Dienstag, 13. Dezember 2011, 13:12 Uhr

Wulffs Biotop

Hannover ist ein besonderes Biotop, manche meinen, ein Sumpf. Es geht dabei nicht um die Stadt an der Leine, sondern um ein sehr spezielles politisch-wirtschaftliches Netzwerk, wie es in dieser Form aus anderen Landeshauptstädten nicht bekannt ist.

Die Verquickung zwischen Spitzenpolitikern, Wirtschaftsbossen und Unternehmern wird dort besonders innig gepflegt, Freundschaften gehen wie ein Erbe vom einen auf den anderen Ministerpräsidenten über – unabhängig von der politischen Couleur. Im Mittelpunkt stehen die Ex-Ministerpräsidenten Gerhard Schröder und Christian Wulff.

Schröder fiel schon früh dadurch auf, dass er sich von VW-Chef Piech zum Opernball einladen ließ und mit ihm im Lear-Jet nach Wien düste. Die Flugkosten beglich er erst nachträglich.

Und die letzte Schröder-Nachricht aus diesem Bioptop war, dass er nach seinen Ausscheiden aus dem Kanzleramt von seinem Unternehmerfreund Carsten Maschmeyer eine Million Euro als Vorschuss für seine Memoiren bekam, obwohl Maschmeyer weder als Verleger noch als Literaturagent bis dahin in Erscheinung getreten war. Derselbe Schröder trat übrigens 2004 vor den AWD-Drückerkolonnen Maschmeyers auf und lobte deren „staatsersetzende Funktion“.

Und derselbe Maschmeyer, eine höchst umstrittene Figur der Finanzszene, war auf Mallorca auch Gastgeber für den ersten Sommerurlaub Christian Wulffs als Bundespräsident, wofür dieser nach eigenen Angaben  5.000 Euro bezahlte. 

Wulffs Urlaube bei Unternehmern haben Tradition. Im Winter 2009/2010 flog er zu dem Schrott- und Antiqitäten-Händler Egon Geerkens nach Florida. Eine Reise, die Wulff viel Ärger einbrachte, weil er sich bei Air Berlin kostenlos auf die Business-Class upgraden ließ. Die Differenz beglich er erst, nachdem „Der Spiegel“ dies aufgedeckt hatte.

Derselbe Geerkens, genauer gesagt, seine Frau Edith, war im Oktober 2008 der Finanzier von Wulffs neuem Eigenheim. Sie gab ihm einen Privatkredit in Höhe von 500.000 Euro, um das Haus zu erwerben, wie jetzt BILD berichtet.

Vor dem Landtag allerdings leugnete Wulff am 18. Februar 2010 jede geschäftliche Beziehung zu dem Unternehmer, weil er – juristisch korrekt – fein zwischen Ehemann und Ehefrau differenzierte. Politisch allerdings ist diese Differenzierung unzulässig. Es hätte zur Wahrheit gehört, die Gesamtbeziehung aufzudecken. Der Vorwurf der Parlamentstäuschung ist mit dieser Erklärung nicht ausgeräumt.

Nur zwei Wochen nach der Landtagssitzung löste Wulff den Privatkredit durch einen Kredit der baden-württembergischen BW-Bank ab, eine verschwiegenes Institut in einem CDU-regierten Land, das zur baden-württembergischen Landesbank gehört und laut Eigenwerbung „mit besonderem Fokus auf das Mittelstandsgeschäft in Baden-Württemberg tätig ist“. Wenn man sehr kritisch ist, könnte man diese Kreditumschichtung als Eingeständnis werten, dass der Privatkredit einen üblen Beigeschmack hatte.

Und warum lieh sich Wulff nicht von Anfang an das Geld ganz korrekt bei einer niedersächsischen Bank. Fehlten dafür etwa die Sicherheiten? Und wie glaubte er eigentlich, von seinem Ministerpräsidentengehalt (150.00 Euro jährlich), mit dem er zwei Familien finanzieren muss, innerhalb von fünf Jahren 500.000 Euro sparen zu können, um den Privatkredit 2013 abzulösen?

Die Geschichte hat einen üblen Geschmack. Ein Bundespräsident hat eine besondere Vorbildfunktion. Wulff muss sich jetzt prüfen, ob er dieses Vorbild noch sein kann. Aber es geht nicht nur um Wulff, sondern um das ganze Hannover-Biotop. Es wird Zeit, dass dort aufgeräumt wird.

Lesen Sie dazu auch meinen Beitrag „Erbfreundschaft“ vom 1. August 2010

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51 Kommentare

1) EStz, Freitag, 16. Dezember 2011, 12:23 Uhr

49) karel, Donnerstag, 15. Dezember 2011, 20:21 Uhr

Abgesehen davon, bei der langen “Vorgeschichte”,
mit dem Stiefvater von Wulff “Skat gespielt”,
also eine herzliche Freundschaft von über 30 Jahren….
als Trauzeuge bei der ersten Hochzeit, usw.usw.
Wenn die Frau eines Unternehmers “im Ruhestand”
einem Freund der Familie nach dessen “kostspieligen”
Scheidung dann mal unter die Arme greift.
naja, dann ist für die Medien der Staat in Gefahr
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Wenn es „nur“ das wäre – kein Thema. Vielleicht ist weder der Kredit problematisch, noch, dass er ohne Zweck und ohne Sicherheitsleistungen gegeben wurde.

Vielleicht ist auch der Urlaub in Florida oder bei Maschmeyers nicht problematisch – wenn ich die gleiche Summe auf den Tisch lege, darf ich da ja auch hin und bekomme den gleichen Service.

Problematisch ist aus meiner Sicht, dass Herr Wulff bei der offiziellen Befragung das Thema verschwieg, und anschließend den Kredit auf eine „richtige“ Bank umzulegte. Das sagt meinem gesunden Menschenverstand, dass Herr Wulff ein schlechtes Gewissen bzw. etwas zu verschweigen hat. Mit der Konkurrenz (Glogowski) sprang er ja zu Recht in einer ähnlichen Angelegenheit recht ruppig um.

Hätte er sich hingestellt und die Wahrheit gesagt, hätte es sicherlich ein paar mediale Ohrschellen gegeben. Ob die schlimmer ausgefallen wären als jetzt, wage ich mal zu bezweifeln. In jedem Falle hätte er sagen können: „Ich habe nichts zu verbergen.“

Und wenn diese Ausrede „Ich habe ja nicht gelogen“ durchgeht, wie sollen in Zukunft Landtag und Bundestag in vergleichbaren Situationen fragen: Haben Sie Kontakte zu dem und dem, oder seiner Frau oder Kindern, oder zu Verwandten und Freunden, oder vielleicht zu Nachbarn?“

Herr Wulff ist kein Dummkopf. Der wußte, was man von ihm wissen wollte, er wußte die ehrliche, richtige Antwort und hat sie nicht gegeben. Und das finde ich schade.

2) Rischeck, Freitag, 16. Dezember 2011, 16:47 Uhr

Die Vorstellung, ein Herr Piech würde in einem Lear Jet von Braunschweig nach Wien fliegen, erzeugt ja schon bei der Lektüre Platzangst. Warum tun sich in Deutschland Journalisten so schwer mit den Fakten? PS: Die Damen reisten damals übrigens in einem zweiten Falcon Jet.

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