Samstag, 15. Oktober 2011, 13:06 Uhr

Der Protestwähler

Der Protestwähler ist ein scheues Wild. Er kann nicht gejagt und erlegt werden. Er kommt und geht wie und wann er will. Mal wählt er grün, mal Linkspartei, jetzt die Piraten. Er hat immer nur ein Ziel: maximale Aufmerksamkeit, größtmögliche Wirkung.

Er ist der Pofalla unter den Wählern. Seine Leitschnur: “Ich kann Eure Fressen nicht mehr sehen. Ich will Euren Scheiß nicht mehr hören”. Er wählt immer das Andere, das Nichtetablierte. Er ist fertig mit den Parteien und wählt paradoxerweise immer wieder neue, bis auch diese etabliert oder verschwunden sind.

Der Protestwähler kann alles sein:  nicht links und nicht rechts oder er ist eines von beiden oder beides. Er kann heute NPD wählen, morgen Linkspartei, übermorgen Piraten. Hauptsache Protest. Deshalb verwundert es nicht, dass auch Ex-NPD-Leute die Piraten für sich entdeckt haben oder hatten. Oder dass Oskar Lafontaine fremdenfeindliche Töne anschlug, um diese Wähler bei der Stange zu halten.

Und wenn dann das Objekt seiner Wahl in den Umfragen nach oben schnellt und virtuell oder sogar bei Wahlen das Parteiensystem durcheinanderwirbelt, dann lehnt sich der Protestwähler zufrieden zurück und ist stolz darauf, dass er etwas bewirkt hat. Oder es zumindest glaubt. Das Destruktive ist ihm näher als das Konstruktive. Hauptsache Rabbatz. Oder positiv gesagt: der größtmögliche Hallo-Wach-Effekt.

Deshalb bauen Protestparteien auf Flugsand. Der Wählersockel kann schnell wieder verwehen. Das muss derzeit die Linkspartei erleben, die in den Umfragen bis auf sechs Prozent heruntergeschmolzen ist und fast nur noch von ihrem Ostalgiepotential lebt. Angesichts der Piratenpartei ist “Die Linke” selbst für Protestwähler zu piefig geworden. Sie müffelt nach alten Männern und dem Schweiß der Erfolgslosen.

Ende der 70er Jahre gab es in Deutschland die Partei des Chefs der Steuergewerkschaft, Hermann Fredersdorf, die in den Umfragen bis zu zehn Prozent gehandelt wurde. Und mit dem sich sogar Franz Josef Strauß traf, weil er einen strategischen Verbündeten witterte. Ergebnis: die Partei gab es bis zur Bundestagswahl schon nicht mehr. Oder Ronald Schill in Hamburg. 19,4 Prozent,  Regierungsbeteiligung für den Rechtschaoten. Vier Jahre später war die Partei verschwunden – genauso wie  zuvor die bürgerliche-gesittete Hamburger Protestbewegung Stattpartei.

Protestparteien haben kein langes Leben. Ausnahme die Grünen. Die hatten aber auch ein zukunftsträchtiges Megathema: Natur, Klimaschutz, Anti-Atom. Visionen, Ideale – da sieht es bei den Piraten noch ein bisschen dünne aus. Freiheit im Netz – das reicht vielleicht bis drei Prozent. Ohne Protestwähler aus allen politischen Himmelsrichtungen tut sich da nichts.

Die Piraten haben nur als Protestpartei eine Chance, in den nächsten Bundestag zu kommen. Sollte vor 2013 eine Anti-Europa-Partei mit einigermaßen bekannten Köpfen entstehen, dann würde ihr Schiff schnell wieder sinken. Die Protestwähler hätten eine neue, flüchtige Heimat gefunden.

Sie können Ihren eigenen Kommentar weiter unten abgeben.

