Montag, 12. Dezember 2011, 12:40 Uhr

Wehrlos

In meiner Zeit als “Express”-Chefredakteur lernte ich auch den Showmaster Alfred Biolek kennen – und zwar auf die unangenehmste Art, die man sich vorstellen kann. Und das kam so:

Biolek hatte in einem holländischen Magazin ein Interview gegeben, in dem er die deutschen Fernsehzuschauer heftig kritisierte. Sie seien humorlos und hätten keinen Sinn für anspruchsvolle Unterhaltung. Ein starkes, kontroverses Thema für ein Boulevardblatt. Deshalb berichteten wir darüber unter der Schlagzeile: “Biolek beschimpft die Deutschen”.

Einen Tag später wurde ich zum Verleger Alfred Neven DuMont zitiert. Als ich sein Büro betrat, saß dort schon ein empörter Alfred Biolek. Und er griff mich mit einer Perfidie an, die ich selten erlebt habe. Sein Metzger habe ihn heute morgen unter Bezug auf die Schlagzeile gefragt, was der “Express” gegen Juden habe. Ein Satz, der jeden Angegriffenen sprachlos und wehrlos macht.

Bis heute ärgere ich mich darüber, dass ich die Perfidie nicht sofort entlarvt habe.

P.S. Natürlich wäre die Schlagzeile “Biolek beschimpft deutsche TV-Zuschauer” korrekter gewesen. Aber das rechtfertigt nicht Bioleks Perfidie.

Sie können Ihren eigenen Kommentar weiter unten abgeben.

22 Kommentare

1) IANAL, Montag, 12. Dezember 2011, 13:23 Uhr

Möglicherweise stehe ich ja auf dem Schlauch, aber ich kann den Zusammenhang zwischen der Schlagzeile und Bioleks Kommentar nicht erkennen. Zumindest in seinem Wikipedia-Artikel habe ich keinen Hinweis darauf gefunden, dass Biolek Jude wäre.

Unabhängig davon würde mich natürlich interessieren, wie das Gespräch weiterging und vor allem wie sich der Verleger verhalten hat.

2) Philipp, Montag, 12. Dezember 2011, 13:27 Uhr

Und dabei ist Biolek doch gar kein Jude? Oder habe ich die Pointe nicht verstanden?

3) eggbert, Montag, 12. Dezember 2011, 13:46 Uhr

Da sind Sie mir ein bißchen zu selbstgerecht, Herr Spreng.

Ich nehme Ihnen nicht ab, dass Sie den Subtext von “X beschimpft die Deutschen” nicht erkennen. Und Biolek hat damals das einzige wirkungsvolle gemacht, nämlich Ihr “starkes, kontroverses Thema” mit einem ebenso starken, kontroversen Thema gekontert.

Sie machen aus kritischen Interviewaussagen ein “Biolek beschimpft die Deutschen”? Kein Problem, dann macht Biolek daraus eben “Express hat was gegen Juden”. Und dass er dazu in bester BILD-Manier seinen Metzger zu “Volkes Stimme” macht, ist handwerklich nur folgerichtig.

Perfide ja – aber hüben wie drüben. Und Sie hatten angefangen.

4) bvrulez, Montag, 12. Dezember 2011, 13:48 Uhr

Henry M Broder betreibt das professionell.

5) etg, Montag, 12. Dezember 2011, 16:10 Uhr

Har, har. Da schlägt jemand mit gleicher (unredlicher) Kelle zurück, dann ist das natürlich böse.

Denn falsche Schlagzeilen bringen und in die Welt setzen – das dürfen nur Journalisten.

6) Sanníe, Montag, 12. Dezember 2011, 16:32 Uhr

Ich hasse die Dummpresse so sehr für solche skandalisierenden Schlagzeilen, daß ich finde: Das geschah Ihnen zu Recht.

7) Frankilein66, Montag, 12. Dezember 2011, 16:57 Uhr

Dazu gibt es nur eines zu sagen:

“Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es auch wieder hinaus”!

8) Jochen, Montag, 12. Dezember 2011, 17:59 Uhr

Lieber Herr Spreng,

offenbar ist Ihnen beim Schreiben der Anekdote der alte Boulevard-Gaul durchgegangen. Denn provokant und inhaltlich korrekt wäre doch gewesen: “Biolek beschimpft seine Zuschauer”. Deren Nationalität spielt doch keine Rolle.

So ist der Ärger Bioleks zu verstehen: Sie konstruieren einen Unterschied zwischen ihm und “den Deutschen”. Und das macht nur Sinn, wenn Sie Biolek nicht als Deutschen sehen.

Die Religionsangehörigkeit Bioleks war mir übrigens bis jetzt unbekannt – aber ich bin ja auch nicht sein Metzger.

Und ich schließe mich der Frage IANALS an: Wie ging’s weiter?

