Sonntag, 08. Januar 2012, 09:03 Uhr

Politiker und die Pressefreiheit

Politiker, die – wie Christian Wulff – ein gestörtes Verhältnis zur Pressefreiheit haben, gab und gibt es in der Geschichte der Bundesrepublik viele. Einige davon habe ich selbst erlebt.

Helmut Kohl gehört dazu, der massiv meine Ablösung als Chef von “Bild am Sonntag” betrieb. Hans-Dietrich Genscher, der zweimal gegen eine geplante BILD-Schlagzeile  intervenierte, die ihm ein illoyaler BILD-Redakteur durchgestochen hatte, bis sie ihm passte. Franz-Josef Strauß, der in einem vierseitigen Brief an Axel Springer meine Entlassung forderte. Insofern hat Wulff berühmte und berüchtigte Vorgänger.

In meiner Zeit als Chefredakteur von BamS habe ich es immer so gehalten, dass mich Anrufe von Politikern oder Springer-Vorstandsmitgliedern, mit denen Geschichten verhindert werden sollten, erst recht motivierten, die Story zu veröffentlichen. Das erwarte ich von jedem Chefredakteur mit Rückgrat. Bei Genscher allerdings war ich auch einmal feige: ich ließ mich einen halben Tag verleugnen, weil ich genau wusste, was er wollte. Vielleicht war auch deshalb bei Kai Diekmann nur die Mailbox an.

Aber nicht nur Politiker versuchen ihre Kontakte zu Verlegern und Vorständen spielen zu lassen. Den Vogel schoss einmal ein  bekannter Showmaster ab, der mich anrief mit den Worten: “Ich sitze gerade bei ihrem Vorstandsvorsitzenden”. Auch dieser Hinweis war kontraproduktiv.

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11 Kommentare

1) kehraus.blogspot.com, Sonntag, 08. Januar 2012, 12:48 Uhr

Sagte nicht einmal Paul Sethe bereits 1965: “Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten”. In den heutigen Zeiten von Medienkonzentration und unserer Seifenoper- Politik und den Spin Doktor sind es sicher noch weniger, die unsere Wahrnehmung bestimmen. Ist nicht das der eigentliche Skandal?

2) Frankilein66, Sonntag, 08. Januar 2012, 15:36 Uhr

Meiner Ansicht nach fallen weder “BILD”, noch “BILD am Sonntag” unter den positiv besetzten Begriff der “freien Presse”!

Also können sie auch nicht das Recht der Pressefreiheit in Anspruch nehmen!

Ist doch logisch, oder?

3) Harry Schneider, Sonntag, 08. Januar 2012, 16:11 Uhr

Eine Krähe hackt der andern kein Auge aus!

4) Dieter Carstensen, Montag, 09. Januar 2012, 00:13 Uhr

Lieber Michel Spreng,

Sie waren als Journalist immer auf Seiten der BILD Zeitung, einer Zeitung, die ich nie mochte, meine Mami, Omi und meine Schwiegerelern aber schon, die haben die gelesen und ich musste die immer z.B. in unseren Dänemark oder Griechendandurlauben morgens zum Früstüch mit den Brötchen mitbringen.

Sie können mir glauben, jedemal fiel mir der Einkauf der BILD schwer, es war gegen meine Überzeugung, die Zeitung zu kaufen, aber meine Familie war wichtiger, als meine eigene Überzeugung.

Ich spreche recht gut neugriechisch, wenn ich die BILD dann in Griechenland gekauft habe, habe ich immer zwei griechische Tageszeitungen, wie “Ta Nea” oder die “Kathimerini” dazu gekauft, um mir am griechischen Zeitungskiosk Peinlichkeiten zu ersparen.

Was Ihr Thema “Pressfreiheit” angeht:

Bei uns hier in Waldbröl haben wir die “Oberbergische Volkszeitung”, welche zur “Kölnischen Rundschau” und den “Oberbergischen Anzeiger”, wleche beide heute “Neven DuMont” Verlag in Köln gehören.

Als ich jung war, gab es bei uns mehrere unabhängige Lokalzeitungen, heute müssen alle Zeizungsleser hier mit dem Einheitsbrei aus dem Kölner Verlagshaus “DuMont” zufrieden sein, egal ob man die “Oberbergische Volkszeitung” oder den “Oberbergischen Anzeiger” liest, es kommt alles auseinem Verlagshaus und mehr regionale Tageszeitungen gibt es bei uns nicht.

Selbst die Artikel beider Zeitungen, zu dem Geschehen hier bei uns vor Ort, sind meist identisch, weil es dieselben Redakteure bearbeiten, nur bei den Überschriften wird ein wenig variiert.

Ich bin mit einigen Journalisten hier eng befreundet und wenn die dann aus dem “Nähkästchen” plaudern, wie unsere Kommunalpolitiker mit ihnen umgehen glauben zu dürfen, wird mir immer ganz komisch.

Was mich in Ihrem Blog immer wieder auf das Neue verblüfft, ist Ihre schonungslose Offenkeit sich selbst gegenüber und zu Ihrer Leserschaft.

Sie scheinen sich das bewahrt zu haben, was ich als “wertkonservativ” bezeichnen würde, was zwar nicht unbedingt meinen Einstellungen entspricht, abr zumindest Einstellungen, welche ich als Demokrat respektiere und achte.

Wehe da fühlt sich einer auf einem Foto in unserer Lokalzeitung falsch getroffen, dann rufen die Idioten tatsächlich bei der Redaktion an und beschweren sich!

