Freitag, 18. Februar 2011, 13:05 Uhr

Minister Vorübergehend

Einen Doktortitel trägt man zu Recht oder zu Unrecht. Es gibt keine Grauzone. Man kann deshalb auch nicht vorübergehend auf die Führung des Doktorgrades verzichten, wie es Karl Theodor zu Guttenberg jetzt angekündigt hat, so wie man auch nicht vorübergehend auf seine Ehre und Reputation verzichten kann. 

Wie sollte das auch funktionieren? Lässt der Verteidigungsminster jetzt vorübergehend alle Briefbögen und Visitenkarten schwärzen, die Türschilder austauschen, den Internetauftritt ändern? Das ist Nonsens, ein Entlastungsversuch, der ins Groteske abgleitet.

Die Frage ist einzig und allein: Hat zu Guttenberg so viele fremde Texte in seine Doktorarbeit ohne korrekte Quellenangabe aufgenommen, dass insgesamt von einem Plagiat gesprochen werden kann? Oder waren es nur vereinzelte  „Fehler“ (so zu Guttenberg) oder nur vereinzelter geistiger Diebstahl? Aber auch das bliebe ein Plagiat, selbst dann, wenn ihm der Doktortitel erhalten bliebe.  

Zu Guttenbergs Entlastungsversuch, vorgetragen vor handverlesenen Journalisten, geht ins Leere. Er hat einen Weg eingeschlagen, den es nicht gibt. Wer die ersten Absätze der Einleitung  einer Doktorarbeit von anderen Autoren ohne Quellenangabe wörtlich übernimmt, hat zumindest seinen akademischen Ruf verspielt. Denn die Einleitung muss zwingend Teil der originären wissenschaftlichen Arbeit sein. Bei einzelnen Texten im Verlaufe der Untersuchung mag das Zitieren ohne Quellenangabe eine lässliche Sünde sein, als „Fehler“ durchgehen, nicht aber in der Einleitung. 

Das heisst: selbst dann, wenn zu Guttenberg der Doktortitel nicht aberkannt würde, bliebe er im Kern beschädigt. Seine Glaubwürdigkeit, seine  Ehrlichkeit, seine vielbeschworene geistige Unabhängigkeit haben dramatisch gelitten. Er hat so viel von seinem moralischen Stammkapital verzehrt, dass er der politischen Insolvenz nahe gekommen ist. Daran ändert auch seine Entschuldigung („Es tut mir aufrichtig leid“) nichts. Wer sich als der andere Politiker inszeniert, der wird auch mit anderen, höheren moralischen Maßstäben gemessen als zum Beispiel ein Franz Josef Strauß.

Das Urteil spricht jetzt die zuständige Universität. Sollte zu Guttenberg der Doktortitel aberkannt werden, dann wäre auch seine politische Karriere beendet. Dann wäre er nur vorübergehend Minster gewesen. Sollte er den Doktortitel behalten, dann wäre der künftige zu Guttenberg ein völlig anderer als der bisherige: Ein sehr normaler, ein fast zu normaler Politiker, kein vermeintlicher Heilsbringer mehr. Und einer, der das schöne Wort Demut entdecken müsste.

Aber das wäre für das politische System ein Vorteil, weil eine Projektionsfläche für die Wähler entfiele, die von ihren Politikern etwas verlangen, was sie nicht erfüllen können. Sie sind ganz normale Menschen, mit Stärken und auch Schwächen. Ein entzauberter, normaler zu Guttenberg würde den Normalzustand der Demokratie wieder herstellen.

