Samstag, 23. April 2011, 14:03 Uhr

Der SPD-Schrecken geht weiter

Im Fall Sarrazin konnte die SPD nur verlieren. Wäre er ausgeschlossen worden, hätte ihn die SPD für einen Teil des Publikums zum Märtyrer gemacht und Teile ihrer Wählerschaft gegen sich aufgebracht. Jetzt behält sie ihn und bringt damit den anderen Teil der Wählerschaft gegen sich auf.

Viele Mitglieder, Wähler und Funktionäre können nicht verstehen, wieso ein Mann, der andere Menschen wegen ihrer Herkunft und Religion für geistig und/oder kulturell minderbemittelt hält, Mitglied einer demokratischen, toleranten und anti-rassistischen Partei sein kann. Sarrazin hat mit seinen menschenfeindlichen und absurden Thesen die Gesellschaft tief gespalten – und damit auch die SPD.

Und es bleibt ein Mann in ihren Reihen, der mit einer 50.000-Euro-Gebärprämie für Akademikerinnen den sozialdemokratischen Gedanken weiterentwickeln will.

Die Führung der SPD ist bis auf die Knochen blamiert, denn ihre starken Worte gegen Sarrazin sind jetzt nur noch Makulatur. Die SPD wollte offenbar endlich einen Schlussstrich unter das leidige Thema ziehen und akzeptierte dafür eine Erklärung, die das Papier nicht wert ist, auf der sie geschrieben wurde. 

Sarrazins Entschuldigung ist vergleichbar mit der eines Mannes, der einen anderen mit Wucht ins Gesicht schlägt und anschließend sagt, er habe ihm nicht weh tun wollen. Und es täte ihm leid, wenn der andere sich angegriffen gefühlt habe. Aber dieser Wisch reichte der SPD – nach dem Motto: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

Aber die SPD täuscht sich. Der Schrecken geht weiter – nur mit anderen Personen und anderen Themen. Der Fall Sarrazin ist auch ein Zeichen für den Autoritätsverfall der SPD-Führung.

Die SPD nimmt für ihr Einknicken gegenüber Sarazzin in Kauf, dass ihr Vorsitzender Sigmar Gabriel, der in der „Zeit“  einleuchtend und eindrucksvoll beschrieben hatte, warum Sarrazin kein SPD-Mitglied mehr sein könne, weiter beschädigt wird. Die Entscheidung, das Parteiordnungsverfahren einzustellen, entlarvt Gabriels Einlassungen als heiße Luft und wirklungsloses Getöse. Und bestätigt damit die Vorurteile, die es ohnehin über Gabriel gibt.

Der Fall Sarrazin fügt sich in das Bild einer orientierungslosen Partei, die sich ihrer eigenen Grundsätze nicht mehr gewiss ist. Nicht nur im Fall Sarrazin, sondern in fast allen entscheidenden Fragen. Ist die SPD jetzt für Hartz IV oder (ein bisschen) dagegen? Ist die SPD für die Rente mit 67 oder ein bisschen oder sogar ganz dagegen? Ist die SPD noch der Anwalt der Schwachen oder nur noch der Arbeitsplatzbesitzer? Selbst in der Libyen-Frage redete die SPD-Führung mit zwei Zungen.

So wie der Sarrazin-Spagat die SPD überfordert hat, so zerreisst sie ihre Identitätssuche. Sie gräbt sich immer tiefer im 25-Prozent-Ghetto ein, beschäftigt sich mit sich selbst, ohne dass dabei neue Orientierung herauskommt. Die großen politischen Gegenspieler sind nicht mehr SPD und CDU, sondern CDU und Grüne. Sie ringen um Deutschlands Zukunft, während die SPD mit sich selbst ringt. Sie wird zwischen Grün und Schwarz zerrieben. Ihr nützt nicht einmal mehr die Selbstmarginalisierung der Konkurrenz von links. Die Zukunft ist grün oder schwarz, aber nicht mehr rot.

Nach der Bundestagswahl 2013 könnte die SPD vor der Entscheidung stehen, welche der beiden Parteien sie ins Kanzleramt verhilft. Das ist eine traurige Perspektive für eine einst stolze Partei, für eine Partei, die Willy Brandt und Helmut Schmidt hervorgebracht hat.

