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Sonntag, 22. Mai 2011, 08:27 Uhr

Stanislaw rennt

In einem langen Journalistenleben trifft man schon eine Menge bizarrer und kranker Typen. Die größte Ansammlung erlebte ich, als ich stellvertretender Chefredakteur von BILD wurde. Eine meiner zweifelhaftesten Entscheidungen. Zuvor war ich als Büroleiter in Bonn (fast) mein eigener Chef.

Einer der bizarrsten Typen war ein Kollege, nennen wir ihn Stanislaw, der in einem schwarzgestrichenen Büro hauste und Beethoven immer so laut hörte, bis der Flur bebte. Sein Büro lag eine Ecke entfernt von dem Büro des Chefredakteurs. Bis zur Ecke ging er normal, dann rannte er. Der Chefredakteur könnte ja gerade in diesem Moment auf den Flur treten. Dann würde er sehen, dass Stanislaw rennt – im Gegensatz zu den vermeintlich gemächlicheren Kollegen.

Dies hatte zudem den Vorteil, dass Stanislaw immer abgehetzt (und etwas zu spät) in die Morgenkonferenz kam und atemlos seinen neuesten angeblichen Scoop herausstammeln konnte. Der Chefredakteur war beeindruckt.

Eines Tages kam Stanislaw abgehetzt in die Konferenz und stammelte ergriffen: “Ein Hamburger Friseur hat das erste wirksame Haarwuchsmittel erfunden”. Ich wandte ein, dass längst wissenschaftlich erwiesen sei, dass es das nicht geben könne, bis mir der Chef über den Mund fuhr: “Langer, davon verstehst du nichts. Bleib du bei deiner Politik”.

Der Chefredakteur, ein ziemlicher Menschenverächter, liebte solche Typen, weil sie Wachs in seinen Händen waren und Geschichten lieferten, die sonst keiner lieferte. Er duzte unaufgefordert alle Redakteure, die ihn natürlich siezen mussten.

Das angebliche  Haarwuchsmittel wurde anschließend von BILD über Monate promotet und es wurden Millionen damit verdient. Ich selbst flüchtete nach 14 Monaten aus dieser Vorhölle des Journalismus.

Sie können Ihren eigenen Kommentar weiter unten abgeben.

25 Kommentare

1) Emil Blume, Sonntag, 22. Mai 2011, 11:18 Uhr

Wenn es nur bei Haarwuchsmitteln bleiben würde….

2) f.luebberding, Sonntag, 22. Mai 2011, 12:41 Uhr

“Eines Tages kam Stanislaw abgehetzt in die Konferenz und stammelte ergriffen: “Ein Hamburger Friseur hat das erste wirksame Haarwuchsmittel erfunden”. Ich wandte ein, dass längst wissenschaftlich erwiesen sei, dass es das nicht geben könne, bis mir der Chef über den Mund fuhr: “Langer, davon verstehst du nichts. Bleib du bei deiner Politik”.

Ein Volkshaarwuchsmittel. Davon verstehen wir wahrscheinlich wirklich nichts … .

3) nona, Sonntag, 22. Mai 2011, 17:04 Uhr

Wenn Bild nur die Vorhölle ist, was ist denn dann bitte die Hölle?

4) Dom, Montag, 23. Mai 2011, 09:14 Uhr

Man muss schon sehr naiv/blauäugig sein, um in dieser “Vorhölle des Journalismus” überhaupt einen Job anzutreten. Spätestens nach Wallraff weiss doch jeder halbwegs vernünftige Mensch, wie es dort redaktionsintern zugeht, von den zweifelhaften “journalistischen” Praktiken dieses Blattes mal abgesehen. Mich würde vielmehr interessieren, wieso Sie sich dort überhaupt beworben haben, bzw. haben anstellen lassen.

5) Leo, Montag, 23. Mai 2011, 09:17 Uhr

Hallo.

