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Nachruf auf den Wutbürger

Es gilt, einen Nachruf zu schreiben, einen Nachruf auf einen populären Mitbürger, dessen Name 2010 sogar zum „Wort des Jahres“ wurde. Es geht um den Wutbürger, der bei der Volksabstimmung über Stuttgart 21 sanft entschlafen ist.

Fast zwei Jahre lang begleitete er uns der aufmüpfige Geselle durch alle Nachrichtensendungen, verschaffte sich mit Massendemonstrationen Gehör, entschied eine Landtagswahl und machte den ersten Grünen zum Ministerpräsidenten. Er gehörte zu uns wie früher die APO oder die Generation Golf. Aber er teilt auch deren Schicksal.

Dass seine Lebenszeit begrenzt sein wird, zeichnete sich schon bei Heiner Geißlers Schlichtung ab. In den stundenlangen, unerwarteterweise sogar fernsehtauglichen Anhörungen verpuffte seine Wut und machte dem sachlichen Dialog Platz.

Der Wutbürger wurde eingehegt, ihm der Sauerstoff entzogen wie dem Feuer mit einer Decke. Sein endgültiges Ableben wurde mit der Entscheidung der Stuttgarter grün-roten Regierung über eine Volksabstimmung besiegelt. Die letzte Wut verrauchte in den Wahlkabinen.

Jetzt ist der Großkonflikt beendet, die wenigen verbliebenen Wutbürger können nach Hause gehen. Die verfassungsgemäßen Regelungen waren stärker als sein Zorn. Die Demokratie ist stark genug, Wut in demokratische Teilnahme zu verwandeln.

Und die Freunde des Wutbürgers, die ihm einredeten, er könne den Lauf der Welt tatsächlich ändern, müssen zugeben, dass sie ihn getäuscht haben. Die Grünen sind jetzt daran gebunden, den unterirdischen Bahnhof zu bauen. Da gilt der alte Satz von Helmut Kohl: Entscheidend ist, was am Ende herauskommt.

Und die Grünen werden die Weisheit des alten lateinischen Satzes lernen müssen: Quidquid agis, prudenter agas et respice finem. Vom Ende her denken, das ist ja angeblich auch Angela Merkels politisches Motto.

Übrig geblieben ist allerdings eine heilsame Lehre: über die Köpfe der Bürger hinweg geht nichts mehr. Bürgerbegehren, Volksabstimmungen werden künftig eine größere, wahrscheinlich sogar entscheidende Rolle spielen, wenn es um Infrastrukturprojekte geht. Also etwas hat der Wutbürger doch erreicht, wenn es auch bei Stuttgart 21 nicht in seinem Sinne ausging. Er hat nicht umsonst gelebt.

Eine letzte Karikatur des Wutbürgers war noch in Gorleben zu besichtigen. Da stemmte er sich zum letzten Mal, zusammen mit einigen Chaoten, gegen die Atomkraft, deren Abschaffung schon längst beschlossen worden ist. Wenn man die Kosten des Polizeieinsatzes betrachtet, ein teurer Abgang.

Die Castor-Proteste waren seit dem Atomausstieg ein Anachronismus. Denn wer Nein zur Atomkraft sagt, muss auch Ja zur Zwischen- und Endlagerung sagen. Jetzt regt sich wieder das kleinbürgerliche Sankt-Florians-Prinzip: Endlagerung ja, aber nicht bei uns. Einen solche Karikatur hat der Wutbürger nicht verdient.