- SPRENGSATZ _Das Politik-Blog aus Berlin - http://www.sprengsatz.de -

Das Schlusskapitel

Das letzte Kapitel in der Geschichte des Sturzes von Bundespräsident Christian Wulff ist zugleich das unappetitlichste. Es ist erneut unrühmlich für den Präsidenten, aber auch für die agierenden Medien.

Weil sich BILD nicht selbst die Finger schmutzig machen wollte (es gibt ja noch so etwas wie ein Fernmeldegeheimnis), gab die Zeitung den vertraulichen Inhalt eines Telefonates an die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ (FAS) und die „Süddeutsche Zeitung“ weiter, die sich für das Schlusskapitel instrumentalisieren ließen. BILD lieferte den Inhalt und bestimmte das Timing, die beiden sogenannten seriösen Blätter erfüllten ihre Rolle in der BILD-Dramaturgie. BILD brauchte nur noch zu bestätigen.

So weit die Inszenierung, denn die „Bild-Zeitung“ wusste seit der ersten Veröffentlichung, welchen finalen Pfeil sie noch im Köcher hat.

Journalistisch ist aber auch nachvollziehbar, warum sich FAS und „Süddeutsche“ in dieser Form instrumentalisieren ließen. Die exklusive Vorweihnachtsansprache Wullfs auf der Mailbox des BILD-Chefs ist nun einmal eine Top-Story. Da lässt sich ein Präsident („Die Pressefreiheit ist ein hohes Gut“) so tief in sich selbst herab, dass er eine Zeitung bedroht, um mit aller Macht eine unliebsame Veröffentlichung  zu verhindern. 

Vielleicht dachte Wulff damals noch, er spräche mit einem alten Freund, mit dem er doch so viele schöne Geschichten gemeinsam gemacht hat. Und mit dem er ganz offen reden könne. Aber da gilt die alte Regel: Lieber einen guten Freund verlieren als eine gute Geschichte. Insbesondere dann, wenn der Betroffene keinen Schirmherren oder keine Schirmherrin im Konzern hat.

Auf jeden Fall waren die Drohungen („Krieg“, „endgültiger Bruch“, „Rubikon überschritten“) ein tödlicher Fehler und es war  unsagbar dämlich, sie auch noch zu Diktat zu geben. Die Drohungen waren ohnehin lächerlich, denn auch ein Bundespräsident ist gegenüber BILD (oder anderen mächtigen Medien) nur ein Bittsteller, wenn er eine so schmierige Kreditaffäre am Hals hat.

Unfassbar auch, dass Wulff in Kenntnis der Bombe auf Kai Diekmanns Handy in seiner Erklärung zur Kreditaffäre noch über die Pressefreiheit redete, ohne rot zu werden. Auch dies beweist den Realitätsverlust Wulffs und die Verdrängungsmechanismen bei der Bewältigung einer solchen Affäre. Wieder ein Fallbeispiel für katastrophales Krisenmanagement.

Wulff hatte seinen moralischen Kredit schon vor dem finalen Schuss verbraucht. Es wird Zeit für ihn zu gehen. Und im Abgang schafft er es noch, BILD und den BILD-Chefredakteur zu Helden der Pressefreiheit zu machen. Sauber hingekriegt, Herr Präsident.