Passt nicht so ganz zum Thema, aber wüsste gerne, worin die Arbeit eines Büroleiters im Journalismus besteht, und worin unterscheidet sich diese Arbeit von einem Chefredaktuer? Ich komme nicht aus der Branche.

6) S.Ooker, Montag, 23. Mai 2011, 09:21 Uhr

Schöne Insights, das mit Beethoven hat mich ein bisschen an Clockwork Orange erinnert.
Wenn die Bild Leser bloß wüssten wie sehr sie von den Machern ihrer eigenen Zeitung verachtet werden…

7) Thomas Knüwer, Montag, 23. Mai 2011, 09:24 Uhr

Bitte mehr von diesen Erinnerungen!

8) BenZol, Montag, 23. Mai 2011, 09:53 Uhr

Du kriegst den Spreng zwar aus der Bild raus, aber nicht die Bild aus dem Sprengsatz? Ich mein, das ist wirklich ‘ne gute Episode für ein Buch, aber wo ist der Bezug (inhaltlich) zu “_Das Politik-Blog aus Berlin”? Fragt amüsiert, aber mit tadelnd gelupfter Braue
BenZol

9) Brett, Montag, 23. Mai 2011, 10:32 Uhr

Ich bin wirklich kein Bild-Leser und habe auch sonst keine innere Beteiligung am Springer-Verlag.
Aber das Stückchen hier gefällt mir nicht. Gefällt mir gar nicht. Es ist schlecht geschrieben, die eigene innere Perspektive gar nicht mit erinnert und dann wird auf eine seltsam schlichte Art denunziert, statt versucht, irgendeinen echten Gedanken zu fassen.
Mit “seltsam schlicht” meine ich, wie das gleich zweimal von “bizarren Typen” gesprochen wird. Als “krank” bezeichnen Sie Ihre Mitredakteure auch noch – herrje, kann man in der Kneipe mal so daher sagen. Seltsam, dass Sie als Journalist ihre sprachlichen Mittel nicht mehr reflektieren und besser beherrschen.
Und wenn ich dann lese, was Sie an diesem Typen als “krank” empfinden, bin ich auch etwas erstaunt: “Einer der bizarrsten Typen war ein Kollege, …, der in einem schwarzgestrichenen Büro hauste und Beethoven immer so laut hörte, bis der Flur bebte.” Ich sehe da eher eine verblüffende Toleranz gegenüber kreativer Individualität. Jemand, der sein Büro schwarz anstreicht und bei der Arbeit Beethoven hört – eine interessante Figur. Würde die Auseinandersetzung lohnen, oder nicht?
Wenn das Memoiren sein sollen – nein, das sind keine Memoiren. Das ist ein Urteil aus heutiger Perspektive. Sie suchen sich den “bizarrsten” Menschen heraus und wollen damit – heute – beweisen, wie krank, andersartig und implizit auch böse die Bild Redakteure schon auf der menschlichen Ebene seien, natürlich im Gegensatz zu Ihnen, dem Vertreter des Seriösen und der belegbaren Wahrheiten.
Aber Sie sind es nicht, empfinde ich, wenn ich das hier lese.

10) Bernd, Montag, 23. Mai 2011, 11:47 Uhr

Es erinnert mich an meine Zeit in einer sehr großen Einrichtung, die sich mit dem sogenannten Arbeitslosengeld II beschäftigt. Dort gab es ähnliche Gestalten, die menschenverachtend alles machten, was ihnen in den Sinn kam. Einen stellte ich mir immer in schwarzer Uniform mit Stahlhelm vor, er hätte darin wie gemalt ausgesehen und es schien in seinen Genen zu liegen, die regelrecht danach schrien, den Arm hoch zu reißen. So wie einst Heine sagte:

“Sie stelzen noch immer so steif herum,
So kerzengrade geschniegelt,
Als hätten sie verschluckt den Stock,
Mit dem man sie einst geprügelt.”

