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Sonntag, 07. August 2011, 12:45 Uhr

Wenn Journalisten kreisen

Hauptstadtjournalisten bewegen sich in Kreisen. Da zwangsläufig nur wenige Top-Korrespondenten die Chance haben, Spitzenpolitiker unter vier, sechs oder acht Augen zu treffen, haben sich die meisten Journalisten in Vereinen, Clubs und “Kreisen” organisiert, um wenigstens in größerer Runde die wichtigsten Politiker hautnah erleben zu können. 

Fast alle Hauptstadtkorrespondenten gehören der Bundespressekonferenz an, die regelmäßig die Sprecher der Regierung, Kanzler und Minister zu Pressekonferenzen einlädt.

Die Bundespressekonferenz hat allerdings in Berlin an Bedeutung verloren. Nur noch selten entsteht dort eine wichtige Nachricht. Noch mehr an Bedeutung hat der Deutsche Presseclub verloren, zu Bonner Zeiten ein auf 70 Mitglieder limitierter, exklusiver Kreis, der Spitzenpolitiker zum vertraulichen Gespräch beim Mittag- oder Abendessen einlud.

Wichtiger sind die Kreise: sie umfassen meist ein, zwei Dutzend Korrespondenten, sind nach politischen Farben, Bedeutung (Büroleiter), Interessen (Wirtschaft), Alter sortiert – und einer hat nur weibliche Mitglieder. Eine Journalistengruppe, der die wichtigsten Büroleiter angehören, lädt die Politiker abwechselnd zum selbstgekochten Abendessen ein. Diese Kreise sind für die meisten Hauptstadtkorrespondenten unverzichtbar, wenn sie näher dran sein wollen.

In Bonn gehörte ich natürlich der Bundespressekonferenz an und dem “Adler-Kreis”, benannt nach dem Tagungsort, einem Hotel in Bad Godesberg. Das war ein parteipolitisch unabhängiger Zusammenschluss der Korrespondenten und Büroleiter der wichtigsten Zeitungen und Sender.

Beim Presseclub hatte ich nie die Mitgliedschaft beantragt, denn neue Mitglieder brauchten eine Zweidrittelmehrheit, und die war für einen BILD-Mann in den damals auch unter Journalisten sehr polarisierten Zeiten unerreichbar. Als mich der damalige Vorsitzende Klaus Dreher, einer der sachkundigsten und angenehmsten Bonner Kollegen, aufforderte, es noch einmal zu versuchen, stellte ich wider besseren Wissens den Aufnahmeantrag und wurde – entgegen der postiven Einschätzung Drehers – prompt abgelehnt.

Beim Presseclub herrschte absolute Vertraulichkeit. Als mich ein Mitglied dennoch über nachrichtentaugliche Aussagen des damaligen Kanzlers Helmut Schmidt informierte, schrieb ich darüber, denn als Nicht-Mitglied fühlte ich mich nicht an die Vertraulichkeit gebunden.

Das brachte mir größten Ärger ein. Weil er mich mangels Mitgliedschaft nicht aus dem Presseclub ausschließen konnte, beantragte der damalige Vorsitzende Thomas Löffelholz (späterer “Welt”-Chefredakteur) meinen Ausschluss aus dem “Adler-Kreis”, dem wir beide angehörten -  eine nicht nur aus meiner Sicht  unzulässige Verknüpfung zweier Vorgänge und zweier Kreise.

Als der Streit eskalierte, verfiel der “Adler-Kreis” auf eine “salomonische Lösung”: sowohl Löffelholz als auch ich durften ein halbes Jahr nicht an den Treffen des “Adler-Kreises” teilnehmen.

