Samstag, 04. Juni 2011, 14:47 Uhr

Die entkernten Grünen

Die Grünen erleben jetzt, was es heißt, den Markenkern zu verlieren. Die CDU sucht ihn verzweifelt, die SPD hat ihn durch eigenes Verschulden mit der Agenda 2010 verloren und die Grünen verlieren ihn jetzt wegen der Blitz-Kehrtwende Angela Merkels in der Energiepolitik.

30 Jahre lang war der Kampf gegen Atomkraft die zentrale Botschaft der Grünen. Sie machte ihre Glaubwürdigkeit aus und trug sie nach der Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke durch Schwarz-Gelb und nach Fukushima in ungeahnte Höhen. Ein verdienter Aufschwung, denn keine andere Partei hat mit dieser unbeirrbaren Konsequenz ein Thema so lange verfolgt.

Jetzt aber könnte der Aufschwung seinen Zenit überschritten haben. Angela Merkels jüngstes Entgegenkommen, die Kernkraftwerke bis 2022 sukzessiv abzuschalten, raubt den Grünen endgültig den Markenkern. Er ist zwar noch doch da, aber auch schon weg. Der Kampf gegen Atomkraft wird zu einem Stück Parteigeschichte. Wenn alle grün und gegen Kernenergie sind, fehlt das Alleinstellungsmerkmal. 

Die Grünen haben gesiegt, sich durchgesetzt, aber dafür gibt es keine Bonuspunkte mehr. Wahlen werden über Zukunftskompetenz entschieden, nicht wegen der Verdienste der Vergangenheit. Erfolg kann auch eine Last sein.

Die Grünen stürzt dies erst einmal in Verwirrung. Ihr Ministerpräsident Winfried Kretschmann nennt das Ergebnis des Gipfels bei Merkel einen “sehr trägfähigen gesellschaftlichen Konsens”, Renate Künast einen “Schritt in die richtige Richtung”, Jürgen Trittin dagegen wirft der Regierung Mutlosigkeit vor und Bärbel Höhn ernennt den Kampf gegen Atomkraft trotz allem zum zentralen Wahlkampfthema 2013 – mit dem Ziel, schon 2017 endgültig auszusteigen. Ein irreales Szenario, sachlich, aber auch deshalb, weil es frühestens 2014 beschlossen werden könnte. Und mit wem? Dafür gibt es keine Partner mehr.

Statt auf den Konsens einzuschwenken, versuchen Teile der Grünen, das Atomthema künstlich zu konservieren – wohl aus Angst, ohne ihren klassischen Markenkern wieder zur 10- bis 15-Prozent-Partei zu schrumpfen. Themenraub ist sicher misslich, aber dann muss man sich halt etwas Neues einfallen lassen.

Und genau da hapert es bei den Grünen: Klimaschutz ist inzwischen Programm aller Parteien, Schutz der Bürgerrrechte könnte wieder ein Thema der FDP werden. Und der “Green New Deal”, auf den die Grünen so stolz sind, ist mit dem riesigen Innovationsschub durch den Atomausstieg jetzt auch Regierungsthema. Erneuerbare Energien als Wirtschaftsmotor, der ökologische Umbau der Wirtschaft – auch das ist kein Alleinstellungsmerkmal der Grünen mehr. 

Aus der Wahlforschung weiß man, dass Parteienwechsel erst dann haltbar sind, wenn sie bei einer zweiten Wahl bestätigt wurden. Diejenigen, die in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Bremen zum ersten Mal grün gewählt haben, schwanken immer noch zwischen der Partei, der ihre eigentlichen Sympathien gehören, und den Grünen. Diese Wähler können wie Flugsand wieder verwehen, wenn Atom kein Aufregerthema mehr ist.

Ob die Grünen den Verlust ihres Markenkerns kompensieren können, wird sich spätestens am 18. September bei der Wahl in Berlin zeigen. Die CDU sollte aber nicht zu früh jubilieren. Merkel hat zwar die Grünen entkernt, aber seit 2005 systematisch auch die CDU.

Sie können Ihren eigenen Kommentar weiter unten abgeben.

67 Kommentare

1) Peter Christian Nowak, Montag, 06. Juni 2011, 19:44 Uhr

@RCB
°°Im Übrigen, Sie alter Schröder-Freund sollten es besser wissen, die SPD war nicht selber Schuld an der Agenda 2010, sie war durch die Versäumnisse der Vorgänger-Regierungen gezwungen gegen ihre eigenen Grundsätze so zu handeln, weil sonst unser gesamtes Sozialwesen in die Binsen gegangen wäre. Das war ein Opfergang für uns Bürger, den leider die Wenigsten verstanden haben (erinnert mich an Obama und seine Krankenversicherung). Das nur am Rande.°°

Ja ja, Herr/Frau RCB, Meister aller Sprengmeister! “Man muß es den Leuten nur erklären”… (Kommunikationsanleitung für Politiker, wenn sie am Ende mit ihrem Latein sind)
Was hat sich also Ihrer Meinung nach in den Sozialsystemen seit der Agenda grundlegend gebessert?

