der Regel nach dem ersten Kind auf mit der Vervielfältigung (wenn man überhaupt Kinder hat). Alles andere ist den meisten zu anstrengend, zu teuer. Aber dieses eine Kind wird gefördert (manchmal nur, damit es die Eltern nicht blamiert). Da kann eine vielköpfige Familie mit Migrantenhintergrund natürlich nicht mithalten.

Außerdem werden in Deutschland nicht die Kinder gefördert, sondern die Eltern (durch Zuschüsse hier und Zuschüsse da). Doch wenn das Geld knapp ist, geht es für den Rest der Familie mit drauf. Eine mögliche Lösung: Schule bis 16:00 Uhr für alle, mit langer Pause, nachmittags betreute Hausaufgaben als Pflicht für alle etc – dann würden auch die gefördert werden, die über die Eltern keine Förderung bekommen (können), dazu natürlich Lehrmittelfreiheit… usw…

EStz

30) Alexej Danckwardt, Donnerstag, 09. September 2010, 16:33 Uhr

@ Doktor Hong

Art. 12 ist bekannt, auch der Apotheker-Beschluss des BVerfG. Allerdings: Darin sagt das BVerfG, dass die Kapazitäten der Universitäten durchaus eine Beschränkung des Zugangs rechtfertigen können (keiner wird wohl behaupten, dass der Numerus clausus in bestimmten Fächern verfassungswidrig sei). Und wenn man sich die Verhältnisse an den Universitäten gerade in den geisteswissenschaftlichen Studiengängen ansieht, so glaube ich nicht, dass die Politik den ihr durch das BVerfG eingeräumten Gestaltungsspielraum ausschöpft. Es wird weit über die Kapazitäten der Hochschulen ausgebildet, gefühlsmäßig würde ich sagen, das doppelt-dreifache. Außerdem gebietet das Grundgesetz mit Sicherheit auch nicht, Kapazitäten auch dort vorzuhalten, wo der Markt übersättigt ist. Was ich damit sagen will, die Politik kann sich steuernd engagieren, auch ohne Art. 12 zu verletzen. Man muss nur wollen, will aber nicht aus naheliegenden Gründen (Arbeitslosenstatistik).

@EstZ: Ich kann mir nicht vorstellen, dass es irgendeine Richtlinie gibt, die chemischen Reinigungen vorschreibt, dass in den aufgezählten Fächern eine “2” nötig sei. Ihrem Bekannten will ich nicht zu nahe treten, aber bisschen mehr Geduld als paar Wochen muss man auch aufbringen können, wobei man natrülich auch mal Pech haben kann als Ausbilder.Dafür ist die Probezeit im BBiG auch etwas länger als paar Wochen. Ich denke auch nicht, dass ein Azubi schon in den ersten Wochen Kundenkontakt haben sollte. Aber wie Sie richtig sagen, jeder macht so seine eigenen Erfahrungen. Im übrigen sehe ich es genauso wie Sie: Ganztagsschule könnte bei richtiger Ausgestaltung einiges an Problemen lösen, auch wenn ich als Kind den an meinem Leibe durchgeführten Modellversuch mit der Ganztagsbetreuung (Ost) gehasst habe…

31) JG, Donnerstag, 09. September 2010, 17:02 Uhr

Die Begeisterung der Sarrazin-Fans würde auch ganz schnell schwinden, wenn viele von ihnen mitbekämen, daß dieser Herr meint, mit Hartz IV könne man in Saus und Braus leben, gehe es einem eigentlich noch zu gut, werde deshalb nur zum Liegen auf der faulen Haut animiert, und könne doch auch einen Pullover anziehen, wer in seiner wegen Geldmangels ungeheizten Bude bei zehn Grad friert.

Aber die Reichen sind ja immer die anderen, die Bösen sowieso, und womöglich kann man noch davon profitieren, wenn mit denen mal richtig Schlitten gefahren wird – zumal sie es doch wirklich zu bunt getrieben haben in letzter Zeit. Und den guten Ausländern wird ja nichts passieren.

