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Elefanten im europäischen Porzellanladen

Die Frage ob es gelingt, die europäische Schuldenkrise noch einzudämmen, hängt nicht nur von den Rezepten ab. Ob Eurobonds, ob Aufkäufe notleidender Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank (EZB), ob eine Wirtschafts- und Fiskalunion als Voraussetzung für Eurobonds – diese strittigen Sachfragen sind nur die eine Seite der Medaille.

Die andere Seite ist der Ton, in dem man miteinander umgeht. Er kann, wenn er falsch gewählt wird, nicht nur das Klima für eine kooperative Rettung der Eurozone vergiften, sondern sie am Ende auch unmöglich machen. Deshalb müsste allen Beteiligten, insbesondere den Deutschen, klar sein, dass Verletzungen, Überheblichkeit und Großmannssucht kontrapoduktiv sind.

Dass Deutschland als notgedrungene europäische Führungsmacht den Ton in der Sache angibt und den notleidenden Ländern die Sparbedingungen diktiert, ist für viele Völker Europas schon schwer genug zu ertragen. Ängste vor Deutschland sind aufgrund der deutschen Geschichte in vielen Ländern latent. Sie werden schnell virulent, wenn Sparrezepte mit arroganten oder verletztenden Sprüchen garniert werden, wenn deutsche Politiker wie Elefanten durch den europäischen Porzellanladen trampeln.

Einer der schlimmsten Äußerungen, die zum Glück auch in der eigenen Fraktion auf Entsetzen stieß, machte CDU/CSU-Fraktionschef Volker Kauder: „Jetzt auf einmal wird in Europa Deutsch gesprochen“, woraus in der Verkürzung „Europa spricht jetzt Deutsch“ wurde. 

Seitdem sieht die „Times“ den EU-Partner „Deutschland im Krieg mit Europa“ und „Daily Mail“ beschwört die Angst vor den „herrschsüchtigen deutschen Stiefeln“. Und „Le Monde“ fragt besorgt: „Eine neue Welle der Deutschenfeindlichkeit in Europa?“

Der besonnene britische Historiker Timothy Garton Ash schrieb: „Dieser Ton wäre unangenehm genug, wären deutsche Politikrezepte zu 100 Prozent richtig. Sie sind es aber nicht. Sie sind es zu 70 Prozent“. Und damit hat er Recht.

Denn was ist, wenn die Zuspitzung der Krise schneller ist als der deutsche Versuch, aus Europa eine Fiskal- und Wirtschaftsunion zu machen? Das ist das wahrscheinlichste Szenario, denn Vertragsänderungen dauern, wenn sie überhaupt gelingen, mindestens ein Jahr. Dann bleiben nur die Gemeinschaftsanleihen Eurobonds oder die Freigabe der Gelddruckmaschine der EZB, bevor die Eurozone zerbricht. Dann wird auch Angela Merkel ihre Stabilitätsschwüre wieder einkassieren und sich auf  reine Stabiltätsversprechen verlassen müssen.

Es gibt also keinen Anlass, dass ein Land, das zudem in der Schuldenkrise die Neuverschuldung erhöht, sich als Schulmeister aufspielt, als ein Land, das alles besser weiß. Der Ton macht die Musik – auch in Europa.

P.S. Die übelste Äußerung ist zum Glück nicht über die deutsche Grenze gedrungen, die des Provinzdemagogen Alexander Dobrindt, seines Zeichens CSU-Generalsekretär. Er sagte zu den Eurobond-Vorschlägen des EU-Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso: „Barroso macht sich zum Söldner der Dolce-Vita-Staaten“.

Eine größere Rundumbeleidigung geht kaum, dagegen war Guido Westerwelles „spätrömische Dekadenz“ fast harmlos.