Wenn Journalisten kreisen
Hauptstadtjournalisten bewegen sich in Kreisen. Da zwangsläufig nur wenige Top-Korrespondenten die Chance haben, Spitzenpolitiker unter vier, sechs oder acht Augen zu treffen, haben sich die meisten Journalisten in Vereinen, Clubs und “Kreisen” organisiert, um wenigstens in größerer Runde die wichtigsten Politiker hautnah erleben zu können.
Fast alle Hauptstadtkorrespondenten gehören der Bundespressekonferenz an, die regelmäßig die Sprecher der Regierung, Kanzler und Minister zu Pressekonferenzen einlädt.
Die Bundespressekonferenz hat allerdings in Berlin an Bedeutung verloren. Nur noch selten entsteht dort eine wichtige Nachricht. Noch mehr an Bedeutung hat der Deutsche Presseclub verloren, zu Bonner Zeiten ein auf 70 Mitglieder limitierter, exklusiver Kreis, der Spitzenpolitiker zum vertraulichen Gespräch beim Mittag- oder Abendessen einlud.
Wichtiger sind die Kreise: sie umfassen meist ein, zwei Dutzend Korrespondenten, sind nach politischen Farben, Bedeutung (Büroleiter), Interessen (Wirtschaft), Alter sortiert – und einer hat nur weibliche Mitglieder. Eine Journalistengruppe, der die wichtigsten Büroleiter angehören, lädt die Politiker abwechselnd zum selbstgekochten Abendessen ein. Diese Kreise sind für die meisten Hauptstadtkorrespondenten unverzichtbar, wenn sie näher dran sein wollen.
In Bonn gehörte ich natürlich der Bundespressekonferenz an und dem “Adler-Kreis”, benannt nach dem Tagungsort, einem Hotel in Bad Godesberg. Das war ein parteipolitisch unabhängiger Zusammenschluss der Korrespondenten und Büroleiter der wichtigsten Zeitungen und Sender.
Beim Presseclub hatte ich nie die Mitgliedschaft beantragt, denn neue Mitglieder brauchten eine Zweidrittelmehrheit, und die war für einen BILD-Mann in den damals auch unter Journalisten sehr polarisierten Zeiten unerreichbar. Als mich der damalige Vorsitzende Klaus Dreher, einer der sachkundigsten und angenehmsten Bonner Kollegen, aufforderte, es noch einmal zu versuchen, stellte ich wider besseren Wissens den Aufnahmeantrag und wurde – entgegen der postiven Einschätzung Drehers – prompt abgelehnt.
Beim Presseclub herrschte absolute Vertraulichkeit. Als mich ein Mitglied dennoch über nachrichtentaugliche Aussagen des damaligen Kanzlers Helmut Schmidt informierte, schrieb ich darüber, denn als Nicht-Mitglied fühlte ich mich nicht an die Vertraulichkeit gebunden.
Das brachte mir größten Ärger ein. Weil er mich mangels Mitgliedschaft nicht aus dem Presseclub ausschließen konnte, beantragte der damalige Vorsitzende Thomas Löffelholz (späterer “Welt”-Chefredakteur) meinen Ausschluss aus dem “Adler-Kreis”, dem wir beide angehörten - eine nicht nur aus meiner Sicht unzulässige Verknüpfung zweier Vorgänge und zweier Kreise.
Als der Streit eskalierte, verfiel der “Adler-Kreis” auf eine “salomonische Lösung”: sowohl Löffelholz als auch ich durften ein halbes Jahr nicht an den Treffen des “Adler-Kreises” teilnehmen.









