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Die Mär von den siamesischen Zwillingen

Als „siamesische Zwillinge“ hat Christian Wulff sich und seinen Sprecher Olaf Glaeseker in den guten Zeiten bezeichnet, als sich beide noch in einer Win-Win- und nicht (wie heute)  in einer Lose-Lose-Situation befanden. Aber schon damals war das Bild falsch.

Das Verhältnis zwischen Spitzenpolitikern und ihre engsten Vertrauen funktioniert nur, wenn sie sich gerade nicht ähnlich sind, sondern ergänzen: der eine weiß, wie man Politik macht, der andere, wie man sie verkauft. Der eine kann reden, der andere schreiben. Der eine denkt, der andere verkündet. Der eine sucht das Rampenlicht, der andere arbeitet lieber hinter den Kulissen und manchmal auch in den dunkleren Ecken.  

Ich habe viele solcher Win-Win-Beziehungen beobachtet und erlebt. Machmal fragte ich mich, wer wen steuert: der Politiker den Vertrauten oder der Vertraute den Politiker. Zu beobachten bei Interviews, wenn der Sprecher dem Politiker den Mund verbietet oder bei Reden, für die der Vertraute nicht nur die Worte, sondern auch die Gedanken liefert.

Der Mann im Hintergrund wird dafür ordentlich bezahlt (in der Regel 6.000 bis 8.000 Euro monatlich je nach Dienstrang), aber noch wichtiger für ihn ist die Teilhabe an der Macht. Er dreht mit am Rad, verhandelt mit geliehener Autorität mit Wirtschaftsführern und Parteigrößen, mit Chefredakteuren und dem Apparat. Er kann Minister rügen oder ihnen sogar Anweisungen geben, weil diese immer davon ausgehen, dass der Chef dahintersteht.

Und viele Betroffene sagen sich: lieber nicht nachfragen, ob der Chef das auch wirklich meint. Das trauen sich nur starke Persönlichkeiten.

Ich habe politische Verhandlungen und Interviews erlebt, bei denen der Politiker so oft Zettel von seinem Sprecher über den Tisch geschoben bekam, bis er  – in den Augen des Vertrauten – wieder in der richtigen Spur war. Ohne diese Zettel wäre der Politiker hilflos gewesen.

Und die Vetrauten kümmern sich auch um Dinge, mit denen sich der Politiker nicht belasten will. Wörtliches Zitat eines Politikers: „Davon will ich gar nichts wissen“. Nichtwissen kann, wenn eine Sache schief geht, nützlich sein. So ist das auch mit Christian Wulff. Deshalb ist es glaubhaft, weil konstitutioneller Teil solcher Beziehungen, dass Wulff tatsächlich von vielem nichts wusste, weil er es gar nicht wissen wollte.

Eines haben die Vertrauten alle gemeinsam: kommt es zu einem Skandal, dann müssen sie als erste von Bord gehen.