2) Klaus Klausen, Montag, 06. Juni 2011, 20:55 Uhr

@ Don Corleone

Danke, und Sie haben vollkommen recht. Ich lese mit Begeisterung Sprengsatz, aber die Grünen sind derzeit wirklich egal. Sollen Sie doch auf der Tsunami-Welle reiten. Soll sie durch Baden-Württemberg leicht herunterwirtschaften können, weil wir jetzt alle erdbebenbedroht sind. Wahl in Berlin – I could care less. Aber die gigantischen Themen um Euro und EU – das sind die Probleme! Das muss thematisiert werden. Nein, nicht thematisiert – auf die Demos und Barrikaden gehen! mal eben 100 Mrd. verbrennen, für ein kleines 3% der EU-Land für 1 Jahr. Soviel können die Grünen gar nicht kaputtmachen. Nicht mal C. Roth. Darum ein wenig Enttäuschung dass nichts bissiges zu dem Thema kam, und große Fassungslosigkeit, Frustration und realistische Hoffnungslosigkeit, dass wir da nicht mehr rauskommen. Gibt ja keine Alternative.

3) StefanP, Dienstag, 07. Juni 2011, 09:30 Uhr

@Ste

Das mögen Sie alles so sehen und das mag auch manches grüne Parteimitglied so sehen. Die Mehrzahl der eigenen Wähler tut das – zumindest was die letzte Bundestagswahl betrifft – nicht.

Schauen Sie mal: Wirtschaftspolitik spielt für Grün-Wähler eine untergeordnete Rolle, Soziale Gerechtigkeit auch:
http://www.tagesschau.de/wahl/aktuell/wahlanalyse104.html

Dass im Übrigen FDP- und Grüne-Wähler im Gegensatz zum vorherrschenden Glauben wenig miteinander zu tun haben, die Grünen die Liberalen deshalb auch nicht ersetzen können, ergibt sich auch aus der Wahlanalyse. Auch wenn die Quelle eine andere ist, im SPIEGEL-Sonderheft hatte ich gleiche oder ähnliche Werte:

“Mit den Grünen gab es den geringsten Austausch (-20.000). Schaut man sich die Werteprofile
oder Einstellungen von FDP- und Grünen-WählerInnen zu bestimmten Fragen
und Werten an, zeigt sich, dass diese beiden WählerInnengruppen vor allem auf der Ökologie-
und auf der Gerechtigkeitsachse am Weitesten voneinander entfernt sind (Atomausstieg,
Mindestlohn, Solidarität vs. Leistung). Dasselbe gilt auch für die Themen:
Während für 55 % der FDP-WählerInnen die Wirtschaftspolitik entscheidend war, weist
dieses Thema bei den Grünen mit 19 % den geringsten Wert aller Parteien auf. Bei der
Bedeutung der Umweltpolitik sind die FDP-WählerInnen hingegen die größten Ignoranten
(7 % zu 66 % bei den GRÜNEN). Nicht nur im Wahlkampf konnte man es spüren:
FDP und GRÜNE sind die thematischen Antipoden im Parteiensystem.”
http://stephanschilling.net/wp-content/uploads/2010/10/Wahlanalyse.pdf

Bei SPIEGEL waren es damals rund drei Viertel, für die das Umweltthema ausschlaggebend war. Wie Sie aus solchen Zahlen zu dem Schluss kommen können, die Grünen seien (zumindest in den Augen ihrer Wähler) keine Ein-Themen-Partei, ist mir völlig schleierhaft. Und wie man zu der Ansicht gelangen kann, die Stimmen für die FDP seien vor allem eine Sache des Protestes gegen die Große Koalition, auch. Ein wesentlicher Teil derjenigen, die mit der Zweitstimme die Liberalen unterstützten, taten dies auch mit der Erststimme.

Einfach mal ein bisschen Zahlenstudium betreiben, bevor man aus den eigenen Überzeugungen und Wünschen abgeleitet etwas in die Welt setzt. Das gilt übrigens besonders für Herrn Spreng.

