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Kirch und Kohl – so funktioniert Machtpolitik

Die Nachrufe sind geschrieben. Einige sind ehrlich, einige freundlich verlogen – dem römischen Motto folgend: „De mortuis nihil nisi bene“ (Über Tote nur Gutes). Einer ist enlarvend, der von Helmut Kohl in BILD für seinen alten Freund und Kampfgefährten. Kohl schreibt darin: „Leo Kirch hat … in der Medienlandschaft unerreichte Maßstäbe gesetzt“. Das stimmt. Und hoffentlich erreicht sie auch keiner mehr.

Von einem Fall, in dem er Maßstäbe setzen und durchsetzen wollte, möchte ich hier berichten. Nicht deshalb, weil ich darin eine unfreiwillige Hauptrolle spiele, sondern weil der Fall beispielhaft ist für das Zusammenspiel von Politik und Medienmacht, von Kanzler und Medienmogul. Und ein Beispiel, wie Machtpolitik funktioniert – oder auch nicht.

„Leo Kirch, der Unsichtbare“ überschrieb „Die Zeit“ ihren Nachruf. Unsichtbar war der 40,1-Prozent-Großaktionär Kirch auch für mich als Chefredaklteur der „Bild am Sonntag“. Ich kannte ihn nicht, aber er kannte mich. Zum ersten Mal wurde ich auffällig, als „Bild am Sonntag“ mit einer harten TV-Kritik an der von Kirch produzierten Talkshow „no sports“ angeblich einen Zwei-Millionen-Sponsor vergraulte, was mir der damalige Springer-Vorstandsvorsitzende nach Kirchs Beschwerde  lautstark vorhielt.

Später war ich  auffällig, weil sich die BamS unter meiner Führung weigerte, sich in Kirchs Vermarktungskonzept einzufügen, das die Springerblätter als unkritische Werbeträger für Kirchs Sender vorsah. Stattdessen behandelten wir SAT1 wie alle anderen Sender auch und kritisierten, was zu kritisieren war.

Kirch – der Unsichtbare. Auch als Kirch zum ersten Mal meine Abberufung forderte, bekam ich ihn nicht zu Gesicht – im Gegensatz zu anderen Springer-Chefredakteuren, die nach München wallfahrten. Kirchianer – so wie der Kanzler Kohlianer um sich scharte. Manche waren beides und sind es bis zum Tode des Partriarchen geblieben.

Den Zorn zur Höchsttemperatur brachte die Haltung der BamS in den letzten Jahren der Kanzlerschaft Helmut Kohls. Sie war, wie viele andere Blätter auch, der Meinung, Kohls Zenit sei überschritten, seine politische Kraft erschöpft. In einem Kommentar empfahl ich der CDU, 1998 statt mit Kohl mit Wolfgang Schäuble als Kanzlerkandidaten anzutreten, um zu versuchen, die massive Wechselstimmung der Wähler auf die eigenen Mühlen zu leiten.

Dass ich dann auch noch Sympathie für den aufstrebenden SPD-Politiker Gerhard Schröder erkennen ließ, brachte für Kohl und Kirch das Fass wohl zum überlaufen. Wie mir ein Springer-Vorstand später berichtete, wurde Kirchs Forderung, mich endlich abzulösen, zum „running gag“ der Aufsichtsrats- und Vorstandssitzungen.

Im Herbst 1997 rief mich ein Teilnehmer einer CSU-Klausurtagung mit Helmut Kohl an und berichtete, dass Kohl dort im kleinen Kreis gesagt habe, für die Wahl 1998 gebe es zwei Probleme: die ARD und Springer. Bei der ARD könne er nichts machen, aber „das Problem Springer werde ich lösen“.

Dies teilte ich dem damaligen Springer-Vorstandsvorsitzenden Jürgen Richter schriftlich mit und fügte hinzu, der Zeuge habe Kohls Ankündigung so verstanden, dass es um meinen und Richters Kopf gehe. Denn auch Richter war bei Kirch und Kohl in Ungnade gefallen, weil er sich vehement gegen Kirchs Machtanspruch bei Springer und Kohls Instrumentalisierungsanspruch gegenüber den Springer-Medien stemmte.

Wenige Tage später rief mich ein Spitzenpolitiker der schwarz-gelben Koalition an und sagte mir, ich müsse vorsichtig sein und mich warm anziehen. Kohl haben in der Koalitionsrunde im Kanzleramt angekündigt, er werde bei Springer „aufräumen“ und dabei sei auch mein Name gefallen. So gewarnt, konnte ich Vorkehrungen treffen. Mein Ehrgeiz war geweckt, den Machtkampf anzunehmen.

Wenige Wochen später rief mich der Politiker erneut an und sagte: „Ich würde jetzt einen Anwalt einschalten“. Kohl habe im Koalitionsgepräch triumphierend gesagt, dass  in der Sache Springer jetzt die Entscheidungen fallen.

Wie durch Zufall erschien drei Tage vor Weihnachten 1997 im „Manager-Magazin“ eine Geschichte, in der die Machenschaften von Kirch und Kohl enthüllt wurden.  Meine, wie mir später ein Springer-Vorstandsmitglied sagte, für den Tag vor Heiligabend geplante Abberufung wurde abgesagt.

Richter allerdings musste zum 31.12.1997 gehen. Von ihm verabschiedete sich außer mir nur der damalige Chefredakteur des „Hamburger Abendblatts“. Ich blieb über Kohls Amtszeit hinaus Chefredakteur, bis ich am 13. Oktober 2000 vom Ex-Murdoch-Manager Gus Fischer tatsächlich gefeuert wurde. Aber das war gewissermaßen schon in der Nachspielzeit.