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64 Kommentare

1) Benjamin, Mittwoch, 27. April 2011, 14:58 Uhr

Die SPD macht in der Tat keine gute Figur. In der SZ ist ein dazu passender Kommentar erschienen: http://www.sueddeutsche.de/politik/spd-im-dauertief-die-siechende-partei-deutschlands-1.1089823

Ich sehe die Lage aber nicht ganz so dramatisch: Die SPD ist in einer Sinnkrise, die völlig kopflose FDP ist hingegen in einer Existenzkrise; die SPD kann wenigstens noch über mehrere mögliche Kandidaten für 2013 streiten (was ich jetzt für unangebracht halte), die CDU hat außer Merkel niemanden mehr. Die Union dümpelt auch eher orientierungslos daher und verliert wie die SPD, nur auf niedrigeren Niveau. Die Grünen sind zwar im Hoch, ob sich das realpolitisch in Inhalte umsetzen lässt, ist aber noch fraglich. Die LINKEN stagnieren und sinken teils ebenfalls.

In keiner der genannten Parteien sind zukunftsweisende, durchdachte und umsetzbare Vorhaben zu entdecken, die auch mal zehn Jahre weiter blicken. Hoffnung habe ich da eher noch bei den Grünen, aber es bleibt abzuwarten.

2) StefanP, Mittwoch, 27. April 2011, 16:52 Uhr

@Benjamin

Die Grünen haben so zukunftsweisende Konzepte, dass sich der Ministerpräsident in spe des Landes nicht als erstes Gedanken über den Erhalt des Wohlstandes in seinem Bundesland macht, sondern über weltweite Zukunftskonzepte für den Verkehr.

Wer mehr mit den Füßen auf dem Boden steht („geerdet ist“) weiß dagegen, dass noch jede Vision ziemlich schrumpft, wenn sie mit lästigen Details belästigt wird, die Systeme und Konzepte erst lebensfähig machen. Die Grünen sind etwas für politische Träumer – und davon gibt es ausreichend genug.

3) Guido, Mittwoch, 27. April 2011, 17:43 Uhr

Ich bin enttäuscht.
Herr Spreng, inzwischen war doch genug Zeit, dass auch Sie das Buch hätten lesen können. Da sie aber über jemanden schreiben, „der andere Menschen wegen ihrer Herkunft und Religion für geistig und/oder kulturell minderbemittelt hält“, stellt sie dann doch in eine Ecke mit all den Profi-Bashern bundesdeutscher Politiklandschaften. Da habe ich mehr von ihnen erwartet, schade…

Ob es nun der SPD schadet? Sicher nicht. Denn wer das Buch liest, versteht die ganze Aufregung nicht.
Und so wird sich auch in einem halben Jahr kein Mensch mehr an diese unsägliche und peinliche Diskussion erinnern. Wenn es ausserdem noch A.Nahles des Job kostet, dann hat die SPD doch sogar etwas gewonnen 😉

4) Peter Christian Nowak, Mittwoch, 27. April 2011, 20:25 Uhr

@EStz

°°Genauso wenig, wie mir pauschale Ressentiments GEGEN Ausländer schmecken, schmecken mir unterdrückte Fakten. Und es gab/gibt beispielsweise verschiedene Vorgaben an die Polizei, über von Ausländern begangene Straftaten so zu berichten, dass die Herkunft des/der Täter verschleiert wird°°

