Montag, 09. Januar 2012, 12:43 Uhr

Am Tropf von BILD

Im Fall des würdelosen und entwürdigten Bundespräsidenten Christian Wulff gibt es einen zweiten, inzwischen nicht weniger würdelosen Schauplatz: das Verhalten der Medien, genauer gesagt, eines Teils der Print-Medien. Das Medienkarussell dreht sich mit immer schnellerer Geschwindigkeit und gebiert Peinlichkeiten und Absurditäten ohne Ende.

Da preist der „Spiegel“-Chefredakteur bei Günther Jauch sein „morgen erscheinendes Heft“ an, in dem das Blatt aus Wulff-Telefonaten mit BILD-Chef Kai Diekmann und Springer-Chef Matthias Döpfner zitiert, während der stellvertretende BILD-Chefredakteur neben ihm sitzt und dann prompt bestätigt, dass „Der Spiegel“ korrekt berichtet.

Da wird der „Enthüllungsjournalist“ Hans Leyendecker von der „Süddeutschen Zeitung“ in BILD ausführlich mit einem Interview zitiert,  in dem erklärt und bewertet, was Christian Wulff Kai Diekmann auf die Mailbox gesprochen hat. Absurder geht’s kaum.

Das Gefühl verstärkt sich von Tag zu Tag, dass auch die sogenannte seriöse Presse in der Wulff-Affäre die Besinnung verloren hat. Alle hängen irgendwie am Tropf von BILD und lassen sich täglich neu instrumentalisieren.

Deshalb eine Rückblende. Die Affäre drohte über die Feiertage einzuschlafen, weshalb BILD der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (FAS) und der „Süddeutschen Zeitung“ durchstach, dass Wulff auf Diekmanns Mailbox mit „Krieg“ , einem Strafantrag und dem endgültigen Bruch mit Springer gedroht hatte. Daraufhin brach ein neuer Sturm der Entrüstung los. Die Affäre hatte mit neuem Schwung das neue Jahr erreicht.

BILD wiederum konnte jetzt, ohne sich die Finger selbst schmutzig zu machen, über das Telefonat berichten, mit Empörung darauf reagieren und den Bundespräsideten auffordern, dazu Stellung zu nehmen.

Und dann der Höhepunkt: nachdem Wulff  in seiner teilwahrheitshaften Art im TV-Interview das Telefonat schönte, konnte BILD ihn auffordern, einer Veröffentlichung des Telefonats zuzustimmen. Als dieser ablehnte, stach BILD an den „Spiegel“ weitere Einzelheiten durch.

Das Ganze ist ein sich täglich neu selbst anschiebendes Medienkarussell. BILD lagerte das Riskiko eines Bruchs der Vertraulichkeit einfach aus. Um die genaue und erste Quelle, nämlich Kai Diekmann, zu verschleiern, teilte BILD „in eigener Sache“ mit, das Telefonat sei in der Redaktionskonferenz breit diskutiert worden. Will heißen: so breit, dass auch wir leider nicht wissen, welcher illoyale Redakteur das herausgegeben hat.

Und da „Spiegel“, „Süddeutsche“ und FAS von diesem verlogenen Spiel profitiert haben, gibt es bis heute auch keine kritische Aufarbeitung der Rolle von BILD. Der Fall Wulff ist auch ein Versagen des kritischen Medienjournalismus.

P.S. Damit meine Position klar ist: die Enthüllungsberichte von BILD über Wulffs Kreditaffäre und Carsten Maschmeyers Buch-Sponsoring war verdienstvoll und erfüllten die kritische Funktion der Presse. Nicht aber das falsche Spiel um das Telefonat. Wenn BILD so erschüttert über diesen tatsächlichen oder vermeintlichen Anschlag auf die Pressefreiheit war, wie die Zeitung heute tut, dann hätte die Zeitung sofort nach dem Anruf den Inhalt selbst veröffentlichen und dafür auch das Risiko tragen müssen.

Sie können Ihren eigenen Kommentar weiter unten abgeben.

93 Kommentare

1) Michael A. Nueckel, Donnerstag, 12. Januar 2012, 13:55 Uhr

Die -gerade letzten- Beiträge zeigen, uns fällt nichts mehr ein, die Statements immer bizarrer, eher gehen wir aufeinander los [@ Frankilein66, 73) = Künstlerpech – mein Kompliment an @ Dieter Carstensen, 81) = ich hab´s glatt übersehen), die Luft ist wohl raus, Wulff noch im Amte, derweil BILD den finalen Schuss nicht absetzt. Wer kann (uns) da noch helfen? Weg von Thema??

2) Frankilein66, Donnerstag, 12. Januar 2012, 16:45 Uhr

@ Dieter Carstensen, 81)

Mein Kommentar bezog sich ausdrücklich nicht auf Rechtschreib- oder Tastaturfehler, die kommen immer wieder vor und sind unvermeidbar. Insofern geht ihre Anmerkung haarscharf am Thema vorbei, dennoch bin ich ihnen für die Korrektur dankbar!

Ich finde halt, das jeder Mensch wenigstens das Recht hat, seinen Namen im Internet richtig geschrieben zu sehen!
Das meinen sie doch auch, Herr Karstensen?

3) riskro, Donnerstag, 12. Januar 2012, 17:55 Uhr

Hallo EStz

Wollte Ihnen auf Ihren Kommentar 175 im Themenblog „Wulff verzeiht“ sich antworten. Leider ist nach dem Abschicken ein unvollständiger Beitrag erschienen, Lag wahrscheinlich daran, dass er in Word geschrieben wurde und eingefügt werden sollte. Probiere es morgen noch mal: Iht Kommentar kann so nicht stehen bleiben.

4) winfired, Donnerstag, 16. Februar 2012, 19:28 Uhr

Man kann sehr Reich sein und dennoch Arm, wenn man sich mit den Asozialen der oberen Zehntausend vergleicht, diese Brut hebt gerne völlig ab!

5) christine david, Montag, 20. Februar 2012, 00:31 Uhr

Sind denn jetzt alle ver-rückt geworden!
Habt Ihr alle miteinander was zu euch genommen…raucht ihr irgendein Kraut oder was!!!!

Herr Wulff ist nun endlich zurück-getreten! Gebt doch endlich Frieden!

Und was die gesamt Medienlandschaft betrifft,welche ich über Wochen nun reichlich genossen in allen
Variationen…das wird denen irgendwann mal auf die Füße fallen…egal was und wieviel Schuld ein Mensch auf sich lädt ,doch man muss nicht auch noch nachtreten wenn dieser schon am Boden liegt!

Wie ist Ihre Meinung?

Kommentar schreiben


Ihr Kommentar *


* Pflichtfelder


granny - the social agency from Berlin