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Sich nicht trauen (Teil 2)

Erst haben sie sich nicht getraut, die alte Führung komplett über Bord zu werfen, jetzt trauen sie sich nicht, zu sagen, wohin die Reise des morschen Kahns FDP gehen soll. Die „jungen Wilden“ der FDP beschwören lediglich die Flaute, statt es wenigstens mit Rudern zu versuchen.

Im Vergleich mit Christian Lindner und Philipp Rösler strotzt selbst Angela Merkel vor Konkretion.  Die beiden haben seit dem angekündigten Rückzug Guido Westerwelles eine bemerkenswerte Serie von inhaltslosen Interviews gegeben. Das neue Modewort ist „Alltag“. Rösler: „Die Alltagssorgen der Bürger müssen bei der FDP wieder im Mittelpunkt stehen“. Lindner: „Liberale Politik wird endlich wieder im Alltag spürbar sein“. Aha, die FDP entdeckt den Alltag. Das wäre tatsächlich neu.

Was aber heißt das konkret? Kennt die FDP überhaupt noch den Alltag? Ist die „Befreiung des Menschen von Existenzangst“ eine liberale Aufgabe, wie einst Karl-Hermann Flach schrieb?  Was hieße das zum Beispiel konkret  für Hartz IV, für die Reform der Pflegeversicherung, für Leih- und Zeitarbeit, für die Abwehr der nächsten Weltfinanzkatastrophe, für den Atomausstieg?

Und was ist ist mit der größten Alltagsvergessenheit der FDP, der Mehrwertsteuersenkung für Hoteliers? Sie wieder abzuschaffen, wie es Lindner noch zur Westerwelle-Zeit gefordert hatte, wäre zumindest ein erster kleiner Schritt bei dem fast aussichtslosen Versuch, Glaubwürdigkeit wiederzugewinnen. Aber an dieses Thema traut sich der FDP-Generalsekretär nicht mehr heran.

Bisher tragen die „jungen Wilden“ nur die üblichen Politikerfloskeln vor – allerdings in netter Form. Waren sie von ihrem eigenen, viertelherzigen Umsturz so überrascht, dass ihr Inhaltekoffer leer ist? War noch keine Zeit fürs Studium des Alltags und seiner Sorgen?

Der Verdacht liegt nahe, dass wir  jetzt Teil 2 der Operation „Sich nicht trauen“  erleben. Erst trauten sich die Röslers, Lindners und Bahrs nicht, einen wirklichen personellen Neuanfang durchzusetzen, und jetzt trauen sie sich nicht, die inhaltliche Richtung vorzugeben. Es könnte ja einer in der FDP anderer Ansicht sein oder widersprechen. Dann lieber gar nichts sagen. Man will ja schließlich auf dem FDP-Parteitag ein gutes Ergebnis erzielen. 

Mangelnder Mut zum Risiko, soll das jetzt die neue Linie der FDP sein? Von dieser Sorte gibt`s in Deutschland genügend Politiker. Die FDP hat nur dann noch eine – allerdings sehr geringe –  Chance, wenn sie den Kontrapunkt zu diesen taktisch-opportunistischen Karriereabsicherern setzt. Führen heißt voranzugehen – auch um den möglichen Preis des Scheiterns. Das ist immer noch ehrenwerter als inhaltslos weiter bei drei bis fünf Prozent zu dümpeln.