114 Kommentare

1) Journalist, Donnerstag, 20. Oktober 2011, 10:43 Uhr

@ 97) sk8erBLN, Mittwoch, 19. Oktober 2011, 18:41 Uhr

Es scheint Ihnen nicht aufzufallen, aber auch ihr Beitrag war gänzlich argumentfrei gehalten.
____________________________________________

Stimmt. Ich brauche aber auch kein Argument, weil ich einen Beleg habe: Das Zitat. 🙂

2) Journalist, Donnerstag, 20. Oktober 2011, 12:58 Uhr

@ 99) Peter Christian Nowak, Mittwoch, 19. Oktober 2011, 19:43 Uhr

Als Journalist sollte man, solange nicht “Kommentar” oder “Meinung” über dem Artikel steht, objektiv und sachlich berichten und informieren. Das finden Sie nicht bei der BILD, das finden Sie nicht beim SPIEGEL, das finden Sie nicht bei der TAZ oder wo auch immer. Und dass das so ist, liegt stets an der Führung der jeweiligen Medien, die die einseitige Parteinahme fordern und fördern, statt sie zu unterbinden.

Sie halten anscheinend Medien, die Ihre Weltanschauung vertreten, für offen und informativ, und die anderen (“neoliberalen”, was immer SIE darunter verstehen) grundsätzlich für Volksverblödung. Damit unterscheiden Sie nicht zwischen Ihrer Meinung und anderen Meinungen, sondern nur noch zwischen “richtig” und “falsch”.

Wer so verallgemeinernd argumentiert, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass er die gleichen Stilmittel anwendet wie die, die er verteufelt.

3) keldana, Donnerstag, 20. Oktober 2011, 16:28 Uhr

Wenn ich mir die Wahlprognosen so anschaue … z.B. Forsa:

In 2009 lagen die “Sonstigen” schwankend bei 4-6% … in 2010 steigerte sich das auf 6-8% … in 2011 dann sogar Richtung 9% … nachdem die Piraten jetzt seperat erwähnt werden, sind es immer noch 6%. Es wird doch mehr als deutlich, dass immer mehr Leute zu “den anderen” wandern. Egal ob Tierschutzpartei oder Bibeltreue Christen … eine weiter wachsende Anzahl Menschen hat die “Schnauze gestrichen voll” von den sogenannten “etablierten” Parteien.

Das die Piratenpartei jetzt auf solch einer “Erfolgswelle” segeln ist ganz klar diesen Faktoren zu verdanken:

1.) mediale Aufmerksamkeit

Klar gab es auch vorher Wahlkämpfer und Plakate, aber so richtig ins Bewußtsein kamen die Piraten erst durch den Erfolg in Berlin

2.) 5% Hürde

Diverse Wähler wollen Ihre Stimme nicht verschenken und wählen daher keine Partei, die nur auf 2% kommen wird. Als die 5% Hürde in greifbare Nähe kam, ging es plötzlich steil nach oben.

3.) “Protestwähler”

Natürlich gibt es auch einige “Spasswähler” … Protestwähler etc. … aber die Zahl wird meines Erachtens doch deutlich überschätzt.

4) Peter Christian Nowak, Freitag, 21. Oktober 2011, 20:15 Uhr

^^Als Journalist sollte man, solange nicht “Kommentar” oder “Meinung” über dem Artikel steht, objektiv und sachlich berichten und informieren.^^

…und auf diese “Kommentare” hat sich mein Beitrag bezogen. Was “falsch” oder “richtig” ist werden wir beide nicht entscheiden. Darüber entscheidet die Zukunft. Und die eigene Erfahrung, die man mit seiner persönlichen Entscheidung dann macht. Dann werden die Fehler abgerechnet. (siehe Finanzkrise)

Wenn Kommentatoren Fakten ungeprüft als “richtig” hinnehmen, ist das allenfalls deren Meinungsäußerung. Man kann auch Fakten wider besseres Wissen so darstellen, daß Sie manipulativ wirken.

5) Johannes, Samstag, 22. Oktober 2011, 20:14 Uhr

http://www.sekundemal.de

“Er kann heute NPD wählen, morgen Linkspartei, übermorgen Piraten.”
Mit Verlaub, das ist doch Schwachsinn. Diejenigen, die in den 80zigern die Grünen wählten, sind nicht dieselben, die heute die Piraten wählen. Und ich empfinde es auch als pauschalisierende Beleidigung, den Wählern von neuen Parteien vorzuhalten, sie hätten ebensogut NPD wählen können. Da liegen doch Welten dazwischen.