Da stimme ich Ihnen zu. Offenheit ist die Grundlage des Vertrauens. Es ist ein schwerer Fehler die Nationalität eines Straftäters nicht zu nennen. Das gäbe Klarheit, auch für die Statistik. Die Bürger erwarten zu Recht Transparenz auf allen Politikfeldern, verständlicherweise insbesondere in der Inneren Sicherheit.
Ich stimme Ihnen auch zu, daß vieles unter den Teppich gekehrt wurde, auch aus Gründen einer „political correctness“, die vom Bürger als Heimlichtuerei wahrgenommen wird und wurde. Das hat ihn skeptisch gemacht. Und diesen Skeptizismus hat Sarrazin sich zunutze gemacht.
Was das Buch einfach schlecht macht sind die Behauptungen, die zum großen Teil wissenschaftlich unhaltbar, bestenfalls Halbwahrheiten und demagogisch zugespitzt sind. Der Erfolg dieser Halbwahrheiten liegt genau in dem Punkt, den Sie angesprochen haben: Das Gefühl von Bedrohung. Es ist dieses Bedrohungsgefühl, die Unsicherheit vieler Menschen, die ihre gewohnten Lebensumstände bedroht sehen und die Angst vor Verlust ihrer persönlichen Sicherheit; sei es in materieller Hinsicht, sei es der Verlust auf jegliche Lebensperspektive durch den Arbeitsplatzverlust. Sarrazin spielt mit diesen Ängsten und konzentriert den Blickwinkel auf das Ausländerthema. Er wußte genau, daß er damit (finanziellen) Erfolg haben würde. Sarrazin geht es nicht um die Menschen in Deutschland, noch um Deutschland selbst. Deutschland ist ihm schnurz. Es geht ihm nur um sich selbst. An sich ist er ein Menschenverächter. (siehe seine zynischen Kochrezepte für Hartz IV-Empfänger)
Sarrazin schlüpft – wie in Max Frischs Parabel – in „die beste und sicherste Tarnung“, nämlich als den Verkünder der „blanken und nackten Wahrheit“. Und die Biedermänner scheinen wie in Frischs Nachspiel auch nach der historischen Katastrophe nichts dazu gelernt zu haben.
Ich bin auch strikt dagegen, die Probleme klein zu reden. Probleme gibt es, weil die Deutschen sich die letzten Jahrzehnte selbst was vorgemacht haben in Sachen Einwanderung. Aber sie sind bei weitem besser lösbar und wesentlich kleiner, als die Banken- und Eurokrise es sind. Die wird für uns alle noch viel Bauchschmerzen verursachen. Und sie ist eine wirkliche Bedrohung. Die wenigsten Bürger sind sich dieser Bedrohung angemessen bewußt.

http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/interview-der-woche/-/id=6633966/property=download/nid=659202/1eksan4/swr2-interview-der-woche-20100828.pdf

5) romeias47, Mittwoch, 27. April 2011, 20:34 Uhr

„Meiner Meinung nach ist der größten Fehler, den Sarrazin (und den die meisten seiner Kritiker) machen, die Verallgemeinerung. “Der Türke”, “der Russe”, “der Afrikaner”, “der Deutsche”, “der Amerikaner” – allen kulturellen Schemata zum Trotz gibt es innerhalb dieser Abgrenzungen so viele Schattierungen, dass man individuell schauen sollte – im Guten wie im Schlechten“ (schrieb Estz)

Mich stört das auch immer sehr. Wenn man Gruppen meint, könnte man das auch mit „es gibt“ umschreiben – aber das ist eben nicht so teutonisch vollmundig. Im Zusammenhang mit Integration hat sich z.B. auch der Ausdruck „Deutschtürke“ eingebürgert. Das ist sprachlich schlicht falsch (Beispiel Stammbaum – Baumstamm) , wenn Deutsche von nach Deutschland eingewanderten Türken sprechen – es müsste heiße: Türkisch-Deutsche. In den USA nennt man die aus Mexiko Eingewanderten auch nicht US-Mexikaner, sondern „Mexican Americans“. In der Türkei heißen übrigens die aus D Zurückgekomenen „Deutschländer“ – alldieweil der dort richtige Begriff „Deutschtürken“ von den Teutonnen falsch benutzt wird.

6) Frank Mauerhofer, Donnerstag, 28. April 2011, 05:14 Uhr

Baden-Württemberg 21: Wie machtversessen und geschichtsvergessen muss ein designierter Ministerpräsident sein, der zur Absicherung seiner Wahl (70 Stimmen erforderlich) dem Koalitionspartner mit verfassungsfeindlicher innerer Ordnung die Schlüsselressorts Justiz, Innen, Finanzen/Wirtschaft und Bildungswesen überlässt?

„Der Mensch kann lernen, besser als alle anderen Lebewesen auf der Erde.“
Manfred Spitzer

Sind grüne Verantwortungsträger Menschen oder gewissenlose Wölfe, die sich den Staat zur Beute gemacht haben? Was unterscheiden Wölfe noch von Ratten? Gene!

