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Experte muss man sein

Es gibt keinen Beruf, in dem man so schnell Experte (oder sogenannter Experte) werden kann, wie im Journalismus. Experte zu sein, ein Alleinstellungsmerkmal zu besitzen, ist der beste Weg zum Erfolg. So ging es auch mir, als ich mit 25  Jahren Korrespondent der „Welt“ in Bonn wurde. Ich suchte mir ein Thema aus, das die Kollegen wenig interessierte oder ihnen zu kompliziert war – und das war die Mitbestimmung.

Damals gab es heftige Kämpfe in der sozialliberalen Koalition um die betriebliche Mitbestimmung. Ich las mich ein, sprach mit allen Fraktionsexperten und war nach kurzer Zeit der „Welt“-Experte für das Thema Mitbestimmung. Dadurch lernte ich wiederum Politiker kennen wie Otto Graf Lambsdorff, der später Bundeswirtschaftsminister wurde. 

Genauso machte ich es mit einem anderen Thema: dem Guillaume-Untersuchungsausschuss.. Er sollte ermitteln, wie ein DDR-Spion bis in die Nähe des Bundeskanzlers Willy Brandt gelangen konnte. Wieder hatte ich ein Thema als Experte besetzt und lernte wiederum Politiker näher kennen, die später noch große Bedeutung erlangten – wie Walter Wallmann, den ersten CDU-Umweltminister.

Beide Themen garantierten viele Seite-1-Geschichten.

Dies führte dazu, dass andere Zeitungen auf mich aufmerksam wurden. Ein leitender Redakteur der FAZ fragte mich, ob ich zu dem renommierten Blatt kommen wolle. Gleichzeitig bekam ich ein Angebot von BILD, stellvertretender Bonner Büroleiter zu werden, mit der Perspektive, das Büro zu übernehmen. Ich entschied mich für BILD, der Perspektive und Verantwortung wegen. Außerdem lag mir mit meinen 25 Jahren der damalige Aufsatzjournalismus der FAZ nicht. Das war die folgenreichste Weichenstellung in meinem Berufsleben.