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Schwarm-Intelligenz und Schwarm-Feigheit

Die heftige Reaktion auf meinen kleinen Beitrag „Die Jäger müssen sich stellen“ zwingt mich, zum diesem Thema noch etwas weiter und tiefergehend auszuholen. Und auch ein bisschen mein eigenes Leben auszubreiten. Mir wird vorgeworfen, ich verstünde das Internet nicht. Das mag so sein. Denn ich ich sehe meinen Blog lediglich als verlängerte Werkbank meiner journalistischen Lust am Schreiben, Analysieren und Kommentieren.

Aber von einem habe ich Ahnung: von der Meinungsfreiheit. Sie ist (neben meiner Frau) die große Liebe meines Lebens. Ich habe mein Leben lang immer – meist unverblümt – meine Meinung gesagt und geschrieben. Schon als Schüler galt ich als aufmüpfig, weil ich Lehrern vor versammelter Klasse meine Meinung gesagt habe. Was sicher auch zu der einen oder anderen schlechten Note beigetragen hat.

Als Schüler engagierte ich mich bei der Schülerzeitung, schrieb Leserbriefe an die „Frankfurter Rundschau“ und FAZ, gründete mit anderen eine antiautoritäre Schülerorganisation, galt in der Jungen Union als „Roter“.

So verhielt ich mich auch als Journalist. Schon mit 20 entlarvte ich lieber einen Immobilienbetrüger, als mich durch 15.000 Mark davon abhalten zu lassen. Und während meiner Springer-Zeit wurde zweimal wegen Geheimnisverrat gegen mich ermittelt.

Und ich war der Schrecken meiner Vorgesetzten. Nicht wenige wollten mich feuern, weil ich in Konferenzen oder im Vier-Augen-Gespräch zu kritisch und zu offen war oder weil ich Eingriffe in meine Arbeit nicht akzeptieren wollte. Bei Springer stand ich bei einem Vorstandsvorsitzenden auf der Abschussliste, weil ich kein unrecherchiertes Material gegen Leo Kirch drucken wollte, ein anderer sagte mir, ich sei der „unverschämteste Chefredakteur“, der ihm je begegnet sei.

Leo Kirch wiederum verlangte später in fast jeder Aufsichtsratssitzung meine Entlassung , weil ich mich immer wieder kritisch über seinen Freund Helmut Kohl ausgelassen habe.

Ich weiß also, was Meinungsfreiheit ist und dass ihre intensive und extensive Ausnutzung, wie ich sie betrieb, mit Risiken verbunden ist. Aber das Risiko hält sich in einem freiheitlichen Rechtsstaat in vertretbaren Grenzen. Die wunderbare Chance unserer Gesellschaft, Meinung jederzeit und an jedem Ort zu äußern, ist auch das Risiko beruflicher Rückschläge wert. In unfreien Staaten sieht das natürlich anders aus: dort gibt es zur Anonymität leider häufig keine Alternative.

Ich schreibe das nicht, um mich als Helden zu stilisieren (was ich sicher nicht bin), sondern nur deshalb, um deutlich zu machen, warum die Meinungsfreiheit die große Liebe meines Lebens ist. 

Meinungsfreiheit ist nicht von Generationen vor mir mit Blut und Opfern erkämpft worden, um im Internet zu anonymer Denunziation zu verkommen. Für eine Spickmich-Gesellschaft ist sie nicht erfunden und durchgesetzt worden. Für sie haben auch die Väter des Grundgesetzes nicht den Artikel 5 formuliert. In einer freien Gesellschaft, in der man seine Meinung offen äußern darf, gehört zur Meinungsäußerung, erst recht zur Entblößung anderer, auch der Absender. Das bisschen Mut muss sein.

Das Internet hat Gutes und Böses geschaffen, hat der Meinungsfreiheit neuen und ungeahnten Raum gegeben, aber auch der Denunziation und Selbstentblößung Tür und Tor geöffnet. Das Internet, diese wunderbare Erfindung, ohne das zu Guttenberg zu unrecht noch seinen Doktortitel hätte und ohne das die Freiheitsbewegungen in den arabischen Ländern nicht dieses Echo und diese Durchschlagskraft erreicht hätten, dieses Internet ist Segen und Fluch zugleich.

Und zum Fluch gehört auch die, wie ich es nenne, Seuche der Anonymität. Meinung (und Denunziation) ist vom Risiko entkoppelt worden. Es ermöglicht Bekenntnis ohne Bekennermut, Kritik ohne Risko, Beschimpfung, Lächerlichmachung ohne Verantwortung. Es ist auch ein Medium der Feigen und der Mutlosen. Neben der Schwarmintelligenz gibt es auch die Schwarmfeigheit. Und darum ging es mir.

P.S. Mein anonymer Briefkasten ist kein Gegenbeweis. Denn dort eingeworfenes Material würde von mir nachrecherchiert, kritisch überprüft und dann unter meinem Namen veröffentlicht. Eben nicht anonym.