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Minister Vorübergehend

Einen Doktortitel trägt man zu Recht oder zu Unrecht. Es gibt keine Grauzone. Man kann deshalb auch nicht vorübergehend auf die Führung des Doktorgrades verzichten, wie es Karl Theodor zu Guttenberg jetzt angekündigt hat, so wie man auch nicht vorübergehend auf seine Ehre und Reputation verzichten kann. 

Wie sollte das auch funktionieren? Lässt der Verteidigungsminster jetzt vorübergehend alle Briefbögen und Visitenkarten schwärzen, die Türschilder austauschen, den Internetauftritt ändern? Das ist Nonsens, ein Entlastungsversuch, der ins Groteske abgleitet.

Die Frage ist einzig und allein: Hat zu Guttenberg so viele fremde Texte in seine Doktorarbeit ohne korrekte Quellenangabe aufgenommen, dass insgesamt von einem Plagiat gesprochen werden kann? Oder waren es nur vereinzelte  “Fehler” (so zu Guttenberg) oder nur vereinzelter geistiger Diebstahl? Aber auch das bliebe ein Plagiat, selbst dann, wenn ihm der Doktortitel erhalten bliebe.  

Zu Guttenbergs Entlastungsversuch, vorgetragen vor handverlesenen Journalisten, geht ins Leere. Er hat einen Weg eingeschlagen, den es nicht gibt. Wer die ersten Absätze der Einleitung  einer Doktorarbeit von anderen Autoren ohne Quellenangabe wörtlich übernimmt, hat zumindest seinen akademischen Ruf verspielt. Denn die Einleitung muss zwingend Teil der originären wissenschaftlichen Arbeit sein. Bei einzelnen Texten im Verlaufe der Untersuchung mag das Zitieren ohne Quellenangabe eine lässliche Sünde sein, als “Fehler” durchgehen, nicht aber in der Einleitung. 

Das heisst: selbst dann, wenn zu Guttenberg der Doktortitel nicht aberkannt würde, bliebe er im Kern beschädigt. Seine Glaubwürdigkeit, seine  Ehrlichkeit, seine vielbeschworene geistige Unabhängigkeit haben dramatisch gelitten. Er hat so viel von seinem moralischen Stammkapital verzehrt, dass er der politischen Insolvenz nahe gekommen ist. Daran ändert auch seine Entschuldigung (“Es tut mir aufrichtig leid”) nichts. Wer sich als der andere Politiker inszeniert, der wird auch mit anderen, höheren moralischen Maßstäben gemessen als zum Beispiel ein Franz Josef Strauß.

Das Urteil spricht jetzt die zuständige Universität. Sollte zu Guttenberg der Doktortitel aberkannt werden, dann wäre auch seine politische Karriere beendet. Dann wäre er nur vorübergehend Minster gewesen. Sollte er den Doktortitel behalten, dann wäre der künftige zu Guttenberg ein völlig anderer als der bisherige: Ein sehr normaler, ein fast zu normaler Politiker, kein vermeintlicher Heilsbringer mehr. Und einer, der das schöne Wort Demut entdecken müsste.

Aber das wäre für das politische System ein Vorteil, weil eine Projektionsfläche für die Wähler entfiele, die von ihren Politikern etwas verlangen, was sie nicht erfüllen können. Sie sind ganz normale Menschen, mit Stärken und auch Schwächen. Ein entzauberter, normaler zu Guttenberg würde den Normalzustand der Demokratie wieder herstellen.