9) Dieter Carstensen, Montag, 12. Dezember 2011, 19:47 Uhr

Lieber Michael Spreng,

Ihre Schilderung zeigt mir Eines. Egal welcher Herkunft ein Mensch ist, durch seine Herkunft alleine wird er nicht zu einem besseren Menschen.

Aber “Alfred die Weinnase”, so haben wir ihn in Köln genannt, ist eh ein ganz besonderer Fall.

Kochen kann er eh nicht, das bereit dem Herrn Professor ja alles seine Redaktion vor und was wirklich Wichtiges mit zu teilen hatte dieser Mann, aus meiner Sicht auch noch nie.

Warum so ein Mann zum “Medienstar” wurde ist mir eh ein Rätsel, aber Ihre Schilderung rundet das Bild dieses Mannes für mich ab, der unabhängig von seinen Wurzeln nur eines drauf zu haben scheint, nämlich um jeden Preiss seine eigenen Interessen durch zu setzen.

M.f.G.

10) Peter Möller, Montag, 12. Dezember 2011, 20:42 Uhr

Sehr geehrter Herr Spreng,

auch ich würde mich für eine nähere Aufklärung zu diesem Fall interessieren. Hat Biolek sich als Jude ausgegeben? Da er, nach allem, was man liest, nicht jüdisch ist, wäre das ein ziemlicher Skandal.

11) Tschik Schnack, Dienstag, 13. Dezember 2011, 14:15 Uhr

Ich weiß nicht, ob es Perfidie war.
Ich denke, Biolek war einfach stinksauer und empört.
Zwar muss er, wenn Sie richtig berichten, damit rechnen, wenn seine Publikumsbeschimpfung auch n Deutschland ein mediales Echo erfährt, aber wer ist schon nicht sauer, wenn er in seiner Heimatstadt morgens mit so einer zugespitzten Schlagzeile konfrontiert wird.
Ich nehme an, dass sein Metzger ihn mit der Frage provoziert hat. Soweit ich weiß, ging immer wieder das Gerücht um, Biolek sei Jude oder jüdischer Abstammung – vielleicht wegen der Hakennase oder weil er in andere Klischees passte. Möglich, dass Biolek sowas zur Weißglut trieb.
Und nun rennt er – eine Nacht schlafen reicht oft nicht – wutentbrannt zum Verleger und lässt die Worte, die er sich in seiner Erregung ausgedacht hat, auf den los, der für die unangenehme Schlagzeile verantwortlich ist.
Ich glaube nicht, dass Biolek in dieser Geschichte eine gute Figur gemacht hat. Ich war natürlich auch bei der Szene nicht dabei. Aber ich würde aus Ihrer Schilderung nicht den Schluss ziehen, es sei etwas Perfides dabei gewesen. Haben Sie übrigens nach der Geschichte noch einmal versucht, mit Biolek Kontakt aufzunehmen, um die Sache zu klären?
Ansonsten fände ich nämlich eher den Wortlaut der Veröffentlichung auf diesem Blog perfide.

12) Michael A. Nueckel, Mittwoch, 14. Dezember 2011, 01:45 Uhr

Künstlerpech, gegenüber einem Juristen kann man auch als Journalist schon einmal den Kürzeren ziehen.

13) Lacerda, Mittwoch, 14. Dezember 2011, 13:42 Uhr

Herr Spreng,

bei aller Liebe. Aber die Schlagzeile war wirklich sehr populistisch und auf Polemik ausgelegt.
“Biolek beschimpft die Deutschen Fernsehzuschauer” wäre schon hart und polemnisch genug (ganz im Sinne vom Kölner Express).
Wie heiß es doch so schön: “Wie man in den Wald hinein ruf….”

Meine einzige Begegnung, wortlos wohl gemeint, mit Biolek war auf einer Eröffnungsgala der Berlinale. E kam, saß, sagte nicht einmal Guten Abend und ging wieder. So ist der Bio….lol

In diesem Sinne,

14) Toertjex, Donnerstag, 15. Dezember 2011, 19:33 Uhr

@15: Ganz meine Meinung!

15) oh mann, Freitag, 16. Dezember 2011, 17:23 Uhr

heul doch. wurdest halt verarscht. kann passieren… steh mal drüber

16) Andronico, Samstag, 17. Dezember 2011, 22:41 Uhr

Folgender Artikel beschreibt sehr schön die Denkweise, die hinter solchen Schlagzeilen steht:

http://ad-sinistram.blogspot.com/2011/12/das-eingeschnappte-lebensgefuhl.html

17) JG, Sonntag, 18. Dezember 2011, 17:20 Uhr

Oh, Herr Spreng, die Anekdote ist ja an sich gar nicht so aufregend – aber was Sie darin unausgesprochen lassen… Und was viele der – bei Ihren Anekdoten sonst in der Regel nicht so zahlreichen – Kommentarschreiber hier verstanden haben bzw. verstanden zu haben glauben… Und was sie damit demonstrieren… Nach dem, was schon der von Herrn Biolek ins Feld geführte Metzger demonstriert hatte… – Ein kleines Lehrstück.

