Sonntag, 06. März 2011, 12:54 Uhr

Die Methode Kohl

Von Helmut Kohl lernen, heißt zu lernen, was brutale Machtpolitik ist. Auch er hatte einen Verteidigungsminister, der nach den Regeln des politischen Anstandes hätte zurücktreten müssen. Er hieß Manfred Wörner, ein schneidiger Typ, beliebt in der CDU und bei den Wählern, wenn auch kein Popstar wie Karl Theodor zu Guttenberg.

Wörner verstrickte sich 1983/1984  in eine unglaubliche Affäre. Er versetzte einen angesehenen Vier-Sterne-General in den Ruhestand, weil ihm amerikanische NATO-Diplomaten und die CIA mitgeteilt hatten, General Günter Kießling sei homosexuell und ein Sicherheitsrisiko, weil er sich in einschlägigen Kölner Bars herumtreibe. Er sei deshalb erpressbar. 

Als der Kölner „Express“ aufdeckte, dass Kießling mit einem Doppelgänger („Günter von der Bundeswehr“) verwechselt worden war, empfing Wörner im Ministerium dubiose und kriminelle Männer aus dem Milieu, die angeblich bezeugen konnten, dass es doch Kießling war. Als sich dies als freie Erfindung herausstellte und Wörner den General rehabilitieren musste, war er reif für den Rücktritt. 

Wörner bot den Rücktritt auch an, Kohl aber lehnte ab und hielt den moralisch und politisch gescheiterten Verteidigungsminister im Amt. Kohl erreichte damit zweierlei: er entmachtete die öffentliche Meinung und er hatte fortan einen handzahmen Minister, der ihm als möglicher Rivale nie mehr gefährlich werden konnte.

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13 Kommentare

1) Wolf, Sonntag, 06. März 2011, 14:39 Uhr

Mit hoher Wahrscheinlichkeit war auch zu Guttenberg erpressbar. Es würde mich wundern, wenn dessen Dissertation nicht längst vor der Arbeit der Guttenplag-Wiki-Leute vom amerikanischen Geheimdienst seziert wurde, inklusive der Aufdeckung eventueller Ghostwriter, so dass man sich einen via Atlantik Brücke gut konditionierten handzahmen Minister heranzog. Nun wurde diese jahrelange Aufbau-Arbeit duch die Schwarmintelligenz ‚des Internet‘ zunichte gemacht oder wenigstens auf lange Zeit gestört.

Um weiterhin bequem durchregieren zu können wird an einer Parzellierung und Abschottung ‚des Internet‘ gearbeitet, mit namentlichen Zugangsberechtigungen, Datenverfallsverpflichtung und alten Sanktionsmaßnahmen, die bereits während der 400jährigen Zeitungsgeschichte in Europa praktiziert werden. China ist nur das erste Land, das eine digitale Umsetzung solcher Zensurmaßnahmen probiert. In Demokratien ist es natürlich etwas schwieriger, die Bevölkerung für solche Zensurmaßnahmen zu gewinnen. Ich befürchte, dass es mit den richtigen Schlagworten (Kriminalität, Tettorismus, Kinderpornografie) und geeigneten Massenmedien vermutlich gelingt.

2) stan, Sonntag, 06. März 2011, 14:57 Uhr

„Kohl erreichte damit zweierlei: er entmachtete die öffentliche Meinung und er hatte fortan einen handzahmen Minister, der ihm als möglicher Rivale nie mehr gefährlich werden konnte.“

Diese Logik verstehe ich nicht, Herr Spreng: Hätte Kohl den Minister entlassen, wäre er ihn als Rivalen doch ebenfalls los geworden. Was als war der Mehrwehrt, ihn im Amt zu belassen?

3) Wolf, Sonntag, 06. März 2011, 15:28 Uhr

@stan Ein handzahmer Minister ist ein Idealfall, denn er lässt sich uneingeschränkt manipulieren. Zwei Fliegen mit einer Klappe: Man ist den Gegner los und zweitens nicht dem Risiko einer Neubesetzung des Postens ausgesetzt. Falls ein neuer Amtsinhaber keine Leichen im Keller haben sollte, verliert man sehr leicht die Kontrolle über dessen Handeln.
Wahrscheinlich sind Leichen in den Kellern gewisser Amtsinhaber die zwingende Voraussetzung für deren Ernennung. Deswegen kontrollieren sich bereits auf kommunaler Ebene Amtsinhaber und Kandidaten gegenseitig. Wer heute noch an Altruismus in der Politik glaubt, lebt auf einem anderen Stern.