7) Erika, Donnerstag, 28. April 2011, 09:40 Uhr

@Benjamin

Auch mit den Grünen ist das so eine Sache. Erst übernehmen sie in Hamburg Regierungsverantwortung, dann werfen sie hin. Erst sitzen sie bei den Hartz-Verhandlungen, dann ziehen sie sich zurück. Wir werden sehen, wie lange und wie gut Herr Kretzschmann die übernommene Verantwortung aushält.
Und dass die Vorkommnisse im Saarland mit der dubiosen „Jamaica-Koalition“ der Grünen-Partei offenbar nichts ausmacht, kann mich persönlich nur wundern. Da werden bei der SPD von der Presse meist andere Maßstäbe gesetzt.

8) sk8erBLN, Donnerstag, 28. April 2011, 11:10 Uhr

@ mac4ever, Sonntag, 24. April 2011, 20:29 Uhr

„Sarrazin steht für diese Spaltung: seine Thesen werden bis zur Unkenntlichkeit verzerrt, hier habe ich selbst den Begriff “Hobby-Eugeniker” (also eine Einordnung in faschistisches Gedankengut) gelesen. “

Wie Sie das einordnen ist selbstverständlich Ihre Sache, ich halte mich da einfach an die Definition z.B. der Wikipedia: „Eugenik (von altgr. eu ‚gut‘ und genos ‚Geschlecht‘) oder Eugenetik bezeichnet seit 1883 die Anwendung humangenetischer Erkenntnisse auf die Bevölkerungs- und Gesundheitspolitik mit dem Ziel, den Anteil positiv bewerteter Erbanlagen zu vergrößern (positive Eugenik) und den negativ bewerteter Erbanlagen zu verringern (negative Eugenik). Der britische Anthropologe Francis Galton (1822–1911) prägte den Begriff. Um 1900 entstand auch der Gegenbegriff Dysgenik, der „Schwächung des genetischen Potentials“ bedeutet.“

„Hobby-“ habe ich dem selbsternannten Eugeniker vorangestellt da er von der Materie noch weniger Ahnung hat als vom Statistik fälschen und bzw. frei erfinden. Letzteres hat er immerhin zugegeben. Darüber hinaus ist Sarrazin für mich auch durch und durch Rassist aber um S. geht es hier nicht mehr, der wurde in epischer Breite in hunderten Beiträgen bereits diskutiert, auch hier im Blog.

Hier geht es um den jüngsten Glaubwürdigkeitsverlust der SPD im Zusammenhang mit einem Parteiausschlussverfahren und den ominösen Umständen, wie es zum Platzen gebracht wurde durch einige SPD Obere…

Das Wesentliche steht in diesem ganz kurzen Beitrag:
„Auch ne Meinung, Samstag, 23. April 2011, 18:42 Uhr
Dass Sarrazin bleibt, ist nicht der Skandal – http://t.co/856sk9x

Da das überlesen worden zu sein scheint von vielen hier dazu ein Vollzitat der wesentlichen Passage:
„Eine sehr schlüssige Rechtfertigung für das Parteiausschlussverfahren und dann dazu sogar noch folgender Hinweis von Herrn Gabriel:

„Und wer uns rät, doch Rücksicht auf die Wählerschaft zu nehmen, die Sarrazins Thesen (oder dem, was davon veröffentlicht wurde) zustimmt, der empfiehlt uns taktisches Verhalten dort, wo es um Grundsätze geht – und darüber jenen Opportunismus, der den Parteien sonst so häufig vorgeworfen wird.“

Das bedeutet nicht weniger, als dass die SPD nun ganz offiziell ihre Grundsätze über Bord geworfen hat, eine andere Lesart ist hier gar nicht möglich. Aber die Frage ist doch auch, was erwartet man noch von der SPD? Nichts. Und dann hat sie eben auch problemlos Platz für Herrn Sarrazin.“

DAS ist das Problem und nicht etwa ein Rentner mit Sprachfehler der den Hobby-Eugeniker spielt und ein Buch herausgegeben hat in dem so gut wie nichts neues stand, Politiker aber zu vorübergehendem sinnlosen Aktionismus veranlasst hat.

Es ist einmal mehr die Glaubwürdigkeit politischer Parteien die einmal mehr den Bach runtergegangen ist.

