Dienstag, 14. Juni 2011, 12:27 Uhr

Mittagessen beim BND

Während der Zeit der sozialliberalen Koalition (1969 bis 1982) versuchte der Bundesnachrichtendienst (BND), sich für die Medien zu öffnen und transparenter zu werden. Er lud deshalb Journalisten in die BND-Zentrale nach Pullach bei München ein. Die Öffnung leitete der hemdsärmelige SPD-Politiker Dieter Blötz ein, der 1970 Vizepräsident wurde und 1979 über ein Verhältnis mit einer Untergebenen stürzte.

In diesen Jahren war auch ich gelegentlich Gast in Pullach. Die Journalisten konnten vorher die Themen und Länder angeben, die sie besonders interessierten. Dazu gab es dann Fachvorträge von Länderreferenten und Abteilungsleitern. Dabei stellte sich aber heraus, dass es sich meist nur um gut aufbereitetes Zeitungswissen handelte.

Unterbrochen wurden die Unterrichtungen durch ein Mittagessen mit dem Präsidenten (damals Gerhard Wessel), wobei sich herausstellte, dass die Küche ganz ordentlich war. Das war aber in der Regel der größte Erkenntnisgewinn.

Übrigens: Nie wurde von den BND-Leuten der Versuch gemacht, ihrerseits die Journalisten auszuhorchen.

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3 Kommentare

1) Doktor Hong, Dienstag, 14. Juni 2011, 21:21 Uhr

Vielleicht waren die BND-Leute aber auch so geschickt, dass die Journalisten gar nicht merkten, wie sie ausgehorcht wurden. 😉

2) m.g.t., Mittwoch, 15. Juni 2011, 08:29 Uhr

Gut aufbereitetes Zeitungswissen? Kein Wunder, dass Helmut Schmidt gesagt hat, alles, was ihm der BND liefert, finde er auch in der Neuen Zürcher Zeitung.
Dass man Journalisten nichts besonders Geheimes erzählen kann ist selbsterständlich, dass man dem Bundeskanzler aber auch nchts berichten kann, wohl eher peinlich.
Interessant wären jetzt die Konsequenzen: Wie kann man den BND “aufmotzen”, sodass er nicht mehr dabei auffliegt, Panzer als Traktoren (?) über den Hamburger (?) Hafen zu verschicken und trotzdem keine Hilfe bei “Desert Storm” mehr leistet?
Eiffizienz, ohne “böse” zu werden…. ein harter Job.

3) Doktor Hong, Donnerstag, 16. Juni 2011, 11:21 Uhr

Ja, Richard Clarke hat etwas ähnliches bemerkt, als er zum CIA gekommen ist – das meiste “Infomaterial” der amerikanischen Geheimdienste stamme aus Zeitungen.

Aber was soll’s? Warum soll man als Auslandsnachrichtendienst auf die Informationen verzichten, die einem die Zeitungen frei Haus liefern?

Ist denn der Sprengsatz nicht eine Fundgrube für Auslandsnachrichtendienste, die sich über die Dynamiken in der aktuellen Regierung informieren wollen? Warum einen Agenten anwerben, wenn man das alles im Netz lesen kann?

Nun ist Helmut Schmidt begeisterter Zeitungsleser – was ist aber falsch daran, Entscheidungsträger, die nicht gerne lesen, mit morgendlichen Vorträgen zu informieren, deren Basis Zeitungsberichte sind?

Peter Drucker hat einen Artikel darüber geschrieben. Eisenhower z.B. war ein Leser und kam nicht gut mit Pressekonferenzen zurecht. Kennedy war ein Leser und hatte Leute in seinem Stab, die ihm Berichte schrieben, während Johnson ein Zuhörer war und jemanden brauchte, der ihm die Dinge vortrug, und mit den Berichteschreibern nicht gut zurecht kam. Das hat nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun, sondern mit Vorlieben.

Ich denke, dass es trotzdem so ist, das wir eine Menge von den Dingen, die uns eigentlich etwas angingen, nichts mitkriegen.

Gleichzeitig werden wir vollgemüllt mit Info-Schrott, sodass wir wenigstens die Illusion haben, bestens informiert zu sein.

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