Protestwähler sind meiner Ansicht nach informierter als Stammwähler. Für wie viele Leute gilt denn: “Einmal CDU, immer CDU”, “Einmal Sozialdemokratisch, immer Sozialdemokratisch”, da kommt es dann auf das aktuelle Parteiprogramm gar nicht mehr an.

Mir sind diejenigen lieber, die wissen, was sie nicht wollen, als diejenigen, die wählen aber eben doch nicht wählen.

6) Michael, Sonntag, 23. Oktober 2011, 06:51 Uhr

Linke liefern den Beweis: Nicht nur vor Fraktionssitzungen wird gekifft, sondern auch vor Parteitagen.

Ein kleines Schiff ist wendiger. Ich spielte Pirates! (Commodore 64). Spanische Kriegsgaleonen waren wie das Seeheimer Schlachtschiff auch viel größer. Sie sind aus der Ferne mit 21 Kanonen leichter zu treffen. Die Steuermänner können den Kurs nicht so schnell ändern (Besatzung: 666, Kanonen: 911).

7) StefanP, Sonntag, 23. Oktober 2011, 08:59 Uhr

@Johannes

Protestwähler sind meiner Ansicht nach informierter als Stammwähler.

Woran machen Sie bitte die Informiertheit fest? Wie messen Sie das, wie kommen Sie zu der Überzeugung. Durch die Demoskopie belegt ist, das Nichtwähler nur temporär die Stimmabgabe verweigern, danach wieder wie die anderen wählen, mit leichter Tendenz linke Parteien.

In Kenntnis dessen heißt das für Sie: linke Wähler sind informierter, spätestens wenn sie mal nicht gewählt haben.

8) Journalist, Sonntag, 23. Oktober 2011, 09:36 Uhr

104) Peter Christian Nowak, Freitag, 21. Oktober 2011, 20:15 Uhr

: Wenn Kommentatoren Fakten ungeprüft als “richtig” hinnehmen,
: ist das allenfalls deren Meinungsäußerung. Man kann auch
: Fakten wider besseres Wissen so darstellen, daß Sie manipulativ wirken.

Hallo Herr Novak,

Meine Kritik bezog sich auf den zweiten Teil Ihres Statements 85). Der wird Ihren selbst aufgestellten Ansprüchen (siehe obiges Zitat) nicht gerecht. Es gab und gibt auch (in bestem und weitesten Sinne) gute Leute bei Bertelsmann und Springer. Und deshalb ist eine derartige grobe Ausdrucksweise wie in 85), verbunden mit einer “alle in einen Sack”-Mentalität. m.M. nach nicht angebracht

dem ersten Teil Ihres Beitrags stimme ich audrücklich zu. Wer Herrn Jauch als guten/ausgezeichneten (etc.) Journalisten bezeichnet, hat gleich zweimal unrecht.

9) M.M., Montag, 24. Oktober 2011, 13:52 Uhr

Hier noch ein Beleg für Occupy Wall Street: Lustige und listige Forderungen der Entruesteten
Student Debt Forgiveness.
Studieren wollen und dann Studentenkredite nicht zurueckzahlen (wollen).
Zitat:
“Among the demands of the Wall Street protesters is student
debt forgiveness – a debt >jubileeStudent Loan Jubilee Working Group<, and other groups are studying
the issue. Commentators say debt forgiveness is impossible.
Who would foot the bill? "

http://www.atimes.com/atimes/global_economy/mj21dj01.html

10) Johannes, Mittwoch, 26. Oktober 2011, 18:02 Uhr

@107 StefanP
Ja, ich bleibe dabei, dass Protestwähler generell informierter sind als Stammwähler. Dazu brauche ich keine Statistik. Ich mache das daran fest, dass ein Protestwähler per Definition Position bezogen hat, wenn auch nur gegen etwas. Er hat sich aktiv eine aktuelle Meinung gebildet und zieht die Konsequenz daraus. Wenn man Stammwähler ist, braucht man diese Entscheidungsfindung im Bezug auf aktuelle Geschehnisse nicht.

