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Sonntag, 22. Januar 2012, 12:39 Uhr

Die Mär von den siamesischen Zwillingen

Als “siamesische Zwillinge” hat Christian Wulff sich und seinen Sprecher Olaf Glaeseker in den guten Zeiten bezeichnet, als sich beide noch in einer Win-Win- und nicht (wie heute)  in einer Lose-Lose-Situation befanden. Aber schon damals war das Bild falsch.

Das Verhältnis zwischen Spitzenpolitikern und ihre engsten Vertrauen funktioniert nur, wenn sie sich gerade nicht ähnlich sind, sondern ergänzen: der eine weiß, wie man Politik macht, der andere, wie man sie verkauft. Der eine kann reden, der andere schreiben. Der eine denkt, der andere verkündet. Der eine sucht das Rampenlicht, der andere arbeitet lieber hinter den Kulissen und manchmal auch in den dunkleren Ecken.  

Ich habe viele solcher Win-Win-Beziehungen beobachtet und erlebt. Machmal fragte ich mich, wer wen steuert: der Politiker den Vertrauten oder der Vertraute den Politiker. Zu beobachten bei Interviews, wenn der Sprecher dem Politiker den Mund verbietet oder bei Reden, für die der Vertraute nicht nur die Worte, sondern auch die Gedanken liefert.

Der Mann im Hintergrund wird dafür ordentlich bezahlt (in der Regel 6.000 bis 8.000 Euro monatlich je nach Dienstrang), aber noch wichtiger für ihn ist die Teilhabe an der Macht. Er dreht mit am Rad, verhandelt mit geliehener Autorität mit Wirtschaftsführern und Parteigrößen, mit Chefredakteuren und dem Apparat. Er kann Minister rügen oder ihnen sogar Anweisungen geben, weil diese immer davon ausgehen, dass der Chef dahintersteht.

Und viele Betroffene sagen sich: lieber nicht nachfragen, ob der Chef das auch wirklich meint. Das trauen sich nur starke Persönlichkeiten.

Ich habe politische Verhandlungen und Interviews erlebt, bei denen der Politiker so oft Zettel von seinem Sprecher über den Tisch geschoben bekam, bis er  – in den Augen des Vertrauten – wieder in der richtigen Spur war. Ohne diese Zettel wäre der Politiker hilflos gewesen.

Und die Vetrauten kümmern sich auch um Dinge, mit denen sich der Politiker nicht belasten will. Wörtliches Zitat eines Politikers: “Davon will ich gar nichts wissen”. Nichtwissen kann, wenn eine Sache schief geht, nützlich sein. So ist das auch mit Christian Wulff. Deshalb ist es glaubhaft, weil konstitutioneller Teil solcher Beziehungen, dass Wulff tatsächlich von vielem nichts wusste, weil er es gar nicht wissen wollte.

Eines haben die Vertrauten alle gemeinsam: kommt es zu einem Skandal, dann müssen sie als erste von Bord gehen.

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11 Kommentare

1) Danton, Sonntag, 22. Januar 2012, 14:17 Uhr

Grimms Märchenstund mit Mythen,Mären und Legenden…ich glaube genauso wenig daran,dass Wulff von nichts wusste wie daran,dass Frau Geerkens ihm ein Darlehen aus der Schweiz gegeben hat.Die Art und Weise wie Wulff ablenkt,agiert,taktiert,vertuscht und verheimlich lässt eher den Schluss zu,dass ER genauestens weiss,was er tut bezw.tuen lässt.Er ist kein unwissendes Opfer,er ist der bewusst und gewollt,somit vorsätzlich handelnde Täter.Glaesecker hat nur getan,was ihm Wulff höchstselbst aufgetragen hat.Jetzt spielt er beflissen das Bauernopfer.Und Wulff tut so,als hätte er von nichts gewusst.

Ausserdem ist das ohnehin alles pure Spiegelfechterei und läuft glänzend für Wulff.Er weiss natürlich,
dass es für Ihn besser ist,die erboste Öffentlichkeit diskutiert darüber,ob sein ehemaliger Sprecher sich zu einer Cola hat einladen lassen oder darüber,ob sein Sohn ein Baby-car für 5 lumpige Euronen erhalten hat,als darüber,warum er sich in der CH Geld leiht und vor allem darüber, wer die ürsprüngliche Quelle ist,also woher die halbe Million eigentlich her kommt und ob es sich um Schwarzgeld handelt.