In Deutschland genügt es offenbar noch immer, das J-Wort zu benutzen, um bei einer erklecklichen Anzahl von Menschen das Denken aussetzen und sie nur noch nach Emotionen und Reflexen handeln zu lassen.

In diesem Zusammenhang auch gut der Vorwurf, Sie hätten Schlimmes verbrochen mit der Schlagzeile “Biolek beschimpft die Deutschen” – welche wohl in Ordnung gewesen wäre, hätte sie gelautet “Thomas Gottschalk beschimpft die Deutschen” oder “Heino beschimpft die Deutschen”. Und wie die ordnungsgemäß Empörten nicht bemerken, daß sie – nachdem sie die Überschrift als “Jude beschimpft die Deutschen” gelesen haben – so tun, als habe ein Jude nicht genauso viel oder genauso wenig das Recht “die Deutschen” zu beschimpfen wie ein Christ, Moslem, Buddhist oder Freidenker.

Wenn ich zu dieser – wie man sieht, noch nach Jahrzehnten aufschlußreichen – Geschichte ein eigenes kleines Erlebnis beisteuern darf? Vor nicht allzu langer Zeit las ich auf der Startseite des Videotextes von Pro7 die Schlagzeile “Jude trieb’s mit Kindermädchen”. Nachdem ich dies sicherheitshalber noch mehrmals gelesen und – trotz wachsender Empörung – mich davon überzeugt hatte, den Satz nicht falsch verstanden zu haben, überlegte ich – als anständiger Deutscher -, ob ich mich zunächst beim Sender oder der zuständigen Medienaufsichtsbehörde beschweren oder gleich Anzeige erstatten sollte. Glücklicherweise konnte ich noch lange genug klaren Kopf bewahren, um mir vor dem Griff zum Telephon oder an die Computertastatur die so annoncierte Meldung anzuschauen. In dieser ging es um die außereheliche Affäre des Schauspielers Jude Law.

18) Thom, Sonntag, 18. Dezember 2011, 19:39 Uhr

Ich finde die Überschrift “Biolek beschimpft die Deutschen” um ein vielfaches “perfider” als Bioleks Reaktion darauf. Bildniveau. Nicht nur, daß es nicht stimmt, sondern besonders, was es voraussetzt, ein Deutsches Kollektiv, rechtfertigt die Reaktion absolut. Eigentor, Herr S.

19) Nashwin, Dienstag, 20. Dezember 2011, 08:58 Uhr

Biolek ist kein Jude. Weder nach der jüdisch-religiösen Auslegung (keine jüdische Mutter), noch nach allgemeinem Verständnis. Er ist katholisch erzogen und aufgewachsen und war in einer katholischen Studentenverbindung.

Vielleicht wäre er gerne jüdisch und hat selbst das Gerücht gestreut, um sich wichtig zu machen. Das würde zu meinem Eindruck von ihm passen.

20) Galileo, Dienstag, 20. Dezember 2011, 19:23 Uhr

Herr Spreng, auch mich würde interessieren wie die Geschichte weitergegangen ist?!

21) G.Fawkes, Mittwoch, 21. Dezember 2011, 14:29 Uhr

Ist Perfidie Ihr Lieblingswort?

22) Sportsfreund, Donnerstag, 22. Dezember 2011, 19:30 Uhr

Tja, guter Mann, mit dieser Offenlegung ihres Geschmacks, was eine gute Anekdote ihrer Ansicht nach ist, offenbaren Sie zweierlei:

1. Diese kleine, an sich in einem harten Mediengeschäft, alltägliche Geschichte hängt Ihnen immernoch derart nach, dass es ein geradezu traumatisches Erlebnis für Ihre kleine mimosenhafte narzistische Persönlichkeit darstellt. Nicht nur, dass Sie ihren eigenen Exzess nicht sehen (die Überschrift ist für denkene Menschen schlicht peinlich, aber so ist der Gossenjournalismus eben), nein, Sie verkraften nicht mal eine auf dem gleichen Niveau ausgetragene Kritik.

2. Die Wahl Ihrer Überschrift in dem Boulevard-Blättchen zeigt aber auch, welcher Gesinnung Sie sind. Gut, der Gossenjournalsmus hat seine Anhänger und bedient die geringen Ansprüche seiner Leseschaft. Dass Sie jetzt jedoch als “Politik-Experte” ernsthaft zu überzeugen versuchen, scheint mir geradezu albern.

Nix für ungut, aber das bedarf es mehr. Mehr an Integrität, an Kenntnis, mehr an persönlicher und methodischer Befähigung.

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