11) Jeff Kelly, Montag, 23. Mai 2011, 11:53 Uhr

*schaut auf die Kategorie* “Anekdote der Woche”
*schaut auf BenZols Post*
*schaut auf die Kategorie*
*runzelt mit der Stirn*

12) Peter, Montag, 23. Mai 2011, 12:20 Uhr

PR in eigener Sache, um die dreckige Vergangenheit mal etwas mit Offenheit abzuschwächen in ihrer Wirkung auf die neue Leser- und Kundenschaft :p?

Ne, passt schon. Post-Stoiber arbeiteste ja hart, um auf unserer Seite willkommen zu sein – ich würd sagen, es klappt halbwegs… :p

13) Jeeves, Montag, 23. Mai 2011, 16:35 Uhr

Das klingt wie eine Entschuldigung (des Herrn Spreng) für den vermutlich hochdotierten Job bei diesem Dreckblatt, damals.
Ich seh’ gerade in den Kommentaren, ich bin nicht der einzige, der das sofort vermutete.
Ja, Hundescheiße kann man eher abwischen, als diesen Makel.

14) Marie, Montag, 23. Mai 2011, 17:02 Uhr

@Leo: Der Chefredakteur ist für den redaktionellen Inhalt der gesamten Zeitung verantwortlich. Als Büroleiter in Bonn wird Herr Spreng für das Bonner Büro verantwortlich gewesen sein, das die Politikberichterstattung aus der damaligen Hauptstadt zum Gesamtblatt beisteuerte, und ist als solcher, wie auch andere Ressortleiter (z.B. verantwortlich für Sport, Kultur, Wirtschaft, etc.), der Chefredaktion unterstellt.

15) yoda, Dienstag, 24. Mai 2011, 14:51 Uhr

@dom: Ich bin wahrlich kein BILD-Fan, aber wenn selbst Leute von seriösen Medien (taz, Spiegel, süddeutsche, etc.) sich von Springer anwerben lassen, muss es doch etwas geben, was einem die Entscheidung leichter macht:-)) Und die Zeiten von Wallraff sollen ja angeblich schon längst vorbei sein;-))

16) Peter Seudo-Nym, Freitag, 27. Mai 2011, 17:56 Uhr

“Eine meiner zweifelhaftesten Entscheidungen.”

Das ist ja richtig niedlich ausgedrück, etwas zu niedlich wie ich finde.

Als ehemaliger Springer-Azubi (Ahrensburg) mit täglich Freimilch und FreiBILD weiß ich seit über 30 Jahren das BILD nie und niemals und garnicht geht. Nie. Nie. Niemals. Und auch nicht der Sportteil.

Wenn ein popeliger gewerblicher Azubi wußte dass BILD nie und nienich geht, dann wusste es auch ein Michael Spreng und mit Sicherheit bevor er den Job antrat.

Ich finde es daher nicht angebracht halb schmunzelnd über Stanislaws herzuziehen. Herr Spreng sollte sich stattdessen, und sei es nur im Geiste, bei denen entschuldigen die durch das unsägliche Machwerk an dem er mitgetan hat, zu Schaden gekommen sind.

17) Ein Fan, Samstag, 28. Mai 2011, 12:20 Uhr

Wir sind mal wieder sehr selbstgerecht mit unseren Kommentaren. Warum gestehen wir Herrn Spreng nicht zu, dass er a) als jüngerer Mann auch ordentlich verdienen wollte (würden wir alle, die ihn aburteilen, sofort auf lukrative Verträge verzichten…?) und b) vielleicht hat er auch zu der Zeit noch geglaubt, er könnte mit seiner Arbeit und seiner Einstellung ein Blatt, was nun mal Millionen lesen auch etwas in die positive Richtung beeinflussen. Immer nur meckern über Missstände ist einfach: er hat da was versucht, denke ich, und als er erkannte, dass er sich dem niederern Niveau (und wiederum Instinkten) anpassen müsste, um da weiterzukommen, hat er die Konsequenzen gezogern.