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123 Kommentare

1) orlando, Sonntag, 20. Februar 2011, 12:00 Uhr

Was an der ganzen Sache bezeichnend ist: Es wirft ein Licht auf unsere Gesellschaft und das, was die meisten von uns für wertvoll und erstrebendwert halten. Wir versuchen uns selber vorteilhaft zu verpacken, also als mehr zu scheinen, als wir sind (jünger, klüger, sensibler, sozialer etc.), und wir sind genauso geneigt, anderen ihre Fassade abzukaufen und für die Wahrheit zu halten. Es wird eine Projektion erzeugt, z.B. ein Politiker, der stark, unabhängig, ehrlich, durch und durch anständig ist, der sich für die gute Sache verzehrt, dem nur eines am Herzen liegt, wie kann ich jeden Tag die Welt ein bisschen besser machen. Und der frei von dem ist, was wir jeden Tag fast 24 Stunden lang machen: Die Anerkennung der anderen zu suchen, indem wir versuchen, ihnen ein bestimmtes Bild von uns aufzuprägen.

Wir erhoffen uns was davon, nämlich, dass es uns besser geht, wenn die anderen uns mögen und für toll halten. Dass es uns nützen wird, dass es uns Sicherheit geben wird, und dass uns die Liebe und Anerkeunng von außen glücklich machen wird. Und es ist der worst case (siehe z.B. zu Guttenberg), wenn unsere Fassade bröckelt, wenn unsere kleinen und großen Lügen durchschaut werden. Dann reagieren wir fast immer mit neuen Lügen, leugnen alles und sehen uns als Opfer. Wir verteidigen uns bis zum letzten Blutstropfen. Dabei ist oft Ehrlichkeit das einzige, was uns echt Anerkennung, vor allem auch die eigenen (und nicht ist wertvoller als das) bringen kann. Man muss keine Angst mehr haben, aufzufliegen, weil man aufgehört hat, Theater zu spielen, zu lügen, zu posieren, um Anerkennung zu betteln. Es macht uns frei, wir selber zu sein, das was man so gern authentisch nennt, und es macht den anderen frei, uns nicht zu mögen und nicht das Theater mitspielen zu müssen (ich tu so, als ob ich dich mag, damit du das tust, was ich will, zu meinem Nutzen. Und ich werde wie ein Kaufmann aufrechnen, was ich ihm oder er mir schuldet). Ich denke, es ist eine EInladung an uns alle, nachzuschauen, wo wir den Guttenberg machen, uns rauswinden, betrügen, zu dick auftragen, uns Sachen erschwindeln unter Vorspiegelung falscher Tatsachen. Ich hab innerhalb von Sekunden viele Beispiele in meinem Leben gefunden.

Und ich will zu Guttenberg nicht entschuldigen – im Gegenteil. Wenn er betrogen hat, dann soll er die Konsequenzen tragen. Und es wir passieren, was passieren soll. Vielleicht lernen wir, dass wir mehr hinter dien Fassaden schauen und nicht nur das sehen in den Politiker oder Stars, was wir gerne sehen wollen. Die Wahrheit ist: keiner ist besser als wir. Alle verfolgen ihre eigenen Ziele. Alle sind im Kern unglücklich und schmieren nur Kleister drüber. Und ja aufgeblasener die Worte sind und je mehr das offenbare Glücklichsein zu Schau gestellt wird, um so mehr kann man davon ausgehen, dass es Lügen sind.

2) T.D., Sonntag, 20. Februar 2011, 12:17 Uhr

Das Schlimmste an der Sache ist, dass es dem Freiherrn nicht einmal unangenehm ist, dass er sich einfach des Geistigen Eigentums anderer Autoren bedient, ohne es richtig zu kennzeichen. Dementsprechend kam seine Entschuldigung auch nicht als wirkliches Bedaueren rüber. Es war auch kein Anzeichen der Reue zu spüren. Daher sollte jeder Entschuldigung, die nur als Floskel verwendet wird, folgerichtig als „Guttenberg-Entschuldigung“ bezeichnet werden. Eben eine rhetorische Floskel, mit deren Hilfe man sich lästige Nachfragen erspart.

