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Guttenbergs Befreiungsschlag

Karl Theodor zu Guttenberg versucht mit einem Befreiungsschlag die Handlungshoheit über sein politisches Schicksal zurückzugewinnen. Nur so ist sein überraschender Verzicht auf seinen Doktor-Titel zu erklären. Erst räumte er nur einzelne Fehler ein, jetzt „peinliche und gravierende“. Erst entschuldigte er sich halbherzig, im Grunde gar nicht, jetzt „von Herzen“. Erst waren die Vorwürfe wegen seiner Dissertation „abstrus“, dann gab er den Titel „vorübergehend“ zurück, jetzt der endgültige Verzicht. 

Immer neue und zu viele Plagiatsvorwürfe und sein misslungenes Krisenmanagement in eigener Sache dürften den Ausschlag gegeben haben. Zu Guttenberg wurde zum Getriebenen, war nicht mehr Herr seines politischen Schicksals. Mit seiner Erklärung vor ausgewählten Journalisten hatte er die Universität Bayreuth zum Schicksalsgott bestimmt – ein Fehler, den er jetzt korrigiert. Ihm muss klargeworden sein, dass die Aberkennung der Doktorwürde und damit sein Sturz sonst unabweichlich geworden wären.
 
Der Fall zu Guttenberg ist einer der spannendsten Skandale seit vielen Jahren – so wie er einer der ungewöhnlichsten und charismatischsten Politiker seit vielen Jahren ist. Gelingt es ihm, getragen von ungebrochener Popularität in der Bevölkerung, seinen Kopf aus der sich täglich verengenden Schlinge zu ziehen? Es könnte klappen, auch wenn es vielen nicht passt. Sein Schutzschild ist seine anhaltende und für die CDU/CSU unverzichtbare Popularität.

„Superstar“ und „Popstar“ wurde er oft genannt und genauso wie ein Popstar hat er Millionen Fans, die an ihrem Idol unbeirrt festhalten. Je heftiger die Vorwürfe, um stärker scharten sich die Fans um ihn: Wir lassen uns unseren Guttenberg nicht kaputtmachen. Das hat wie bei jedem Starkult irrationale Züge, das mag man erschreckend finden, aber es ist ein Faktum. Der Starkult immunisiert zu Guttenberg offenbar gegen die Kritik der Medien und der Opposition und gegen die Neider in den eigenen Reihen. 

Die politische Kultur in Deutschland hat eine neue Entwicklungsstufe genommen. Die Entmachtung der – je nach Standort – öffentlichen oder veröffentlichten Meinung schreitet voran.

Die Entwicklung der Popstars zeigt: Am gefährlichsten wird es für die Idole, wenn ihnen neue Superstars die Fans abspenstig machen. Dann stürzen Showgötter. Diese Gefahr droht zu Guttenberg nicht, denn in der Politik ist weit und breit kein neues Idol in Sicht. Das ist seine Chance.