Unglaublich, aber wahr, Sie als gelernter Journalist werden das Spiel ja kennen.

Sehr lustig fand ich Ihren ironischen Hinweis auf einen “bekannten Showmaster” am Ende Ihres Artikels. Ich kann mir denken, wen Sie meinen und ich bin mir absolut sicher, wenn ich den Namen von dieser Pappnase hier nennen würde, hätte ich den Richtigen getroffen.

Aber es geht ja um die Substanz Ihres Beitrags, die “Pressefreiheit” und ob diese in dieser Republik noch wirklich ernst genommen wird, wage ich zu bezweifeln, Leute wie Wulff beweisen ja, dass sie sich aus diesem Verfassungsgut unseres Grundgestzes, scheinbar so gut wie gar nichts mehr machen, wie schon weiland der unsägliche Franz Josef Strauss.

M.f.G.

5) IANAL, Montag, 09. Januar 2012, 09:26 Uhr

Was sagt uns das? Es ist also alles andere als ungewöhnlich, dass Spitzenpolitiker versuchen, auf Medienberichterstattung Einfluss zu nehmen. So zu tun, als hätte Wulff mit seinem Anruf einen Tabubruch begangen, ist also ziemlich scheinheilig. Die Pressefreiheit ist solange nicht bedroht, wie diese Politiker keine Möglichkeit haben, die Staatsgewalt einzusetzen, um unliebsame Berichterstattung zu verhindern. Oder, um es mit Friedrich Küppersbusch zu sagen: “Chefredakteure kriegen ihr Gehalt dafür, dass sie Eier haben.” (http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/1643569/)

6) CitizenK, Montag, 09. Januar 2012, 10:17 Uhr

BILD als verfolgte Unschuld und Hort der Pressefreiheit? Das ist – mit Verlaub – daneben.

Wäre man bei Springer Herrn Wulff noch gewogen, hätte niemand je von dem Anruf erfahren. Ihre Beispiele, Herr Spreng, belegen das.

Warum und wie fanden die inkriminierten Stellen des Anrufs zu SZ und FAZ? Wir wissen es noch nicht. Gewiss aber nicht gegen den Willen der BILD-Chefredaktion, die ihre Hände in Unschuld wäscht. Das ist auch nicht “geradlinig”.

Springer will den Skalp von Wulff, das muss inzwischen jedem klar sein. Warum – das ist die eigentliche Frage. Und dazu würde ich von Ihnen als Kenner der Materie gern mehr erfahren. Denn auch das ist ein wichtiger Aspekt der Vierten Gewalt.

7) Riesenmaus, Montag, 09. Januar 2012, 11:07 Uhr

Pressefreiheit oder was man darunter versteht!? Pressefreiheit bedeutet garantiert nicht, dass jeder Politiker jedem Reporter ins Mikrofon reden muss, wenn es diesem Reporter gefällt. Auch ein Politiker hat das Recht, wie jeder Bürger dieses Landes zu bestimmen, mit wem er redet und mit wem nicht. Und eines gab es schon immer: bestimmte Politiker haben bestimmten Blättern ein Interview kategorisch verweigert! Herr Kohl hatte meines Wissens ein sehr gestörtes Verhältnis zum Spiegel.

Beschränkung der Pressefreiheit würde bedeuten, dass bestimmte Zeitungsreporter nur das schreiben dürfen, was den Herren Politikern genehm ist oder anderenfalls mit massiven strafrechtlichen Konsequenzen zu rechnen hätten. Beschränkung der Pressefreiheit würde weiter bedeuten, dass bestimmte Zeitungen plötzlich aus unseren Kiosken verschwinden, weil sie entsprechend berichten.

All diese Dinge will in Deutschland niemand und schon gar nicht unser Bundespräsident – Gott sei Dank. Pressefreiheit ist ein hohes Gut, welches hoffentlich in Deutschland nie wieder eingeschränkt wird. Pressefreiheit bedeutet aber auch einen verantwortungsvollen Umgang damit und das heißt, dass niemand niedergeschrieben werden darf, auch kein Bundespräsident. Deshalb finde ich, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist einen Schlussstrich unter die „Affäre Wulff“ zu ziehen.

8) Dieter Carstensen, Montag, 09. Januar 2012, 16:09 Uhr

Auch die BILD gehört zu unserer Pressfreiheit! Und sie hat das Recht, diese zu nutzen. Mit der BILD ist das wie mit MC Donalds, Angeblich nutzt niemand diese Sachen, aber McDonalds ist immer voll und die BILD verkauft sich wie warme Semmeln am Kiosk.

Selbst ich kaufe manchmal die BILD, gebe ich zu, wenn die mal wieder nen heisses Thema haben.

So ist das eben, mit der Freiheit, man muss auch die Freiheit anderer aushalten lernen.

9) Ma Petri, Dienstag, 10. Januar 2012, 22:53 Uhr

Hi hi BILD und Pressefreiheit.
Der Hai plädiert für freien Zugang zum Meer.

10) hans joppe, Freitag, 13. Januar 2012, 21:14 Uhr

sehr gut. ich hoffe, die story über genscher wurde (trotz “feigheit” des nicht-abnehmens) veröffentlicht. “clearance sale” – alles muss raus !

Hannes

11) Michael A. Nueckel, Sonntag, 15. Januar 2012, 06:50 Uhr

… soll heißen:
1) nach dem Telefonat waren Sie erst recht produktiv?
2) der Showmaster -dessen Name mir partout nicht einfallen will- hat es danach noch einmal beim VV versucht?

Wie ist Ihre Meinung?

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