Und noch was. Anscheinend steht zwei Drittel der Bevölkerung hinter zu Guttenberg und möchte keinen Rücktritt. Aber das sind sicherlich die Menschen, die zum einen überhaupt nicht mit dem Anforderungen der wissenschaftlichen Praxis vertraut sind oder zum anderen fleissig Lieder, Filme etc. aus dem Netz laden und dabei auch fleißig das Geistige Eigentum Dritter klauen.

3) dsozet, Sonntag, 20. Februar 2011, 12:23 Uhr

Wer noch bei der Doktorarbeit unwissentlich fehlerhaft arbeitet oder “kleine“ Plagiate als übersehbare Fehler abtut, hat Wissenschaft nicht verstanden und verdient damit auch keine wissenschaftliche Titel. Besonders solch exponierten Menschen wie Guttenberg empfehle ich gute Korrekturleser. Wenigstens die hätten die Fehler merken müssen und Guttenberg darauf hingewiesen, wann der innere Schweinehund zu gross war, um akribisch genug zu arbeiten.
Und als Politiker lohnt es sich ja wohl, genauso akribisch mögliche die Karriere beschmutzende Handlungen zu unterlassen. Vielleicht fehlt Guttenberg genau die nötige Akribie, um seinen politischen Gegnern und Neidern kaum Angriffsfläche zu bieten. Tefflon-Merkel macht’s vor.

4) Kathrin Brunner-Schwer, Sonntag, 20. Februar 2011, 13:05 Uhr

summa um laude oder copy&paste: Sonst hat Deutschland keine Probleme?

5) Sabine Zielke-Esser, Sonntag, 20. Februar 2011, 15:15 Uhr

Haltet Euch nicht allzu lange an Herrn zu Guttenberg fest. Die Kernfrage ist doch: Wie konnte er damit durchkommen, warum ist er erst jetzt aufgeflogen? Ich sehe keinen Unterschied zwischen Gammelfleisch, das uns untergeschoben wird, und getürkten Dissertationen. Kriegen wir noch den Hintern hoch, um am SYSTEM etwas zu ändern?
Werden jetzt alle (vorhandenen und zukünftigen) Doktorarbeiten gescannt? Welche Konsequenzen zieht die Universität Bayreuth? Oder läuft das wieder so wie im letzten Lebensmittelskandal: Wir regen uns auf und essen drei Tage keine Eier.
Oder wie bei der Bayerischen Landesbank? Oder wie bei den Lehman-Papieren? Nach der Finanzkrise 2008 sagte Frau Merkel vor dem Bundestag: „Wir werden hart durchgreifen.“ Mein Gott, sie hat nicht einmal mit Wattebällchen geworfen!

6) djh, Sonntag, 20. Februar 2011, 16:06 Uhr

ich empfinde es als grotesk, dass wir hier über die Anzahl der abgeschriebenen Halbsätze in einer Doktorarbeit diskutieren. Selbst wenn er sich die Doktorarbeit hätte schreiben lassen schadet das der Bundesrepublik nicht! Ich möchte erst gar nicht wissen wie viele Kokain konsumierende Politiker in Berlin in Ihrer Doktorarbeit ähnliche „Fehler“ zu verzeichnen haben. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, eine Doktorarbeit sollte alle an Sie gestellten Anforderungen erfüllen!

Man spricht von Rücktritt, lächerlich! Herr Beck versenkt Millionen am Nürburgring und schadet damit dem deutschen Steuerzahler massiv! Da wird ein Projekt aus dem Boden gestampft was von vornherein zu Scheitern verurteilt ist und hier schreit keiner nach Rücktritt!

Haben wir nicht andere Probleme in Deutschland als die Fußnoten in einer Doktorarbeit?

Wo wollen wir denn zukünftig den politischen Nachwuchs noch herbekommen?