9) Ste, Donnerstag, 28. April 2011, 11:57 Uhr

@StefanP: Sich neben Herrn Sarrazin zu stellen mit dem Argument, dass man gleiche Erfahrungen in Justiz und Pädagogik etc. gemacht hat, halte ich für daneben. Klar hat der Herr ein wichtiges Thema angesprochen (was schon lange diskutiert wird, nur nicht so sehr differenziert und konstruktiv in den Medien), aber man kann nicht die Art und Weise befürworten, in der er es getan hat. Die Methode stimmt nicht (er geht von Gleichheit aus und betont dann die Verschiedenheiten, anstatt andersherum; das hat shcon Darwin besser verstanden), die Deutung der verwendeten Daten ist mehr als kritisch, und insbesodnere was zwischen den Zeilen steht ist menschenverachtend.

10) StefanP, Donnerstag, 28. April 2011, 15:36 Uhr

@Ste

Der Punkt ist ja gerade, dass dieses Thema nur noch in der Migrationsforschung auftauchte. Wir haben aber aufgehört, politisch zu diskutieren, welche Migration wollen wir, welche nicht und wie sieht die Situation mit den bereits hier lebenden Migranten aus?

Sarrazins Bestseller ist gerade im ersten Teil ein sehr wissenschaftliches Buch, während Heisig eher ein etwas ungeordneten Erfahrungsbericht niedergeschrieben hat. Deutschland hat eine Zuwanderung von 4/5 direkt in die Sozialsysteme, das ist ein Fakt. Und während eine Stadt wie Toronto über 50 Prozent Migrationsanteil mit ganz geringer Arbeitslosigkeit besitzt, sind es in einer vergleichbaren Stadt wie Berlin 20 Prozent respektive hoher Anteil an Langzeitarbeitslosen.

Warum das so ist, darüber muss man reden, Schlussfolgerungen und Konsequenzen ziehen, statt es in wissenschaftliche Zirkel abschieben.

11) Ste, Donnerstag, 28. April 2011, 21:38 Uhr

Der erste Absatz: Ja und nein. Hat denn Sarrazins Buch den Impuls für eine konstruktive Diskussion geschaffen? Nein, durch seine furchtbaren Thesen in verschwurbeltem Ansatz gekleidet hat eher eine hitzige und hohle Debatte hervorgerufen. Wir müssen es noch vielmehr in „wissenschaftlichen Zirkeln“ thematisieren und diesen dann mit der Öffentichkeit verknüpfen; So wird was draus.
Und es hilft jetzt auch nciht, dass SieSarrazins Statistiken ncoh einmal nennen.

12) Benjamin, Freitag, 29. April 2011, 14:04 Uhr

@StefanP: „Die Grünen sind etwas für politische Träumer – und davon gibt es ausreichend genug.“

Wie hart man aus Träumen in der politischen Realität erwacht, wissen wohl eher die Westerwelle-FDPler.

Schmidt hat sich mal etwas despektierlich über politische Visionen geäußert, das aber vor allem auf die angeblich großen Ideen bezogen, die im 20. Jh. zweimal in die Katastrophe geführt haben. Eine Regierung ohne Zukunftskonzept und nur auf reines Machtkalkül bedacht, kann verwalten, aber nicht regieren. Nun gut, die FDP-Visionen brauchen wir aber wirklich nicht 😉

13) Jokus, Samstag, 30. April 2011, 03:27 Uhr

Ich will hier gar nicht mehr darüber streiten, dass Sarrazin an einigen Stellen seines Buches
(Menschen aus unterentwickelten Regionen der Türkei mit entsprechenden Genen)
zumindest unglücklich formuliert hat, doch wer sein Buch nicht nur als „rassistisches Machwerk“ zitiert, sondern auch darin liest, kann doch nicht überlesen, dass hier ursozaldemokratisches Gedankengut ausgebreitet wird: Bildung und nochmal Bildung. Und er kann nicht übersehen, dass hier einer sehr deutlich macht, wie wenig „Multi-Kulti“ insgesamt funktioniert. Wieso wehrt sich ein Großteil der eingewanderten türkischen Unterschicht dagegen, von Beginn an Deutsch zu lernen? Und das soll kein Manko sein? Kein Hinderungsgrund sich hier wirklich zu integrieren? darum allein geht es. Alle „deutsch“-gebildeten Deutsche aus der Türkei wissen das. Punkt 1.
Punkt 2: Nicht Sarrazin, sondern die grobe Wut eines Parteivorsitzenden Gabriel hat die Situation der SPD so dumm gemacht. Eine große Volkspartei muss auch einen ein wenig krusen Sarrazin aushalten können. Erst recht einen, der – von den „Genen“ abgesehen, sehr sozialdemokratisch argumentiert.