4) Erwin Gabriel, Dienstag, 07. Juni 2011, 10:36 Uhr

@ Ste, Montag, 06. Juni 2011, 18:54 Uhr
> @StefanP: Wieder falsch, die Grünen stehen auch für eine solide Friedenspolitik
> und aufgrund des Umweltthemas, den noch immer niemand der anderen Partei
> wirklich ernst nimmt, knüpfen sich viele andere Unterthemen an, die andere
> Bereiche hinein ragen, wie z.B. Arbeitsmarktpolitik und WIrtschaftspolitik.
> Die neue Energiewirtschaft wird neue Konzepte auf den Weg bringen,
> die Wirtschaft und Arbeitsmarkt verändern werden. Und damit stehen
> die Grünen auch für einen anderen Kapitalismus, ein ganz wichtiger Punkt.

Nun ja. Zwar gibt es wie bei jeder anderen Partei eine Stammwählerschaft, die “ihre” Partei aus einer inneren Grundstimmung und unabhängig von konkreten Inhalten wählen wird – wie groß die ist, wird man sehen. Aber sonst?

Arbeitsmarkt-, Energie- und Wirtschaftspolitik haben ALLE Parteien auf der Rechnung. Hier werden sich die Grünen irgendwo zwischen weit links und leicht rechts von der Mitte einsortieren (müssen). Ein “anderer” Kapitalismus ist auf die Schnelle nicht möglich (erst recht nicht bei den in diesem Punkt fast kompetenzfreien, von Wunschdenken dominierten Grünen). Unsere Friedenspolitik hat sich in diesen Zeiten erledigt bzw. wird weitgehend von den USA und der NATO bestimmt. Und für die an anderer Stelle erwähnten Bürgerrechte machen sich bereits die Piraten auf den Weg – ähnlich chaotisch, aber auch ähnlich unverbraucht wie weiland die Grünen.

5) Erwin Gabriel, Dienstag, 07. Juni 2011, 10:42 Uhr

@ Peter Christian Nowak, Montag, 06. Juni 2011, 19:44 Uhr

> Ja ja, Herr/Frau RCB, Meister aller Sprengmeister! “Man muß es den Leuten nur erklären”…
> (Kommunikationsanleitung für Politiker, wenn sie am Ende mit ihrem Latein sind).
> Was hat sich also Ihrer Meinung nach in den Sozialsystemen seit der Agenda grundlegend gebessert?

Gebessert: Nichts. Aber es gibt sie noch

6) EStz, Dienstag, 07. Juni 2011, 11:25 Uhr

@ Sabine Zielke-Esser, Sonntag, 05. Juni 2011, 08:32 Uhr
Erstmals seit Jahren bin ich wieder optimistisch: Wir haben ein Ziel und einen Zeitplan. Erstmals machen wir in Deutschland unser Ding, ohne auf die Fußkranken in Europa und dem Rest der Welt zu warten. Das war doch bislang Merkels Politik des Stillstands: „Ich würde ja gerne, aber das müssen wir gemeinsam auf europäischer Ebene lösen (und wenn die anderen nicht wollen, dann geht’s halt nicht)“.

Auch ich bin gegen Atomstrom, weil der radioaktive Abfall über weitaus längere Zeiträume gefährlich bleibt, als der Mensch vom Verstand her verarbeiten kann (wie wenn heute etwa jemand Krebs bekommt, weil er etwas ausbuddelt, was ein Pharao damals hat wegschmeissen lassen – den Ablauf der Entwicklung seit damals hat kein Pharao voraussehen können).

Wiederum denke ich, dass das Kind bereits im Brunnen liegt. Wenn der Abfall die nächsten tausend Jahre radioaktiv bleibt und allein die Beseitigung Jahrzehnte beanspruchen wird, macht es nichts, ob er gleich verbuddelt wird oder noch ein paar Jahre Energie erzeugt.

Außerdem ist die Panik-Reaktion nach Fukushima ziemlich deutsch. Ich bezweifle nicht, dass auch durch AKWs in Deutschland eine potentielle Gefährdung besteht, und finde es extrem gut, sich über Sicherheit Gedanken zu machen. Aber sich Gedanken zu machen und eine Entscheidung treffen, ohne vorher überhaupt über Konsequenzen nachzudenken ( vom Einfluss der Entscheidung auf Wählerstimmen mal abgesehen), sind nicht ganz das Gleiche.

Es ist aus meiner Sicht ziemlich beispielsweise unsinnig, mit dem Atom-Ausstieg zu beginnen, bevor die Endlager-Frage geklärt ist. Es wird folgen, was in solchen Fällen immer folgt: Eine ätzende Schlacht von Lokalpolitikern, die den Dreck lieber beim Nachbarn als im eigenen Bundesland abladen wollen (“Wir würden den Atommüll ja nehmen, aber leider haben wir keine passende Lagerstätte”); vielleicht sogar das daraus resultierende Ergebnis, dass es in Deutschland keinen Standort gibt, der den Anforderungen genügt?