Mit freundlichen Grüßen

djh

7) JB, Sonntag, 20. Februar 2011, 16:30 Uhr

Als jemand, der selbst mitten in den Mühen einer Doktorarbeit steckt, interssiert mich dieses Thema zur Zeit besonders. Dass bereits die Einleitung nicht aus eigenen Geistesblitzen stammt, ist mehr als peinlich und lässt anderes vermuten. Unkommentierte Vorlage von Dritten? Dies zuzugeben würde eine unmittelbare Abdankung zur Folge haben … und deshalb wird dies nicht passieren.

Jedoch plädiere ich für Fakten und nicht für Spekulationen. Deshalb: „in dubeo pro reo“. Dass jedoch zumindest die Einleitung in dieser Form keine Eigenleistung darstellt, ist Fakt.

8) Nrwbasti, Sonntag, 20. Februar 2011, 17:15 Uhr

Hallo Herr Spreng,
wieso kann Herr Guttenberg nicht Minister bleiben, wenn er seinen Doktortitel zurück gibt bzw. verliert? Ich finde, man sollte dies nicht miteinander vermischen. Über eine Reaktion Ihrerseits würde ich mich freuen.

Beste Grüße

9) EStz, Sonntag, 20. Februar 2011, 17:26 Uhr

Helmut Kohl hat auf illegale Weise Millionen Wahlkampfspenden eingestrichen und für sich persönlich eingesetzt (für den eigenen Wahlkampf und den der willfährigen Genossen), und gilt vielen noch als Ehrenmann, weil er sein gegebenes Wort nicht hielt und die Bestecher nicht nannte. Guttenberg puzzelt sich seine Doktorarbeit zusammen (oder ließ zusammenpuzzeln), und bleibt im Amt. Gerhard Schröder betrieb den Russen gegenüber willfährige „Enegiepolitik“ und lässt sich anschließend auf eine hoch dotierte Position einstellen (nur eine sehr, sehr kleine Auswahl).

Jeder Schüler, der fremde Leistungen als seine eigenen ausgibt, wird je nach Schwere bis zum Schulverweis bestraft; jeder Arbeitnehmer, der in seinem Lebenslauf lügt (wie Guttenberg bei seiner „Berufserfahrung“), kann entlassen werden. Woanders werden Angestellte fristlos gefeuert, weil sie eine beschädigte, vom Filialleiter in den Müll geworfene Packung Klopapier mit nach Hause nahmen. Oder ein Autofahrer wird von einem Gericht verurteilt, weil sein Wagen nach dem Handzeichen eines Grenzbeamten eine Handbreit über den weißen Haltestrich ragte und nicht umgehend um diesen einen Handbreit zurückgesetzt wurde. Irgend etwas stimmt hier nicht mehr.

Ich hab das Gerede so satt, dass Politiker „auch nur Menschen“ sind. Wenn dem so ist, sollen sie sich nicht nur so verhalten (was – von mir aus – Lug, Betrug, Bestechlichkeit, Veruntreuung etc einschließt), sondern auch so behandeln lassen. Das bedeutet je nach Vergehen Aberkennung der Ehrentitel, Entlassung, Verlust der Pension, Leistung von Schadensersatz, Gefängnisstrafe etc.

@ Karel: Vielen Dank für den Link (selbst wenn ich mich nach dem Lesen nun wirklich nicht besser fühle). Bitter, wenn man das alles mal so zusammenträgt …

10) Peter Christian Nowak, Sonntag, 20. Februar 2011, 17:52 Uhr

@Wertkonservativerliberaler

°°Was läuft da schief mit der “Besten”-Auswahl für hohe Regierungsämter? Ist ein Mitdreißiger, der keinerlei “natürliche” Autorität durch Berufserfahrung erworben hat, geeignet, erst in das Amt des Wirtschaftsministers (Qualifikation = Geschäftsführer einer firmeneigenen GmbH mit drei Mitarbeitern), dann des Verteidigungsministers gehypt zu werden? Um dann Autorität und Führungsstärke dadurch zu simulieren, indem er ranghohe Mitarbeiter vorschnell entlässt oder suspendiert (Kunduz-Affäre, Kapitän Gorch Fock) ? So etwas kann doch nicht funktionieren!°°

Schief läuft, daß es offenbar nicht möglich ist, fähige und kompetente (Fach)leute für politische Ämter zu begeistern.
Parteiräson und Ideologie geht vor wissenschaftlicher Empirie.

