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Ein Besuch bei Wulff

Ende August 2010 klingelte mein Telefon. Am Apparat Olaf Glaesecker, inzwischen entlassener Sprecher des Bundespräsidenten. Der Präsident würde sich gerne mit mir treffen. Ich war überrascht – und auch nicht. Denn ich hatte gerade über das System der Erbfreundschaft in Niedersachsen geschrieben und zuvor andere kritische Beiträge über Wulff verfasst, darunter „Der Zuckerwatte-Präsident“.

Aber eine solche Einladung schlägt man nicht aus. Ich ging also ins Schloss Bellevue. Am Eingang bat mich ein Bediensteter, mich ins Gästebuch einzutragen. Letzter Gast vor mir war Sigmar Gabriel. Wulff empfing mich in seinem Amtszimmer, wir redeten etwa eine Stunde lang. Im Verlauf des Gespräches kam Glaesecker hinzu. Weil solche Gespräche vertraulich sind, kann ich über den Inhalt nicht berichten, aber ich verschweige keine Sensationen.

Das Gespräch war trotz meiner scharfen Kritiken freundlich und gespickt mit Komplimenten mir gegenüber – wie es Wulffs Art ist. Und es war positiv, was seine – bisher nicht realisierten –  Ideen für Bürgernähe betraf.

Ein solches Gespräch hinterlässt auch bei hartgesottenen Journalisten eine gewisse Wirkung. Möglicherweise auch unter diesem Eindruck schrieb ich am 19.Oktober 2010: „Wulff ist angekommen“. Diesem Beitrag war allerdings die Rede Wulffs zum 1. Oktober vorangegangen, in der er gesagt hatte, der Islam gehöre auch zu Deutschland, und ein guter Auftritt in der Türkei.

Dennoch mag das Gespräch einen gewissen Nachhall gefunden haben. Allerdings kommentierte ich Wulffs Weihnachtsansprache 2010 schon wieder kritisch unter der Überschrift: „Was sich Wulff nicht traut“. Bei anderen journalistischen Kritikern, die Wulff im Herbst 2010 in Serie empfing, dauerte der Nachhall bis zum Beginn seiner Kreditaffäre. So ist manche erste Kommentierung möglicherweise zu erklären.