4) Kleinohh, Sonntag, 06. März 2011, 16:04 Uhr

Damals konnte man das öffentliche Meinungsbild einfacher kontrollieren. Durch das Netz kann sich heute auch Meinung artikulieren, die in der Bonner Republik noch weggekungelt und totgeschwiegen wurde

5) Ste, Sonntag, 06. März 2011, 17:12 Uhr

noch ein alberner grund die CDU wirklich niemals zu wählen.

6) Patrick, Sonntag, 06. März 2011, 18:16 Uhr

@stan

„Diese Logik verstehe ich nicht, Herr Spreng: Hätte Kohl den Minister entlassen, wäre er ihn als Rivalen doch ebenfalls los geworden. Was als war der Mehrwehrt, ihn im Amt zu belassen?“

Wäre Wörner entlassen worden, hätte dafür ein Anderer nachrücken müssen (wie es jetzt Friedrich als Innenminister getan hat). Wörner hätte Kohl zwar nicht mehr gefährlich werden können, sein Nachfolger hingegen schon. Posten sollte man halt immer möglichst mit Leuten besetzen, die einem noch einen Gefallen schulden. Nicht umgekehrt.

7) Maitol Krczstovczc, Sonntag, 06. März 2011, 19:20 Uhr

@stan
Den Rivalen vielleicht schon. Aber auch einen möglichen Neuen Rivalen hätte er ja dann auch wieder. Lieber ein handzahmer Minister mit „Vergangenheit“ als ein Neuling mit Zielen und schlimmer noch, mit Visionen.

8) Marius, Sonntag, 06. März 2011, 19:21 Uhr

@stan: Ich denke mal das war für Kohl strategisch besser einen handzahmen Minister zu haben als sich mit einem (unbekannten?) Nachfolger eventuell neue Probleme (Konkurrenz) einzuhandeln.

9) ariane, Sonntag, 06. März 2011, 19:29 Uhr

@Stan
Na er hätte dann einen beliebten Minister weniger und das Kabinett hätte auch umgebildet werden müssen.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass Angela Merkel die gleiche Idee hatte. Guttenberg dabeihaben und von seiner Beliebtheit profitieren (gleichzeitig eine Kabinettsumbildung vermeiden) und sicher sein können, dass er weder zu vorlaut wird noch ernsthaft eine Gefahr darstellt.

10) textkoch, Montag, 07. März 2011, 09:22 Uhr

Was ich ja damals schon nicht verstanden habe, ist die Erpressbarkeit des Generals. Spätestens nach dem (falschen) Outing wäre das ja ohnehin kaum mehr möglich gewesen. Erpressbar ist ein homosexueller Amtsträger nur in einer schwulenfeindlichen Gesellschaft, in der er nicht homosexuell sein darf. Die Selbstverständlichkeit, mit dem das „Sicherheitsrisiko“ „schwul“ von allen Seiten inkl. Medien seinerzeit akzeptiert wurde, befremdet mich bis heute. Das war und ist für mich der eigentliche Skandal. Ums mit Praunheim zu sagen: Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt.

11) Nollenberger, Montag, 07. März 2011, 11:19 Uhr

Lieber Herr Spreng,

zu Guttenberg und die Methode Kohl?
Da vergleichen Sie aber Äpfel mit Birnen.

12) sys, Montag, 07. März 2011, 12:20 Uhr

16 Jahre und die Bundeslöschtage. Unsere Demokratie hat soviel Gemauschel zu bieten, da kann man sich wirklich Fragen wie viel ein erschlichener Doktortitel wiegt.
Objektiv betrachtet kann man aber Unrecht* oder Verfehlungen* nicht gegeneinander aufwiegen, nein, auch nicht das eigene(n). Demokratie ist kein Ego-Shooter, was soviel heißt wie, dass es eine Grenze zwischen Spiel und Wirklichkeit gibt, die schon lange überschritten ist.

Da ja im Moment eine Revolution stattfindet, könnte es vielleicht sein, dass es sich gerade Intelligente Menschen zu sehr in diesem Spiel gemütlich gemacht haben, tatsächlich auch unbewusst ?

* Anm.: „Die Norm ist eine Drecksau.“
Nur um Missverständnisse zu vermeiden 😉

13) Jeeves, Dienstag, 08. März 2011, 18:27 Uhr

„Da vergleichen Sie aber Äpfel mit Birnen.“
.
Der war gutt!

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