Dienstag, 12. Oktober 2010, 09:04 Uhr

Warum Seehofer nichts kapiert

Es ist zum Verzweifeln, wenn Politiker nicht die einfachsten Zusammenhänge kapieren. Nehmen wir zum Beispiel Horst Seehofer. Der CSU-Chef hatte gedacht, er könne mit seiner Forderung nach einem Stopp der Zuwanderung aus „fremden Kulturkreisen“ für sich und seine Partei bei den Wählern Punkte machen.

Seehofer glaubt offenbar, die CSU könne – wie früher – mit Ressentiments gegen Fremde Stimmen fangen. Er hat nicht verstanden, dass er selbst dazu keine Kraft mehr hat. Denn die Wähler, die mit solchen Parolen zu gewinnen sind, glauben der CDU/CSU schon lange nicht mehr, dass sie tatsächlich etwas gegen Zuwanderung unternehmen will.

Der alte Mechanismus, mit rechten Parolen den rechten Wählerrand in die CDU/CSU integrieren zu können, funktioniert nicht mehr. Für die Wähler am rechten Rand (der gar nicht so klein ist) gehört die CDU/CSU genauso zu den Zuwanderungsromantikern wie Grüne, SPD und Linkspartei. Die CDU kann aus Staatsräson auch gar nicht anders, als sich von Seehofer zu distanzieren oder ihn zu unglaubwürdigen Dementis zu zwingen. Sie muss Integrationsgipfel veranstalten und kann nicht zu Desintegrationsgipfeln einladen. Sie muss als staatstragende Partei die Realität der Zuwanderung in Deutschland gestalten und das geht nicht bei gleichzeitiger Ausgrenzung fremder Kulturen.

Deshalb halten die Wähler, die früher mit fremdenfeindlichen Parolen noch in die CDU/CSU zu integrieren waren,  Äußerungen wie diejenigen Seehofers für Augenwischerei und reine Taktik. Diese Wähler sind von der CDU/CSU enttäuscht und glauben ihr nicht, wenn sie plötzlich wieder ihre Themen anspricht. Sie sind für die Union nicht rückholbar. Für sie ist die CDU/CSU genauso eine Multikultipartei wie alle anderen.

Seehofers vermeintliche Ansprechpartner sind im Wartesaal der Wahlverweigerung und hoffen auf die Sarrazin-Partei. Nicht mehr auf die CDU/CSU.

Deshalb ist Seehofers Populismus nicht nur sinnlos, sondern auch gefährlich. Die Wähler, die mit den Themen Islam, Überfremdung, fremde Kulturen ansprechbar sind, warten auf die Partei, die sich endlich traut, das zu sagen, was man sonst angeblich nicht sagen darf. Seehofer baut nur für die Wähler einer solchen Partei die Hemmschwelle ab. Er rollt dieser noch nicht gegründeten Partei den roten Teppich aus.

Wenn die sechste Partei kommt, dann wird das Erwachen für eine Partei besonders furchtbar sein – für die CDU/CSU. Denn Seehofer und andere haben dafür gesorgt, dass man ihre Parolen wählen kann. Und der CDU/CSU geschadet.

Lesen Sie dazu auch meinen Beitrag „Die sechste Partei„.

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48 Kommentare

1) Travis, Montag, 18. Oktober 2010, 09:58 Uhr

Merkwürdiges Timing. Der Seehofer’sche Ausguss ist nicht mehr als eine Scheindebatte, um die Projekte der Regierung zu verschleiern. Das Volk soll an die Stammtische zurück gezwungen werden. divide et impera!

2) Marvin, Donnerstag, 21. Oktober 2010, 12:44 Uhr

Ohne Sarrazins „Vorarbeit“ mit Recherche und Buch hätten Merkel und Seehofer gar nichts gesagt.
So war es im Wesentlichen vor der Debatte um Sarrazin. Und ein Teil der Leute kloppft dem Wendehals und Abstauber Seehofer dann auch noch auf die Schulter und merken nicht, dass er sie benutzt um aus seinem Umfrageloch zu kommen.

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