Aus Ihrem Beitrag, verehrter Herr Spreng, spricht ja wieder einmal der Kommunikationsberater – und eigentlich sollte sich die SPD für diese Hilfe wenigstens mit einem schönen Bebel-Buch bei Ihnen bedanken. Wenn diese Partei noch wollte, daß ihr zu helfen wäre.

32) Benjamin, Donnerstag, 09. September 2010, 17:21 Uhr

Die SPD könnte Sarrazin ja durchaus vorführen (Belege für falsche Angaben bei ihm gibt es genug). Man müsste halt mehr in die Offensive gehen. Wenn man zudem sieht, wie Herr S. sich bei einer nicht ausgestrahlten Sendung bei ZDF Neo verhalten hat – da sage ich nur mit Stuckrad-Barre: “Ja. Alles klar.” —> http://sueddeutsche.de/medien/sarrazin-bei-zdf-neo-der-mann-war-ein-menschenverfuehrer-1.998019

33) Irreversibel, Donnerstag, 09. September 2010, 18:53 Uhr

Alexej Danckwardt, Mittwoch, 08. September 2010, 21:02 Uhr
Uund überhaupt, als Akademiker, erlaube ich mir Herrn Sarrazin mit Erich Kästner zu antworten

Was hat diese Antwort denn mit Ihrem Universitätsabschluss zu tun? Oder ging es nur darum “subtil” darauf hinzuweisen, dass Sie ja zur intellektuellen Elite gehören? Ganz schön peinlich aber jeder profiliert/blamiert sich eben wie er kann…..

34) Doktor Hong, Freitag, 10. September 2010, 00:15 Uhr

@ M.M.

“Er sieht die Gefahr , dass der “deutsche Akademiker” sich in Zypern oder den Kanalinseln ein Haus kauft und bei einer Tochter einer deutschen Landesbank oder ähnlichen Konstrukten seine ersten Brötchen verdient und dort seine Familie gründet.”

Sie beschreiben Leute, die alle Vorteile, die unser Gemeinwesen zu bieten hat, für sich in Anspruch genommen haben, aber nichts für eben jenes Gemeinwesen tun wollen.

Es ist zwar richtig, dass jene hart für ihren Erfolg gearbeitet haben, aber das Potential für diesen Erfolg, die Gelegenheit, einen solchen Erfolg durch Arbeit überhaupt erreichen zu können, das haben sie nicht selber geschaffen.

Nehmen Sie die USA: Dort gibt es Geschichten von Einwanderern aus der dritten Welt, die dort erstaunliche Karrieren hingelegt haben. Hätten sie das auch in ihren Heimatländern schaffen können, wo es vielleicht keine so renommierten Universitäten gibt? Woher hätten sie die Bildung für ihren Erfolg genommen? Hätte Bill Gates das erreicht, was er erreicht hat, wenn er in Afrika aufgewachsen und nie einen Computer gesehen hätte, statt in Seattle, wo ein Bekannter vom RZ der Uni ihm erlaubt hat, die Mainframes nachts zu benutzen? Wäre er in der alten Sowjetunion ein milliardenschwerer Unternehmer geworden, auch wenn er meinetwegen genetisch bedingt ganz intelligent ist?

Erfolg ist nicht das Resultat von harter Arbeit allein, sondern die Kombination von harter Arbeit und Gelegenheit. Ich frage mich, ob man auf Leute, die die von Ihnen beschriebene Einstellung haben, nicht gut verzichten kann.