Ernstzunehmende Wissenschaftler hüten sich davor, von karrieregeilen Aparatschiks in den Parteien verbrannt zu werden.
Welch ein glück! So kann auch z.b. ein Brüderle Wirtschaftsminister werden und muß Konkurrenz nicht fürchten.
Für die Verantwortlichen funktioniert Politik phantastisch, wie ich zuweilen in Bundespressekonferenzen erleben darf…nur nutzt die nix der Bevölkerung.

11) mac4ever, Montag, 21. Februar 2011, 00:02 Uhr

Die Beliebtheit dieses Blenders trotz offensichtlichen Betruges gehört für mich in die Ecke des Yellow Press-Adelsinteresses.

12) theo, Montag, 21. Februar 2011, 10:48 Uhr

Wenn die Uni Bayreuth KT mit einem blauen Auge davon kommen lässt, dann dürfte diese Uni in den kommenden Jahren ein massives Problem damit bekommen, irgendwelche Verfehlungen von Studierenden konsequent und wissenschaftsüblich ahnden zu können. Das wäre ein Präzedenzfall, der den Ruf dieser Uni erheblich beschädigen würde. Dann hätte sich die Uni Bayreuth mit eigener Kraft in eine höhere Parteischule verwandelt.

13) Jeff Kelly, Montag, 21. Februar 2011, 12:03 Uhr

Die Uni Bayreuth bezeichnet sich selbst als „Harvard Bayerns“, sie mag zwar im „bayrischen Hinterland“ liegen hegt aber Ansprüche eine „Exzellenzuniversität“ zu werden und genießt, gerade in Jura bisher einen exzellenten Ruf.

Die werden den Teufel tun und Guttenberg den Titel aberkennen. Der Ruf des Doktorvaters und der an der Prüfungskommission beteiligten Professoren wäre ruiniert und das Dekanat der Uni wissenschaftlich blamiert, das wird niemand zulassen.

Der Vergleich mit Strauß hinkt. Strauß hat nie zu verstecken versucht dass er ein skrupelloser Hund ist. Unter anderem deswegen wird er in Bayern selbst heute noch respektiert.

Meistens beginnen Gespräche über Strauß selbst heute noch mit den Worten: „A‘ Hund war er ja scho‘, der Strauß, aber…“

14) Minimum, Montag, 21. Februar 2011, 12:27 Uhr

Mich bestürzt, dass gerade Konservative, die doch so viel Wert legen auf Titel, Haltung und Würde, leichtfertig das zweifelsfreie Vergehen des KTzuGuttenberg zu bagatellisieren versuchen. Ihnen kann doch die Doktorwürde nicht so wenig wert sein, dass sie diese lieber beschädigen lassen (und das ist hier der Fall) als einen der ihren zu kritisieren? Ich hatte bislang immer große Hochachtung vor der Leistung, promoviert zu haben. Muss ich umdenken?

Zu der Benotung „summa cum laude“ möchte ich zwar der Uni Bayreuth nicht zu nahe treten, aus der Erfahrung vieler Jahre halte ich jedoch für denkbar, dass sie aus dem Ansehen der Person resultiert. Wäre es nicht sinnvoller, derartige Arbeiten anonymisiert zu beurteilen?

