Montag, 03. Oktober 2011, 12:20 Uhr

Talkshow-Berater

Wenn Politiker und Wirtschaftsführer in Talkshows gehen, dann kommen sie nicht allein. Sie werden begleitet von Pressesprechern und Beratern, die sie auf den Auftritt vorbereitet haben – inhaltlich wie formal.

Die Regeln: Aufrecht sitzen, das Jacket hinten herunterziehen, damit es nicht am Hals knautscht, freundlich, nicht aggressiv sein, möglichst nicht unterbrechen, ein interressiertes Zuhörergesicht aufsetzen. Inhaltlich werden kurze, verständliche Schlüsselsätze vorbesprochen, Argumentationen eingeübt. Und die anderen Gäste wurden gecheckt, um die Chefs auf deren Position vorzubereiten.

So gerüstet nehmen sie dann Platz. Und ihre Berater sitzen im Publikum zum Anklatschen und für die anschließende Manöverkritik. Und manche Politiker haben noch mehr Claqueure dabei, wenn die Junge Union oder andere Parteileute genügend Tickets ergattern konnte. Am auffälligsten war dies bei Günther Jauch, als er die Kanzlerin zu Gast hatte: da waren offenbar fast alle Tickets an die CDU gegangen.

Was die Anzahler der Berater betrifft, da hat Ex-Siemens-Chef Heinrich von Pierer einmal den Vogel abgeschossen: er kam gleich mit vier Begleitern zur “Münchner Runde”. Noch mehr sind es nur bei Duellen der Kanzlerkandidaten: dann sind es mehr als zehn Mitarbeiter, die nach der Sendung ausschwärmen, um den Journalisten ihren Chef als Sieger des Duells anzutragen.

Sie können Ihren eigenen Kommentar weiter unten abgeben.

17 Kommentare

1) Ste, Montag, 03. Oktober 2011, 12:56 Uhr

Deswegen finde ich Maischberger immer sehr beruhigend, nur leider fehlt ihr oftmals der so genannte Biss und die Themen sind auch nicht immer mein Ding. Ist ja auch scheiß egal, Fernsehen…

2) Dieter Carstensen, Montag, 03. Oktober 2011, 14:40 Uhr

Lieber Michael Spreng,

und wenn die PR-Berater der Politikern dann auch noch raten würde, VOR dem Reden mal das GEHIRN einzuschalten, wären es gute Berater oder?

Scheinbar haben Merkel, Pofalla, Rösler, Westerwelle etc. solche Berater nicht.

Zufällig habe ich aber noch ein paar Termine frei, ich helfe gerne aus, als Sozialarbeiter bin ich zwar kein PR-Berater, aber in Sachen menschlicher Dummheit kann mich mit 55 Jahren nur noch wenig erschüttern.

M.f.G

Ihr treuer Leser

Dieter Carstensen

3) Ste, Montag, 03. Oktober 2011, 17:38 Uhr

@2): Naja, irgendwie süß, aber es geht ja nicht um die Wahrheit, sondern um Macht, Interessen, Wählerstimmen, Image etc. .

4) Hb, Montag, 03. Oktober 2011, 18:10 Uhr

Piratige Talksshownachbereitung: http://lauerfac.es

5) Lutz und Karin Jahnke, Dienstag, 04. Oktober 2011, 00:59 Uhr

Lieber Herr Spreng,
Ist alles nett, aber interessiert nicht. Wo bleibt Ihr Wort zu dem Skandal des “Interviews” Merkel/Jauch?
Schade.

6) Jeeves, Dienstag, 04. Oktober 2011, 12:19 Uhr

Zumindest die Leser dieses Blogs wussten (ahnten) das natürlich alles bereits, aber schön, dass ein Beteiligter das nochmal so offen schildert.

7) Hunter Adams, Dienstag, 04. Oktober 2011, 12:43 Uhr

Dass Politiker einen Berater benötigen, der ihnen sagt, dass man einen Diskussionspartner ausreden lässt und möglichst nicht aggressiv auftritt, spricht Bände. Die Grundlagen der Gesprächskkultur sollten eigentlich schon in der elterlichen Erziehung vermittelt worden sein. Noch erstaunlicher finde ich, dass sich die meisten Politiker nicht an die Ratschläge ihrer Berater halten (von der Sache mit dem Jacket mal abgesehen).
Und da wundern sich die etablierten Parteien über den Zulauf für die Piraten?