Außerdem ist es aus meiner Sicht ziemlich scheinheilig, hier die AKWs abzuschalten, um dann Atomstrom aus Ost- und Westeuropa einzukaufen.

Wie immer, wenn es bei Frau Merkel schnell gehen soll (siehe der unselige Kommentar zu KTzG), geht es daneben.

7) EStz, Dienstag, 07. Juni 2011, 11:40 Uhr

@ Don Corleone, Sonntag, 05. Juni 2011, 15:40 Uhr

…Denn sind diese Beweggründe und Schleichwege die Basis der Politik in einer Demokratie? Geht es nur noch darum, wiedergewählt zu werden und am Futtertrog zu bleiben?
Geht es nicht in erster Linie darum, Politik für Deutschlands Bürger zu machen, nicht gegen sie?
Darf man einfach deren industrielle Basis durch überhasteten Kernkraft-Populismus einer höchst ungewissen Zukunft überantworten?

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Helmut Schmidt hat sich (wie man im Nachhinein weiß, zum Wohle des Violkes) für die Nachrüstung eingesetzt, um auf eine vorhandene Bedrohung zu reagieren. Er hat dabei gegen den Willen seiner Wählerschaft regiert und verlor das Amt.

Helmut Kohl hat eigentlich nichts getan, um seine Wählerschaft zu ärgern, und dabei einen Haufen Krempel auf dem Schreibtisch liegen gelassen. Er blieb 16 Jahre Kanzler.

Gerhard Schröder hat in seiner ersten Wahlperiode auch nichts getan, um seine Wähler zu verprellen. Mit der Agenda 2010 hat er (bei allen Mängeln in der Ausführung) einen richtigen Weg eingeschlagen, um die Versäumnisse Helmut Kohls aufzuarbeiten. Er regierte damit gegen seine Wählerschaft und verlor das Amt.

Was, glauben Sie, wird Angela Merkel machen?

8) Andronico, Dienstag, 07. Juni 2011, 13:01 Uhr

Zitat: Es ist aus meiner Sicht ziemlich beispielsweise unsinnig, mit dem Atom-Ausstieg zu beginnen, bevor die Endlager-Frage geklärt ist.

Das versteh ich nicht. Wir produzieren der gefährlichsten Müll in der Geschichte der Menschheit. Aber da wir die Büchse der Pandora nun mal geöffnet haben, spielt es keine Rolle, ob wir noch 30 Jahre so weiter machen? Wenn man versteht, was wir da machen, kann es nur eine Lösung geben. So schnell wir möglich raus. Wer will unseren Kindern und Enkeln erklären, dass wir das Recht hatten, das zu machen, weil wir billigen Strom brauchten? Und angenommen es kommt zum Gau, und Hanau, oder Landshut oder Hamburg sind auf tausenden von Jahren unbewohnbar – wie will man die Fragen beantworten?

“Wir wussten schon, dass das gefährlich war, aber wir hatten schon mal angefangen, da war es eh schon wurscht. Außerdem wäre sonst der Strom vielleicht teurer geworden.”

Wie billig sind unsere Ausreden für unmoralisches Handeln! Wie leicht lassen wir uns unsere Integrität für ein paar Euro abkaufen!

9) StefanP, Dienstag, 07. Juni 2011, 13:28 Uhr

@Peter Christian Nowak

“Was hat sich also Ihrer Meinung nach in den Sozialsystemen seit der Agenda grundlegend gebessert?”

Nun, das liegt doch für die meisten – insbesondere auch in anderen Ländern – auf der Hand. Während in vielen OECD-Staaten, namentlich die USA, Spanien, Portugal, Irland, Italien, die Sozialsysteme durch die starke Zunahme an Anspruchsberechtigten an die Wand gedrückt werden und die Staatshaushalte bersten, wuchs in Deutschland die Zahl der Erwerbstätige. Damit nahm die Zahl der Einzahler in die Sozialsysteme zu, während sich die Ansprüche stabilisierten. Das Sie das nicht positiv sehen, wissen wir. Doch diejenigen, die die Rechnung zahlen, sehen das sehr positiv.

10) Loewe, Dienstag, 07. Juni 2011, 21:38 Uhr

Zustimmung zu Oliver Becks Kommentar (4. Juni, 19.45 Uhr).

Politisch Neues kommt üblicherweise eher von jungen Leuten, von einer neuen Generation.
Werfen wir also einen Blick auf die jetzt 25 bis 35jährigen. Ist da was politisch Neues in der Mache?

Ich kann leider nichts entdecken. Oder ist es die Vorstellung, eine plebiszitäre Politik möglichst ohne Parteien, ohne Großorganisationen, ganz aus dem spontanen Willen des Volkes zu realisieren?