35) Frank Reichelt, Freitag, 10. September 2010, 10:53 Uhr

Sarrazin ist ein Spielverderber, tritt der Mann doch freiwillig als Bundesbankvorstand zurück und holt Bundespräsident Wulff aus einer Zwickmühle! Die Journaille hatte schon die Federn gespitzt um dem neuen BP kräftig eins auszuwischen. Was ist für die Medien besser als eine lose-lose-Situation! Ich ann die Steine förmlich plumpsen hören, die den Juristen des Bundespräsidialamts vom Herzen fallen.
Uns sensationsgeile Konsumenten bringt Sarrazin damit ums Vergnügen.
Na ja, es wird sich schon was anderes finden, da bin ich zuversichtlich.

36) Erika, Freitag, 10. September 2010, 14:38 Uhr

Hallo Herr Spreng,

haben Sie schon die neuesten Zahlen von ZDF-Politbarometer gesehen?

Übrigens die letzten 4 Jahre hat uns die SPD vor diesem “Atom-Deal” bewahrt. Haben die Grünen in Hamburg eigentlich irgendetwas verhindert wogegen die Grünen immer waren?

Viele Grüße

Erika

37) Doktor Hong, Freitag, 10. September 2010, 15:59 Uhr

Hmm, das muss man dem Sarrazin jetzt aber positiv anrechnen, dass er der Bundesbank, dem Bundespräsidenten und der Öffentlichkeit ein solches juristisches Gezerre erspart.

Was soll das auch: wenn alle meine Kollegen geschlossen dafür sind, dass ich nicht mehr mit denen arbeite, dann ist doch auch gar keine Arbeitsgrundlage mehr gegeben.

Auch wenn ich Sarrazin verbal ziemlich hart angefasst habe, und viele seiner Thesen für untragbar halte, tut er mir auf der anderen, menschlichen Seite auch ein bisschen leid.

38) Alexej Danckwardt, Freitag, 10. September 2010, 18:55 Uhr

@ Dr. Hong: Er muss Ihnen nicht leid tun, da nun jeder mitreden will und sein Buch kauft, werden ihm die Verkaufserlöse Ihren harten Ton schon versüßen. Mal abgesehen davon, dass er mit Sicherheit auch nichts davon mitbekommen hat.

39) Alexej Danckwardt, Samstag, 11. September 2010, 22:26 Uhr

Nun, habe mir ein Exemplar gekauft, da einem sonst ja nicht erlaubt wird, hier mitzureden. Muss sagen, das war das bislang peinlichste Erlebnis meines Lebens. Ich hole mir in dieser Buchhandlung immer meine Fachzeitschriften zum Nahverkehr (ein Hobby) und die Verkäufer kennen mich sehr gut. Einmal hatte ich dort meine EC_Karte verloren, da riefen die mich sogar an. Nun, jetzt ist mein Ruf ruiniert, an der Kasse blickte mich schon ein Kunde merkwürdig an und als die Bedienung mir “viel Vergnügen” mit meinem Einkauf wünschte, wollte ich am Liebsten im Erdboden versinken. Vielen dank allen hier, die mich dazu gedrängt haben.

Vielen dank auch für den nutzlos vertanen Tag, den ich dem Lesen dieser ungeistigen Unschöpfung verschwendet habe.

Was Herr Spreng geschrieben hat, stimmt vollkommen. Vorschlag des “Genossen” Sarrazin auf Seite 389:

“Möglicherweise könnte hier ein fühlbarer Anreiz – quasi mit Fristsetzung – helfen. Es könnte beispielsweise bei abgeschlossenem Studium (der Eltern – alexejd) für jedes Kind, das vor Vollendung des 30. Lebensjahres der Mutter geboren wird, eine staatliche Prämie von 50.000 Euro ausgesetzt werden.”

Weiter auf Seite 390:

“Die Prämie – und das wird die politische Klippe sein- dürfte allerdings nur selektiv eingesetzt werden, nämlich für jene Gruppen, bei denen eine höhere Fruchtbarkeit zur Verbesserung der sozioökonomischen Qualität der Geburtenstruktur besonders erwünscht ist”.