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5 Kommentare

1) m.g.t., Montag, 08. August 2011, 12:12 Uhr

Sehr geehrter Herr Spreng,

da stellen sich für mich ein paar ketzerische Fragen:
- Wenn Journalisten ihre Informationen nur in exklusiven Zirkeln bekamen (und bekommen?), wessen Herren Knechte waren (sind?) sie dann?
- Welchen Sinn haben Informationen, die man nicht verbreiten kann oder darf? Nur um des Verstehens Willen von Vorgängen?
- Können Journalisten heute noch selbständig nach neuen, auch brisanten Informationen recherchieren, ohne auf ein Kamingespräch mit Kanzlern und ähnlichem angewiesen zu sein? (Ihr Beitrag zum politischen Sommerfriedhof kommt mir dabei in den Sinn.)
- Und rein praktisch: Wie schreibt man Artikel, in denen Informationen aus verschiedenen “Geheimhaltungsstufen” miteinander vermischt sind? Und benutzen Sie ein Datenbanksystem, bei dem die verschiedenen Informationsbröckchen nach einem Punktesystem bewertet sind: Verschlussache, Secret, Top Secret, Magic?

2) Tilman-s, Dienstag, 09. August 2011, 21:51 Uhr

Im letzten Absatz ist ein “en” zuviel, das dafür im sechsten Absatz fehlt ;)
Ich find diese Storys immer wieder interessant. Was mich hier interessieren würde: was hat der Kollege, der Ihnen die Geschichte gesteckt hat, zu Ihrem Vertrauensbruch gesagt? Oder hatten Sie sein Einverständnis? Wenn letzteres zutrifft, finde ich Ihr Verhalten absolut okay, den Regelbruch hat dann der andere Begangen, der Ihnen das gesagt hat.

3) m.spreng, Mittwoch, 10. August 2011, 08:06 Uhr

@Tilman-s

Danke. Und es war mit seinem Einverständnis.

4) leser, Mittwoch, 10. August 2011, 11:44 Uhr

Genau wie m.g.t frage ich mich, wie solche Abläufe mit dem Selbstverständnis von Journalisten zu vereinbaren sind.

Was bringen diese “Hintergrundgespräche” wirklich? Ich kann nur sehen, dass Sie sich instrumentalisieren lassen wenn Sie zwar exklusiv mit Informationen versorgt werden, diese aber nicht weitergeben dürfen. Natürlich ist das schmeichelhaft – aber was hat es mit den Zielen eines Journalisten zu tun?

Sehr interessanter Bezug zur aktuellen Anonymitätsdebatte: Die entsprechenden Codize (unter 1, 2 oder 3) dienen ja im wesentlichen dazu, dass sich Politiker anonym äußern können. Man kann etwas unbequemes antesten, falls die Ablehnung überwiegt dann bleibt der Name unbefleckt, falls sich auch Zustimmung von den gewünschten Seiten zeigt, kann man anschließend ans Tageslicht kommen. Also genau das, was Herr Friedrich den Bürgern nicht mehr zugestehen möchte

Solange das Demonstrieren noch ohne Vorzeigen des Personalausweis möglich ist, möchte ich es bei diesen Meinungsäußerungen auch so halten, daher auch mein Pseudonym.

Für Ihre Offenheit – zumindest rückblickend an dieser Stelle – vielen Dank!

5) Marc, Samstag, 13. August 2011, 07:55 Uhr

Solche Zirkel, Kreise etc. gibt es doch auf allen politischen Ebenen. Nur muss man die ab einer bestimmten Größe institutionalisieren. Ich kann hier ein Mitglied der Stadtregierung zufällig im Café treffen und dann plaudert man halt mal über dies und das. Das klappt aber bei einer Bundesregierung nicht mehr, geht schon damit los, dass der Minister nicht mehr so ohne weiteres ins Café gehen kann. Und dann gibt es ja nicht nur mich und die paar Kollegen von der Lokalzeitung sondern Herrn Spreng und die paar Kollegen von den Agenturen, den Fernseh- und Radiosendern, den überegionalen Zeitungen, den Wochenmagazinen und das dann noch mal aus dem interessierten Ausland. Das führt zwangsläufig zu Strukturen.

Und ich behaupte mal, da steckt jeder drin – irgendwo, denn solche Strukturen gibt es auch in Unternehmen, Vereinen und sonstigen Gemeinschaften. Politik ist es auch die Satzungsänderung in seinem Kaninchenzüchterverein durchzubringen.

Gefahr ist natürlich die Korruption durch Nähe (weswegen ich vor einem Abendessen im privaten Rahmen nichts halte), aber das hat Michael Spreng auch schonmal erwähnt.

Wie ist Ihre Meinung?

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