8) Dominik Rathing, Dienstag, 04. Oktober 2011, 12:54 Uhr

Hallo Herr Spreng,

erstmal vielen Dank für dieses aufschluss- und einsichtsreiche Blog.

Wenn die Politiker so gecoacht werden wie Sie sagen dann verstehe ich nicht warum viele der Talkshowrunden so unangenehm laut sind. Oftmals wird sich eben unterbrochen, gegenseitig nicht zugehört und in der Folge gänzlich aneinander vorbeigeredet. Ab und an wird der ModeratorIn auch einfach mal gar nicht mehr zugehört oder während eines Streites mit dem politischen Gegner einfach links liegen gelassen. Kann es nicht sein, dass die Berater den Politikern ab und an auch sagen: “Hol’ Dir soviel Redezeit wie möglich” und dabei die Regeln der Höflichkeit plötzlich nicht mehr so genau genommen werden?

9) m.spreng, Dienstag, 04. Oktober 2011, 13:01 Uhr

@ Dominik Rathing

Nein, dass liegt daran, dass viele beratungsrestent sind. Sie glauben entgegen klugen Ratschlägen, dass sie dann besonders viel Punkte beim Publikum machen, wenn sie als Talkshow-Besetzer möglichst viel Redezeit erobern. Dirk Niebel ist dafür ein abschreckendes Beispiel. Dabei ist ein guter Satz, der hängenbleibt, besser als endloses Gerede.

10) Hopfenschauer, Dienstag, 04. Oktober 2011, 16:26 Uhr

Das “Anklatschen” ist peinlich sondergleichen! Wenn es wenigstens etwas Applauswürdiges gäbe… Doch meistens verhält es sich doch so: Ein Teilnehmer merkt, dass er bereits zu lange geredet hat, hebt zum Schluss noch die Stimme, sagt bestenfalls noch etwas populäres, und dass ist dann das Zeichen an seinen Anklatscher, heftig Stimmung zu machen.
Bislang war ich aber davon ausgegangen, dass die Produzenten selber für Anklatscher sorgen, um die Diskussion lebhafter und bedeutsamer erscheinen zu lassen. Bei nichtpolitischen Shows wird das auch so gemacht, das Publikum wird vor der Sendung warmgespielt und hin und wieder sind die Animateure auch kurz zu sehen. Dass die Gäste der Talkshows mittlerweile ihre eigenen Unterstützer im Publikum platzieren dürfen, ist allerdings ein Hammer.
Ein(e) Talkmaster(in) mit Charakter würde sich solche Infiltration des Publikums nachdrücklich verbitten. Zumindest könnte sie/er die Anklatscher entlarven, sie vor die Kamera holen, Name und Position nennen, sie fragen, warum sie den letzten Satz denn so begeisternd fanden etc. Aber leider sind die Politischen Talkshows nur noch Show, wenig Talk und apolitisch im Sinne einer nahezu vollständigen Diskursverweigerung.

11) Tilman, Dienstag, 04. Oktober 2011, 20:53 Uhr

Ich schau mir gerade die Wiederholung von Maybritt Illner mit Ihnen an
(btw: Link: http://wstreaming.zdf.de/zdf/veryhigh/110929_euro_mil.asx )

Der Kauder ist ja fürchterlich drauf. Erst pflaumt er Sie dauern an, dass sie ja Stoibers Berater waren – muss dem als CDU-Mann schon echt dreckig gehen, dass er das als Argument gegen Sie herausholt. Und dann diese humorlosigkeit gegen Özdemir, als der eine Bermerkung zur FDP macht.

Bei so viel Humorlosigkeit ist klar: die pfeifen auf dem letzten Loch, da muss hinter den Kulissen extrem die Post abgehen.

Ich weiß, das passt nicht in diesen Thread, aber ich wollte es mal gesagt haben 🙂
Talkshows mit Ihnen seh ich immer gerne. Wenn ich sehen dass Spreng oder Ulrich Jörges zu Gast ist, dann schalt ich ein.

12) Anna Woll, Mittwoch, 05. Oktober 2011, 08:34 Uhr

Der Herr Spreng weiß diese wunderbaren Dinge ja nur, weil er

* bei Herrn Stoiber ebenfalls zu dieser Gruppe gehörte
* und heute so oft Gast in Talkshows ist, dass er von Einzelfällen auf alle schlissen kann.