15) Jablonski, Montag, 21. Februar 2011, 13:52 Uhr

In einem Artikel zur Causa zu Guttenberg in der Rheinischen Post in der vergangenen Woche stieg der Autor ein mit einem Bild aus einer beliebigen Kabinettssitzung aus den vergangenen Wochen: (sinngemäß wiedergegeben) „Die Sitzung beginnt und es erscheinen Dr. Merkel, Dr. Westerwelle, Dr. Schäuble, Dr. Rösler, Dr. von der Leyen,… – nur Brüderle und Niebel kommen ohne Doktortitel.“

Ich habe den Großteil der 99 vorangegangenen Kommentare ganz und den Rest quer gelesen; in den meisten wird – wie derzeit im Großteil der Presse – über die wissenschaftlichen und moralischen Verfehlungen von zu Guttenberg und über dessen Verlust an Glaubwürdigkeit gesprochen. Nur vergleichsweise wenige (in der Blogosphäre einige mehr) diskutieren den Umstand, dass es „ausgerechnet“ zu Guttenberg aus einer großen Riege promovierter A-Politiker „getroffen“ hat – ausgerechnet den demoskopisch beliebtesten Minister des Landes. Ganz wertneutral: Das kann nicht ganz ohne Zusammenhang bleiben. Sollte es diesen tatsächlich geben, halte ich die damit verbundenen mindestens moralischen Verfehlungen für wesentlich nachdenkenswerter und bezeichnender für unsere politische Kultur als die Fehler zu Guttenbergs.

Sage ich, der sich in seiner Magisterarbeit mit dem Thema „politisches Bargaining“ befasst hat und seitdem nur noch selten nachdenklich wird.

16) Benjamin, Montag, 21. Februar 2011, 14:47 Uhr

Eine Farce war die „Anne Will“ Sendung gestern: Hohlmeier spult die zu erwartenden Standardsprüche ab („Fehler“ statt offensichtlichen Fehlverhalten, wenn nicht bewussten Betrug – außer es saß doch ein Ghostwriter parat), Wedel (warum sitzt er dort?) sieht ´schon die frühneuzeitliche Inquisition am Werk, wenn man berechtigte Aufklärung fordert. Jörges, dem ich nicht immer zustimmte, brachte die Sachlage aber auf den Punkt . Es stellt sich bei den ganz offensichtlich übernommenen (etwas anderes beim direkten Textvergleich zu behaupten, ist unredlich und verfälschend) und nicht kenntlich gemachten Stellen die Charakterfrage, denn eine wissenschaftliche Arbeit – das wird jeder bestätigen, der dies mal auf sich genommen hat – ist eine sehr persönliche Angelegenheit. Eine summa cum laude Diss schmückt zudem durchaus. Sollte Bayreuth die Angelegenheit unter den Tisch kehren („Guttenberg-Bonus“ + politischer Druck und die Angst in Bayreuth, sich eine Blöße zu geben), stellt sich nicht nur die Frage nach dem Wert einer Promotion, sondern auch dem Rang von wissenschaftlicher Arbeit und der Unabhängigkeit der Hochschulen in diesem Prozess. Deutlicher als in der Sendung machte dies auch Prof. Freise im anschließenden Chat notwendig – an den Hochschulen wird das so oder so noch nachwirken, da darf man sicher sein.

Hätte sich Guttenberg am Freitag hingestellt und nicht nebulös von Fehlern (die sicherlich passieren können, keine Frage, aber das hier ist ein anderes Kaliber), sondern von Verfehlungen gesprochen, die Verantwortung für mangelhafte Sorgfalt und eine nicht adäquate Arbeitsweise übernommen (samt einer dann fälligen Aberkennung) – das wäre respektabel gewesen. So wird er Stück für Stück demontiert – nicht aufgrund einer angeblichen Kampagne, sondern aufgrund eigener Schuld, weshalb er ja auch Nerven zeigt. Er macht sich, wenn es so weiter geht, zu einer unglaubwürdigen und charakterlich zweifelhaften Figur, trotz seiner Popularität in der Bevölkerung – obwohl er doch auch politisch bisher substantiell nichts vorzuweisen hat. Ich hätte einen Rücktritt im Fall eines glasklaren Bekenntnisses zu seinen Verfehlungen und einem ehrlichen Schuldeingeständnis für nicht zwingend gehalten. Wenn es so weiter geht, wäre es wünschenswert, doch die Union wird ihr bestes Pferd sicher nicht aus dem Verkehr ziehen – aber vielleicht kommt es noch selbst zu Fall.