CDU, SPD und FDP wirken erschöpft, die Linke wirkt krank oder unreif, nur die Grünen wirken vital. Aber sie werden natürlich auch alt.

Was kommt nach? Es müsste doch jetzt schon zu sehen sein, wenn da was nachkommt.

Es würde mich interessieren, was Sie, Herr Spreng, politisch Zukunfsfähiges erspähen.

Das fragt Leo Brux, 61 Jahre alt.

11) EStz, Dienstag, 07. Juni 2011, 23:21 Uhr

Andronico, Dienstag, 07. Juni 2011, 13:01 Uhr
Zitat: Es ist aus meiner Sicht ziemlich beispielsweise unsinnig, mit dem Atom-Ausstieg zu beginnen, bevor die Endlager-Frage geklärt ist.
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Das versteh ich nicht. Wir produzieren der gefährlichsten Müll in der Geschichte der Menschheit. Aber da wir die Büchse der Pandora nun mal geöffnet haben, spielt es keine Rolle, ob wir noch 30 Jahre so weiter machen? Wenn man versteht, was wir da machen, kann es nur eine Lösung geben. So schnell wir möglich raus. Wer will unseren Kindern und Enkeln erklären, dass wir das Recht hatten, das zu machen, weil wir billigen Strom brauchten? Und angenommen es kommt zum Gau, und Hanau, oder Landshut oder Hamburg sind auf tausenden von Jahren unbewohnbar – wie will man die Fragen beantworten?

“Wir wussten schon, dass das gefährlich war, aber wir hatten schon mal angefangen, da war es eh schon wurscht. Außerdem wäre sonst der Strom vielleicht teurer geworden.”

Wie billig sind unsere Ausreden für unmoralisches Handeln! Wie leicht lassen wir uns unsere Integrität für ein paar Euro abkaufen
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“Wenn man versteht, was wir da machen….” – nun denn

Wissen Sie, wie viele Leute durch Unfälle bei der friedlichen Nutzung der Atomkraft gestorben sind? Wissen Sie, wie viele Leute mehr allein durch den Kohleabbau starben? Kennen Sie die Schäden, die die friedliche Nutzung der Atomkraft in der Umwelt anrichtet, und die viel größeren Schäden, die durch die Verbrennung fossiler Kraftstoffe entstehen?

Sie argumentieren wie jemand, der Angst hat, ins Flugzeug zu steigen, aber problemlos mit dem Auto reist, weil er “glaubt”, dass es sicherer ist. Natürlich stimmt diese Annahme nicht, aber Glauben ist stets stärker als Wissen.

Momentan haben wir “nur” den Atommüll, der aus dem laufenden Betrieb entsteht. Und schon mit dem können wir mangels Endlager nichts anfangen. Die Situation wird aber nicht besser dadurch, dass wir noch die AKWs selbst eintüten und auf irgend einen Hof stellen.

Und selbst wenn das nicht meinem Denkschema entspricht: Natürlich spielen 30 Jahre nur eine untergeordnete Rolle, wenn beispielsweise die Halbwertszeit von Plutonium bei über 24000 Jahren liegt. Aber darum geht es nicht.

Ich habe als junger Mensch damals fleißig gegen das AKW Brokdorf demonstriert, weil ich die friedliche Nutzung der Atomkraft mit der militärischen in einen großen Topf geworfen habe. In dem Jahr, in dem Tschernobyl hoch ging, lebte ich in Bayern – direkt im Einzugsbereich der Fallout-Wolke, die am 30. April 1986 über uns hinweg zog. Da meine Frau hochschwanger war, sorgten wir uns sehr, schränkten den Genuß bestimmter Nahrungsmittel oder den Aufenthalt im Freien über viele Monate ein. Ich wohne derzeit in der näheren Umgebung von Hamburg bzw. Krümmel. Und mit den beiden noch daheim wohnenden Kindern wird auch über Atomkraft fleissig diskutiert.

Ich war stets gegen Atomkraft, ich bin auch jetzt noch dagegen. Das bedeutet wiederum nicht, dass ich keinen Verstand habe. Und genau so, wie man damals ohne genaue Kenntnisse bzw. mit Billigung der möglichen Folgen und Risiken in die Atomtechnik hinein gestolpert ist, so stolpert man jetzt genau so blind und blöd wieder hinaus. Ein bisschen mehr Sachverstand als von einer auf Wählerstimmen schielenden Kanzlerin oder einer so genannten Ethik-Kommision ist da aus meiner Sicht schon vonnöten.