14) Marcus, Samstag, 30. April 2011, 13:06 Uhr

Um die Zukunft ringen heute Grüne und CDU? Selten so gelacht! Die CDU ist heute eine völlig wertfreie ex-konservative Partei , die vor allem durch ihren reaktiven Politikstil auffällt. Was bleibt denn von Merkels Kanzlerschaft übrig an großartigen Reformen und Neuerungen, wenn sie 2013 vielleicht abtritt? Nichts! Die Rente mit 67 und das erfolgreiche Krisenmanagement wurde von Sozialdemokraten durchgesetzt. Seit 2009 passiert gar nichts mehr. Der Ausstieg aus dem Ausstieg ist futsch, die ideologisch null-begründete Wende in Sachen Wehrpflicht ist ein Desaster, die Außenpolitik ebenso (Abwendung vom Westen).

Und die Grünen? Ringen die? Nein, die erzählen seit Jahr und Tag dasselbe, übrigens auch mit demselben Personal. Man könnte sie die neuen Konservativen nennen! Niemand will die hysterisch eingeleitete Energiewende ernsthaft in die Hände der Grünen legen. Vorschneller Ausstieg aus der Atomenergie (währenddessen die ganze Welt weiterhin zu dieser Technologie steht), am liebsten auch keine neuen Gas- und Kohlekraftwerke mehr, und dort, wo neue leistungsstarke Überlandleitungen gebaut werden sollen, um den Importstrom im Land zu verteilen, da gehen die Lokalgrünen auf die Straße. Resultat: wenn nicht gleich Blackouts, dann massive Verteuerung der Strompreise, was v.a. zu Lasten kleinerer und mittlerer Einkommen und natürlich der energieintensiven Industrie geht – beides freilich Bereiche, in denen der typische Grünenwähler eher weniger vorkommt. Über die Energiewende hinaus nimmt man die Grünen inhaltlich wenig war, es sei denn gerade wird wieder irgendwo ein Verkehrsprojekt oder eine Brücke boykottiert.

Angesichts dieser geistigen Armut der beiden – nach Umfragen – größten deutschen Parteien, sollte sich die SPD schleunigst selbst in den Arsch treten, um Lösungen zu präsentieren für die dringendsten Probleme: eine bezahlbare Energiewende, die die Industrie nicht hops gehen lässt, eine Umgestaltung der sozialen Sicherungssysteme, die in der derzeitigen Verfassung keinesfalls zukunftsfest sind, und darüberhinaus in der Mitte der Gesellschaft Ressentiments aufkommen lassen, eine vernünftige und moderne Einwandeurngspolitik, damit in der Rentnerrepublik die Lichter nicht irgendwann ausgehen. Viel zu tun also für eine Partei, die weder Wohlfühl- (Grüne!), noch Nichtstu- (CDU!) ist.

15) EStz, Samstag, 30. April 2011, 15:29 Uhr

@ Stefan P
> Der Punkt ist ja gerade, dass dieses Thema nur noch in der Migrationsforschung auftauchte.
> Wir haben aber aufgehört, politisch zu diskutieren, welche Migration wollen wir, welche nicht
> und wie sieht die Situation mit den bereits hier lebenden Migranten aus?

ja!!

@ Ste, Donnerstag, 28. April 2011, 21:38 Uhr
> Hat denn Sarrazins Buch den Impuls für eine konstruktive Diskussion geschaffen?
> Nein, durch seine furchtbaren Thesen in verschwurbeltem Ansatz gekleidet hat eher
> eine hitzige und hohle Debatte hervorgerufen.

Bei so einem Problem ist mir ist eine hitzige Debatte, an der sich Hohlköpfe beteiligen, lieber als gar keine Debatte. Und wenn noch so viele mit „das wird man doch noch sagen dürfen“ daherkommen; auch das ist eine Information, die Auskunft gibt über Land und Leute. Das ist außerdem der erste Schritt zu einer konstruktiven Auseinandersetzung. Unsere Politiker (durchaus auch die SPD) sollten wissen, was die Leute (ob zu Recht oder nicht) bewegt.