17) RichardT, Montag, 21. Februar 2011, 14:55 Uhr

ich bin kein Akademiker, deshalb frage ich mich ob denn so eine Doktorarbeit nicht geprüft wird.
Sollte nicht der prüfer auch eine Verantwortung tragen?
Was machen eigentlich die Doktorväter? Nur auch auf dem Titelblatt erscheinen auf daß vom Ruhm des Doktoranden auch etwas auf sie abfällt?

Noch eines ist sehr auffällig, nämlich wie die presse reagiert. Wie wenig und wenn dann meist belustigt wurde über J.Fischers polizistenverprügelei berichtet.
Da hat auch nie einer festgestellt ein Mann mit so einer vergangenheit wäre untragbar.
Nur beim beliebtesten Minister der CDU, da regen sich plötzlich alle auf.

18) Peter Christian Nowak, Montag, 21. Februar 2011, 15:04 Uhr

Vielleicht ist so eine Paradeherkunft, wie sie Karl-Theodor zu Guttenberg vorweisen kann, nicht immer hilfreich für eine geordnete Persönlichkeitsentwicklung – oder mit anderen Worten: Die Herkunft aus einem Adelsgeschlecht kann dazu führen, dass man die Bodenhaftung verliert. Eitelkeit, Verwöhntheit, wirklich nie unter Druck zu stehen, weder unter existentiellem noch unter materiellem, all das können Gründe sein, warum Herr zu Guttenberg sein Ansehen an die Wand gefahren hat. Mitnichten hat er mit einem Absturz ins normale Jämmerliche gerechnet.
Was bleibt sind herabfallendeTrümmer vom Sockel einer hochgeschriebenen Persönlichkeit, irreparable Flecken, die keine Reinigung mit Hilfe des Fleckentferners BILD mehr herausbekommt. Einige in der Bevölkerung mögen sich „Royals“ in die Politik gewünscht haben, wenige aber haben die Gefahren erkannt, die sich mit Idolen im Allgemeinen verbinden. Auch das Volk war und ist blind vor Freude, vergibt Vorschusslorbeeren, endlich einen echten, wahrhaftigen, rhetorisch eloquenten, noch dazu adligen Kanzlerkandidaten gefunden zu haben. Und nun wollen sie nicht wahrhaben, daß es sich hierbei um eine stinknormale Person handelt, die nicht besser und nicht schlechter ist, als die schon gehabten.
Das Volk ist so wenig ehrlich, wie es Herr zu Guttenberg ist, weder zu sich, noch zu ihren sogenannten „Werten“, noch gesteht es seinem Idol zu, Ehrlichkeit zu praktizieren. So konnte sich aus zu Guttenberg eine Schimäre des Anstandes und der Rechtschaffenheit entpuppen, ein erwiesener Phantomas in einem Traum. Aus der Traum. Die Enttäuschung darüber ist wohl größer, als das Plagiat. Und das ist schon groß genug.

19) Lord Ganesha, Montag, 21. Februar 2011, 15:32 Uhr

Da kann ich nur staunen, ob des gelungenen Brandings von Hrn v&z Guttenberg – denn objektiv betrachtet ist er ein Politiker wie leider jeder andere auch!
Liest du hier FAZ vom Sonntag:
http://www.faz.net/s/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1/Doc~E077FB93A734442E0B1767418E542CFFD~ATpl~Ecommon~Scontent.html