Nun zu Ihnen: Haben Sie schon mal “Atomstrom” verbraucht (oder welchen aus Kohlekraftwerken)? Sind Sie schon mal in einem benzin- oder dieselgetriebenem Auto gefahren oder gar mit einem Flugzeug verreist? Haben Sie schon mal Fleisch gegessen? Schon mal bei einem Spaziergang eine Ameise oder ein Pflänzchen zertreten? Sind Sie schon mal an einem Bettler vorbei gelaufen, ohne ihm Geld in den Hut zu werfen? Für wie viele Kinder in der dritten Welt haben Sie schon Patenschaften übernommen?

Wenn Sie (von mir aus nur sich selbst) alle diese Fragen ehrlich beantwortet haben, hänge ich noch eine Frage hinten dran: Wie billig sind Ihre Ausreden für unmoralisches Handeln?

Machen Sie es sich nicht ein bisschen zu einfach?

12) EStz, Dienstag, 07. Juni 2011, 23:28 Uhr

@horst scharnhorst, Montag, 06. Juni 2011, 14:52 Uhr

Der Markenkern der Grünen ist Modernität und nicht “gegen AKW”. Insoweit belegt der heutige Beschluß nur, das “Grün wirkt”. Was ist Hans Dietrich Genscher überliefert: “Wer nach allen Seiten offen ist, ist nicht ganz dicht”. Das trifft auf die CDU zu. Die haben ein Problem.

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Bei der CDU stimme ich ja zu, aber die Grünen? In meinen Augen eher etwas selbstgerechte, irgendwie altmodische Öko-Spiesser, aber nicht gerade “modern” 🙂

13) RCB, Mittwoch, 08. Juni 2011, 12:36 Uhr

@Erwin Gabriel 07.06. 10.42h
@StefanP 07.06. 13.28h
Danke für Ihre Erklärungen, ich hätte die Frage von @Peter Christian Nowak vom 06.06. 19.44h nicht besser erklären können (ob er’s begreift, bei dieser eher unsinnigen Fragestellung, ich glaube eher nicht).

14) Peter Christian Nowak, Mittwoch, 08. Juni 2011, 19:32 Uhr

@Stefan P.

^^Doch diejenigen, die die Rechnung zahlen, sehen das sehr positiv.^^

Aber klar doch! Nur mit dem einen Unterschied, daß außer Ihnen und einer kleinen Minderheit nicht die Zeichen der Zeit erkannt haben, daß die Zeiten der Absahne und Umverteilung von unten nach oben langsam aber sicher zuende geht! An Ihrer Stelle würde ich schleunigst den ideologischen Kramladen, der bei Ihnen rumgeistert, entrümpeln, den Sie – und vielleicht noch ein paar unverbesserliche Einwandsimmune – im Kopf haben. Ihr Wissen von Volkswirtschaft gleicht eher einer lächerlichen Mimikry: Sie können Wissenschaft und eigener Meinung zu einem komplexen Sachverhalt nicht trennen und verlangen vom Rest der Welt, desgleichen zu akzeptieren. Aber, werter Herr, Sie vergessen, Sie sind und bleiben kein Wissenschaftler vom Fach! Auch das ist der Leserschaft nicht entgangen. Daher sind Ihre Einlassungen im Hinblick der Wissenschaft nur eine Meinung und letztlich unerheblich – was immer Sie auch hier und anderswo versprühen. Und weil es lediglich niedliche Faxen sind, werde ich Ihnen auf Ihre pseudowissenschaftliche Ergüsse nicht länger mehr reagieren, weil… sie langweilen mich so langsam.

15) Erwin Gabriel, Mittwoch, 08. Juni 2011, 19:55 Uhr

@ RCB, Mittwoch, 08. Juni 2011, 12:36 Uhr

> Danke für Ihre Erklärungen, ich hätte die Frage von @Peter Christian Nowak vom 06.06. 19.44h
> nicht besser erklären können (ob er’s begreift, bei dieser eher unsinnigen Fragestellung,
> ich glaube eher nicht).

Ist sicherlich einiges nicht perfekt gelaufen und noch schlechter kommuniziert. Aber die Lösung ist immer noch besser als die in den USA oder in Griechenland… 🙂

16) Peter Christian Nowak, Mittwoch, 08. Juni 2011, 20:15 Uhr

^^Kennen Sie die Schäden, die die friedliche Nutzung der Atomkraft in der Umwelt anrichtet, und die viel größeren Schäden, die durch die Verbrennung fossiler Kraftstoffe entstehen?^^

Mannomann, Sie sind vielleicht gut: Sie stecken den Atommüll in Ihre eigene Tasche, dann ist er entsorgt? Viell Spaß! Und Tschenrnobyl wie Fuku waren lediglich Fatamorganen, ohne jede Bedeutung…

@mspreng

Was schreiben hier eigentlich für Leute?….