Ich bin für die Anekdote dankbar und sehe sie als Fortsetzung der Diskussion der letzten Woche (Anonymität, Feigheit, wirklich die Meinung zu sagen usw.,). Mich treibt weiterhin die Frage um, wie müssen die Strukturen verändert werden, damit Menschen wie Herr Spreng, mit gutem Wertekompass und dem Mut, mal als Querulant da zu stehen, es so weit nach oben in den Instutionenn, die unserer Gesellschaft prägen, nach oben schaffen. Der Fakt, dass jemand wie er schnell als ewiger Querulant gilt, beschreibt schon das Kernproblem…

Allen ein schönes Wochenende!

18) Ein Fan, Samstag, 28. Mai 2011, 12:35 Uhr

@Brett

Die wichtigere Gestalt in der Anekdote, das eigentliche Problem, ist der menschenverachtende Chefredakteur. Der bizarre Typ ist nur ein armer schwacher Tropf, der dem Menschenverächter genau das liefert, was der Menschenverächter braucht…

Es braucht neben den Despoten immer die ‘Tropfe, damit die Despoten unheilvoll erfolgreich sind.

19) kamikaze, Samstag, 28. Mai 2011, 14:29 Uhr

@Peter Seudo-Nym: Wer bestimmt denn in Deutschland, was “nie und niemals und garnicht geht”? Die Bildzeitung ist genauso ein Teil unserer Demokratie wie die taz, die FAZ oder die Süddeutsche Zeitung. Wollen Sie den Leuten vorschreiben, was sie lesen dürfen oder gar, was sie meinen und denken dürfen?

20) Peter Christian Nowak, Samstag, 28. Mai 2011, 17:26 Uhr

@kamikaze

Ob der Versuch beabsichtigter Meinungsbeeinflussung seitens ausgesuchter Medien etwas mit gesundem Demokratieverständnis zu tun hat, diese Frage darf man sich bei der Bildzeitung wohl noch stellen dürfen. Die Leute merken sehr wohl, welcher Partei eine Zeitung nahe steht und welche nicht. Wenn man das weiß, dann ist eine einschlägig ideologisch gefärbte Berichterstattung wie die der Bildzeitung kein Problem und wird lächelnd unter dem gedanklichen “file” Toleranz abgeheftet.
Daß Friede Springer eine gute Freundin von Angela Merkel ist, ist durchaus nicht zu übersehen.

21) Knut, Samstag, 28. Mai 2011, 19:46 Uhr

Ich denke, Peter wollte nur sagen, dass Leute, deren Intellekt ausreichend groß ist um zu erkennen, was sie mit der Arbeit bei dieser Zeitung anrichten, sich hinterher wenigstens dafür schämen sollten.

22) Peter Seudo-Nym, Sonntag, 29. Mai 2011, 18:50 Uhr

@kamikaze

1. In diesem Fall bestimme ICH das, weil es sich nämlich um meine persönliche Meinung handelt. Die gewählte Ausdrucksweise sollte das eigentlich erkennbar machen.
2. Das die erwähnte Zeitung Teil unserer Demokratie sei ist eine lustige Ansicht.
3. Ja, das würde ich gerne, nur leider würden sich die wenigsten um meine “Vorschreibungen” scheren, Schade.

23) Peter Christian Nowak, Samstag, 17. September 2011, 17:26 Uhr

Hier noch ein Beitrag als Nachtrag: Was die Chefredaktion der “Bild” wohl nicht interessieren dürfte:

http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=8199302r

24) Peter Christian Nowak, Sonntag, 18. September 2011, 16:37 Uhr

Der Link klappte nicht. Daher der Umweg hier über die Nachdenkseiten:

Schlecht bezahlte TV-Mitarbeiter
Traumberuf Fernsehen? Für viele Kameraleute, Tontechniker und Autoren, die frei für TV-Produktionsfirmen und Sender arbeiten, schon lange nicht mehr. Warum ist das so?
Quelle: NDR Zapp

25) Peter Christian Nowak, Sonntag, 18. September 2011, 16:38 Uhr

http://www.nachdenkseiten.de/?p=10743#h11

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