20) Lars, Montag, 21. Februar 2011, 15:38 Uhr

Herr Spreng,
Sie schreiben: „Ein entzauberter, normaler zu Guttenberg würde den Normalzustand der Demokratie wieder herstellen.“
Ich sehe das anders. Die Causa Guttenberg hat schon jetzt Schaden verursacht. Und zwar deshalb, weil der Vorgang allen Stammtisch-Philosophen recht gibt: Die Politiker würden nur ihre Privilegien auskosten, die da oben können machen, was sie wollen, etc…
Stammtisch-Parolen werden wahr. Futter für die Politikverdrossenen. Das beschädigt die Demokratie, nicht erst bei einem möglichen Rücktritt Guttenbergs, sondern schon jetzt. Das ist unumgänglich – Guttenberg selbst würde wahrscheinlich sagen: alternativlos.
Ich habe darüber auch hier gebloggt: http://bit.ly/dK55SN

21) Reinard Schmitz, Montag, 21. Februar 2011, 18:06 Uhr

Ein offensichtlicher Betrüger ist also ein ganz normaler Mensch? Wo leben wir eigentlich.?

22) Feliks_Dzerzhinsky, Montag, 21. Februar 2011, 18:19 Uhr

Man muss aber anerkennen, dass er weite Kreise der Beölkerung hinter sich hat, die deutlich fordern:
Uneingeschränkte Solidarität mit Dr. zu Guttenberg!</

23) EStz, Montag, 21. Februar 2011, 21:32 Uhr

@ Feliks Dzerzhinsky

>>Man muss aber anerkennen, dass er weite Kreise der Beölkerung hinter sich hat.

Traurig, aber wahr.

Wenn zu Guttenberg in seine Doktorarbeit das eine oder andere Zitat benutzt und eingebaut hätte, und die Kennzeichnung wäre einfach nur „vergessen“ worden, hätte er durchaus mein stirnrunzelndes Verständnis.

Dass aber diese Zitate nicht nur ungekennzeichnet blieben, sondern auch in ihrer Formulierung so „passend“ verändert wurden, dass sie mit schlichten Suchfunktionen als Zitate nicht auf den ersten Blick zu entdecken sind, kann kein Zufall mehr sein – erst recht nicht in dieser Häufung.

Auf frischer Tat ertappt. Ein Lügner ist ein Lügner, und ein Betrüger ist ein Betrüger, auch mit blauen Augen und einer schnittigen Frisur.

Alles andere könnte ich meinen Kindern auch nicht mehr erklären….

24) Benjamin, Montag, 21. Februar 2011, 22:03 Uhr

Er haben fertig?

Der Dr, Guttenberg war jedenfalls einmal: http://www.sueddeutsche.de/politik/plagiatsvorwuerfe-gegen-guttenberg-sag-dem-titel-leise-servus-1.1063178

Das wird jetzt sicherlich in der Union Wellen schlagen – und viele werden sagen: „Warum nicht schon am Freitag?“ Mal sehen, ob er sich noch einmal rauswinden kann…

25) Jan, Montag, 21. Februar 2011, 23:02 Uhr

Und Guttenberg verschleiert immer noch… sein scheinbar so ehrlich zerknirschter Auftritt ist wieder eine einzige Lüge.

Er fabuliert wieder von „Fehlern“, die seine Dissertation enthalte, er behauptet, er habe „den Überblick verloren“…
Es geht nicht um Fehler (obwohl sich sicherlich die Frage stellen wird, ob auch sachliche Fehler in seiner Dissertation enthalten sind).
Es geht um teilweise seitenlange Plagiate, die gezielt verschleiert und unkenntlich gemacht wurden.

Wie dieser Mann sich auch jetzt noch vor jedem Anflug von Verantwortung drückt, ist ekelerregend.

Und es ist jetzt schon absehbar, dass er gute Chancen hat, mit diesem feigen, rückgratlosen Lavieren auch noch durchzukommen.

Widerwärtig. Er sollte eine WG mit Berlusconi aufmachen. So etwas wie Moral scheinen beide für etwas unnötiges zu halten.

26) Wismariscaling, Freitag, 22. April 2011, 16:05 Uhr

nu is ja jut

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