17) EStz, Donnerstag, 09. Juni 2011, 10:36 Uhr

@Peter Christian Nowak, Mittwoch, 08. Juni 2011, 20:15 Uhr

^^Kennen Sie die Schäden, die die friedliche Nutzung der Atomkraft in der Umwelt anrichtet, und die viel größeren Schäden, die durch die Verbrennung fossiler Kraftstoffe entstehen?^^
……………………………………………………..
Mannomann, Sie sind vielleicht gut: Sie stecken den Atommüll in Ihre eigene Tasche, dann ist er entsorgt? Viell Spaß! Und Tschenrnobyl wie Fuku waren lediglich Fatamorganen, ohne jede Bedeutung…
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So schwer Ihnen das Verstehen oder der Akzeptieren der Situation fallen mag: Die Politiker, die sich vor Jahrzehnten für die zivile Nutzung der Atomkraft entschieden, wollten den Menschen helfen, nicht sie nach und nach alle umbringen. Unstrittig ist auch, dass diese Entscheidung von Politikern und Wissenschaftlern gefällt wurde, die beim damaligen Stand der Technik die möglichen Folgen nicht absehen konnten.

Es gibt auch heute noch durchaus gute Argumente für den Einsatz von Atomenergie (natürlich auch viele und gute Argumente dagegen). Das ist keine Schwarz-weiß-Geschichte, sondern wie fast alles im Leben Hell-dunkel. Üblicherweise trifft ein jeder seine persönliche Entscheidung über die Gewichtung der vorhandenen Argumente. In meinem Fall führt das Wichten und Abwägen der Argumente zu einer ablehnenden Haltung. Und dennoch habe ich vor einer begründeten positiven Haltung mehr Respekt als vor einer fundamentalistischen, argumentationsfreien Zustimmung zu meiner Meinung.

Wie ich im von Ihnen zitierten Posting ausführte, habe ich Tschernobyl durchaus als sehr ernste Bedrohung empfunden und war erschrocken über die weitreichenden Auswirkungen. Ich halte auch die Katastrohen von Majak, Windscale, Harrisburg und Fukushima (um nur mal die großen “Unfälle” zu nennen) nicht für bedeutungslose Fata Morganen – aus welchem Punkt meiner Aussage “Ich war stets gegen Atomkraft, ich bin auch jetzt noch dagegen” Sie das ableiten, habe ich noch nicht entschlüsseln können.

Und gerade die ungeklärte Entsorgungslage des Atommülls ist für mich ein wichtiges Argument gegen die Ad-hoc-Entscheidung der Bundeskanzlerin gewesen – lesen Sie das doch noch einmal nach. Und was die bis jetzt aufgelaufenen Umweltschäden angeht (auf diese Frage beziehen Sie sich, ohne allerdings daruf einzugehen): Selbst wenn Sie die Schäden des Tsunamis in die Rechnung mit hinein nehmen, schneidet die Energiegewinnung aus fossilen Brennstoffen deutlich schlechter ab.

Als ich Ihr Posting las, habe ich Ihr Argument nicht verstanden, bis mir auffiel, dass da keines war. Es ist ja für mich immer wieder durchaus beeindruckend, wenn man Fakten, Logik und Argumente durch das lodernde Feuer des Glaubenseifers ersetzt. Nicht falsch verstehen: Ich beneide Sie durchaus ein wenig um Ihre Einstellung. Zu “glauben”, dass man “Recht” hat bzw. zu den “Guten” gehört, erleichtert durchaus das Leben. Aber es erschwert eben auch die Kommunikation.

18) Peter Christian Nowak, Donnerstag, 09. Juni 2011, 20:55 Uhr

@Estz

Also, ich will mich so kurz fassen wie möglich. Erstens: ich bin ein entschiedener Gegner jeglichen Fundamentalismus´ und Sektiererei. So auch in der Frage der Atomkraft. Als in den 50er Jahren in Karlsruhe der erste Forschungsreaktor in Betrieb ging, da wurde in den Schulen die Atomkraft als universale Zukunftsenergie schlechthin propagiert, die immer und ewig Strom liefern wird – “niemals mehr wird es Energieprobleme geben”, sozusagen ein perpetuum mobile der Energiegewinnung.
Erst so Anfang der 70er Jahren tauchten diejenigen auf, die berechtigte Zweifel an der kontinuierlichen Sicheheit der Kernenergie hatten. Das waren nicht irgendwelche Leute, sondern Kernphysiker aus vielen Ländern der Erde. Aus diesem heftigen Murren und berechtigten Zweifeln hat sich letztlich die Antiatomkraftbewegung entwickelt, aus denen später die “Grünen” entstanden sind.
Damals standen die Probleme, die, wie wir wissen, nach und nach Wirklichkeit wurden, schon zur Debatte.

