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Stanislaw rennt

In einem langen Journalistenleben trifft man schon eine Menge bizarrer und kranker Typen. Die größte Ansammlung erlebte ich, als ich stellvertretender Chefredakteur von BILD wurde. Eine meiner zweifelhaftesten Entscheidungen. Zuvor war ich als Büroleiter in Bonn (fast) mein eigener Chef.

Einer der bizarrsten Typen war ein Kollege, nennen wir ihn Stanislaw, der in einem schwarzgestrichenen Büro hauste und Beethoven immer so laut hörte, bis der Flur bebte. Sein Büro lag eine Ecke entfernt von dem Büro des Chefredakteurs. Bis zur Ecke ging er normal, dann rannte er. Der Chefredakteur könnte ja gerade in diesem Moment auf den Flur treten. Dann würde er sehen, dass Stanislaw rennt – im Gegensatz zu den vermeintlich gemächlicheren Kollegen.

Dies hatte zudem den Vorteil, dass Stanislaw immer abgehetzt (und etwas zu spät) in die Morgenkonferenz kam und atemlos seinen neuesten angeblichen Scoop herausstammeln konnte. Der Chefredakteur war beeindruckt.

Eines Tages kam Stanislaw abgehetzt in die Konferenz und stammelte ergriffen: „Ein Hamburger Friseur hat das erste wirksame Haarwuchsmittel erfunden“. Ich wandte ein, dass längst wissenschaftlich erwiesen sei, dass es das nicht geben könne, bis mir der Chef über den Mund fuhr: „Langer, davon verstehst du nichts. Bleib du bei deiner Politik“.

Der Chefredakteur, ein ziemlicher Menschenverächter, liebte solche Typen, weil sie Wachs in seinen Händen waren und Geschichten lieferten, die sonst keiner lieferte. Er duzte unaufgefordert alle Redakteure, die ihn natürlich siezen mussten.

Das angebliche  Haarwuchsmittel wurde anschließend von BILD über Monate promotet und es wurden Millionen damit verdient. Ich selbst flüchtete nach 14 Monaten aus dieser Vorhölle des Journalismus.