Und mit seiner Strategie,von dieser alles entscheidenden Frage erfolgreich abzulenken beweist,welch glänzender Politiker und Stratege er ist,zumindest,wenn es um seine persönlichen Angelegenheiten geht.Von wegen nix gewusst…

2) Dieter Carstensen, Sonntag, 22. Januar 2012, 14:58 Uhr

Lieber Michael Spreng,

Ihre Analyse ist wieder einmal sehr treffend. Als wenn Wulff nicht gewusst hätte, was sein engster Berater, der zu dem von ihm finanziell abhängig war, da so alles treibt.

Das Problem ist doch nicht mehr, ob Wulff zurück tritt, die Frage ist doch nur noch, wann er es endlich tut, oder?

Weg mit dem Wulff! Der soll von mir aus in Niedersachsen Grünkohl züchten, aber uns nicht mehr auf die Nerven gehen!

Es spricht für unsere Demokratie, dass unsere Medien weiter recherchiert haben. Es spricht für den tiefen Sinn unserer Pressefreiheit. Jeden Tag kommen neue Fakten auf den Tisch, welche gegen diesen Mann sprechen und das ist gut so, dass die Medien das Ganze aufdecken.

Scheinbar haben wir da einen “Wulff im Schafspelz”an der Spitze unseres Staates und dieser Mann schädigt mit jedem weiteren Tag seines Verbleibens im Amt unsere Demokratie weiter.

Die Stimmung gegen ihn ist gekippt, 53 % der Bevölkerung forden nach einer heutigen Umfrage der BILD am Sonntag, deren Chefredakteur Sie ja mal waren, seinen Rücktritt. Solche negativen Umfragewerte gegen einen Bundespräsidenten hatten wir noch nie.

Die Menschen in unserem Staat sind es leid mit Wulff, wann begreift er das endlich?

Ein Bundespräsident, den mittlerweile schon Oppositionspolitiker ganz offen als “Lügner” bezeichnen, wie der niedersächsische Grünen Chef laut einem Bericht der BILD von gestern

(Quelle: http://www.bild.de/politik/inland/politik-inland/gruener-nennt-wulff-einen-luegner-22211846.bild.html?wtmc=go.off.edpick )

und gegen die SPD Niedersachsen nun Klage einreichen will, wie soll der sich denn noch im Amt halten?

Die SPD Niedersachsen macht das Richtige, es muss die ganze Wahrheit auf den Tisch. Ich bin in keiner Partei, um nicht missverstanden zu werden, aber unsere Bundespräsidenten Theodor Heuss und Richard von Weizsäcker haben dieses höchste Staatsamt mit Würde bekleidet, im Gegensatz zu Herrn Wulff.

M.f.G.

3) Denkmit, Sonntag, 22. Januar 2012, 16:50 Uhr

Von Bord gehen…? Von Bord gestossen werden kommt der Sache deutlich näher. Wobei sich mir von Anfang an die Frage aufdrängte, was sich hinter diesem Rauswurf verbarg. Vor den Ereignissen der letzten Tage entsteht ein Bild, das Erinnerungen an die missglückte Personalpolitik Guttenbergs wach werden lässt. War diese Entlassung Gläsekers vielleicht auch so ein verpatzter Täuschkörperausstoss, um in der Metaphorik der Seefahrt zu bleiben. Und muss man in diesem Zusammenhang nicht doch langsam einmal die Frage stellen, was Wulff wirklich wusste von den Machenschaften des Herrn Glaeseker. Wer hat hier den niedersächsischen Landtag angelogen. Ich bezweifle, dass Wulff sich von Glaeseker in der Zwischenzeit so weit distanzieren konnte, dass die Welle die Nussschale in der er paddelt nicht auch mit umkippt. Siamesische Zwillinge ertrinken gewöhnlich gemeinsam.

4) tauss, Sonntag, 22. Januar 2012, 23:04 Uhr

Ungeachtet Wulff (in der Raffgier sind sich beide Herren ähnlich):

Diese siamesischen Zwillinge gibt es nicht nur in der Politik. Sie sind auch in Vorstandsbüros und sonstigen Etagen anzutreffen. Daran gibt es nicht auszusetzen. Es ist logisch, sich mit Personen zu umgeben, die eigene Stärken haben, welche meine ergänzen. Starke Persönlichkeiten trauen sich, Leute einzustellen, die auf ihrem Fachgebiet besser sind als sie selbst. Nur Schwache stellen Schwächere ein.

Problematisch wird es nur, wenn einem diese Leute entgleiten oder man deren Marionette wird.