13) Ste, Mittwoch, 05. Oktober 2011, 13:01 Uhr

So leid es mir tut, es gibt nur zwei Leute die ich gerne in den so genannten Polit-Talks sehe: Das ist Herr Spreng (Medienberater … was auch immer das sein soll) und Herr Precht (Philosoph … was auch immer das “heute” noch sein soll). Der KOmmentar in der Klammer ist wichtig: Das “Was soll es sein” bezeichnet einen Graubereich, eine Position, aus der heraus ich Meinungen gerne höre.

14) Andronico, Mittwoch, 05. Oktober 2011, 16:42 Uhr

Es wundert mich nicht, dass es so ist, wie Sie beschreiben. Die Frage ist nur, ob diese Beraterei wirklich was bringt. Wenn ich mir vorstelle, ich müsste die ganze Zeit darauf achten, wie ich dasitze, wie ich dreinschaue, was für Botschaften ich auswendig gelernt habe, wieviel Redezeit ich bekomme – ich könnte den anderen nicht wirklich zuhören, sondern wäre nur auch mich konzentriert, um ja nichts falsch zu machen. Das ist ja der reine Horror! Wie kann man da man selber sein? Spontan, authentisch, entspannt? Stoiber ist nicht Schröder, auch wenn er 100 Tage mit Beratern übt. Und Stoiber hat seine eigenen Stärken. Die könenn ankommen oder nicht. Aber ein Stoiber der Schröder spielt, das wirkt nur albern (und bricht späestens dann zusammen, wenn es emotional wird).

Warum versuchen es die Politiker oder Manager einfach mal damit, unvorbereitet und ausgeruht zu erscheinen? Zwei Stunden Spaziergang allein wäre sicher eine gute Vorbereitung, weil man ruhig und ausgeglichen ankommen würde. Und dann einfach mal zuhören und schauen, was passiert. Wenn man gefragt wird, möglichst ehrlich und kurz antworten, sonst zuhören. Und Spass haben. Man muss nicht in den Krieg ziehen gegen die, die anderen Meinung sind. Aber genau das passiert doch meistens. Man nennt es Diskussion, in Wirklichtkeit hat jeder Teilnehmer seine Meinung, von der er keinen Millimeter abweichen und die er mit Zähnen und Klauen verteidigen wird. Jeder sagt damit (implizit): “Ich hab Recht! Wer was anderes sagt ist ein Idiot!”

Und der Witz ist – sympatisch ist nicht der, der am lautesten schreit und sich am meisten in den Mittelpunkt drängt, nicht der, der immer recht haben will, sondern der ehrlich auch Fehler zugibt (und nicht nur als Taktik – “ja ich habe Fehler, aber ..”) und einfach sagt, was er was nicht weiß, der Gelassene, der sich und das ganze ritualisierte Gerede nicht so wichtig nimmt. Eine Talkshow ist, auch wenn sie was anderes vorgibt, Unterhaltung – die meisten Leute wollen sich beim Fernsehen entspannen.

15) Xpomul, Freitag, 07. Oktober 2011, 13:57 Uhr

manchesmal, so scheint es mir zumindest bei all den luftblasen die von politikern in solchen talkshows abgeblasen werden, bräuchten die berater auch mal berater die sie beraten.
high-end berater quasi – ein neuer typus berater vielleicht sogar.

16) Peter Christian Nowak, Freitag, 07. Oktober 2011, 19:16 Uhr

Sie haben die “show-down-situation” am Set authentisch beschrieben. Genau so laufen die Shows ab. Waren die Talkshows einmal als Aufklärungsinstrument gedacht, verkommen sie mehr und mehr zu banalen Selbstdarstellungsgebaren von Politikern. Ohne de Wahrheit und dem Aufklärungsauftrag gerecht zu werden. Es bleibt bei der Show. Nichts weiter. Das ständige Geklatsche führt eh nur dazu, dass man das Fernsehgerät leiser stellen muß, weil ansonsten es unerträglich laut wird. Manchmal sind die Selbstdarsteller im Gepäcknetz, sprich Zuschauer, dümmlicher, als die Akteure auf der Bühne selbst. Da rückt man schon einmal die Visage grinsend ins Bild, weil man glaubt, jetzt sei man im Sucher der Kamera. Häufig zu beobachten während der Aufzeichnung der Phoenix-Sendung “Unter den Linden”. Mann, so was von blöde!

17) Peter Christian Nowak, Freitag, 07. Oktober 2011, 19:21 Uhr

@12)Anna Woll

^^(…)dass er von Einzelfällen auf alle schlissen kann.^^
Und woher wissen Sie, dass Sie irgendwas wissen?…

Wie ist Ihre Meinung?

Kommentar schreiben


Ihr Kommentar *


* Pflichtfelder