Damit habe ich nicht gesagt, dass jeder Wähler mit Linkstendenz besser informiert ist. Ich sage, dass jeder Wähler in dem Moment gut informiert ist, in dem er sein Wahlverhalten aus Protest verändert. Das gilt nicht für die Zeit davor und auch nicht für die Zeit danach.

http://www.sekundemal.de

11) sk8erBLN, Freitag, 28. Oktober 2011, 11:55 Uhr

Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung stützt die von mir aufgestellte These dass die Piraten gut darn tun sich nicht auf den etablierten Medienzirkus einzulassen siehe
“48) sk8erBLN, Montag, 26. September 2011, 18:53 Uhr
Der wichtigste Tipp den ich den Piraten geben kann:

Haltet euch fern von Politikberatern und deren Weisheit!

Macht den etablierten Medienzirkus nicht mit und lasst euch nicht in/von den etablierten “Laberformaten” von Will bis Illner instrumentalisieren.

Lasst euch in euer Linie die ihr bislang gegangen seid nicht beirren.

Je mehr die Medien schäumen dass ihr sie mit Liebesentzug bestraft, je weniger ihr euch erwartungsgemäß verhaltet, je erfolgreicher werdet ihr werden! “
http://www.sprengsatz.de/?p=3732

in einem langen und spannenden Dialog. Die vollständige Diskussion ist in diesem Transkrikpt nachzulesen
http://alternativlos.org/20/transkript.html , anhören lässt sich die Dikussion auch unter http://alternativlos.org/20/ :

Im Podcast „Alternativlos“, einem Internetradio zweier Führungsfiguren des Chaos Computer Clubs, sagt der FAZ-Herausgeber:

“Das wirkliches Phänomen, deren größte Stärke, ist gar nicht, dass sie sich in digitalen System auskennen, sondern dass sie die Spiele nicht mitspielen, auch medial nicht mitspielen. Das ist gar nicht Verweigerung. Man hat manchmal auch den Eindruck, die Verstehen die auch gar nicht. Insofern sollte man ihnen diese Staatstrojaner-Schweigsamkeit auch nachsehen. Das wäre wirklich ein Virus im System. Wer nicht mitspielt im Spiel einer rein medial organisierten Gesellschaft, der könnte einen großen Vorteil haben. Insofern bin ich voll gespannter Erwartung.”

12) Peter Christian Nowak, Freitag, 28. Oktober 2011, 18:45 Uhr

111) sk8erBLN, Freitag, 28. Oktober 2011

^^Wer nicht mitspielt im Spiel einer rein medial organisierten Gesellschaft, der könnte einen großen Vorteil haben. Insofern bin ich voll gespannter Erwartung.”^^

Bin der gleichen Meinung. Die Nutzung der Medien als Informationstransfer halte ich für zielführend, sofern man sich nicht durch sie instrumentalisieren lässt. “Wer fragt, der führt.” Oder in Anlehnung daran: Objektive Informationen sind durchschlagskräftiger, als der Show-Habitus so mancher Politiker in manchen Talkrunden.
In Richtung Informationstransfer haben die politischen Magazinsendungen eine wichtige Aufgabe zu erfüllen.
Wie diese hier:
http://www.wdr.de/tv/monitor/sendungen/2011/1027/bankenrettung.php5#top

13) Peter Christian Nowak, Freitag, 28. Oktober 2011, 19:45 Uhr

108) Journalist,

Ja, ich gebe Ihnen Recht – bezogen auf den zweiten Teil meines Statements. Ich habe mich da sprachlich nicht differenziert ausgedrückt. Wollte keinen ernsthaft guten Journalisten über einen Leisten hauen. War nicht im Sinne des Erfinders…sorry.

14) sk8erBLN, Freitag, 28. Oktober 2011, 20:19 Uhr

“In Richtung Informationstransfer haben die politischen Magazinsendungen eine wichtige Aufgabe zu erfüllen”

Soweit die Theorie, in der Praxis kommen die Medien dem leider nur unzureichend nach, die Magazinformate schon eher. Der verlinkte Beitrag ist recht gut, was die konkreten Beschlüsse angeht, kratzt er leider nur an der Oberfläche. Das holt Monitor dann hoffentlich in der nächsten Ausgabe nach, vor dem Sendetermin war es vermutlich zu kurzfristig die Dinge entsprechend aufzubereiten.

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