Und den intellektuellen Unterschied zwischen jemandem, der berechtigte Ängste und vorhandene Probleme zu einem Päckchen Ausländerfeindlichkeit zusammenrührt, und jemandem, der aus Gründen der „politischen Korrektheit“ berechtigte Ängste und vorhandene Probleme totschweigt oder vertuscht, den kann ich nicht erkennen.

16) Jokus, Montag, 02. Mai 2011, 09:34 Uhr

Allen, die so schlau und „kritisch“ den „rassistischen“ Sarrazin kritisieren, oft ohne offenbar sein Buch zu lesen, sei empfohlen heute mal im „Spiegel“ den alten (82 J.) von Dohnanyi zu studieren. Darin räumt er 1. ) mit dem Unbsinn auf, dass es etwa keine Gene gäbe, die uns beeinflussen und 2.) zählt er auf, was Sarrazin vorschlägt, um den speziell türkischen Einwanderen eine bessere Zukunft in Deutschland zu ermöglichen. Dazu gehört auch, sich von den herkömmlichen Fesseln zu lösen, wenn sie verhindern, hier die deutsche Sprache zu erlernen…
Oder, um es grob zu sagen, auch wir „großartigen“gebürtigen Deutschen müssten in der heutigen modernen Welt scheitern, wenn wir ihr mit den gesellschaftlichen Vorstellunge und Gewohnheiten unserer Ur-Ur-Großväter-/Mütter begegneten. Das ist der Sarrazin -Kern…und das ist ‚SPD-pur“!

17) StefanP, Montag, 02. Mai 2011, 13:46 Uhr

@Benjamin

Jede Vision schrumpft im Tagtäglichen, bis von der Ursprungsidee kaum noch etwas übrig bleibt. Daran ist am Ende natürlich der Pragmatiker schuld, nicht der Visionist, der meist ohne Rücksicht auf Gegebenheiten und Durchführbarkeit seine Ideen in die Landschaft bläst. Und dafür gefeiert wird.

Rekapitulieren Sie doch: Welche Vision, von wenigen entworfen, hat es in den vergangenen Jahrzehnten über den Realitätscheck geschafft? Aktuell ist der Visionär Barack Obama lautlos gescheitert an geringer politischer Kraft und Übermaß an Idealismus.

18) Romeias47, Montag, 02. Mai 2011, 16:53 Uhr

>Dazu gehört auch, sich von den herkömmlichen Fesseln zu lösen, wenn sie verhindern, hier die deutsche Sprache zu erlernen…“ (schrieb Jokus)

Dann hätte man in fünfzig Jahren Nachkriegsbildungspolitik auch mal auf die Idee kommen können, reitende Logopäden durch südwestdeutsche Kindergärten zu schicken, damit sie irgendwann ein so schönes Deutsch sprechen können, wie ein zehn Jahre lang in Hannover lebender Einwanderer von „Weiß-Gott-wo“.

Spaß beiseite – ich denke, dass die konkreten und kulturellen Umweltbedingungen bestimmend sind. Wo Angst ist, kann keine Neugier (bzw. Wissensdurst) sein. Und wenn man nicht zweifeln darf, dann lohnt es sich auch nicht, etwas verstehen zu wollen. Da die Menschen sehr verschieden sind, reagieren sie auch sehr unterschiedlich auf neue Situationen – die einen entwickeln einen „Riesenappetit“, studieren und werden z.B. Justizministerin eines großen Bundeslandes, die anderen gehen vor Schreck über die Zahl der Wallmöglichkeiten hinter die eigenen (Groß-)-Eltern zurück.

Herr Sarrazin hatte das Glück, dass sein Pappi Arzt war. Das war die automatische „Gymnasialempfehlung“ der Nachkriegszeit. Er ist damit das lebende Beispiel für „Bildung als Erbhof“ und eben nicht für „SPD-pur“. Säße er mir inkognito im Zug gegenüber und ich müsste ihm zuhören, würde ich ihm seine berufliche Laufbahn nicht ohne Weiteres unterstellen.

Natürlich werden wir von Genen beenflusst. Trotzdem wäre es gesellschaftlich sinnvoller, wenn man mit Kindern, mit allen, ressourenorientiert umginge. Auch Einzelbegabungen sind wertvoll. Das Schulsystem sollte Personal, Eltern und Schüler(inne)n die Chance geben, diese zu entdecken.

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