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Die Piraten und die Macht der alten Medien

Bis vor einer Woche konnte die Piratenpartei ihr Bild in der Öffentlichkeit selbst bestimmen. Sie hatte die Deutungshoheit über sich selbst. Sie tauchte unter der öffentlichen und veröffentlichten Meinung durch. Sie prägte ihr eigenes Image im Internet und mit witzigen Plakaten („Warum häng ich hier eigentlich. Ihr geht  ja eh nicht wählen“) und origineller Fundamentalkritik an den etablierten Parteien (“ Wir sind die mit den Fragen. Ihr seid die mit den Antworten“).

Seit ihrem sensationellen 8,9-Prozent-Erfolg bei der Berliner Wahl haben die Piraten die Deutungshoheit verloren. Eine Internet-Partei lernt die Macht der alten Medien kennen. Das Fernsehen, die Zeitungen und Zeitschriften prägen jetzt das Bild der Piraten in der Öffentlichkeit – mehr als es das Internet kann. Talkshows und andere TV-Auftritte verändern die Hierarchie der Piraten oder stellen sie erst her. Das zentrale Wahlversprechen Transparenz wird hart geprüft.

Die TV-Sender suchen sich ihre fernsehkompatiblen Typen. Weil der Berliner Spitzenkandidat Andreas Baum vor einer Kamera wenig attraktiv ist, sucht sich Markus Lanz einen naiven Zweimetermann mit Latzhose, Anne Will einen ausgebufften, eloquenten Anzugträger. Andere eine 19-Jährige Abiturientin., die einzige Frau der Piraten-Fraktion. Eine anregende Vielfalt, aber das Bild der Piraten wird dadurch nicht klarer. Auch Piraten sind anfällig für die politischen Drogen Aufmerksamkeit und Wichtigkeit.

Auch eine Internet-Partei braucht Hierarchien, braucht wiederkennbare Typen, die mit einer gewissen Verbindlichkeit für die Partei sprechen. Jetzt könnte das Gegenargument der Piraten sein, genau das wollen wir aber nicht. Gut, aber dann besteht die Attraktivität der Piraten weiter nur aus dem Neuen, dem Nicht-Etablierten, dem Witzigen, dem Widersprüchlichen, dem durchaus sympathischen Amateurstatus. Und dem Status als Protest-Partei.

Aber all das nutzt sich unter der gnadenlosen Beobachtung der Medien schnell ab und wird in Schleswig-Holstein 2012 oder bei der Bundestagswahl 2013 nicht für fünf Prozent reichen. Berlin war die Ausnahme, es gibt (noch) keine Regel für den Erfolg der jungen Partei.

Künftig werden die Piraten daran gemessen, wie sie ihren Start im Berliner Abgeordnetenhaus hinbekommen und was sie tatsächlich inhaltlich und formal Neues in die Politik einbringen. Parteien in der repräsentativen Demokratie sind kein Selbstzweck, sondern Transportinstrument zur Realisierung von Wählerwünschen. Sie müssen liefern. Ihre Partizipationsplattform  „Liqiuid feedback“ ist noch nicht auf die parlamentarische Alltagstauglichkeit geprüft. Was liefern also künftig die Piraten?

Beim Versprechen Transparenz haben die Piraten schon feststellen müssen, dass es auch den Terror totaler Transparenz gibt. Wie soll  sich eine Partei finden, Hierarchien herausbilden, offen diskutieren unter dem Druck totaler Transparenz, unter permanenter Anwesenheit alter und neuer Medien? Schon fiel das Wort vom zeitversetzten „zensierten“ Livestream, schon werden Abgeordnete der Geheimabsprachen verdächtigt.

Streitkultur heißt auch, dass man sich hinter verschlossenen Türen streiten kann – ohne öffentlich dokumentierte, möglicherweise irreparable Verletzungen.

Normalerweise ist für den Erfolg einer Partei die Übereinstimmung der drei P notwendig: Partei, Programm und Person. Bei den Piraten ist nichts davon geklärt. Kein einziges P. Schon gar nicht die Übereinstimmung. Sie müssen ihre eigentliche Parteiwerdung jetzt nachholen. 

Die vier Prozent von Infratest-dimap auf Bundesebene sind eine Momentaufnahme nach dem Hype um die Berliner Piraten. Ob daraus eine erneut und längerfristig erfolgreiche Partei entsteht, ist völlig offen.

Auf ihrem Weg der Parteiwerdung werden die Piraten den alten Medien noch viele Geschichten und auch negative Schlagzeilen liefern. Und erst dann entscheidet sich, ob sie die Deutungshoheit über sich selbst zurückgewinnen. Und ob Berlin nicht nur eine Eintagsfliege war.