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Präsident auf Bewährung

Warum erst jetzt? Warum so spät? Christian Wulff hat die allerletzte Chance genutzt, um zu seinem dubiosen Kreditgeschäft mündlich und vor den Kameras Stellung zu nehmen. Einen Tag später wäre das Zeitfenster geschlossen gewesen, um ihm noch die Chance zu eröffnen, die Affäre zu überstehen. Es musste vor der offiziellen Weihnachtsansprache sein. Alles andere hätte die TV-Ansprache lächerlich und heuchlerisch wirken lassen.

Jetzt gibt es zwei Weihnachtsansprachen Christian Wullfs: eine als Bundespräsident, eine in eigener Sache. Die in eigener Sache ist in diesem Jahr die wichtigere – und wahrscheinlich auch die spannendere. Er bescheinigte sich selbst mangelnde Gradlinigkeit und das tue ihm leid.

Diese Worte hätte Wulff schon vor einer Woche finden müssen. So aber verschlechterte sein katastrophales Krisenmanagement von Tag zu Tag seine Lage. Zwischen seinen Beratern muss es, wie meist in solchen Fällen, zu erbittertem Streit darüber gekommen sein, was das richtige Krisenmanagement ist. Nur so ist die Entlassung (oder der Rücktritt) seines engsten Vertrauten, des Pressesprechers Olaf Glaesecker, zu erklären. Wulffs Salami-Taktik, immer nur das zuzugeben, was die Medien jeweils enthüllten, war verheerend.

Aber auch jetzt gilt: Vorhang zu und viele Fragen offen. Das Kreditgeschäft mit dem Ehepaar Geerkens bleibt dubios, seine extremen Vorzugszinsen der BW-Bank ( 0,9 bis 2,1 Prozent auf 25 Jahre) sind merkwürdig und erklärungsbedürftig, seine Urlaube bei befreundeten Unternehmern zweifelhaft. Und bei der Werbespende des umstrittenen Carsten Maschmeyer für sein Buch „Besser die Wahrheit“ muss geklärt werden, ob es sich um verdeckte Wahlkampffinanzierung gehandelt hat.

Bundespräsident Christian Wulff  hat mit Mühe und Not noch die Feiertage erreicht und er kann jetzt die Hoffnung haben, dass die Medien Januar neue Themen in den Vordergrund stellen. Mehr nicht.

Seine Bitte, ihm auch künftig zu vertrauen, hätte korrekt lauten müssen, ihm wieder zu vertrauen. Denn er ist ein angeschlagener Präsident, dessen Integrität verletzt und dessen moralische Autorität beschädigt ist. Er muss sie neu erwerben. Wulff ist ein Präsident auf Bewährung. Werden neue Verfehlungen aufgedeckt, droht die Höchststrafe: Rücktritt.