Lassen Sie sich das auf der Zunge zergehen. Wir sollen also zwischen besonders erwünschten und weniger und noch weniger erwünschten Kindern unterscheiden.

WOLLEN WIR TATSÄCHLICH EINE GESELLSCHAFT, IN DER EIN STAATLICH EiNGESETZTER BÜROKRAT ENTSCHEIDET, WELCHES KIND VON WELCHEN ELTERN BESONDERS ERWÜNSCHT IST?!

Und wo soll das enden? Zwangsabtreibungen für die, deren Fruchtbarkeit “zur Verbesserung der sozioökonomischen Qualität der Geburtenstruktur” nicht besonders erwünscht ist? Sterilisationen? Gaskammern?

Ich frage weiter: Wollten wir in der Tat Geburtenselektion betreiben? Die Zucht einer Herrenrasse?

ODER WOLLEN WIR UNS VOM GRUNDGESETZ LEITEN LASSEN:

DIE WÜRDE DES MENSCHEN IST UNANTASTBAR. SIE ZU ACHTEN UND ZU SCHÜTZEN IST VERPFLICHTUNG ALLER STAATLICHEN GEWALT

Wie weit ist der Schritt von der Postulierung “besonders wünschenswerten” Lebens zur These vom “lebensunwerten Leben” noch?

Und, mit Verlaub, das ist die Grundthese des gesamten Buches: es gäbe erstklassiges, weil geneitisch intelligentes und zweitklassiges, minderwertiges, weil genetisch weniger bis gar nicht intelligentes Leben. Erstklassige und zweitklassige Völker, Gruppen und soweiter. Davon ist das gesamte Buch durchzogen, von diesem stinkenden Ungeist.

Alle mögen plötzlich Klartext. Dann frage ich, warum dieser Klartext weniger willkommen ist: Die Behauptung, bestimmtes menschliches Leben sei erwünschter oder höherwertiger als anderes, ist FASCHISMUS IN REINFORM. Sarrazin ist einen Schritt von der “Herrenrasse” entfernt, hat Buschkowski vorsichtig gesagt hat. Warum eiern wir eigentlich so rum? Was Faschismus ist, muss auch als Faschismus bezeichnet werden dürfen. Wie stands in der Bild? “Das wird man wohl noch sagen dürfen”. Ich schreibe unter Klarnamen, soll er mich verklagen, Strafanzeige erstatten. Das durchzustehen, bin ich bereit, denn das ist die Wahrheit.

40) John Dean, Montag, 13. September 2010, 22:09 Uhr

Herr Danckwardt,
Ihren Zorn und Ihren Mut in allen Ehren, aber Sie unterschätzen evtl. die Netzwerke, in denen Sarrazin steckt, und denen es evtl. eine Freude sein kann, Abmahnungen zu verschicken. Sie schädigen damit nicht nur selbst, falls es dazu kommt, sondern auch den Betreiber dieses Blogs.

Insofern sollten Sie bei derartigen Äußerungen immer vorsichtig sein. Im konkreten Fall haben Sie imho nichts zu befürchten. Sarrazin hat die politische Debatte mit einer “sehr großen Kelle” ins Leben gerufen, und Ihr Vorwurf ist nicht fernliegend und ehrabschneidend genug, damit er unter diesen Umständen schädliche Folgen entfaltet.

Aber: Es ist ein dünner Draht.

Wenn Sie sich (und vielen anderen hier) eine Freude machen wollen, dann versuchen Sie doch einfach einmal, dieses Buch (wegen seiner eugenischen Grundausrichtung und im Biedermeiermantel daherkommenden Aufhetzung) von der Bundesprüfstelle indizieren zu lassen.

Meine Prognose: Die Erfolgsaussichten sind größer – als man im ersten Moment glauben sollte…

(und Sie hätten Ihren Spaß!)

Wie ist Ihre Meinung?

Kommentar schreiben


Ihr Kommentar *


* Pflichtfelder