Heute nun scheinen wir ein Quäntchen klüger, wissen wir aus eigener Anschauung, daß die Kernenergie aus vielerlei Gründen weder sicher, noch auf lange Sicht umweltfreundlich, ist wie es derzeit auch heute noch von vielen aud der Atomlobby gern verkündet wird. Das stimmt nach 40 Jahren Atomzeitalter nicht. Diese These ist beim besten Willen nicht mehr aufrecht zu erhalten.

Wäre Atomenergie eine Form der Energiegewinnung, deren Beherrschabarkeit des sogenannten “Restrisikos” zu 100% zu händeln wäre, dann bliebe immer noch die Frage nach der sicheren Endlagerung. Keine Nation hat darauf bisher eine befriedigende Antwort gefunden. Und beides, die nicht sichere Beherrschbarkeit des Restrisikos und die scheinbar Verunmöglichung, Atommüll, der eine Million(!) Jahre lang noch strahlen wird, unter sicheren geologischen Umständen zu lagern, macht die Kernenrgie zu einem nicht länger verantwortbaren Energieträger. Denn wir müssen uns schon entscheiden, entweder für den Vabanque, Gesundheit und Leben aufs Spiel zu setzen, ja die gesamte Natur für immer unbewohnbar zu zerstören, oder die Chance in jeder dieser Hinsichten, wie auch der wirtschaftlich-technologisch-innovativen Chancen einen Aufbruch in ganz andere, viel sicherere Technologien zu wagen.
Und wichtig: wohl wissend, daß diese Chance durchaus Risiken ganz anderer Art in sich birgt. Die Diskussionen hierbei befinden sich, wie Sie ja wissen, derzeit im vollen Gange.

Ich bin also weit davon entfernt, dogmatisch oder hysterisch-sektiererisch diese Risiken auszublenden.

Dennoch bin ich der Meinung, daß diese Risiken im Vergleich zu dem, was mit der Fortsetzung der Kernenergie verbunden wäre, in der Wertigkeit der Risikoabschätzung ungleich geringer, ja beherrschbarer sind – sofern grundsätzliche Entscheidungen durchdacht, miteinender verglichen und auf ihre Umsetzung technisch wie wirtschaftlich als auch in sozialer Hinsicht übeprüft werden.

19) EStz, Freitag, 10. Juni 2011, 10:51 Uhr

@ Peter Christian Novak

Das ist, von vernachlässigbaren Nuancen abgesehen, auch mein Standpunkt (hab ja auch etwas anderes hier nie vertreten). Und ich fühle mich auch nicht gleich in die Kriegsverbrecher-Ecke gedrängt, nur weil ich gesagt habe, dass Kohle und Erdöl auch problematisch sind. 🙂

Die Umweltschäden durch Atomkraft sind ja offensichtlich (jede Art der Energiegewinnung schädigt die Umwelt). Auch die Verluste an Menschenleben sind offensichtlich (wie bei den anderen Energiearten auch). Es ist eben bei einigen Energiearten noch schlimmer noch schlimmer als bei der Atomkraft.

Hab mich mit einigen profilierten Atomkraft-Befürwortern unterhalten. Die konnten jedes meiner Argumente widerlegen bzw. durch vergleichbare oder stärkere Argumente gegen die Alternativen kontern.

Wo JEDER die Waffen streckte, war auch der von Ihnen angesprochene Punkt: die (Un)Möglichkeit der sicherern Lagerung von Atommüll über die nächsten 50000 oder 1000000 Jahre. ALLES andere unterliegt einer relativen Bewertung.

20) rudow1, Dienstag, 14. Juni 2011, 08:35 Uhr

Die Dinge sind im Fluss, man beachte die Energiewende der Kanzlerin und zugleich den letzten Artikel von Björn Hengst im Spiegel zum Thema Grüne.

Wenn wir hier alle evtl. in zwei Jahren von einer Koalition auf “Augenhöhe” von CDU und Grünen schreiben sollten, dann hatte das jetzt seinen Anfang. Wer weiss …

21) Peter Christian Nowak, Donnerstag, 30. Juni 2011, 14:10 Uhr

Die Grünen sind wohl letztlich bei denen angekommen, die früher entweder CDU/CSU oder FDP gewählt haben: den saturierten Bürgerlichen, die nicht zu den ganz Reichen, dennoch zu denen gehören, die durchaus in einem gewissen Wohlstand leben, mit hedonistischen, bzw. bohemienistischen Neigungen. Es sei gewarnt, die Grünen als eine der sozialen Gerechtigkeit verpflichteten Partei zu sehen.
Hierzu eine Einschätzung der FR:
http://www.fr-online.de/politik/meinung/schwarze-angst-vor-gruener-gefahr/-/1472602/8609024/-/index.html

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