5) Luke, Montag, 23. Januar 2012, 11:03 Uhr

Natürlich lügt Herr Wulff…Und zwar wie gedruckt. Unglaublich das mit anzusehen. Er hat sich schuldig gemacht genau wie Herr Glaesicker. Und das weiss er auch…Aber lasst mal die Staatsanwaltschaft recherchieren…Wenn sie ihren Job anständig machen werden Sie noch viel bessere Sachen finden.

6) Tiedgen, Montag, 23. Januar 2012, 20:19 Uhr

ich habe in meiner beruflichen Laufbahn etliche “Dreamteams” erlebt, in denen ein offizieller Chef die repräsentativen Aufgaben wahrnahm (Aufmerksamkeit, Bewurderung, Anerkennung für die kompetenten Problemlösungen einheimste) und der “Assistent i.w.S.” die organisatorischen Aufgaben managte und die strategische Ausrichtung entwarf (“graue Eminenz”)..
Im besten Fall hatten beide Macht und Anerkennung. Im Problemfall blieb die Verantwortung für Fehler, Scheitern, halblegale Aktivitäten beim “ausführenden Organisator” hängen (der als Angestellter weisungsabhängig war). So konnte man den “fehlerhaften Assistenten” im Notfall als Sündenbock in die Wüste schicken und die “weiße Weste” des Chefs blieb unbefleckt.

Wenn Herr Glaesecker auch nur halb so intelligent ist, wie er von Journalisten beschrieben wird (“kongenialer Netzworker”), dann muß es für ihn eine tiefe persönliche Kränkung sein, vom Bundespräsidenten Wulff öffentlich als FAKTOTUM bezeichnet zu werden.

Es würde mich nicht wundern, wenn er ein paar Belege für die Verstrickung seines Chefs in dubiose Angelegenheiten sicher dokumentiert hat (ein Stratege bezieht auch immer den Worst Case in die Planung mit ein).

Dann hat er bei einer Anklage durch die Staatsanwaltschaft immer noch “ein Ass im Ärmel”, um in einem Deal mit der Staatsanwaltschaft eine Bewährungsstrafe auszuhandeln. Und mit justitiablen Belegen, die eine Bestechung des ehemaligen Ministerpräsidenten nachweisen, ist eine Aufhebung der Immunität nicht mehr weit.

Es bleibt also spannend, wer für diese dubiosen “Geschäfte” in Hannover alles zur Rechenschaft gezogen wird.

7) Olaf Jochens, Mittwoch, 25. Januar 2012, 12:39 Uhr

Wir sind ein Volk mit großer Erfahrung in “vorauseilendem Gehorsam”. Gerade ein Ministerpräsident und erst Recht ein Bundespräsident, darf sich auf so etwas nie berufen. “Ich habe nichts gewusst” ist nicht akzeptabel und bedarf dringend Konsequenzen. Ich bin nicht dafür, dass unser Bundespräsident selbst zurücktritt (wird er ja wohl auch nicht machen), ich bin dafür ihn aus dem Amt zu entfernen. Er soll sich einfach, mittels seiner Kontakte, einen neuen Job suchen. /Gruss OJ

8) Don Corleone, Mittwoch, 25. Januar 2012, 21:05 Uhr

Bei allem Respekt: Zwei von drei Kommentatoren schreiben den Namen Olaf Glaesekers falsch. Auch ich bin kein Fan dieses Einflüsterers, finde aber, dass auch Herr Glaeseker es verdient hat, sich wenigstens gründlich genug mit ihm befasst zu haben, um seinen Namen richtig wiederzugeben. Am besten, bevor man über ihn den Stab bricht, gell?

9) Luke, Donnerstag, 26. Januar 2012, 09:21 Uhr

Natürlich stimme ich DonCorleone zu…Man möge mir den Schreibfehler verzeihen…

10) Günter Springer, Donnerstag, 26. Januar 2012, 10:51 Uhr

8) Don Corleone
Guten Morgen Herr Oberlehrer, Sie hatten beim Schreiben Ihrer Kritik sicher ein Erfolgserlebnis, gelle?!
Gratuliere!!!

11) Don Corleone, Freitag, 27. Januar 2012, 16:29 Uhr

10) Günter Springer:

Ihr Posting begeistert mich, seien Sie herzlichst bedankt. (In heutigen Zeiten dürften Sie sich über “betankt” vermutlich inniger freuen.)
Sie sind ein possierlicher Zeitgenosse. Wie darf ich Sie anreden? Als Herr Unterlehrer? (Dienstgrad ist Dienstgrad.)
Und, heutzutag’ ganz wichtig: Geben Sie auch Autogramme? Haben Sie einen Fanclub?

Wie ist Ihre Meinung?

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